Sklaverei bei den Indianern Nordamerikas
Das Stichwort Sklaverei bei den Indianern Nordamerikas beschreibt hier drei historische Sachverhalte: Erstens die traditionelle Sklavenhaltung der Indianer Nordamerikas, d. h. die Versklavung von Indianern durch Indianer; zweitens die Versklavung nordamerikanischer Indianer durch Weiße; drittens schließlich die Versklavung von Afroamerikanern durch Indianer.
Sklaverei unter den Indianern
Sklaverei war bei den Indianern Nordamerikas keineswegs durchgängig üblich, kam aber bei einigen Völkern in stark hierarchisierten Gesellschaften, insbesondere im Nordwesten und im Südosten des Kontinents in größerem Umfang vor. Die Haida und Tlingit der südöstlichen Küste von Alaska waren als Krieger und Sklavenhalter bekannt, deren Raub- und Feldzüge sie bis nach Kalifornien führten. Kriegsgefangene wurden versklavt. Der Sklavenstatus war erblich. Bei manchen Stämmen des Pazifischen Nordwestens bestand etwa ein Viertel der Population aus Sklaven.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Digital "African American Voices" ( vom 15. Juli 2007 im Internet Archive); "Haida Warfare" (beide offline)</ref> Auch in Kanada versklavten manche der First Nations Kriegsgefangene. Sklaven hielten etwa die Comanche in Texas, die Creek in Georgia, die Pawnee in Nebraska, die Klamath, Tupinambás und das nordkalifornische Fischervolk der Yurok.<ref name="b1">Encyclopedia Britannica: Slave-owning societies</ref> Außer der Versklavung von Kriegsgefangenen kam auch Schuldknechtschaft vor, namentlich bei Spielschulden. Die Sklaven dienten weniger dazu, durch Zwangsarbeit den Reichtum ihrer Eigentümer zu mehren (was durchaus vorkam), sondern in erster Linie durch ihre bloße Existenz in möglichst großer Zahl deren Reputation.<ref name="Zeuske 297">Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis heute. De Gruyter, New York / Berlin 2019, ISBN 978-3-11-055884-5, S. 297.</ref> Bei den Cherokee und den Creek war der Status einer Person eng an ihre Verwandtschaft ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) gebunden: Die Sklaven waren Sklaven, weil sie keine Verwandtschaft hatten, und sie durften auch keine haben, weil sie Sklaven waren.<ref>Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis heute. De Gruyter, New York / Berlin 2019, S. 304.</ref>
Bald nach Ankunft der Europäer übernahmen viele Völker in ganz Nordamerika den europäischen Sklavenhandel sehr schnell, da ihnen Sklaverei als Institution bekannt war. Oft kam es auch zu Versuchen, bei der Begegnung mit ihnen versklavte Menschen als Status-Geschenk zu übergeben.<ref>Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis heute. De Gruyter, New York / Berlin 2019, S. 560.</ref> Geübte indigene Jäger beteiligten sich an Sklavenjagden, bei denen entflohene afrikanische Sklaven, europäische Kinder oder andere Indigene geraubt und versklavt wurden.<ref name="Zeuske 297"/> Viele der Sklaverei betreibenden Indianer hofften durch den Sklavenhandel mit den Kolonisten auf bessere Beziehungen zu den britischen Siedlern, um ihre eigene Versklavung zu verhindern.<ref>Allan Gallay: Forgotten Story of Indian Slavery (2003)</ref>
Versklavung von Indianern durch Weiße
Bereits kurz nach der Entdeckung Amerikas 1492 war es zur Versklavungen der indigenen Bevölkerung Amerikas durch die Kolonisten gekommen. Der Historiker Alan Galley schätzt, dass britische Sklavenhändler im Zeitraum von 1670 bis 1715 zwischen 24.000 und 51.000 Indianer aus dem Süden des heutigen Staatsgebietes der Vereinigten Staaten verkauft haben.<ref>Alan Gallay: The Indian Slave Trade: The Rise of the English Empire in the American South 1670–1717. Yale University Press: New York, 2002, ISBN 0-300-10193-7</ref>
Im kolonialen Kalifornien wurde der Handel mit indianischen Sklaven durch die Missionen der Franziskaner organisiert, die Indianer theoretisch nur zehn Jahre lang für sich arbeiten lassen durften, sie tatsächlich jedoch auf Dauer unfrei hielten; erst Mitte der 1830er Jahre wurden sie entlassen. Als Kalifornien im Anschluss an den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg amerikanisch wurde, fielen die Indianer dieser Region von 1850 bis 1867 erneut in Sklaverei.<ref>E. D. Castillo: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Short Overview of California Indian History ( vom 14. Dezember 2006 im Internet Archive), California Native American Heritage Commission, 1998</ref>
Um indianische Sklaven halten zu dürfen, mussten Weiße in den USA eine Kaution hinterlegen. Rekrutiert wurden indianische Sklaven durch Überfälle und als (befristete) Bestrafung für Nichtsesshaftigkeit (engl. vagrancy).<ref>Delilah L. Beasley: Slavery in California, The Journal of Negro History, Bd. 3, Nr. 1. (Jan.), 1918, S. 33–44.</ref>
Versklavung von Afroamerikanern durch Indianer
Nach ihrer versuchten Anpassung an die Gesellschaft der europäischen Einwanderer (siehe Fünf Zivilisierte Stämme) begannen die Cherokee<ref>Howard Zinn: A People’s History of the United States, Harper Perennial, 2005, S. 137 ISBN 0-06-083865-5</ref><ref name="Welt20110123">Ansgar Graw: Auch die Indianer hielten sich schwarze Sklaven. In: Welt Online. 23. Januar 2011, abgerufen am 23. Januar 2011.</ref> und einige andere Indianerstämme im frühen 19. Jahrhundert, schwarze Sklaven zu kaufen. Diese Praxis behielten sie auch bei, nachdem sie in den 1830er Jahren ins Indianer-Territorium auf dem Gebiet des heutigen Oklahoma deportiert wurden.<ref>Eine Darstellung der Geschichte der Nachfahren der Sklaven der Cherokee bei: Circe Sturm: Blood Politics, Racial Classification, and Cherokee National Identity: The Trials and Tribulations of the Cherokee Freedmen, in: American Indian Quarterly, Bd. 22, Nr. 1/2, (Winter - Spring, 1998), S. 230–258.
Im Jahr 1835 hielten 7,4 % der Cherokee-Familien Sklaven. Zum Vergleich: Im Jahre 1860 hielt fast ein Drittel der weißen Familien in den Konföderierten Staaten Sklaven. Eine weitere Auswertung des Federal Cherokee Census von 1835 in: W. G. McLoughlin: The Cherokees in Transition: a Statistical Analysis of the Federal Cherokee Census of 1835, in: Journal of American History, Bd. 64, 3, 1977, S. 678. Mit der Gesamtzahl der sklavenhaltenden Familien beschäftigt sich: Otto H. Olsen: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Historians and the extent of slave ownership in the Southern United States ( vom 20. Juli 2007 im Internet Archive), in: Civil War History, December 2004</ref><ref name="Welt20110123"/> Die Haltung schwarzer Sklaven bei den Cherokee geschah nach dem Vorbild der Sklavenhaltung der Weißen. Eheschließungen zwischen Cherokee und Schwarzen waren verboten. Cherokee, die Sklaven unterstützten, wurden mit Auspeitschung bestraft. Schwarze durften innerhalb der Cherokeegesellschaft weder Ämter bekleiden noch Waffen tragen noch Eigentum besitzen. Illegal war es auch, Schwarze das Lesen und Schreiben zu lehren.<ref>J. W. Duncan: Interesting ante-bellum laws of the Cherokee, now Oklahoma history, in: Chronicles of Oklahoma, 6 (2), 1928, S. 178–180; J. B. Davis 1933. Slavery in the Cherokee nation, in: Chronicles of Oklahoma, 11 (4), 1933, S. 1056–1072</ref> Nach Ende des amerikanischen Sezessionskriegs verpflichtete sich der Stamm, seine 1863 freigelassenen Sklaven (freedmen) als vollwertige Stammesmitglieder aufzunehmen, das Wahlrecht wurde jedoch nie umgesetzt.<ref>Charles J. Kappler: Treaty with the Cherokee, 1866. Article 9. In: Indian Affairs: Laws and Treaties. Vol. 2, Treaties. United States Government Printing Office, 1904, abgerufen am 27. Juni 2010.</ref> Im 20. und 21. Jahrhundert wurde dieser Status mehrfach durch Vertreter der Cherokee Nation angefochten. Seit den 1980er Jahren sind Prozesse um die Staatsangehörigkeit der freedmen anhängig (siehe Cherokee Freedmen).
Andere indianische Völker, wie die Seminolen, gewährten entflohenen afroamerikanischen Sklaven Zuflucht und nahmen sie als Schwarze Seminolen in ihren Stammesverbund auf.
Siehe auch
Einzelnachweise
<references/>
Literatur
Alle angegebenen Buchtitel sind englischsprachig:
- Russell M. Magnaghi: Indian Slavery, Labor, Evangelization, and Captivity in the Americas, The Scarecrow Press, 1998, ISBN 0-8108-3355-7
- Patrick Minges: Slavery in the Cherokee Nation: The Keetoowah Society and the Defining of a People 1855–1867, Routledge, 2003, ISBN 0-415-94586-0
- Barbara J. Olexer: The Enslavement of the American Indian in Colonial Times, Joyous Publishing, 2005, ISBN 0-9722740-4-9