Shōnen Ai
Shōnen Ai (jap. {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, dt. „Jungenliebe“) ist eine Bezeichnung für das Genre Boys Love, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern im Mittelpunkt stehen und das vorrangig mit den Medien Anime und Manga verbunden ist. Während der Begriff in Japan schon seit den 1990er Jahren veraltet ist,<ref name="ganetchu">Deutsches Filminstitut – DIF / Deutsches Filmmuseum & Museum für angewandte KunstBKL (Hg.): ga-netchû! Das Manga Anime Syndrom, S. 268. Henschel Verlag, 2008.</ref> hat er sich in westlichen Ländern verbreitet. Hauptzielgruppe sind nicht homosexuelle Männer, sondern Mädchen und Frauen. Ebenso handelt es sich bei so gut wie allen Autoren des Genres um weibliche Mangaka.
In Japan
Das erste Werk des damals auch in Japan noch als Shōnen Ai bezeichneten Genres war 1970 Sunroom Nite von Keiko Takemiya. Moto Hagios Manga Tōma no Shinzō, der 1973 in Japan erschien, war die erste in Serie erschienene Geschichte.<ref name=":1" /> Auch das bereits ab 1972 erschienene Poe no Ichizoku um zwei asexuelle Vampire, ebenfalls von Hagio, wird bisweilen als erste Serie des Genres gezählt.<ref name=":210">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Beide Zeichnerinnen waren Vertreterinnen der Gruppe der 24er, die den damaligen Mädchen-Manga revolutionierten.<ref name=":1">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Das Genre hatte einige literarische Vorläufer in den Romanen von Mori Mari in den 1960ern.<ref name=":210" />
Zu den typischen Merkmalen der damaligen Ausprägung des Genres – und damit von im japanischen Sinne – gehörten insbesondere:<ref name=":210" /> Die Protagonisten, wie bis heute noch bei Boys Love oft, sind üblicherweise Bishōnen – der nach historischen und exotischen Vorbildern, in Gestik und Mimik ethnisch verfremdete schöne, androgyne Jüngling.<ref name="ganetchu2">ga-netchû!, S. 158, 161.</ref> Sie sind bei Frauen beliebt, wählen aber Männer als Objekt ihrer Liebe.<ref name=":210" /> Der Schauplatz der Handlung ist eine Welt des Überflusses, in der Regel exotisch und historisch, oft an einer europäischen Jungenschule – in Deutschland oder Frankreich – und damit von der Lebenswelt der Leserinnen entrückt.<ref name=":210" /><ref name=":0" /><ref name=":1" /> Ein zentrales Thema sind Probleme mit dem Erwachsenwerden der Protagonisten und damit verbunden auch Angst und Missbrauch. Darüber hinaus sind die Geschichten tragisch, enden mit dem Tod der Figuren und frieren die perfekte Liebe als ewigen Traum ein.<ref name=":210" /> Wegen der üblichen Stilisierung der Charaktere war auch die Bezeichnung Bishōnen Manga für Shōnen Ai üblich. Sie fiel später zusammen mit Shōnen Ai aus der Mode.<ref name=":15">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
In der Exotik, dem damit verbundenen Eskapismus und dem besonderen Drama zweier sich liebender junger Männer lag auch der besondere Reiz der Geschichten.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Zudem konnten sie auf diese Weise Sex expliziter darstellen – erstmals in den an jugendliche Mädchen gerichteten Shōjo-Magazinen. Denn da Frauen fehlten, konnte kein Vorwurf aufkommen, ein (schlechtes) Vorbild für die Leserinnen zu sein. Diese konnten sich mit den androgynen Protagonisten dennoch identifizieren. Damit spielte Shōnen Ai eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Shōjo-Mangas in den 1970er, an dessen Ende schließlich auch heterosexuelle Beziehungen expliziter wurden.<ref name=":0">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Mit der Verarbeitung von Einflüssen literarischer Vorlagen in den Shōnen-Ai-Geschichten, so stammten die Topoi der Internate und Jungenschulen unter anderem aus Geschichten von Hermann Hesse, war das Genre auch daran beteiligt, dass Shōjo-Mangas mit höherer literarischer Qualität entstanden.<ref name=":13">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Das erste allein dem Genre gewidmete Magazin war das 1978 gestartete June,<ref name=":0" /> dessen Name zeitweise auch zum Synonym für das Genre in Japan wurde und mit dem Begriff Shōnen Ai konkurrierte.<ref name=":3">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Zu Beginn der 1980er Jahre verschwand Shōnen Ai weitgehend aus den allgemeinen Shōjo-Magazinen und fand hauptsächlich in Spartenmagazinen wie June statt. Die Zeit des Genres als Teil des Mainstream von Shōjo-Manga war damit vorbei.<ref name=":0" /> In Japan wurde Shōnen Ai in den 1990er Jahren durch den pseudoenglischen Begriff Boys Love ({{#invoke:Vorlage:lang|flat}}, bōizu rabu), kurz BL, abgelöst. Mit der Bezeichnung wollte man sich vom in den 1970er Jahren entstandenen Bild des Genres lösen, da nun eine größere inhaltliche Vielfalt und weniger jungenhafte Figuren, sondern auch erwachsenere Inhalt der Geschichten wurden.<ref name=":1" /><ref name="ganetchu" /><ref name=":210" /> Dieser Begriff, wie auch die vom Titel eines Magazins abgeleitete Bezeichnung June, beziehen sich auf jegliche Geschichten über homosexuelle Männer, egal wie explizit die erotischen Darstellungen sind oder was Fokus der Handlung ist.
Außerhalb Japans
Nach dem Verständnis, wie es sich in der westlichen Fanszene etabliert hatte, stehen bei Shōnen Ai Emotionen und Entwicklung der Beziehung und deren romantisch stilisierte Liebe im Vordergrund, explizite erotische Darstellungen kommen nicht vor. Dabei entsprechen die Protagonisten üblicherweise dem Ideal des Bishōnen. Werke mit homoerotischen Geschichten männlicher Protagonisten mit expliziteren bis pornografischen sexuellen Inhalten und Fokus auf dem Sex werden stattdessen als Yaoi bezeichnet.<ref name=":210" /><ref name="ganetchu" /><ref>ga-netchû!, S. 150 u. S. 155 Fußnote 12</ref> Bisweilen kann Shōnen Ai auch das gesamte Boys-Love-Genre bezeichnen.<ref name="ganetchu2" /> Die Definition und Abgrenzung des Genres außerhalb Japans ist nicht eindeutig. Es kann auch, wie bisweilen ebenfalls noch in Japan, nur die frühen Werke der 1970er und 1980er bezeichnen, die an exotischen, oft historischen, europäischen Schauplätzen spielen.<ref>James Welker: Beautiful, Borrowed, and Bent: 'Boys' Love' as Girls' Love in Shôjo Manga in Journal of Women in Culture and Society vol. 31, no. 3. S. 842. 2006.
Kazuko Suzuki: Pornography or Therapy? Japanese Girls Creating the Yaoi Phenomenon in Sherrie Inness, ed., Millennium Girls: Today's Girls Around the World S. 250. London: Rowman & Littlefield, 1999. ISBN 0-8476-9136-5, ISBN 0-8476-9137-3.</ref>
Als sich Boys Love in den 2000er Jahren in Deutschland etablierte, wurde der Begriff außer von der Fanszene zunächst auch vom Verlag Egmont als „Shonen Ai“ zur Kennzeichnung seiner Mangas verwendet,<ref name=":2">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> die weniger explizit in den Sexualdarstellungen sind, und vom pornografischen Yaoi abgegrenzt. Auch mehrere Glossare auf Websites und von Verlagen übernahmen diese Bedeutung, sodass sie weite Verbreitung fand<ref name=":210" /> und auch heute noch verwendet wird.<ref name=":13" /> Später wechselte Egmont zu „Boys Love“, wie es zuvor schon Carlsen und Tokyopop praktizierten.<ref name=":210" /><ref name=":2" />
In einer kritischen Betrachtung der Begriffsverwendungen stellt Björn-Ole Kamm fest, dass Shōnen Ai und die verwandten Begriffe, die im Genre Boys Love verwendet werden, nicht einheitlich verwendet werden und mal Oberbegriffe und mal eigene Subgenres bezeichnen, für die jeweils einzigartige Merkmale haben. Dennoch wird in Analysen oft nur ein Begriff verwendet oder nur ein Subgenre betrachtet und daraus Schlüsse für das gesamte Genre gezogen und verallgemeinert. Zwar seien bei sorgfältiger Prüfung Rückschlüsse möglich, doch herrsche oft eine undifferenzierte Betrachtung vor, die zu falschen Schlüssen und Verallgemeinerungen führe.<ref name=":210" />
Ausgewählte Werke
- Sunroom Nite von Keiko Takemiya, 1970
- 11-gatsu no Gymnasium von Moto Hagio, 1971
- Poe no Ichizoku von Moto Hagio, 1972–1976
- Tōma no Shinzō von Moto Hagio, 1973
- Kaze to Ki no Uta von Keiko Takemiya, 1976–1980
- Eroica yori Ai o Komete von Yasuko Aoike, 1976–
- Patalliro! von Mineo Maya, 1979–
- Banana Fish von Akimi Yoshida, 1985–1994
- Be-Boy Kidnapp’n Idol, 1989
- Zetsuai von Minami Ozaki, 1989
Einzelnachweise
<references />
Literatur
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- {{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}
- Mark McLelland, Kazumi Nagaike, Katsuhiko Suganuma et al.: Boys Love Manga and Beyond: History, Culture, and Community in Japan. University Press Of Mississippi, 2015. ISBN 1-62846-119-5.