Vojislav Šešelj
Vojislav Šešelj [<templatestyles src="IPA/styles.css" />] ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value); * 11. Oktober 1954 in Sarajevo, SFR Jugoslawien)<ref name="BECG">Paul R. Bartrop: A Biographical Encyclopedia of Contemporary Genocide: Portraits of Evil and Good. ABC-Clio, 2012, ISBN 978-0-313-38678-7 (Google-Buchsuche).</ref><ref name="Munz">Vojislav Šešelj im Munzinger-Archiv, abgerufen am 30. Dezember 2014 (Artikelanfang frei abrufbar)</ref> ist ein nationalistischer<ref>Milan Andrejevich: Yugoslavia in 2002. In: Encyclopædia Britannica. Abgerufen am 5. Januar 2015.</ref><ref>Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Transnationale Vergesellschaftungen: Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Springer VS, 2012, ISBN 978-3-531-18169-1, S. 310 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> serbischer Politiker, Ideologe,<ref name="BECG" /> Jurist und Publizist. Er ist Parteigründer und Vorsitzender der rechtsextremen Serbischen Radikalen Partei (SRS). Am 14. Februar 2003 wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien Anklage gegen Šešelj erhoben. Zehn Tage nach der Anklageerhebung kam er in Untersuchungshaft. Bis Prozessbeginn blieb er inhaftiert. Der Prozess begann am 27. November 2006<ref name="ICTY">Vojislav Seselj Indicted by the ICTY for Crimes against Humanity and War Crimes – Press Release. Internationaler Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY), 14. Februar 2003, abgerufen am 2. Januar 2015 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref name="PguS">Dzevad Sabljakovic, Mirjana Dikic: Prozess gegen Ultrarechten Seselj geht weiter. Deutsche Welle, 4. Mai 2011, abgerufen am 30. Dezember 2014.</ref> und endete am 31. März 2016 mit einem Freispruch nach zwölf Jahren Haft.<ref name="spon">Prozess wegen Kriegsverbrechen: Serbischer Nationalist Vojislav Seselj freigesprochen. Spiegel Online, 31. März 2016; abgerufen am 31. März 2016.</ref> Die Anklage legte am 2. Mai 2016 Berufung gegen den Freispruch Šešeljs ein.<ref>Šešelj, Vojislav (MICT-16-99). Internationaler Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe, abgerufen am 5. Juni 2016 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Am 11. April 2018 wurde er im Berufungsprozess schuldig gesprochen, wegen bereits verbüßter längerer Untersuchungshaft jedoch nicht erneut inhaftiert.<ref>Serbischer Nationalist Šešelj doch noch schuldig gesprochen. In: Süddeutsche Zeitung. 11. April 2018, abgerufen am 9. April 2024.</ref>
Leben
Kindheit
Vojislav Šešelj wurde in Sarajevo als Sohn ethnisch serbischer Eltern (Nikola und Danica Šešelj, geborene Misita) aus der Ost-Herzegowina geboren,<ref name="BECG" /> sein Vater war Eisenbahner<ref name="Who">The International Who’s Who 2004. Europa Pubn, 2004, ISBN 1-85743-217-7, S. 1521 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> aus dem Dorf Orahov Do.<ref></ref><ref>Petar V. Grujić: KOSOVO KNOT. Dorrance Publishing, 2014, ISBN 978-1-4809-9845-2, S. 103 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>
Ausbildung
Schulbildung
Im Alter von sechs Jahren begann Šešeljs schulische Ausbildung 1961 in Sarajevo in der Grundschule „Vladimir Nazor“, doch schon bald wechselte er auf die neu errichtete Grundschule „Brüderlichkeit und Einheit“.<ref name="KuJ">Детињство и дечаштво (dt.: Kindheit und Jugend). In: Homepage von Vojislav Šešelj. Abgerufen am 8. Januar 2015 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Laut Eigenangaben war er ein ausgezeichneter Schüler und begann bereits in jungen Jahren sich mit literarischen Werken zu beschäftigen, darunter welche von Momčilo Nastasijević, Branko Ćopić und dem jugoslawischen Schriftsteller Tone Seliškar, sowie mit Werken von Honoré de Balzac, Émile Zola, Stendhal und Karl May. Schon während der Grundschulzeit soll Šešelj sein Interesse für Geschichte, aber auch für Sozial- und Naturwissenschaften entdeckt haben.<ref name="KuJ" />
Akademische Ausbildung und Studienaufenthalte
Er studierte mit einem Stipendium Rechtswissenschaft und Soziologie an der Universität Sarajevo, wo er 1976 das Studium erfolgreich abschloss.<ref name="Munz" /> Die Studienzeit nutzte er zusätzlich für einige Studienaufenthalte in Deutschland und den Vereinigten Staaten. An der Universität Mannheim war er 1975, zwei Jahre darauf besuchte er die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, zudem verbrachte er 1978 einige Zeit an der Grand Valley State University und an der University of Michigan.<ref name="JRKC">Jens Reuter, Konrad Clewing: Der Kosovo-Konflikt: Ursachen, Verlauf, Perspektiven. Wieser, 2000, ISBN 3-85129-329-0, S. 550 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref><ref>Правници су прави људи (Pravnici su pravi ljudi). In: Биографија :: „Ко сте Ви, ВШ?“ (Biografija :: "Ko ste Vi, VŠ?"). Vojislav Šešelj official website, April 1992, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 28. Februar 2011; abgerufen am 21. Dezember 2012 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)): „Proveo sam dva i po meseca 1978. u asocijaciji Državnih koledža Velike Doline u Mičigenu […] međuuniverzitetska razmena. Jedne godine bi deset asistenata Univerziteta u Sarajevu išlo u Mičigen, a naredne godine bi dolazili iz Mičigena u Sarajevo“</ref> An der Universität Belgrad legte er 1979 seine Dissertation Das politische Wesen des Militarismus und Faschismus vor, ein Beitrag zur Analyse der marxistischen Kritik der politischen Formen der bürgerlichen Demokratie, und wurde als jüngster Student in der Geschichte Jugoslawiens zum Doktor der Rechte promoviert.<ref name="Munz" /><ref name="JRKC" /><ref>Krsto Lazarevic: Großer Bahnhof für den mutmaßlichen Kriegsverbrecher. In: Die Welt. 12. November 2014, abgerufen am 30. Dezember 2014.</ref>
Wirken
Universitäre Lehrtätigkeit und Parteiausschluss
Nach seinem Militärdienst begann er 1981 als Dozent der Soziologie an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Sarajevo zu arbeiten, wo er bereits nach seinem ersten Studienabschluss gelehrt hatte.<ref name="Munz" /><ref name="AD">Anders denken. In: Der Spiegel. Nr. 30, 1984 (online).</ref><ref name="DKKo">Jens Reuter, Konrad Clewing: Der Kosovo-Konflikt: Ursachen, Verlauf, Perspektiven. Wieser, 2000, ISBN 3-85129-329-0, S. 568.</ref> Als er im selben Jahr die wissenschaftliche Arbeit eines Protegés der kommunistischen Führung als Plagiat entlarvte, sorgte dies für einen Eklat. Er geriet dadurch erstmals in Konflikt mit einflussreichen politischen Persönlichkeiten der jugoslawischen Teilrepublik.<ref name="Munz" /><ref name="AD" /> Der Parteifunktionär Brano Miljuš, Vorsitzender des Bundes der Kommunisten in Sarajevo, hatte sich an der Universität mit einer Arbeit über Die blockfreie Politik des sozialistischen Jugoslawien um den akademischen Grad eines Magisters beworben.<ref name="AD" /> Die Arbeit lobte Professor Hamdija Pozderac, der ehemalige Präsident der Teilrepublik und dessen Parlaments.<ref name="AD" /> Šešelj konnte jedoch durch Quellenvergleich nachweisen, dass Miljuš seinen Magistertext nahezu wörtlich aus einer Propagandabroschüre von fünf Parteiautoren abgeschrieben hatte.<ref name="AD" /> Miljuš bekam keinen akademischen Titel, blieb dank der Protektion von Genossen aber Spitzenmann der Partei.<ref name="AD" /> Šešelj hingegen, der den Schwindel aufgedeckt hatte, wurde am 4. Dezember 1981 aus dem Bund der Kommunisten ausgeschlossen und musste sich seitdem in Sarajevo ständige Schikanen durch Partei und Polizei gefallen lassen.<ref name="Munz" /><ref name="AD" /> Im Frühjahr 1982 folgte die Versetzung auf einen unbedeutenden Posten innerhalb der Fakultät, wodurch er ohne Wirkungsmöglichkeit blieb.<ref name="DKKo" /> Dennoch blieb Šešelj bis 1984 an der Universität tätig.<ref name="AD" />
Zur selben Zeit soll Šešelj unter dem Decknamen Magistar Informant der jugoslawischen Geheimpolizei UDBA gewesen sein.<ref>Andrew Gilbert: Foreign Authority and the Politics of Impartiality in Postwar Bosnia-Herzegovina. Hrsg.: The University of Chicago. ProQuest, 2008, ISBN 978-0-549-92837-9, Fußnote Nr. 1, S. 170.</ref>
Ab 1991 hatte er eine Professur an der Universität Pristina inne.<ref name="Who" />
Politische Tätigkeit
Schon mit 17 Jahren trat Šešelj dem Bund der Kommunisten Bosnien und Herzegowinas bei,<ref name="Munz" /> einer Teilorganisation des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, und war ein engagiertes Mitglied.<ref name="BECG" />
Ideologischer Wandel und erste Inhaftierung
Nach seinem Parteiausschluss wandte sich Šešelj vom Kommunismus ab und begann stattdessen, serbisch-nationalistische Ideen zu unterstützen.<ref name="Munz" /> Am 9. Juli 1984 wurde Šešelj wegen „anarcho-liberalistischer und nationalistischer Standpunkte“ des Verbrechens der „konterrevolutionären Gefährdung der Gesellschaftsordnung“ für schuldig befunden und zu acht Jahren Haft verurteilt.<ref>Human Rights Internet Reporter. Band 10. Human Rights Internet, 1985, S. 75 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref><ref>Radio Free Europe Research. Band 9, Ausgaben 27–39. Radio Free Europe, 1984, S. 159, abgerufen am 1. Januar 2015 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), Google Books).</ref> Seine Haftstrafe wurde vom Obersten Gerichtshof Jugoslawiens zunächst auf sechs, dann auf vier und schließlich auf zwei Jahre gesenkt.<ref name="BECG" /> Zahlreiche Intellektuelle aus allen Teilen Jugoslawiens setzten sich für seine Freilassung ein,<ref>Jasna Dragović-Soso: Saviours of the Nation: Serbia’s Intellectual Opposition and the Revival of Nationalism. C Hurst & Co Publishers, 2002, ISBN 1-85065-457-3, S. 58 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> während er einen Hungerstreik begann.<ref>Mary Jane Camejo: Violations Of The Helsinki Accords, Yugoslavia: A Report Prepared For The Helsinki Review Conference. Human Rights Watch, 1986, S. 10, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 1. Januar 2015; abgerufen am 1. Januar 2015 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), E-Book).</ref> Er verbrachte insgesamt 22 Monate im Gefängnis von Zenica,<ref>Leslie John Macfarlane: Human rights: realities and possibilities: Northern Ireland, the Republic of Ireland, Yugoslavia and Hungary. 1990, S. 139, abgerufen am 1. Januar 2015 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), Google Books).</ref> davon mehr als ein halbes Jahr in Einzelhaft.<ref name="BECG" />
Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis im März 1986 zog Šešelj nach Belgrad.<ref>Jasna Dragović-Soso: Saviours of the Nation?: Serbia’s Intellectual Opposition and the Revival of Nationalism. C Hurst & Co Publishers, 2002, ISBN 1-85065-457-3, S. 58 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Dort schloss er sich zunehmend serbisch-nationalistischen Gruppen an<ref name="BECG" /> und begann Bücher zu publizieren.<ref name="UuA" /> Er freundete sich mit Vuk Drašković an,<ref>The Economist. Band 351, Nr. 8113–8125, 1999, S. 345 (Google-Buchsuche).</ref> der Taufpate seines ältesten Sohnes wurde.<ref>Peter Rutland: Annual Survey of Eastern Europe and the Former Soviet Union 1997: The Challenge of Integration. M E Sharpe Inc, 1997, ISBN 0-7656-0359-4 (Google-Buchsuche).</ref> Gemeinsam mit Drašković unternahm Šešelj 1989 eine Reise in die USA und nach Kanada, wo beide vor der serbischen Diaspora Vorträge hielten und Spenden sammelten.<ref name="JRKC2">Jens Reuter, Konrad Clewing: Der Kosovo-Konflikt: Ursachen, Verlauf, Perspektiven. Wieser, 2000, ISBN 3-85129-329-0, S. 550 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Während dieser Reise verlieh ihm der im Exil lebende orthodoxe Priester Momčilo Đujić am schicksalsträchtigen 15. Juni 1989, dem 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld, den Titel eines Tschetnik-Woiwoden (Tschetnik-Anführer), den Šešelj heute noch trägt, und befahl ihm, „alle Kroaten, Albaner und anderen ausländischen Elemente vom heiligen serbischen Boden zu vertreiben.“<ref name="JRKC2" /><ref name="UuA">Hajo Funke, Alexander Rhotert: Unter unseren Augen: ethnische Reinheit: die Politik des Regime Milosevic und die Rolle des Westens. Verlag Hans Schiler, 1999, ISBN 3-86093-219-5, S. 115 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Die Mazedonier betrachtete Šešelj als Serben mit Sprachfehler oder auch als Südserben.<ref>“Србија до Токија”. In: Večer. 11. April 2006, abgerufen am 14. September 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Der Idee einer mazedonischen Nationalität haben Vojislav Šešelj und Vuk Drašković widersprochen und die Zugehörigkeit Mazedoniens zu Serbien beansprucht.<ref></ref>
Gründung verschiedener nationalistischer Organisationen
Nach der Rückkehr aus den USA gründete Šešelj am 23. Januar 1990 die Serbische Libertäre Bewegung (Srpski Slobodarski Pokret),<ref>FBIS Daily Report: East Europe. Nr. 41–50, 1990, S. 69 (google.at).</ref> die am 14. März 1990 mit einem von Drašković angeführten abtrünnigen Flügel der Serbischen Volkserneuerung (Srpska narodna obnova, NO) zusammengeführt wurde.<ref name="EdpP">Arno Weckbauer, Frank Hoffmeister: Die Entwicklung der politischen Parteien im ehemaligen Jugoslawien. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1997, ISBN 3-486-56336-X, S. 47 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Es entstand die monarchistische<ref name="TTY">Sabrina P. Ramet: The Three Yugoslavias: State-Building and Legitimation, 1918-2004. Indiana University Press, 2006, ISBN 0-253-34656-8, S. 358 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Serbische Erneuerungsbewegung (Srpski Pokret Obnove SPO),<ref name="EdpP" /> die sich für die Wiedereinsetzung der serbischen Karađorđević-Dynastie als Oberhaupt eines Großserbiens einsetzte.<ref name="TTY" />
Am 18. Juni 1990, nur drei Monate nach der SPO-Gründung, spaltete sich eine von Šešelj angeführte radikale Fraktion ab und rief die Freischärler-Organisation<ref>Dunja Melčić (Hrsg.): Der Jugoslawien-Krieg: Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, ISBN 978-3-531-33219-2, S. 581 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Serbische Tschetnik-Bewegung (Srpski Četnički Pokret SČP) ins Leben,<ref name="UuA" /> die jedoch aufgrund ihres radikalen Programms bald nach ihrer Gründung im Herbst 1990 verboten wurde<ref>Peter Jordan, Gerhard Mangott, Valeria Heuberger: Die Wahlen der Jahre 1994–1997 in Mittel- und Südosteuropa. Hrsg.: Österreichisches Ost- und Südosteuropa-Institut. 1998, ISBN 3-443-28520-1, S. 43 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> und deshalb im Dezember desselben Jahres<ref>Sabrina P. Ramet: Serbia Since 1989: Politics and Society Under Milosevic and After. University of Washington Press, 2005, ISBN 0-295-98538-0, S. 359 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> nicht zu den ersten freien Parlamentswahlen der Teilrepublik Serbien zugelassen wurde.<ref name="EpPJ">Arno Weckbecker, Frank Hoffmeister: Die Entwicklung der politischen Parteien im ehemaligen Jugoslawien. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1997, ISBN 3-486-56336-X, S. 49 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Ebenfalls im Herbst 1990 wurde Šešelj erneut zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er Freiwillige für die paramilitärische Unterstützung der Knin-Serben anwarb, jedoch kam er, offenbar wegen einer Absprache mit den Behörden, schnell wieder frei<ref>Louis Sell: Slobodan Milosevic and the Destruction of Yugoslavia. Duke University Press, 2003, ISBN 0-8223-3223-X, S. 327 (betreffende Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> und trat daraufhin am 9. Dezember 1990<ref>Ian Jeffries: Socialist Economies and the Transition to the Market: A Guide. Routledge, 2002, ISBN 0-415-07580-7, S. 537 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> zur Wahl für das Amt des Präsidenten der Jugoslawischen Teilrepublik Serbien an, wo er mit 96.277 Stimmen (1,91 %)<ref>Milan Milošević: Political guide to Serbia 2000. 2000, ISBN 86-82827-14-X, S. 101 (Google-Buchsuche).</ref> den vierten Platz hinter Slobodan Milošević, Vuk Drašković und Ivan Đurić erreichte.<ref>Holm Sundhaussen: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011: Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen. 1. Auflage. Böhlau, Wien 2014, ISBN 978-3-205-79609-1, S. 299 (Google-Buchsuche).</ref>
Am 23. Februar 1991 gründete Šešelj in Kragujevac die als extrem-nationalistisch beziehungsweise neofaschistisch eingestufte Serbische Radikale Partei (Srpska Radikalna Stranka SRS) aus der bereits verbotenen Tschetnik-Bewegung heraus. Kämpfer dieser Freischärler-Miliz, der schwere Kriegsverbrechen während der Jugoslawienkriege in der Vojvodina, in Kroatien und Bosnien und Herzegowina vorgeworfen wurden, waren noch bis zur endgültigen Auflösung im April 1994 automatisch Mitglieder der SRS.<ref name="EpPJ" /> Im Juni 1991 wurde Šešelj zum Abgeordneten des serbischen Parlaments gewählt.<ref name="BECG" /> Er vertrat einen deutlich nationalistischen Kurs, wobei er sich in einem Großteil seiner Kampagnen für die Schaffung eines Großserbiens<ref name="BECG" /> mit der Vereinigung aller von Serben bewohnten Regionen im ehemaligen Jugoslawien<ref name="EpPJ" /> einsetzte.<ref name="BECG" />
Šešelj drohte, das slowenische Kernkraftwerk Krško,<ref>Anton Zabkar: Analyses of the Conflict in Former Yugoslavia. In: Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie Wien. 1994, ISBN 3-901328-07-6, S. 73 (Google-Buchsuche).</ref> die Hauptstadt Kroatiens Zagreb<ref>FBIS Daily Report: East Europe. Nr. 158–169, 1995, S. 70 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> und andere europäische Ziele mit Langstrecken-Raketen angreifen zu lassen.<ref>FBIS Daily Report: East Europe. Nr. 63–73, 1994, S. 68 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>
In der Fernsehsendung Minimaksovizija antwortete er 1991 auf die Frage des Moderators Milovan Ilic (Minimaks), ob seine Tschetniks immer noch Hälse durchschneiden würden, dass sie sogar ihre Methoden perfektioniert hätten, indem sie „anstatt Messer rostige Schuhanzieher“ benutzen würden, so dass es unmöglich festzustellen sein würde, „ob das Opfer abgeschlachtet wurde oder an Tetanus gestorben ist“. Als Zeuge in der späteren Verhandlung gegen Milošević vor dem ICTY bezeichnete er diese Aussage als seine Art von schwarzem Humor, den nicht jeder teilen müsse.<ref>ICTY Protokoll vom 31. August 2005</ref>
Rolle während der Milošević-Regierungen
Šešeljs politische Aktivitäten waren abwechselnd von der Zusammenarbeit und dem Auseinandergehen mit der Regierung um Slobodan Milošević geprägt.
Nach den Parlamentswahlen Ende 1992 unterstützte Šešeljs SRS eine von Miloševićs Sozialistischer Partei Serbiens (SPS) angeführte Minderheitsregierung.<ref name="UGG">Holm Sundhaussen: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011: Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen. 1. Auflage. Böhlau, Wien 2012, ISBN 978-3-205-79609-1, S. 461 (Google-Buchsuche).</ref>
Im Auftrag Miloševićs hatten Šešeljs erfolgreich ein Misstrauensvotum des serbischen Parlaments gegen den Ministerpräsidenten Milan Panić initiiert, der sich zuvor offen gegen Milošević gestellt hatte.<ref name="AdK">Renate Flottau: Vojislav Seselj: Der Albtraum des Kriegstribunals darf nach Serbien zurückkehren. The Huffington Post, 23. November 2014, abgerufen am 14. Januar 2015.</ref><ref>Clown vom Balkan. In: Der Spiegel. Nr. 37, 1992 (online).</ref>
Kurz darauf wurde auf Šešeljs Betreiben auch dem ersten Präsidenten der aus Serbien und Montenegro bestehenden Bundesrepublik Jugoslawien, dem Schriftsteller Dobrica Ćosić, das Misstrauen ausgesprochen.<ref name="AdK" /> Ćosić war ein langjähriger Freund Šešeljs gewesen, er setzte sich 1984 für Šešeljs Freilassung aus dem Gefängnis ein und unterstützte ihn auch finanziell. Nicht zuletzt übernahm Šešelj von Ćosić einen Großteil seiner nationalistischen Anschauung.
Das Einvernehmen zwischen dem Sozialisten Milošević und dem Ultra-Nationalisten Šešelj zerbrach aber schon 1993, nachdem sich Milošević anlässlich des Vance-Owen-Friedensplans von der Republika Srpska distanzierte. Šešelj entzog infolgedessen der Regierung die Unterstützung und attackierte Milošević und seine Frau Mira Marković durch aggressive Veröffentlichungen mit Titeln wie Der rote Tyrann von Dedinje, Das serbische Ehepaar Ceaușescu und Die Hexe aus der Tolstoi-Straße.<ref name="UGG" />
Es folgten abermals zwei Haftstrafen wegen aggressiver Zwischenfälle im Parlament<ref>Thomas Lansford (Hrsg.): Political Handbook of the World 2013. CQ Press, 2013, ISBN 978-1-4522-5824-9, S. 1264 (Google-Buchsuche).</ref><ref>Eric D. Gordy: Culture of Power in Serbia: Nationalism and the Destruction of Alternatives. 2010, ISBN 978-0-271-01958-1, S. 50 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> und Veranstaltens einer unangemeldete Massenkundgebung im kosovarischen Gnjilane<ref>Sabrina P. Ramet (Hrsg.): The radical right in Central and Eastern Europe since 1989. Pennsylvania State University Press, 2000, ISBN 0-271-01810-0, S. 208 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> bevor er anlässlich der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens Milošević als „größten Verräter des serbischen Volkes“ beschimpfte. Dessen ungeachtet bildeten SPS und SRS nach den Wahlen 1997 eine „Regierung der nationalen Einheit“ genannte<ref>Wolfgang Petritsch (Hrsg.): Kosovo: Mythen Daten Fakten. Wieser, 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 216 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Koalitionsregierung mit Šešelj als Vizepremier.<ref name="UGG" />
Nach einem hitzigen Fernsehduell 1997 hatte ein Leibwächter Šešeljs dem Rechtsanwalt Nikola Barović schwere körperliche Verletzungen zugefügt.<ref>Human Rights Watch/Helsinki Uverview. (PDF) In: hrw.org. Human Rights Watch, 1997, abgerufen am 13. Januar 2014 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Thomas Schmid: Im Exil in Montenegro. In: taz.de. 17. Mai 1999, abgerufen am 13. Januar 2014.</ref> Šešelj gab später an, Barović sei „auf einer Bananenschale ausgerutscht“.<ref>Seselj bodyguard jailed for assault. In: b92.net. B92, 25. März 2004, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 14. Januar 2015; abgerufen am 13. Januar 2014 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Judith Armatta: Twilight of Impunity: The War Crimes Trial of Slobodan Milosevic. Duke University Press, 2010, S. 511 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>
Zusammenarbeit mit Führern anderer rechtsextremer Parteien
Šešelj pflegte gute Beziehungen zu den rechtsextremen Politikern Wladimir Schirinowski und Jean-Marie Le Pen.<ref>Milan Milošević: Die Parteienlandschaft Serbiens. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2000, ISBN 3-8305-0059-9, S. 52 (Google-Buchsuche).</ref> Im Oktober 1995 reiste Schirinowski nach Belgrad und unterzeichnete ein Kooperationsabkommen mit Šešeljs SRS. 1997 kam der Franzose Le Pen zu einem Solidaritätsauftritt nach Belgrad, wo er von Šešelj empfangen wurde. Im selben Jahr unterzeichnete Šešelj für die SRS ein Kooperationsabkommen mit Ján Slota, dem Vorsitzenden der Slowakischen Nationalpartei (SNS).<ref>Milan S. Ďurica: Dejiny Slovenska a Slovákov v časovej následnosti faktov dvoch tisícročí. Lúč, Bratislava 2007, S. 759, ISBN 978-80-7114-610-0.</ref>
Weitere aktive Wahlteilnahmen
Bei den serbischen Präsidentschaftswahlen 2002 erreichte Šešelj mit 23,36 % der Stimmen den dritten Platz hinter Vojislav Kostunica und Miroljub Labus.<ref name="WEW">World/Election Watch. Serbia. In: cnn.com. CNN, abgerufen am 15. Januar 2014 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Dabei wurde er öffentlich von Milošević unterstützt, der aus dem Haager Gefängnis eine Wahlempfehlung für Šešelj abgab,<ref>Louis Sell: Slobodan Milosevic and the Destruction of Yugoslavia. Duke University Press, 2003, ISBN 0-8223-3223-X, S. 372 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> obwohl Miloševićs Partei mit Velimir „Bata“ Živojinović einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatte.<ref name="WEW" />
Šešeljs Serbische Radikale Partei wurde bei den Parlamentswahlen am 28. Dezember 2003 mit 27,7 % der Stimmen stärkste Partei,<ref>Alexander Motyl (Hrsg.): Nations in Transit 2004: Democratization in East Central Europe and Eurasia (Nations in Transit: Democratization in East Central Europe). Freedom House, 2004, ISBN 0-7425-3646-7, S. 498 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> fand jedoch keine andere Partei zur Regierungsbildung und verblieb deshalb in der Opposition.<ref>Ulric R. Nichol (Hrsg.): Focus on Politics And Economics of Russia And Eastern Europe. Nova Science Publishers Inc, 2007, ISBN 978-1-60021-317-5, S. 239 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Am 21. Januar 2007 erreichte seine Partei einen Zugewinn und kam mit 28,7 % neuerlich auf Platz eins,<ref>Serbia Privatization Handbook: Laws, Regulations, Procedures (World Strategic and Business Information Library). USA International Business Publications, 2007, ISBN 978-1-4330-4420-5, S. 26 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> blieb jedoch weiterhin in Opposition.<ref>Ola Listhaug, Sabrina P. Ramet, Dragana Dulić: Civic and Uncivic Values in Serbia: The Post-Miloevic Era. Central European University Press, 2011, ISBN 978-963-9776-98-2, S. 349 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Bei den vorgezogenen Neuwahlen 2008 erreichte sie, trotz eines abermaligen Zugewinns (29,45 %), nur mehr den zweiten Platz hinter der von Boris Tadić angeführten Koalition Für ein europäisches Serbien.<ref>Mladen Kovacevic: The Influence of Kosovo’s Independence on the Stability of the Region. Proquest, Umi Dissertation Publishing, 2009, ISBN 978-1-243-38851-3, S. 56 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>
Anklage vor dem Haager Tribunal und Freispruch
Am 14. Februar 2003 wurde Šešelj vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen Kriegsgesetze oder -bräuche angeklagt.<ref name="ICTY" /> Laut der von der damaligen Chefanklägerin Carla Del Ponte angelegten Anklageschrift soll er während des Kroatien- und Bosnienkriegs Teil einer kriminellen Vereinigung gewesen sein, deren Ziel die gewaltsame und dauerhafte Vertreibung eines Großteils der Kroaten und Bosniaken aus einem Gebiet war, das etwa ein Drittel des Territoriums der damaligen jugoslawischen Sozialistischen Republik Kroatien umfasste, sowie große Teile der Teilrepublik Bosnien und Herzegowina und bestimmte Regionen der nordserbischen Provinz Vojvodina. Die Vereinigung soll vor dem 1. August 1991 entstanden sein und zumindest bis Dezember 1995 operiert haben. Šešelj soll bis zu einem Konflikt im September 1993 zwischen ihm und dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milošević an den Operationen teilgenommen haben. Dabei soll er Verantwortung für einen Teil der während dieser Periode verübten Kriegsverbrechen tragen, die dieser Vereinigung zur Last gelegt werden. Laut der Anklageschrift soll er an der Planung und Vorbereitung der Übernahme von Dörfern in den Gemeinden Vukovar und Voćin sowie denen in Bosanski Šamac und Zvornik beteiligt gewesen sein sowie den anschließenden Vertreibungen. Die Anklage behauptet, dass Šešelj an der Rekrutierung, Ausbildung, Finanzierung und Versorgung einer serbischen paramilitärischen Einheit, der sogenannten „Šešeljevci“ („Šešelianer“), führend beteiligt gewesen sein soll, die von manchen auch als „Tschetniks“ bezeichnet wurde und mehrheitlich aus Freiwilligen bestand, die in Verbindung mit der SRS gebracht wurden. Des Weiteren soll er mit Brandreden den nationalen Hass geschürt und zu Kriegsverbrechen aufgerufen haben.<ref name="ICTY" />
Zehn Tage nach der Anklageerhebung stellte sich Šešelj dem ICTY,<ref name="PguS" /> obwohl er den Ad-hoc-Strafgerichtshof als illegal und sämtliche Vorwürfe als haltlos und unbegründet bezeichnete.<ref>Jörg Paas: Ultranationalist Šešelj hofft auf Freispruch. In: deutschlandfunk.de. 4. Mai 2011, abgerufen am 15. Januar 2015.</ref> Die Anklage wurde schließlich am 27. November 2006 ohne den Angeklagten verlesen,<ref name="PguS" /> da Šešelj, der, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen (Selbstverteidigung, Besuche seiner Ehefrau und Erhalt aller Gerichtsdokumente in ausschließlich serbischer Sprache), seit dem 10. November im Hungerstreik war<ref name="USbH">Ultranationalist Seselj beendet Hungerstreik. In: Der Standard. 18. Dezember 2006, abgerufen am 15. Januar 2015.</ref> und sich weigerte, vor Gericht zu erscheinen.<ref name="PguS" /> Nach zwei Wochen Hungerstreik gestand das Gericht Šešelj schließlich zu, sich selbst zu verteidigen.<ref name="USbH" /> Ein Jahr später verlasen die Richter erneut die Anklagepunkte; am 11. Dezember 2007 begann das Beweisaufnahmeverfahren.<ref name="PguS" />
Einer seiner Berater ist der Anwalt Jonathan Levy. Er ist bekannt durch die Vertretung von Ustascha-Opfern und die Anklageerhebung 1999 gegen die Schweiz und die Vatikan-Bank Istituto per le Opere di Religione mit dem Vorwurf, serbisches Gold, Geld und sonstige Vermögenswerte im Wert von 50 bis 150 Millionen Dollar versteckt zu halten, die in der Zeit des ehemals Unabhängigen Staates Kroatien (NDH) von Serben und Juden geraubt wurden. Levy vertritt die Rechte von Šešelj entgeltfrei.<ref>Fidelius Schmid: Gottes schwarze Kasse: Der Papst und die zwielichtigen Geschäfte der Vatikanbank. 2013, abgerufen am 2. Januar 2015 (Google-Buchsuche).</ref>
Im Juli 2009 wurde Šešelj vom ICTY zu einer 15-monatigen Haftstrafe wegen Missachtung des Gerichts verurteilt, weil er geschützte Informationen über drei Zeugen in einem 2007 erschienenen Buch veröffentlicht hat.<ref>15 Monate Haft für Seselj. Der Standard, 24. Juli 2009</ref> Das Schlussplädoyer fand im März 2012 statt,<ref>Michael Martens: Formal unschuldig. In: faz.net. 7. November 2014, abgerufen am 15. Januar 2015.</ref> sein Freispruch vom Vorwurf der Kriegsverbrechen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfolgte am 31. März 2016. In einer Mehrheitsentscheidung wiesen die Richter alle Anklagepunkte ab und kritisierten die vermeintlichen Belege der Ankläger.<ref name="spon" /> Die überstimmte Richterin Flavia Lattanzi übte in ihrem Sondervotum scharfe Kritik an dem Urteil ihrer beiden Kollegen. Der langjährige Richter Wolfgang Schomburg bemerkte, dass der Richter Frederik Harhoff nach Ende der Hauptverhandlung wegen vermeintlicher Befangenheit zu Unrecht entlassen worden sei und sein Ersatz nur aus dem Aktenstudium geurteilt habe.<ref>Stefan Ulrich: Ein Freispruch um jeden Preis. Interview mit Wolfgang Schomburg. In: Süddeutsche Zeitung, 2. April 2016, S. 6</ref>
Šešelj war zuvor vom ICTY nach fast zwölf Jahren Prozessdauer im November 2014 aus gesundheitlichen Gründen vorläufig freigelassen worden, um seine Krankheit in seiner Heimat zu heilen.<ref>Mutmaßlicher serbischer Kriegsverbrecher Seselj vorläufig frei. In: derstandard.at. 6. November 2014, abgerufen am 15. Januar 2015.</ref><ref name="NFdT">Nach Freilassung durch UN-Tribunal. Nationalist Seselj in Belgrad bejubelt. In: tagesschau.de. 15. November 2014, abgerufen am 30. Dezember 2014.</ref> Als Šešelj am 12. November<ref>Igor Ilic: Croatia PM cancels Belgrade trip over freeing of war crimes suspect. In: reuters.com. Reuters, 28. November 2014, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 8. Januar 2015; abgerufen am 15. Januar 2015 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> in Belgrad ankam, forderte er Neuwahlen und teilte mit, dass er sich erst mit der Politik beschäftigen wird, bevor er sich behandeln lässt.<ref name="NFdT" /> Außerdem beschuldigte er den serbischen Präsidenten Tomislav Nikolić und Aleksandar Vučić als „Verräter ihrer Heimat“ und gab an, möglichst bald an die Macht zurückkehren zu wollen.<ref name="NFdT" />
Nach der vorläufigen Freilassung
Am 1. April 2015 verbrannte Šešelj provokativ eine kroatische Flagge vor dem Justizpalast in Belgrad, wo der stellvertretende Vorsitzende der Serbischen Radikalen Partei Nemanja Šarović für das Verbrennen der Flaggen der NATO, EU, Kosovo und USA im Jahr 2012 während eines Protestes gegen die Befreiung des ehemaligen Unterkommandanten der UÇK und heutigen Politikers Ramush Haradinaj angeklagt werden sollte.<ref>Telegraf.rs TUŽILAŠTVO: Krivična prijava Šešelju zbog PALJENJA zastave HRVATSKE (serbisch)</ref> Dabei sagte er, er werde bezeugen, dass er das Verbrennen der Flaggen befahl.<ref>Provokacija: Šešelj je zapalio hrvatsku zastavu u Beogradu. 24sata.hr vom 1. April 2015</ref> Šešelj schloss eine Rückkehr nach Den Haag aus,<ref name="Standard2015-03-30">Seselj will nicht ins Gefängnis zurückkehren. In: Der Standard. 30. März 2015.</ref> nachdem der Berufungssenat des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien entschieden hat, dass er wieder in die Haft nach Den Haag zurückkehren soll.<ref name="Standard2015-03-30" /> Weiter meinte er, er hätte das Haager Tribunal besiegt und die Entscheidung zu seiner Rückkehr ins Gefängnis würde ihn nicht interessieren.<ref name="Standard2015-03-30" /> Am 5. August 2015 wiederholte Šešelj die Flaggenverbrennung und zündete diesmal zwei kroatische Flaggen vor der kroatischen Botschaft in Belgrad an.<ref>Radikalima zabranili miting, Šešelj zapalio hrvatsku zastavu. Vijesti (Bosnien), 5. August 2015.</ref>
Verurteilung in der Berufungsinstanz
Am 11. April 2018 wurde er im Berufungsprozess schuldig gesprochen, jedoch nicht mehr inhaftiert, da die Dauer der verbüßten Untersuchungshaft die ausgesprochene Strafdauer von zehn Jahren bereits überstiegen hatte.<ref>Serbischer Nationalist Šešelj doch noch schuldig gesprochen. In: Süddeutsche Zeitung, 11. April 2018</ref>
Privat
Vojislav Šešelj ist in zweiter Ehe verheiratet.<ref name="VScz">Vojislav Šešelj – čovek zemljotres. In: vesti-online.com. 18. März 2012, abgerufen am 15. Januar 2015 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)): „Šešelj se dva puta se ženio. Prva žena mu je bila Vesna Mudreša, sa kojom je dobio sina Nikolu 1984, dok je bio u zatvoru. Ubrzo posle razvoda se oženio sadašnjom suprugom Jadrankom, koja tvrdi da se za njega udala jer je inteligentan i šarmantan. Imaju tri sina: Aleksandra (1993), Mihaila (1996) i Vladimira (1998).“</ref> Er hat drei Söhne (Aleksandar, Mihajlo und Vladimir) mit seiner jetzigen Ehefrau Jadranka (geborene Pavlović<ref name="Who" />) sowie einen Sohn (Nikola) aus seiner ersten Ehe mit Vesna Mudreša.<ref name="VScz" />
Šešelj litt nach Angaben aus Ende März 2016 an Dickdarmkrebs,<ref>Vojislav Šešelj: Im Gespräch mit einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30. März 2016, abgerufen am 25. November 2017.</ref> ist jedoch nach Angaben serbischer Medien mittlerweile geheilt.<ref>Ekskluzivno! Šešelj: Pobedio Sam Rak! Nemam ga više, skener potvrdio! In: kurir.rs. (kurir.rs [abgerufen am 25. November 2017]).</ref>
Literatur
- Jens Reuter, Konrad Clewing: Der Kosovo-Konflikt: Ursachen, Verlauf, Perspektiven. Wieserverlag, Klagenfurt 2000, ISBN 3-85129-329-0.
Weblinks
- Agathe Zupan: Abendjournal 01.08.1991 – Journal-Panorama – Großserbische Ideen des Tschetnik-Führer Šešelj. In: Österreichische Mediathek. ORF, 1. August 1991, abgerufen am 7. August 2021 (Interview).
- Agathe Zupan: Abendjournal 01.08.1991 – Journal-Panorama – Šešeljs Lebensziele. In: Österreichische Mediathek. ORF, 1. August 1991, abgerufen am 7. August 2021 (Interview).
- Ausführlicher biografischer Bericht über Šešelj der Vreme News Digest Agency, 23. Mai 1994 (englisch)
- Website der Serbischen Radikalen Partei
- Anklageschrift gegen Vojislav Šešelj und andere Dokumente des ICTY zum Prozess
- Šešeljs Sprüche auf BBC
- BBC News, „Seselj still Serb 'people’s hero'“, 28. November 2006
Einzelnachweise
<references responsive />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Šešelj, Vojislav |
| ALTERNATIVNAMEN | Seselj, Vojislav |
| KURZBESCHREIBUNG | serbischer Politiker, Ideologe, Jurist und Publizist |
| GEBURTSDATUM | 11. Oktober 1954 |
| GEBURTSORT | Sarajevo |
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