Semi-Kürschner
Semi-Kürschner, oder „Literarisches Lexikon der Schriftsteller, Dichter, Bankiers, Geldleute, Ärzte, Schauspieler, Künstler, Musiker, Offiziere, Rechtsanwälte, Revolutionäre, Frauenrechtlerinnen, Sozialdemokraten usw. jüdischer Rasse und Versippung“ war eine antisemitische polemische Schrift in Form eines biographischen Nachschlagewerks, die im Jahre 1913 von Philipp Stauff, zunächst im Selbstverlag, verfasst wurde. Die Schrift hatte den Zweck, jüdische Angehörige des Bildungsbürgertums zu denunzieren und zu diskreditieren. Das Ziel bestand darin, die gelehrte Welt in eine jüdische und eine nicht-jüdische zu trennen, und im selben Zuge eine vermeintliche Dominanz jüdischen Einflusses in Gesellschaft und Wissenschaft zu konstatieren<ref name="Schörle_2009">Eckart Schörle. Internationale der Antisemiten – Ulrich Fleischhauer und der »Welt-Dienst«. WERKSTATTGeschichte 51 (2009) 57–72</ref>.
Eine Erweiterung auf 6 Bände war postum unter der Herausgeberschaft von Heinrich Kraeger unter dem Pseudonym Erich Ekkehard in Ulrich Fleischhauers U-Bodung-Verlag unter dem Titel „Sigilla veri“ (Siegel des Wahren) geplant. Die Publikation erfolgte zwischen 1929 und 1931 nur unvollständig in vier Bänden und einem Teil des fünften Bandes. Das Lexikon wurde nicht über Buchhandlungen vertrieben, sondern musste direkt beim Verlag bestellt werden. Wer ein Exemplar kaufen wollte, musste eine Erklärung mit dem Wortlaut unterschreiben: „Ich bin nicht jüdischer Abstammung, habe weder jüdisches Blut noch jüdische Verwandte. Ich verpflichte mich dazu, dieses Werk nicht zu verkaufen oder zu verschenken. Ich gebe mein Ehrenwort, dass ich nicht als Strohmann für jemanden agiere“<ref name="Schörle_2009"/>.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Sowjetischen Besatzungszone Stauffs Vorläuferschrift Von deutscher Kunst und Literatur (Semi-Kürschner, das Jahrhundertbuch) (Reichshammerbund, Hamburg 1913) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.<ref>http://www.polunbi.de/bibliothek/1948-nslit-s.html</ref> In der Deutschen Demokratischen Republik folgen auf diese Liste noch die hier genannte bekanntere Fassung des "Semi-Kürschner" und die Neubearbeitung Sigilla Veri, Lexikon der Juden-Genossen und -Gegner aller Zeiten und Zonen, insbesondere Deutschlands (Bodung-Verlag, Erfurt 1931/1932).<ref>http://www.polunbi.de/bibliothek/1953-nslit-s.html</ref>
Hintergrund
Die Namensgebung „Semi-Kürschner“ bedient sich des Titels und Renommees von Kürschners Deutschem Literatur-Kalender, der erstmals 1879 als Allgemeiner deutscher Literaturkalender von Heinrich und Julius Hart herausgegeben wurde, später von Joseph Kürschner ausgebaut wurde und nach seinem Tode im Jahre 1902 als Verzeichnis der „schöngeistigen“ und „gelehrten“, akademisch tätigen Schriftsteller fortgeführt wurde. Von dem Werk wurde 1925 Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender abgetrennt. Beide Werke hatten keinen antisemitischen Hintergrund und werden bis heute im Verlag Walter de Gruyter weitergeführt.
Die erste Hälfte des Namens geht auf die antisemitische Polemik Semi-Gotha (Weimarer historisch-genealoges [sic] Taschenbuch des gesamten Adels jehudäischen Ursprunges) zurück, die zwischen 1912 und 1914 publiziert wurde.
Rezeption und Wirkung
Die Publikation war Gegenstand starker Kontroversen. Zu den angegriffenen Personen gehörte u. a. Thomas Mann, der die hasserfüllten Diskurse über Homosexualität und Judentum in seiner Roman-Tetralogie Joseph und seine Brüder aufgegriffen haben soll<ref>Andreas Kraß. Der Schleier der Vielfalt – Mode und Geschlecht in Thomas Manns Romanwerk Joseph und seine Brüder. Erzählte Mode (2025) 263–80. DOI:10.14361/9783839473955-014</ref>.
Weblinks
- Volltext als PDF-Datei in der Freimann-Sammlung der Universitätsbibliothek Frankfurt
Literatur
- Otmar Jung. Der literarische Judenstern – Die Indizierung der „jüdischen“ Rechtsliteratur im nationalsozialistischen Deutschland. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. 1 (2006) 25–59. https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2006_1_2_jung.pdf
- Thomas Gräfe. „Pogromdepp“ und „Salonantisemit“ – Adolf Bartels und Houston Stewart Chamberlain: Zwei Varianten des völkischen Antisemitismus im Kontext von Bürgerlichkeit und Bildungskultur. BIOS 35 (2022) 202–26. https://doi.org/10.3224/bios.v35i2.05
Einzelnachweise
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