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Seidensticker (Unternehmen)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Textilkontor Walter Seidensticker

colspan="2" class="notheme" style="background:#Vorlage:Standardfarbe; color:#Vorlage:Standardfarbe; padding:1em 0;" | Logo Seidensticker.png
Rechtsform GmbH & Co. KG
Gründung 1919
Sitz Bielefeld, DeutschlandDatei:Flag of Germany.svg Deutschland
Leitung
  • Frank Seidensticker
  • Gerd Oliver Seidensticker
  • Silvia Bentzinger
  • Marc Barrantes
  • Horst Gersmeyer
Mitarbeiterzahl 2207 (2021/2022)<ref name="banz" />
Umsatz 103 Mio. Euro (2021/2022)<ref name="banz">Konzernabschluss vom 01.05.2021 bis zum 30.04.2022. Abgerufen am 15. September 2024.</ref>
Branche Bekleidungsindustrie
Website seidensticker.com
Datei:Seidensticker1 Familienbild Walter Seidensticker.jpg
Der Firmengründer Walter Seidensticker sen. im Jahr 1919

Die Textilkontor Walter Seidensticker GmbH & Co. KG ist ein auf die Produktion und den weltweiten Vertrieb von Herrenhemden und Damenblusen spezialisiertes Unternehmen mit Sitz in Bielefeld.

Geschichte

Gründerjahre

1919 begann der damals 23-jährige Walter Seidensticker sen. im elterlichen Wohnhaus in Bielefeld mit 5000 geliehenen Goldmark seine erste Hemdenproduktion und erzielte in jenem Jahr einen Umsatz von 70.000 Mark. 1922 beschäftigte er im ersten gewerblichen Nähsaal 150 Näherinnen. 1930 führte er die ersten Taktfließbänder in der Produktion von Bekleidung ein und gehört damit zu den Pionieren der arbeitsteiligen Fertigung.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Walter Seidensticker war NSDAP-Mitglied und während der NS-Zeit leitend im Fachverband Wäscheindustrie tätig. 1938 wurden erstmals über eine Million Hemden pro Jahr gefertigt.<ref name="Bielefelder Stadtbuch">Andreas Beaugrand (Hrsg.): Bielefelder Wirtschafts- und Unternehmenschroniken: Stadtbuch Bielefeld. 2013, ISBN 978-3-87073-610-1, S. 958–961.</ref> Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Produktion auf Arbeitskleidung und Uniformen, unter anderem für Lazarette, umgestellt und Zwangsarbeiter in der Fabrik eingesetzt. Das Unternehmen wurde vom NS-Regime mit der „Goldenen Fahne“ als nationalsozialistischer Musterbetrieb ausgezeichnet.<ref name="Herrenhemdenmacher">Der Herrenhemdenmacher. In: westfalen-blatt.de. 4. September 2019, abgerufen am 6. Juli 2023.</ref><ref name="Zeichen der Rose">Die bekannteste Hemdenmarke des Landes. In: faz.net. 5. Januar 2020, abgerufen am 6. Juli 2023.</ref>

Der 1934 bezogene Hauptsitz an der Herforder Straße in Bielefeld wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe schwer getroffen. Walter Seidensticker kam in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde.

Nachkriegszeit

Walter Seidensticker wurde im Entnazifizierungsverfahren als "Entlasteter" eingestuft.<ref name="Zeichen der Rose" /> Nach dem Wiederaufbau erwarb das Unternehmen 1956 die Lizenz „Toplin“ und brachte darunter das erste „bügelfreieBaumwoll-Hemd auf dem Markt, das als erstes deutsches Markenhemd galt. Vier Jahre später kam das Nylonhemd „Matchtown“ auf den Markt, wodurch der Jahresumsatz die 100-Millionen-DM-Grenze überschritt. 1962 wurde erfolgreich die Eigenkreation „Londoner Kragen“ eingeführt, der etwas höher war als der übliche Kentkragen. Mitte der 1960er Jahre eröffnete das Unternehmen während der franquistischen Diktatur seinen ersten ausländischen Produktionsstandort in der katalanischen Stadt Tarragona.<ref name="Herrenhemdenmacher" /> 1968 wurde die Hemdenmarke „Schwarze Rose“ eingeführt, die erstmals aus dem Polyester-Mischgewebe „Diolen Star“ gefertigt wurde.<ref name="Bielefelder Stadtbuch" />

Datei:Firmensitz Seidensticker Bielefeld.jpg
Stammsitz der Firma Seidensticker an der Herforder Straße in Bielefeld

Generationenwechsel Ende der 1960er Jahre

1969 starb Walter Seidensticker sen., und seine beiden Söhne Gerd († 26. Juni 2017) und Walter Seidensticker jun. († 6. April 2015)<ref>Unternehmer Walter Seidensticker ist tot. In: nw.de. 10. April 2015, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref> übernahmen die Leitung des Unternehmens.<ref name="westfalen blatt">Gerd Seidensticker gestorben. In: westfalen-blatt.de. 1. Juli 2017, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref> Im gleichen Jahr wurde die Marke „Jacques Britt“ eingeführt.<ref name="geschichte">Geschichte. In: corporate.seidensticker.com. 24. Oktober 2018, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref> Gerd Seidensticker widmete sich vorrangig dem Marketing.<ref name="hna" /><ref name="Bielefelder Stadtbuch" /> Die Produktion wurde ins Ausland verlagert: Seit 1964 bestanden erste Kontakte nach Hongkong, und in den Folgejahren wurde der Aufbau von Produktionsstandorten in Asien vorangetrieben. 1974 wurde die Seidensticker Overseas Ltd. gegründet.<ref name=":0" />

2000–2009

Ab 2002 hielt die Seidensticker-Gruppe die Lizenzrechte an der Bekleidungs- und Lifestylemarke „Camel active“.<ref name="TW 2001">Martin Ott: Seidensticker mit Gesamtlizenz für Camel Active, textilwirtschaft.de, 6. Dezember 2001: „Die Seidensticker-Gruppe, Bielefeld, übernimmt zum 1. Januar 2002 als Gesamtlizenznehmer der Marke Camel Active“</ref> 2004 übertrugen Gerd und Walter Seidensticker die Unternehmensleitung auf ihre Söhne Frank und Gerd Oliver Seidensticker. 2006 wurde ein Herrenhemd der Marke in einem Test der Stiftung Warentest als „mangelhaft“ bewertet.<ref>Um Knopf und Kragen. In: test.de. Stiftung Warentest, 27. Oktober 2006, abgerufen am 14. März 2019.</ref>

2007 wurde eine Produktionsstätte in Vietnam eröffnet, in der heute ein Großteil der Hemden hergestellt wird. Außerdem wurde die vertikale Integration des Unternehmens vorangetrieben: Seit 2007 ist das Unternehmen im Einzelhandel mit eigenen Läden im In- und Ausland vertreten und deckt in der Wertschöpfungskette die Arbeitsbereiche Entwicklung und Design, Rohstoffbeschaffung, Produktion, Logistik und Handel ab.<ref>Lieferkette. In: corporate.seidensticker.com. 5. Oktober 2018, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref>

2010 bis heute

Im Jahr 2012 platzierte das Unternehmen eine Anleihe mit einem Volumen von 30 Millionen Euro an der Börse Düsseldorf. Im selben Jahr erwarb die Unternehmensgruppe die Lizenz für die amerikanische Marke „Arrow“.<ref name="geschichte" /> 2014 eröffnete Seidensticker eine weitere Fertigungsstätte in Indonesien: In Semarang produzieren 400 Mitarbeiter Businesshemden für den internationalen Markt.<ref>Sanierung geglückt. In: westfalen-blatt.de. 15. September 2016, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref><ref name="geschichte" /> Anfang 2017 stellte das Unternehmen die Marken „Uno Super Slim“, „Schwarze Rose“ und „Splendesto“ ein. Die Marke tritt seitdem ausschließlich unter dem Eigennamen auf.<ref>Seidensticker lanciert Markenoffensive. In: fashionunited.de. 5. Juli 2016, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref>

Im Februar 2019 wurde bekannt, dass Seidensticker 120 Arbeitsplätze in der Unternehmenszentrale in Bielefeld abbauen und die Logistik auslagern will. Außerdem sollten vier Ladengeschäfte der Firma in Deutschland geschlossen werden.<ref>Seidensticker baut 120 Stellen ab, schließt vier Filialen in Deutschland. fashionunited.de, 21. Februar 2019, abgerufen am 12. März 2019.</ref> Ferner wurden die CMLC (Camel Active Master License Corporation) GmbH und die Dornbusch & Co. GmbH nicht mehr weiter von Seidensticker betrieben, weil die Masterlizenz der Marke „Camel Active“ 2020 an die Bültel Bekleidungswerke GmbH weitergegeben wurde.<ref name="OWL">KO: Restrukturierung in der Seidensticker Group. In: owl-journal.de. 28. Februar 2019, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref><ref name="FU">Bültel ernennt Doppelspitze für Camel Active. In: fashionunited.de. 16. Juli 2019, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref>

Produkte und Marken

„Seidensticker“ ist die Hauptmarke des Unternehmens für Hemden, Herren-Accessoires und Damenoberbekleidung. Die „Schwarze Rose“ ist das Markenzeichen und Signet der Marke.<ref>Unternehmen: Seidensticker bestätigt Wachstumskurs. In: textilwirtschaft.de. 9. Januar 2017, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref><ref>Die Rose steht für Seidensticker. In: nw.de. 17. Juni 2016, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref> Zusätzlich wurden unter dem Label „Jacques Britt“ Herrenhemden, Damenblusen und ebenfalls Accessoires verkauft.

Von 2002 bis 2019 besaß Seidensticker die Markenrechte an „Camel active“ für Sportbekleidung, Leder, Taschen, Schuhe, Sonnenbrillen, Uhren, Tagwäsche und Accessoires.<ref name="TW 2001" /><ref name="FU" /> Anfang 2020 ging diese Lizenz vollständig an die Bültel-Gruppe mit Sitz in Salzbergen über.<ref>Neuer Lizenz-Master für Camel active. In: schuhmarkt-news.de. 30. November 2018, abgerufen am 12. März 2019.</ref><ref name="FU" />

Unternehmensdaten

Seidensticker erzielte im Geschäftsjahr 2015/2016 Gesamterlöse von 203 Mio. Euro (Vorjahr: 205 Mio. Euro). Mit 2.231 Mitarbeitern an 15 Standorten produziert das Unternehmen jährlich über 13 Mio. Teile, die in über 80 Länder weltweit vertrieben werden. Dies entspricht einer Exportquote von 43 %.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Hemdenhersteller Seidensticker verlässt Verlustzone (Memento vom 26. Mai 2017 im Internet Archive)</ref><ref name=":1">Unternehmen. In: corporate.seidensticker.com/. 5. Oktober 2018, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref><ref>Nachhaltigkeit. In: corporate.seidensticker.com/. 24. Oktober 2018, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref>

Die Seidensticker-Gruppe vertreibt ihre Produkte über Handelspartner sowie im eigenen Einzelhandel. Derzeit führt die Gruppe 44 Ladengeschäfte im In- und Ausland.<ref>Seidensticker durch Erfolg bestärkt. In: nw.de. 1. Oktober 2017, abgerufen am 20. Januar 2022.</ref>

Bis heute befindet sich das Bielefelder Unternehmen zu 100 % in Familienbesitz. Die geschäftsführenden Gesellschafter Frank und Gerd Oliver Seidensticker leiten die Gruppe seit 2014 gemeinsam mit Silvia Bentzinger, Marc Barrantes und Horst Gersmeyer.<ref name=":1" />

Literatur

  • Roman Köster: Seidensticker. Eine Unternehmensgeschichte 1919-2019. Essen: Klartext Verlag, 2019, ISBN 978-3-8375-2109-2.

Weblinks

Commons: Seidensticker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references> <ref name=":0"> Florian Langenscheidt, Peter May (Hrsg.): Lexikon der deutschen Familienunternehmen. 2014, ISBN 978-3-86936-530-5, S. 921. </ref> <ref name="hna"> Der Herr über die feinen Hemden. In: Hessische/Niedersächsische Allgemeine. Verlag Dierichs, 16. September 2011, abgerufen am 20. Januar 2022. </ref> </references>

Koordinaten: 52° 2′ 10,1″ N, 8° 33′ 26,4″ O

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