Seelenschlaf
Seelenschlaf (auch Psychopannychie, von griech. psyche „Seele“ und pannychis „Nachtwache, Durchschlafen“; lat. hypnopsychie) bezeichnet in der christlichen Eschatologie die Lehre, dass die Toten bis zur Auferstehung am Jüngsten Tag in einem Zustand der Bewusstlosigkeit oder des Schlafs eintreten. Sie stellt damit eine Alternative zur Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele und einem sofortigen Eintritt in den Himmel (oder die Hölle) dar.
Bedeutung des Begriffs
Der Begriff beschreibt nicht wörtlich einen Schlaf im physiologischen Sinn, sondern einen Zustand der Inaktivität und des fehlenden aktiven Bewusstseins. Die Lehre hält an der Fortdauer und Subsistenz eines geistigen Elementes nach dem Tod fest (Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link), das mit persönlichen Eigenschaften und Erinnerungen ausgestattet ist, sodass das „Ich“ des Menschen weiterbesteht, wenngleich es in der Zwischenzeit seiner vollen Körperlichkeit entbehrt und ruht. Die Verstorbenen haben demnach keine Wahrnehmung des Zeitablaufs, keine Verbindung zu den Lebenden, bis sie am Tag des Jüngsten Gerichts durch die Macht Gottes „geweckt“ und mit dem (wiederhergestellten) Körper vereint werden (Apostolisches Glaubensbekenntnis, Auferstehung des Fleisches, lat. carnis resurrectionem).
Biblische Argumentation
In der Argumentation für den Seelenschlaf werden folgende biblische Passagen herangezogen:
Altes Testament: Die häufige Rede vom „Schlaf der Väter“ Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link sowie die Aussage, „Die Toten wissen nichts“ Vorlage:Bibel/Link.
Neues Testament: Die Darstellung des Todes als Schlaf bei der Auferweckung des Jünglings zu Nain Vorlage:Bibel/Link und der Tochter des Jairus Vorlage:Bibel/Link sowie die Bezeichnung verstorbener Christen als Entschlafene Vorlage:Bibel/Link.
Unsterblichkeit: Das Argument, dass nur Gott allein Unsterblichkeit besitze Vorlage:Bibel/Link und diese den Gläubigen erst bei der Wiederkunft Christi geschenkt werde.
Gegner der Lehre verweisen hingegen auf Stellen wie Vorlage:Bibel/Link („Heute wirst du mit mir im Paradies sein“), Vorlage:Bibel/Link („lieber auszugehen aus dem Leib und daheim zu sein bei dem Herrn“) sowie die Vision der Märtyrer unter dem Altar in Vorlage:Bibel/Link, die auf einen bewussten Zwischenzustand hinweisen.
Geschichte
Frühchristentum
Bereits in der Alten Kirche gab es Christen, die den Seelenschlaf vertraten. Vor allem arabische Christen und einige Häresiographen schrieben diese Ansicht bestimmten Gruppen wie den „Arabikern“ (3. Jahrhundert) zu, die später durch Augustinus widerlegt worden sein sollen.
Kirchenväter
Justin der Märtyrer (* um 100; † 165) vertrat die Auffassung, dass die Auferstehung im Mittelpunkt steht, und wies die Vorstellung entschieden zurück, dass die Seele im Himmel weiterexistiere: „Wenn ihr zusammenkommen solltet mit solchen, welche sich Christen nennen ..., welche dazu aber noch sich erkühnen, den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs zu lästern, und ferner behaupten, es gäbe keine Auferstehung der Toten, sondern ihre Seelen würden schon beim Tode in den Himmel aufgenommen werden, dann haltet sie nicht für Christen.“<ref>Justin der Märtyrer: Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)</ref> Ähnlich denkt Irenäus von Lyon (* um 135; † um 200) und betont, dass jeder wie der Herr erst auferstehen und dann in den Himmel auffahren werde.<ref>Irenäus von Lyon: Gegen die Häresien (Contra Haereses)</ref>
Reformation
Im Mittelalter trat die Lehre nur marginal in Erscheinung. Erst im Zuge der Reformation gewann sie wieder an Bedeutung. Martin Luther äußerte sich in seinen Frühschriften mehrfach in Richtung eines Seelenschlafs, da er die katholische Lehre vom Fegefeuer und der Heiligenverehrung ablehnte. In seiner „Vermahnung zum Sacrament des Leibes und Blutes des Herrn“ (1530) schrieb er, „dass die Toten schliefen und nichts empfänden“.<ref>Luther Enarrationes in Genesin 1535–1545 „sic anima post mortem intrat suum cubiculum et pacem et dormiens non sentit suum somnum“ Exegetica opera Latina Bd. 5&6 S. 120, Elsberger 1830.</ref> Nach einer verbreiteten Formulierung der Lutherforschung stellte er sich „die Väter und ebenso die frommen Toten in einem Zustand des Schlafes vor, der für sie friedlich war, weil sie bewahrt und im Glauben an Gottes Wort wie in einem Mutterleib gehalten wurden“.<ref>Hans-Georg Kemper Konfessionalismus 1987 S. 326 „Der Tod erschien Luther als ein bloßer Schlaf, der Zwischenzustand zwischen Tod und Auferstehung als eine kurze Zeit der »Geborgenheit in Christus«, bis dieser sich »leibhaftig offenbar macht«“ (ebda., S. 99).</ref> Später relativierte Luther seine Position zugunsten einer Vorstellung einer sofortigen Gemeinschaft mit Christus, ohne jedoch die Unsterblichkeitslehre der Scholastik vollständig zu übernehmen. Im 18. und 19. Jahrhundert war es umstritten, ob Luther Seelenschlaf gelehrt hatte.<ref>Aurelie Horovitz Beiträge zu Lessings Philosophie 1907 S. 89 „August 1755 über eine Streitschrift, ob Luther an den Seelenschlaf nach dem Tode geglaubt, sagt Lessing, dass da mit Luthers Ansehen nichts zu gewinnen sei.“</ref><ref>Gotthold Ephraim Lessing Sämtliche Schriften: Bd. 7 Karl Lachmann, Franz Muncker – 1891 „Er führet eine ziemliche Menge Stellen aus Luthers Schriften an, in welchen allen der Seelenschlaf, den Worten nach, ... Sie werden sagen, daß Luther mit dem Worte Schlaf gar die Begriffe nicht verbinde, welche Herr R. damit verbindet.“</ref> Der lutherische Historiker Gottfried Fritschel (1867) meinte, dass diese Lehre in Luthers Werken zu finden sei.<ref> G. Fritschel: Denn dass Luther mit den Worten „anima non sic dormit, sed vigilat et patitur visiones, loquelas Angelorum et Dei“ nicht dasjenige leugnen will, was er an allen andern Stellen seiner Schriften vortragt. Luther und offene Fragen, Zeitschrift für die gesammte lutherische Theologie und Kirche 1867 S. 657 – „Differunt tamen somnus sive quies hujus vitae et futurae. Homo enim in hac vita defatigatus diurno labore, sub noctem intrat in cubiculum suum tanquam in pace, ut ibi dormiat, et ea nocte fruitur quiete, neque quicquam scit de ullo malo sive incendii, sive caedis. Anima autem non sic dormit, sed vigilat, et patitur visiones loquelas Angelorum et Dei. Ideo somnus in futura vita profundior est quam in hac vita et tamen anima coram Deo vivit. Hac similitudine, quam habeo a somno viventia.“</ref><ref>Irmgard Wilhelm-Schaffer Gottes Beamter und Spielmann des Teufels - Der Tod in Spätmittelalter (1999) „Aufgrund biblischer Aussagen räumt Luther die Existenz einiger weniger Ausnahmen vom Seelenschlaf ein. Es handelt sich dabei um Personen wie Moses und Elias, die Jesus erschienen waren; grundsätzlich kommt der Schlaf als Zwischenzustand ..“</ref>
Die reformierte Orthodoxie, insbesondere Johannes Calvin, lehnte den Seelenschlaf scharf ab, da er die Nähe zu den Täufern und materialistischen Häresien befürchtete. Calvins erste Schrift theologischen Inhaltes war Psychopannychia („Nachtwache der Seele“) (Orléans, 1534), in der er die Lehre vom Seelenschlaf zwischen Tod und Jüngstem Gericht verurteilte.<ref>Peter Opitz Leben und Werk Johannes Calvins 2009, S. 31: „Calvins erste Schrift theologischen Inhaltes stammt aus dieser nur sehr unzulänglich zu erhellenden Zeit zwischen der Coprede und seinem Gang ins Exil. Ihre Vorrede gibt als Entstehungsort Orléans und als Jahr 1534 an“.</ref><ref>Archiv für Reformationsgeschichte: Beiheft, Literaturbericht: 36 Verein für Reformationsgeschichte, American Society for Reformation Research – 2007 „Hinzu kommt sodann eine französische Fassung von Calvins Psychopannychia, in der er zu der Lehre vom Seelenschlaf zwischen Tod und Jüngstem Gericht Stellung genommen hatte.“</ref> Später folgte eine französische Fassung; Psychopannychie – La nuit ou le sommeil de l’âme (Genf, 1558).<ref>Jean Henri Merle d’Aubigné. Histoire de la réformation en Europe au temps de Calvin.</ref><ref>Ernst Staehelin Johannes Calvin: Leben und ausgewählte Schriften, Bd. 1 (1863), S. 36</ref>
Täuferbewegung und Sozinianismus
Radikale Reformatoren wie die Täufer vertraten häufig Varianten des Seelenschlafs, da sie die biblische Betonung der Auferstehung wörtlich nahmen. Auch der Sozinianismus (Fausto Sozzini) lehrte die Psychopannychie, um die Allmacht Gottes und die absolute Notwendigkeit der Auferstehung zu betonen.
Der Mortalismus von Milton, Hobbes, Locke und Newton
In England bekämpfte Thomas More mit denselben Argumenten wie Calvin die Lehre vom Seelenschlaf,<ref>Judaica: 22–24 1965 „Gegen Bacon, Gassendi und Hobbes versichert er immer wieder: Die Seele ist keine tabula rasa (II, 33)17. [...] Die Lehre vom Seelenschlaf bekämpft More mit denselben Argumenten wie Calvin (III, 61–78) durch die These: animam post mortem non dormire. Er bestreitet es energisch, daß die Lehre von der Unsterblichkeit unbiblisch und vom Platonismus in die Kirchenlehre...“</ref> trotzdem war Mortalismus im England der Aufklärung weit verbreitet.<ref>Gerhard Krause, Gerhard Müller Theologische Realenzyklopädie: Bd. 22 S. 758 1992 „Mortalismus war in England weit verbreitet und Sir Thomas Browne bekannte sich zu dieser Auffassung in Religio Medici als der ersten seiner jugendlichen 20 Häresien. Milton stand keinesfalls allein mit der Auffassung, daß der Mensch aufgrund der Untrennbarkeit von Leib und Seele gänzlich sterblich sei.“</ref> Führende Persönlichkeiten der frühen Aufklärung wie Milton,<ref>Jürgen Klein Radikales Denken in England: Neuzeit 1984 S. 406: „... selben Atemzug gesagt werden muß, wie eigenwillig Milton der orthodox-protestantischen Theologie gegenübergestanden hat, etwa mit seiner These des Mortalismus.“</ref> Locke,<ref>Nuvo (ed.), John Locke: Writings on Religion, S. xxxiii (2002)</ref> Hobbes und Newton<ref>Wood, Science and dissent in England, 1688–1945, S. 50 (2004)</ref> lehnten die Unsterblichkeit der Seele ab.<ref>Bryan W. Ball The Soul Sleepers: Christian Mortalism from Wycliffe to Priestley, Lutterworth 2008</ref><ref>Norman T. Burns Christian Mortalism from Tyndale to Milton, Harvard University Press 1972</ref><ref>Philip C. Almond Heaven and Hell in Enlightenment England, Cambridge University Press 2009</ref>
Siehe auch
Literatur
- Oscar Cullmann: Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung der Toten? Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1962.
- Franz Pieper: Christliche Dogmatik. Band 3, Lutherisches Verlagshaus, Berlin 1985 (die Abgrenzung des lutherischen Bekenntnisses zum Seelenschlaf).
- Hans-Joachim Schulz: Der Tod und das Leben danach. Eschatologie in der ökumenischen Diskussion. Herder, Freiburg 1983.
Einzelnachweise
<references />