Salomon Morel
Salomon Morel, auch Solomon Morel oder Schlomo Morel (geboren 15. November 1919 in Garbów, Powiat Lubelski, Polen; gestorben 14. Februar 2007 in Tel Aviv, Israel) war ein polnischer Jude und Kriegsverbrecher.
Morels Familie fiel während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg polnischen Kollaborateuren zum Opfer.<ref>Response by the State of Israel to the application for the extradition of Salomon Morel ... Instytut Pamięci Narodowej (Institut für Nationales Gedenken), abgerufen am 20. März 2018</ref><ref>Was Menschen Menschen antaten</ref> Er war von Februar bis November 1945 Kommandant des polnischen Arbeitslagers Zgoda in Schwientochlowitz in Oberschlesien und Mitglied der stalinistischen Geheimpolizei Urząd Bezpieczeństwa. Er war verantwortlich für die Ermordung von mehr als 1500 gefangenen deutschen Zivilisten, die zur Zeit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung zunächst noch in ihren oberschlesischen Wohnorten verblieben waren, aber auch für Morde an der polnischen Zivilbevölkerung.
Als man auf ihn aufmerksam geworden war, floh Morel 1992 nach Israel. Ab 1996 lief gegen ihn ein Strafprozess in Polen. Er wurde von der polnischen Regierung wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht. Polen forderte 1998 und 2005 seine Auslieferung, die jedoch von Israel mit der Begründung verweigert wurde, die Verbrechen seien verjährt und Morel mittlerweile zu alt und zu krank.
Leben
Frühe Jahre und Kriegszeit
Als Sohn von Chaim und Hana stammte er aus einer jüdischen Familie, die in Garbów bei Lublin lebte. Zusammen mit seinen drei Brüdern half er seinem Vater beim Betrieb einer kleinen Bäckerei. Aufgrund schlechter materieller Bedingungen zog er jedoch nach Łódź, wo er als Verkäufer in einem Konfektionsgeschäft arbeitete.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte er zu seinen Eltern nach Garbów zurück. Um dem Ghetto zu entgehen, musste sich die Familie Morel verstecken. Während des Krieges versteckte sich Salomon mit seinem Bruder auf dem Bauernhof von Józef Tkaczyk in Garbów (Józef Tkaczyk wurde 1983 mit der Medaille „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet).
Im Dezember 1942 wurden sie denunziert. Salomon und sein Bruder Icek konnten fliehen, während Salomons Eltern, sein zweiter Bruder und seine Schwägerin von der „Blauen Polizei“ (Granatowa Policja) verhaftet und in Garbów von dem Polizisten Mazurczak erschossen wurden.
Nach diesem Ereignis organisierte Salomon zusammen mit seinem Bruder Icek und einer weiteren Gruppe Raubüberfälle auf Bewohner von Dörfern im Grenzgebiet zwischen Lublin und Masowien. Die Gruppe wurde von der Volksgarde (Gwardia Ludowa) aufgespürt. Morel schob die gesamte Verantwortung auf seinen Bruder und behauptete, er sei erst seit wenigen Tagen bei der Einheit. So entging er der Hinrichtung. 1943 trat Salomon dem Hołod-Bataillon in den Wäldern von Parczew bei, wo er hauptsächlich wirtschaftliche Aufgaben verrichtete.
Tätigkeit in der Gefängnisverwaltung
Nach der Einnahme von Lublin durch die Rote Armee im Jahr 1944 wurde er Gefängniswärter im Schloss Lublin. Seine formelle Ernennung zum Wärter erfolgte erst am 9. November 1944. Der Gefängnisleiter Antoni Stolarz beantragte bereits in einem Bericht vom 30. November 1944 die Entlassung von Morel und fünf weiteren Wärtern, da sie „ihre Pflichten nicht gewissenhaft erfüllen, sich nicht an die Gefängnisordnung halten, sich arrogant verhalten und Gerüchte über meine Person verbreiten, wodurch sie meine Arbeit erschweren und meine Autorität untergraben“. Stolarz bat darum, diese Wärter als „schädliches Element für den Gefängnisdienst“ zu entlassen. Morel wurde daraufhin als Wärter in das Gefängnis in Tarnobrzeg versetzt, wo er am 15. Dezember 1944 seinen Dienst antrat. Am 15. Februar 1945 reiste Morel mit einer operativen Gruppe des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit (MBP) nach Oberschlesien. Funktion als Kommandant im Lager Zgoda
Ab Februar 1945 war er Kommandant des Lagers Zgoda in Świętochłowice, in dem während der gesamten Dauer des Bestehens 1.855 Personen starben (vom IPN dokumentierte Fälle; die vermutete Opferzahl ist höher). Hauptgrund waren Epidemien von Ruhr, Flecktyphus und Bauchtyphus, die infolge von Hunger sowie schlechten sanitären und hygienischen Bedingungen entstanden. Zudem kam es auf dem Lagergelände zu Folter, Vergewaltigungen und Morden. Personen wurden ohne staatsanwaltschaftliche Anordnung auf Basis von Entscheidungen der Sicherheitsbehörden ins Lager eingewiesen. Die Mehrheit der Häftlinge waren Schlesier und Bürger des Dritten Reiches; ein Teil waren Polen aus dem sogenannten „Zentralpolen“ sowie mindestens 38 Ausländer (Österreicher, ein Belgier, Tschechen, Franzosen, Jugoslawen, Rumänen). Es gab Fälle, in denen Kinder zusammen mit ihren Eltern ins Lager geschickt wurden. Die Behörden versuchten, die Bewohner Schlesiens davon zu überzeugen, dass ausschließlich Deutsche und Kollaborateure ins Lager kämen.
Teodor Duda, Direktor der Abteilung für Strafvollzug und Lager im Ministerium für Öffentliche Sicherheit, bestrafte Morel mit drei Tagen Hausarrest und einem Gehaltsabzug von 50 %, weil Morel die Entwicklung der Typhusepidemie zugelassen und seine Vorgesetzten nicht rechtzeitig informiert hatte, sowie wegen anderer Mängel in der Lagerführung. Das Lager wurde am 16. November 1945 aufgelöst, und Salomon Morel wurde als Kommandant in ein anderes Lager versetzt. Durch Beschluss des Präsidiums des Landesnationalrates vom 17. September 1946 wurde Unterleutnant Salomon Morel mit dem Ritterkreuz des Ordens Polonia Restituta ausgezeichnet.
Nachkriegszeit in Polen
Im Februar 1949 wurde Morel die Leitung des Zentralen Arbeitslagers in Jaworzno übertragen, das nach Ende der Aktion „Weichsel“ in ein progressives Gefängnis für jugendliche Straftäter umgewandelt wurde. 1954 wurde er erneut ausgezeichnet – mit dem Goldenen Verdienstkreuz. Bis 1956 beaufsichtigte er als Kommandant Arbeitslager für Häftlinge.
Nach 1956 arbeitete er in verschiedenen Justizvollzugsanstalten in Schlesien. 1960 erhielt er die Auszeichnung „Vorbildlicher Funktionär des Gefängnisdienstes“. 1964 verteidigte er an der Fakultät für Rechts- und Verwaltungswissenschaften der Universität Breslau seine Masterarbeit Die Arbeit der Häftlinge und ihre Bedeutung. In den letzten zehn Jahren seines Dienstes war er Leiter des Zentralgefängnisses in Kattowitz. Am 31. Mai 1968 trat er aufgrund dauerhafter Dienstunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Er hatte den Rang eines Obersten des Gefängnisdienstes inne.
Ermittlungen gegen Morel
Im Jahr 1990 begann die Kattowitzer Abteilung der Hauptkommission zur Untersuchung von Verbrechen gegen das polnische Volk mit der Untersuchung des Arbeitslagers in Świętochłowice-Zgoda. Im Februar 1991 wurde Morel als Zeuge vernommen. Am 10. Juli 1992 leitete die Kommission offizielle Ermittlungen ein. Im selben Jahr verließ Morel Polen in Richtung Israel.
Im Mai 1995 übergab die Bezirkskommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk die Akten an die damalige Bezirksstaatsanwaltschaft in Kattowitz. Am 30. September 1996 wurden gegen Salomon Morel neun Anklagepunkte erhoben, darunter Völkermord – Schläge, physische und moralische Misshandlung sowie die Herbeiführung einer allgemeinen Gefahr für Leben und Gesundheit der Häftlinge. Ihm wurde unter anderem die Anwendung einer ausgeklügelten Foltermethode, der sogenannten „Pyramide“, vorgeworfen (auf Morels Befehl sollen Wärter laut Zeugen Häftlinge übereinander geworfen haben, sodass fünf bis sechs Schichten von Menschen entstanden). Die Vorwürfe stützten sich primär auf Aussagen von über 100 Zeugen, von denen 58 Häftlinge im Lager Zgoda waren. Morel rechtfertigte sein Verhalten Jahre später mit früheren Erlebnissen im Lager Auschwitz-Birkenau, in dem er angeblich als Häftling gewesen sein soll, was jedoch nicht durch Fakten belegt ist.
Im Januar 2002 brachten Abgeordnete der Parteien Samoobrona und LPR einen Resolutionsentwurf im Sejm zur Verfolgung von im Ausland lebenden Funktionären des Sicherheitsdienstes, des Militärgeheimdienstes sowie der stalinistischen Justiz ein, in dem die Forderung erhoben wurde, unter anderem Salomon Morel zur Rechenschaft zu ziehen.
Am 19. Dezember 2003 erließ das Amtsgericht in Kattowitz einen Haftbefehl zur Untersuchungshaft gegen Morel. Dies geschah auf Antrag der Bezirkskommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk. Im Beschluss heißt es, dass er als Leiter des Lagers Zgoda zwischen Februar und November 1945 Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen habe, die ein kommunistisches Verbrechen an den (aus nationalen und politischen Gründen) dort inhaftierten Häftlingen darstellten.
Letzte Jahre in Israel
Im Juli 2005 lehnte Israel die Auslieferung Morels an die polnischen Behörden ab, mit der Begründung, das israelische Recht sehe keine Auslieferung eigener Staatsbürger vor (Anmerkung: Die Auslieferung wurde konkret abgelehnt, unter anderem mit dem Verweis auf Verjährung). Polen stellte zwei unterschiedliche Auslieferungsanträge, die Israel beide ablehnte: Im ersten Fall wurden Teile der Vorwürfe als falsch und antisemitisch motiviert zurückgewiesen; im zweiten wurde angeführt, dass Morels Taten verjährt seien und sein Gesundheitszustand schlecht sei. Der damalige Justizminister Andrzej Kalwas kündigte daraufhin an, dass keine weiteren Bemühungen um seine Auslieferung unternommen würden. Gegen Salomon Morel wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen.
Im Februar 2006 wurde die Auszahlung seiner Rente für einige Monate eingestellt, da Dokumente fehlten, die Morel jedoch später per Post nachreichte.
Am 14. Februar 2007 starb Salomon Morel in Tel Aviv.
Darstellung in der Kunst
Morel wurde im Spielfilm Zgoda dargestellt, dessen Handlung in dem von ihm geleiteten Arbeitslager spielt. Seine Rolle wurde von Wojciech Zieliński verkörpert.
Sein Schicksal wurde in dem 2020 veröffentlichten Buch von Anna Malinowska mit dem Titel Komendant. Życie Salomona Morela („Der Kommandant. Das Leben des Salomon Morel“) beschrieben.
Im Buch von Maciej Siembieda mit dem Titel Kairos taucht das Thema des Lagers in Świętochłowice und des Kommandanten Morel auf. Beschrieben werden die von ihm angewandten Folterungen – einschließlich der Pyramide.
Quellen
- Congressional Record, Senate, Vol. 92, 2. August 1946 (Evacuation and Concentration Camps in Silesia), US-Nationalarchiv Washington
- Parliamentary Debates, House of Commons, Fifth Series, Vol. 413, London
Literatur
- Anna Malinowska: Komendant. życie Salomona Morela. Wydawnictwo Agora, Warszawa 2020, ISBN 978-83-268-3244-4
- John Sack: An Eye for an Eye: The Story of Jews Who Sought Revenge for the Holocaust. 4. Auflage. John Sack, s. l. 2000, ISBN 0-9675691-0-9.
- John Sack: Auge um Auge. Die Geschichte von Juden, die Rache für den Holocaust suchten. Kabel, Hamburg 1995, ISBN 3-8225-0339-8.
- Gerhard Gruschka: Zgoda – ein Ort des Schreckens. ars una, Neuried 1995, ISBN 3-89391-604-0.
- Alfred M. de Zayas: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. Vorgeschichte, Verlauf, Folgen. 7. vom Autor erweiterte und aktualisierte Auflage. Ullstein, Frankfurt am Main u. a. 1988, ISBN 3-548-33099-1 (Ullstein Buch – Zeitgeschichte 33099), (Zugleich: Göttingen., Univ., Diss., 1977).
- Obóz Pracy w Świętochłowicach w 1945 roku. Dokumenty. Red. Adam Dziurok. Institut für Nationales Gedenken (IPN), Katowice 2002.
- Helga Hirsch: Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern 1944–1950. Kapitel „Schwientochlowitz oder die Grausamkeit des Kommandanten“; Rohwold Verlag 1998; ISBN 3-499-60774-3.
Weblinks
- Antwort des Staates Israel auf den Antrag auf Auslieferung Salomon Morels nebst einem Bericht von Dr. Adam Dziurok und Staatsanwalt Andrzej Majcher über Salomon Morel sowie die Geschichte und Funktionsweise des Lagers Świętochłowice-Zgoda, zur Verfügung gestellt vom polnischen Institut für Nationales Gedenken.
- Bericht der BBC (englisch)
- Archiv Berliner Zeitung
- Bericht RBB
Einzelnachweise
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