Römertopf
Ein Römertopf ist ein 1967 in Deutschland von der Eduard Bay GmbH eingeführter ovaler Topf aus Ton mit Deckel, der zum Garen von Speisen im Backofen benutzt wird. Er wurde in den 1970er Jahren populär und in mehrere Länder exportiert. Die als Gattungsname verwendete Bezeichnung ist seit 1997 eine eingetragene Marke des Herstellers Römertopf Keramik in Ransbach-Baumbach. Seit Juni 2023 ist der Hersteller in der Insolvenz.<ref name="Spiegel.de 2023-06-23">Hersteller des legendären Bräters: Römertopf ist insolvent. In: Der Spiegel (online). 23. Juni 2023, abgerufen am 7. Oktober 2023.</ref> Bei der Gläubigerversammlung der Römertopf-Gruppe im November 2023 bekam der strategische Investor POS Handels GmbH, Hamm den Zuschlag, der die Markenrechte kaufte.<ref name="wa.de 2023-11-29">Nach Insolvenz: Bekannter Investor aus Hamm kauft Kult-Marke Römertopf. In: wa.de. Westfälischer Anzeiger, 29. November 2023, abgerufen am 19. Februar 2024.</ref> Die historischen Produktionsmaschinen und ein Großteil der Mitarbeiter wurden von der m&r Manufaktur GmbH aus Ransbach-Baumbach übernommen, die die Produktion am Standort Deutschland unter dem neuen Markennamen myromy fortführt.<ref>„myromy“ – das Erbe des „Römertopf“. In: HZ Haushaltswaren-Zeitung. Abgerufen am 29. Juli 2025.</ref>
Geschichte
Der Zierkeramikhersteller Eduard Bay aus Ransbach im Kannenbäckerland stellte den Römertopf auf der Hannover-Messe 1967 erstmals vor. Die Idee war von einer Italienreise inspiriert,<ref name=":0" /> die Form des Topfs 1966 von Bays Schwiegersohn Franz Peter Münch gestaltet worden.<ref>Römertopf: Natur pur für kulinarische Genüsse. Abgerufen am 18. November 2021.</ref> Der Name „Römertopf“ wurde als Markenzeichen eingetragen<ref>SCHWEINETOPF. In: Der Spiegel. 26. April 1970, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref> und bezieht sich auf die Verwendung von Keramik in der Küche im Alten Rom.<ref>Tönern trieben es die alten Römer. In: Die Zeit. 7. April 1972, abgerufen am 19. November 2021.</ref> Der Römertopf wurde in der Bundesrepublik im Zusammenhang mit dem Aufstieg gesundheitsbewusster Ernährung in den 1970er Jahren populär.<ref>produkte. In: Der Spiegel. 3. Juni 1973, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref> Bis 1975 wurden 10 Millionen Stück verkauft.<ref name=":0">Peter Wagner: Tageskarte Küche: Kein Römertopf in Rom. In: Der Spiegel. 11. November 2007, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref> Für den Topf erschienen zahlreiche Kochbücher mit Rezepten. Das Buch Braten und Schmoren im Römertopf von Eva Exner (1970) verkaufte sich bis 1971 1,4 Millionen Mal und gilt als einer der ersten Taschenbuch-Bestseller der Bundesrepublik.<ref>Weimarer Beiträge. Aufbau-Verlag, 1975, S. 137 (google.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref> Es gab mehrere Nachahmerprodukte, etwa der auch in den USA vertriebene „Schlemmertopf“.<ref>Florence Fabricant: FOOD; CLAY-POT COOKING KEEPS IN JUICES AND TAKES LITTLE WATCHING. In: The New York Times. 3. Februar 1985, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 19. November 2021]).</ref><ref>Field & Stream. Juli 1992, S. 34 (google.de [abgerufen am 19. November 2021]).</ref> In den USA galt der Römertopf aufgrund seiner mangelnden Eignung für die dortige Küche als wirtschaftlicher Misserfolg.<ref>Kenneth F. Kiple, Kriemhild Coneè Ornelas, Cambridge University Press: The Cambridge World History of Food. Cambridge University Press, 2000, ISBN 978-0-521-40215-6, S. 1321 (google.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref> In der DDR war er ein beliebtes Mitbringsel für Verwandte. In den 1990er Jahren ging die Nachfrage zurück, als andere Gartechniken beliebt wurden, etwa der Wok.<ref>HARALD PETERS: themenläden und andere clubs: Cocooning heißt jetzt Cooking. In: Die Tageszeitung: taz. 15. November 2002, ISSN 0931-9085, S. 25 (taz.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref> 1997 übernahm die Firma Römertopf Keramik die Markenrechte. Seit den 2010er Jahren wurde der Römertopf wieder beliebter. Im Jahr 2011 gab der Hersteller eine jährliche Produktionszahl von 400.000 Römertöpfen an. Rund 40 % habe man ins Ausland exportiert.<ref name=":1">Andreas Austilat: Ton Der gute. In: Tagesspiegel. Abgerufen am 18. November 2021.</ref>
Die Produktion des Unternehmens, das 44 Mitarbeiter in Ransbach hatte, sollte nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Juni 2023 noch drei Monate weitergeführt werden.<ref name="Spiegel.de 2023-06-23" /> Im November 2023 wurde einem der zwei potentiellen Investoren der Zuschlag erteilt.<ref>Zwei Investoren nach Insolvenz an Römertopf interessiert, SZ, 13. Oktober 2023</ref><ref name="wa.de 2023-11-29" /> Die Römertopf-Produktion sollte an anderen Standorten, aber weiterhin im Westerwald, durch Dienstleister erfolgen. Neu entwickelte Produkte sollen in Westeuropa produziert werden.<ref>Marke Römertopf in neuen Händen. In: Stiel und Markt. Meisenbach GmbH, 17. Januar 2024, abgerufen am 19. Februar 2024.</ref>
Gartechnik
Der Römertopf, der vor der Benutzung im Ofen gewässert wird, gart die Speisen durch den aus dem Ton abgesonderten Dampf.<ref>Wolfgang Rapp: Renaissance des sanften Dunstgarens im Tontopf. Abgerufen am 22. November 2021.</ref> Die Gartechnik wurde als „Dunstgaren“ oder „Tossieren“ beworben, bei dem der Topfboden nicht heißer als 100 Grad werde.<ref>Bunte. Burda, März 1975, S. 75 (google.de [abgerufen am 19. November 2021]).</ref> Geworben wurde außerdem mit dem Slogan „Garzeit ist Freizeit“.<ref name=":1" /> Die Gartechnik wurde als Methode für fettarmes Kochen beworben.<ref>Ernährungs-Umschau. Umschau Verlag, 2006, ISBN 978-3-930007-20-2, S. 160 (google.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref> Der Römertopf kann außerdem zum Backen<ref>Melanie von Daake: Römertopf: Brot backen im Tontopf. In: utopia.de. 26. Januar 2021, abgerufen am 23. November 2021.</ref> und Aufbewahren<ref>Matthias Kemter: Brot aufbewahren – 12 Tipps, um Brot frisch zu halten. In: StN.de (Stuttgarter Nachrichten). 3. September 2020, abgerufen am 23. November 2021.</ref> von Brot verwendet werden.
Modelle und Material
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Seit den 1960er Jahren waren verschiedene Varianten erhältlich. Das bekannteste Modell mit Griff im Deckel trug die Bezeichnung Römertopf Nr. 111.<ref>Eva Exner: Braten und Schmoren im Römertopf – 400 wundervolle Gerichte für die gesunde Ernährung, Ransbach: Bay, 1970, Rückseite.</ref> Er wird heute unter der Modellbezeichnung Römertopf Klassiker vertrieben.<ref>Römertopf Gebrauchsinformation, S. 2, PDF</ref> Auf dem Rand des Deckels sind verschiedene Symbole abgebildet, etwa ein Fisch, ein Weinglas und ein Hahn. Auf den aktuell erhältlichen Modellen ist der Deckel mit anderen Symbolen gestaltet, etwa Säulen und Figuren. Es werden auch andere Formen hergestellt, etwa ein Bananenbräter für gebackene Bananen.<ref>Ira König: Römertopf. GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH, 2010, ISBN 978-3-8338-0955-2, S. 57 (google.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref> Der Römertopf besteht aus Tongut (Irdenware)<ref>Wolfgang Frede: Handbuch für Lebensmittelchemiker: Lebensmittel – Bedarfsgegenstände – Kosmetika – Futtermittel. Springer-Verlag, 2010, ISBN 978-3-642-01685-1 (google.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref> und wird bei einer Temperatur von über 1000 Grad gebrannt.<ref>Der Römertopf wird fünfzig. Abgerufen am 23. November 2021.</ref> Das klassische Modell aus hellrötlichem Scherben<ref>Keramische Zeitschrift. Verlag Schmid, 1980, S. 342 (google.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref> ist naturbelassen, der Untertopf neuerer Modelle hat innen eine Glasur.<ref>Römertopf-Unterschied: glasiert oder unglasiert. In: Römertopf-Rezepte. Abgerufen am 22. November 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Im Gegensatz zu einem Bräter oder einer Kokotte, die aus Metall hergestellt werden, hat der Römertopf keine Henkel. Er kann alternativ zu einem Güveç-Topf verwendet werden.<ref>Tanja Dusy: Türkisch. GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH, 2021, ISBN 978-3-8338-7938-8, S. 44 (google.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref>
In der Kultur
Der tschechische Dissident und spätere Präsident Václav Havel verwendete in den 1970er-Jahren einen Römertopf.<ref>Michael Žantovský: Kančí na daňčím: kuchařka Václava Havla. Knihovna Václava Havla, 2019, ISBN 978-80-87490-99-0, S. 106.</ref> Im surrealistischen Film Sommer der Liebe (1992) von Wenzel Storch wird die Hauptfigur Oleander (Jürgen Höhne) in einem überlebensgroßen Römertopf begraben und dafür zurechtgesägt.<ref>Epd film: Zeitschrift des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, 1993, S. 44 (google.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref><ref>Kulinarischer Dilettantismus: Eine Entdeckung. In: DFF.FILM. 23. April 2020, abgerufen am 22. November 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> 2002 kochte der deutsche Aktionskünstler Christoph Schlingensief in der Sendung alfredissimo! von Alfred Biolek einen Putenrollbraten im Römertopf. Bevor er den Topf in den Ofen schob, versteckte er darin eine leere Patronenhülse mit dem Kommentar „Nicht nur das Auge isst mit, sondern auch das Gerücht“.<ref>Andreas Rosenfelder: Aktionskünstler: Schlingensief – Meister unvergesslicher Streiche. In: Die Welt. 22. August 2010 (welt.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref><ref>Rote Beete Reden. Folge 3: »NICHT NUR DAS AUGE ISST MIT, SONDERN AUCH DAS GERÜCHT« - Schauspielhaus. Abgerufen am 22. November 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Er verwendete den Römertopf später in weiteren Kunstaktionen, etwa 2005 in seiner Performance Fick Collection<ref>Jörg Schallenberg: Schlingensiefs "Fick Collection": Parsifal mit Pute. In: Der Spiegel. 16. März 2005, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref><ref>Julia Köhne, Ralph Kuschke, Arno Meteling: Splatter Movies: Essays zum modernen Horrorfilm. Bertz + Fischer, 2005, ISBN 978-3-86505-157-8, S. 209 (google.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref><ref>Catherina Gilles: Kunst und Nichtkunst: das Theater von Christoph Schlingensief. Königshausen & Neumann, 2009, ISBN 978-3-8260-3955-3, S. 120 (google.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref> und bei seiner Antrittsvorlesung an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig 2006.<ref>Kai Schöneberg: „Momente, wo es mal kurz im Leben ruckelt“. In: Die Tageszeitung: taz. 18. Mai 2006, ISSN 0931-9085, S. 27 (taz.de [abgerufen am 22. November 2021]).</ref> Im Film Germanikus (2004) mit Gerhard Polt wird eine satirische Geschichte des Römischen Reichs mithilfe eines Römertopfs erzählt.<ref>Gerd Holzheimer: POLT: Die Biografie. Langen Mueller Herbig, 2016, ISBN 978-3-7844-8084-8 (google.de [abgerufen am 18. November 2021]).</ref><ref>Germanikus (D 2004) : KRITIK : artechock. Abgerufen am 18. November 2021.</ref>
Myromy
Die Marke myromy („my romy“) entstand nach der Insolvenz der Marke Römertopf und führt die keramische Kochgeschirrproduktion am Standort Ransbach in teilweise neu ausgerichteter Form fort.<ref>myromy – Das Erbe des Römertopf. In: Haushaltswaren-Zeitung. Abgerufen am 29. Januar 2026.</ref> Im Zuge des Insolvenzverfahrens hatte die m&r Manufaktur GmbH Teile der früheren Römertopf-Produktion, darunter historische Maschinen sowie erfahrene Mitarbeitende, übernommen.<ref>Unternehmer erfindet den Römertopf neu. In: Saarbrücker Zeitung. Abgerufen am 29. Januar 2026.</ref> Die Namensrechte am Römertopf übernahm ein anderer Investor, der die Produktion von Römertöpfen an einen anderen Standort verlagerte.
myromy stellt keramisches Kochgeschirr aus Westerwälder Ton her, darunter Bräter, Back- und Grillformen. Im Unterschied zu klassischen Tontöpfen, die vor der Nutzung gewässert werden müssen, sind die Kochgeschirre von myromy so ausgelegt, dass sie ohne vorheriges Wässern verwendet werden können.<ref>myromy – Das Erbe des Römertopf. In: Tischgespräch. Abgerufen am 29. Januar 2026.</ref>
Literatur
- Eva Exner: Braten und Schmoren im Römertopf – 400 wundervolle Gerichte für die gesunde Ernährung. Ransbach: Bay, 1970.
- Erhard Cosack: Zu den Gareigenschaften römischer Kochtöpfe. Mit einem archäologischen Experiment. In: ders.: Rhein-Weser-germanische Scheiterhaufengräber bei Mehle (Lkr. Hildesheim). Mit einem römischen Kochtopf der Okkupationszeit und dessen kulturgeschichtlicher Hintergrund. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Band 61, 2014, S. 164–170, Volltext (PDF).
Weblinks
- Kochen im Römertopf - einfache und leckere Rezepte aus dem Ofen Doku von freizeit im BR mit Otto Geisel (2006)
- roemertopf.de
- my-romy.de
Einzelnachweise
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