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René Pollesch

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René Pollesch (* 29. Oktober 1962 in Dorheim, Hessen; † 26. Februar 2024) war ein deutscher Dramatiker und Regisseur. Er galt als bedeutender Vertreter des postdramatischen Theaters in Deutschland. Die Texte seiner über zweihundert Inszenierungen schrieb er selbst, oft in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Schauspielern. Von 2021 bis zu seinem Tod war er Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Leben

René Pollesch war Sohn von Romuald Pollesch, Maschinenschlosser und Hausmeister, und dessen Frau Emmi, Hausfrau und „eine Kultfigur in Dorheim“, wo Pollesch aufwuchs.<ref>René Pollesch im Munzinger-Archiv, abgerufen am 2. Dezember 2021 (Artikelanfang frei abrufbar)</ref><ref name="wz2024">Michael Humboldt: René Pollesch hat die Bühne des Lebens verlassen. In: Wetterauer Zeitung. 2. März 2024, abgerufen am 2. März 2024.</ref> Er besuchte das Burggymnasium Friedberg, wo er bereits in einer Theater-AG mitarbeitete.<ref name="wz2024" /> Von 1983 bis 1989 studierte er im ersten Jahrgang<ref>Gespräch zwischen René Pollesch und Frank M. Raddatz in Lettre International. 108, Frühjahr 2015, S. 119.</ref> am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Universität Gießen bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann.<ref name="killy">Claudia Löschner: Pollesch, René. In: Wilhelm Kühlmann in Verbindung mit Achim Aurnhamme u. a. (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Berlin / New York 2010, S. 294–295.</ref><ref name="goetheinstitut1">René Pollesch. Goethe-Institut, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 17. Januar 2012; abgerufen am 27. Februar 2024.</ref> Bei den Gastprofessoren Heiner Müller, George Tabori, Robert Wilson und John Jesurun war er an verschiedenen Projekten beteiligt.<ref name="munzinger">Pollesch, René im Munzinger-Archiv, abgerufen am 3. November 2012 (Artikelanfang frei abrufbar).</ref><ref name="goetheinstitut2">Till Briegleb: René Pollesch. Goethe-Institut, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 19. Dezember 2014; abgerufen am 27. Februar 2024.</ref> Nach verschiedenen Stationen an deutschen Theatern, unter anderem ab 1992 am Theater am Turm in Frankfurt am Main, und einer Phase der Arbeitslosigkeit zwischen 1992 und 1994 erhielt Pollesch 1996 ein Arbeitsstipendium am Royal Court Theatre in London.<ref>active value: René Pollesch. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 2. Dezember 2021; abgerufen am 27. Februar 2024.</ref><ref name="killy" /><ref name="goetheinstitut2" /> 1997 folgte ein Stipendium der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.<ref name="killy" /><ref name="munzinger" />

In der Spielzeit 1999/2000 war er Regisseur am Luzerner Theater, im Herbst 2000 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.<ref name="killy" /><ref name="munzinger" /> Von 2001 bis 2007 leitete er die kleine Spielstätte Prater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.<ref name="goetheinstitut1" /><ref name="munzinger" /> Parallel und danach fortsetzend schrieb er eigene Stücke und inszenierte sie unter anderem an den Münchner Kammerspielen, am Staatstheater Stuttgart, am Burgtheater in Wien und am Deutschen Theater Berlin. Im Mai 2012 wurde Pollesch als neues Mitglied in die Akademie der Künste (Sektion „Darstellende Kunst“) in Berlin aufgenommen.<ref name="munzinger" /><ref>Nachrichten. In: Süddeutsche Zeitung. 19. Juni 2012, S. 12.</ref> Im Juni 2019 wurde bekannt, dass Pollesch ab 2021 die Intendanz der Volksbühne Berlin übernehmen werde.<ref>Rüdiger Schaper: René Pollesch soll neuer Chef der Volksbühne werden. In: Der Tagesspiegel. 11. Juni 2019, abgerufen am 29. Oktober 2020.</ref>

Für seine Arbeit wurde Pollesch mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. So erhielt er 2001 und 2006 den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis, 2009 außerdem den undotierten Publikumspreis.<ref>Wiederholungssieger. Mülheimer Preis an René Pollesch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 128, 3. Juni 2006, S. 37.</ref> 2002 wurde er in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute für die Prater-Trilogie zum besten deutschen Dramatiker gewählt.<ref name="goetheinstitut2" /> 2019 wurde ihm in Wien der mit 10.000 Euro dotierte Arthur-Schnitzler-Preis verliehen.<ref>Arthur-Schnitzler-Preis für René Pollesch. In: Nachtkritik. 7. Juni 2019, abgerufen am 29. Oktober 2020.</ref>

Pollesch lebte offen homosexuell<ref>Georg Kasch: Kolumne: Queer Royal – Georg Kasch verabschiedet sich von René Polleschs queerem Theater. 19. März 2024, abgerufen am 19. März 2024.</ref><ref>Theaterwelt trauert um René Pollesch. In: Queer.de. 27. Februar 2024, abgerufen am 27. Februar 2024.</ref> und wohnte zuletzt in Berlin-Prenzlauer Berg.<ref>Anne Vorbringer: René Pollesch: „Ich käme nicht auf die Idee, nach Kreuzberg zu ziehen“. In: Berliner Zeitung. 22. Juni 2022, abgerufen am 26. Februar 2024.</ref> Seine letzte Premiere ja nichts ist ok musste wegen eines Krankenhausaufenthalts wegen Problemen am Herzen verschoben werden.<ref>Fabian Hinrichs: Fabian Hinrichs verabschiedet sich mit einem Brief vom großen Theatermenschen René Pollesch. 17. März 2024, abgerufen am 17. März 2024.</ref> Sie war für den 20. Januar 2024 geplant, fand aber erst am 11. Februar statt.<ref>ja nichts ist ok – Premiere – Verschoben auf den 11.2. 18 Uhr. In: Siegessäule. Abgerufen am 9. April 2024.</ref>

René Pollesch starb am Morgen des 26. Februar 2024 unerwartet im Alter von 61 Jahren.<ref name="sz-6400219">„Plötzlich und unerwartet“: Volksbühnen-Intendant Pollesch gestorben. In: Süddeutsche Zeitung. 27. Februar 2024, abgerufen am 27. Februar 2024.</ref><ref>Volksbühnen-Intendant René Pollesch stirbt mit 61 Jahren. In: rbb24.de, 27. Februar 2024, abgerufen am 27. Februar 2024.</ref> Die Beisetzung war am 16. April 2024 auf dem Alten Luisenstädtischen Friedhof in Berlin-Kreuzberg.<ref>Christian Rakow: Autor und Regisseur René Pollesch in Berlin beigesetzt. 17. April 2024, abgerufen am 17. April 2024.</ref>

Arbeitsweise

Pollesch galt als bedeutender Vertreter des postdramatischen Theaters in Deutschland und als einer der produktivsten Dramatiker seiner Zeit. Er hat über zweihundert Stücke geschrieben und uraufgeführt.<ref>Eva Marburg: „René Pollesch erzeugte ein Gemeinschaftsgefühl, das man selten im Theater erlebt“ – Zum Tod des Theaterregisseurs. swr.de, 27. Februar 2024, abgerufen am 27. Februar 2024.</ref> Sie sind verhältnismäßig kurz und überschreiten selten eine Länge von 90 Minuten, eine Ausnahme ist etwa Je t’adorno (2010).<ref>Peter Michalzik: „Je t’adorno“: Pollesch-Premiere in Frankfurt. In: Der Spiegel. 10. März 2014, abgerufen am 1. Dezember 2021.</ref> Seine Texte entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern. Fiel ein Schauspieler aus, fand eine Aufführung üblicherweise nicht statt. Eine Ausnahme war Désirée Nick, die nach der Premiere von Telefavela 2004 für mehrere Monate an der Sendung Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! teilnahm und deshalb umbesetzt wurde. In den Produktionen an der Volksbühne stand ab 2001 häufig die Souffleuse Tina Pfurr mit den Schauspielern auf der Bühne.<ref>Susanne Messmer: „Es ist kein Fehler, wenn man den Text nicht kann – es geht um die Inhalte“. In: Die Tageszeitung. 15. Dezember 2012, S. 42, abgerufen am 18. Mai 2022.</ref> Pollesch inszenierte seine Stücke meist selbst; Ausnahmen waren zwei Inszenierungen von Stefan Pucher 2003 und 2005. Pollesch war philosophisch unter anderem von Donna Haraway und Jean-Luc Nancy beeinflusst.<ref>Neue Dramatik in zwölf Positionen (11): René Pollesch. In: Nachtkritik. Abgerufen am 1. Dezember 2021.</ref> Zu den Schauspielern, mit denen Pollesch häufig arbeitete, zählten Martin Wuttke, Fabian Hinrichs, Kathi Angerer und Sophie Rois.<ref>"Prägender Theatermacher": Volksbühnen-Intendant gestorben. In: Die Zeit. 27. Februar 2024, abgerufen am 27. Februar 2024.</ref> Simon Strauß schrieb nach seinem Tod in der FAZ: „Pollesch konnte das komische Register ziehen, er konnte bitterböse Pointen verfassen, rasante Dialoge schreiben, postdramatische Zeitenwenden grell bebildern. Aber was er vor allem konnte, war die angelesene Theorie wirkungsvoll auf die Bühne bringen.“<ref>Simon Strauß: Der zauberhafte Sinnabbrecher. faz.net, 27. Februar 2024, abgerufen am 27. Februar 2024.</ref>

Werke

Theaterstücke

Oper

Bücher und Texte

  • Wohnfront 2001–2002. Hrsg. von Bettina Masuch / Volksbühne Berlin. Alexander Verlag, Berlin 2002.
  • www-slums. Hrsg. von Corinna Brocher. Rowohlt TB, Reinbek 2003.
  • 24 Stunden sind kein Tag. Synwolt, Berlin 2003.
  • Zeltsaga – Polleschs Theater 2003/2004. Lenore Blievernicht (Hrsg.). Synwolt, Berlin 2004.
  • Prater-Saga. Hrsg. von Aenne Quiñones / Volksbühne Berlin. Alexander Verlag, Berlin 2005, ISBN 978-3-89581-149-4.
  • Die Überflüssigen. Hrsg. Volksbühne Berlin / Malte Ubenauf. Alexander Verlag, Berlin 2007. (Der Band enthält Beiträge von und über René Pollesch.)
  • Requiem fürs Programmheft. Nachruf auf Baudrillard. In: Theater heute, Heft 4, April 2007, S. 1–3.
  • Liebe ist kälter als das Kapital. Hrsg. von Corinna Brocher, Aenne Quinones. Rowohlt TB, Reinbek bei Hamburg 2009.
  • Kill Your Darlings. Hrsg. von Nils Tabert. Rowohlt TB, Reinbek bei Hamburg 2014, ISBN 978-3-499-26758-1.
  • Ich brauche das Drama. In: Carl Hegemann: Identität und Selbst-Zerstörung. Alexander Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-89581-445-7.

Filme

Hörspiele

  • Heidi Hoh (DLR/WDR 2000)
  • Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr (DLR 2001)
  • Heidi Hoh 3. Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat (DLR 2002)
  • Tod eines Praktikanten (DLR 2007)

Auszeichnungen

Literatur

  • Thomas Assheuer: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Schmeiß Dein Ego weg. Ein Porträt von René Pollesch. (Memento vom 3. November 2016 im Internet Archive) In: Die Zeit, Nr. 38/2014.
  • Christine Bähr: Arbeitssubjekte im theoretischen Theatertext. René Polleschs „Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiss-Hotels“. In: Dies.: Der flexible Mensch auf der Bühne. Sozialdramatik und Zeitdiagnose im Theater der Jahrtausendwende. Transcript, Bielefeld 2012, S. 335–380.
  • Natalie Bloch: Ich will nichts über mich erzählen. Subversive Techniken und ökonomische Strategien in der Theaterpraxis von René Pollesch. In: Thomas Ernst, Patricia Gozalbez Cantó, Sebastian Richter, Nadja Sennewald, Julia Tieke (Hrsg.): SUBversionen: Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart. Transcript, Bielefeld 2008.
  • Franz-Josef Deiters: „Mit Hamlet kann ich meinen Alltag nicht bewältigen“. René Polleschs Theorietheater des Nicht-Repräsentierbaren". In: Franz-Josef Deiters: Neues Welttheater? Zur Mediologie des Theaters der Neo-Avantgarden. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2022, S. 85–113. ISBN 978-3-503-20998-9.
  • Diedrich Diederichsen: Maggies Agentur. In: René Pollesch: Prater-Saga. Hrsg. v. Aenne Quiñones. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz/Alexander, Berlin, S. 1–19.
  • Muriel Ernestus: Von politischem Theater und flexiblen Arbeitswelten. Überlegungen zu Theatertexten von Widmer, Richter und Pollesch. Sine Causa, Berlin 2012.
  • Karen Knoll: Unordnung im Sinnlichen. Zum politischen Theater René Polleschs. Diss. Universität Frankfurt am Main 2010.<ref>Karen Knoll: Unordnung im Sinnlichen. Zum politischen Theater René Polleschs. (PDF; 1,4 MB) Diss. Universität Frankfurt/Main 2010</ref>
  • Claudia Löschner: Pollesch, René. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Hrsg. v. Wilhelm Kühlmann in Verbindung mit Achim Aurnhammer et al. Berlin / New York 2010, Bd. 9. S. 294f.
  • Matthias Naumann, Michael Wehren (Hrsg.): Interview mit Fabian Hinrichs Macht es für Euch! In: Dies. (Hrsg.): Räume, Orte, Kollektive. Neofelis-Verlag, Berlin 2013, S. 153–173.
  • Katharina Pewny: Prekäre Künstler als Erfolgsmodelle. Jochen Roller – René Pollesch. In: Dies.: Das Drama des Prekären. Transcript, Bielefeld 2011, S. 221–241.
  • Johann Reißer: Archäologische Schnitte, kollidierende Wucherungen: Das post-bürgerliche Schauspiel des Selbst in René Polleschs Theater des Sagbaren. In: Artur Pelka, Stefan Tigges (Hrsg.): Das Drama nach dem Drama. Verwandlungen dramatischer Formen in Deutschland seit 1945. Transcript, Bielefeld 2011, S. 287–302.
  • Tim Schuster: Räume, Denken: Das Theater René Polleschs und Laurent Chétouanes. Neofelis-Verlag, Berlin 2013.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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