Rückentlehnung
Eine Rückentlehnung ist eine besondere Form des Lehnworts.
Manchmal wird ein Wort in eine andere Sprache übernommen und ändert dort seine Bedeutung, seine Lautung oder seine Schreibung. Wird dieses neue Wort in seine Ursprungssprache zurückentlehnt, so spricht man von Rückentlehnung. Eine Liste von Rückentlehnungen ins Deutsche findet man bei Paul 2002,<ref>Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. 10., überarbeitete und erweiterte Auflage. von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel. Max Niemeyer, Tübingen 2002, ISBN 3-484-73057-9, Stichwort „Rückentlehnung“, Seite 23.</ref> eine wesentlich umfangreichere bei Bär 2017.<ref>Jochen A. Bär: Dorthin und wieder zurück. Wörter in der Fremde. In: Der Sprachdienst 2, 2017, Seite 61–92; Liste der Rückentlehnungen Seite 67–89.</ref>
Beispiele
Ein Beispiel ist Guerilla. Dieses Wort stammt von dem germanischen Wort vera, das Wirrnis, Durcheinander bedeutete. In den romanischen Sprachen, die kein „W“ schreiben, wurde es in der Schreibung Guerre oder Guerra übernommen und bedeutete dort Krieg. Als dann im Kampf gegen Napoleon auf der iberischen Halbinsel der Kleinkrieg, span. Guerrilla (wörtl.: der kleine Krieg) entwickelt wurde, kam diese Bezeichnung des Partisanenkampfes auch wieder in die deutsche Sprache zurück, ohne dass man allerdings noch erkennen könnte, dass der Neuankömmling ein Heimkehrer war.
Rückentlehnungen können auch über mehrere Sprachen erfolgen. Beispielsweise stammt im Deutschen „Balkon“ aus dem Französischen, was dort dem Italienischen „balcone“ entlehnt ist. „Balcone“ seinerseits stammt aber wiederum vom ursprünglich germanischen „Balken“.
„Boulevard“ ist solch eine Rückentlehnung. Hier kam ein Bollwerk in die französische Sprache und kehrte als Prachtstraße zurück, wie auch Salon (Saal), Agraffe (Althochdeutsch „krapfo“ für „Kampf“/„Haken“), Fauteuil („faldistôl“ für Faltenstuhl), Loge (Althochdeutsch „Laubja“ für „Laub“), Robe (Althochdeutsch „Raubon“ für „Raub“/„Räuber“), Spion (Althochdeutsch „spehon“ für „Spähen“).<ref>Frogleap: Rückentlehnungen aus der französischen Sprache (aus deutscher Sicht)</ref>
Das hebräische Wort תכלית („Zweck“, moderne Aussprache: <templatestyles src="IPA/styles.css" />) bekam auf Jiddisch (Aussprache: <templatestyles src="IPA/styles.css" />) die zusätzlichen Bedeutungen „Ergebnis“, „ernsthafte Angelegenheit“<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Yiddish Dictionary Online ( des Vorlage:IconExternal vom 2. Februar 2006 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref> und fand seinen Weg zurück ins Hebräische als תכלס (Aussprache: <templatestyles src="IPA/styles.css" />) mit den Bedeutungen „sachlich, Kern der Sache“ (siehe auch Wiktionary → Tacheles reden).
Rückentlehnungen beweisen, dass Sprachaustausch keine Einbahnstraße ist. Sie weisen aber auch ein wenig darauf hin, wie problematisch die Unterscheidung von Fremd-, Lehn- und Erbwörtern sein kann.
Literatur
- Helmut Glück (Hrsg.), unter Mitarbeit von Friederike Schmöe: Metzler Lexikon Sprache. 3., neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-02056-8 (Stichwort: „Rückentlehnung“).
Weblinks
Einzelnachweise
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