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Psychogenetisches Grundgesetz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Das psychogenetische Grundgesetz wurde 1904 von Stanley Hall (1846–1924) beschrieben. Er bezog sich dabei auf das biogenetische Grundgesetz von Ernst Haeckel (1834–1919). Beide Autoren versuchen, die individuelle menschliche Entwicklung (Ontogenese) anhand der kollektiven Geschichte zu verdeutlichen (Menschheitsgeschichte). Während Haeckel hierzu die biologische Stammesgeschichte (Phylogenese) heranzieht, beruft sich Hall auf die Völkerkunde (Ethnologie). Sigmund Freud überträgt die Prinzipien der Einzelpsychologie auf die Massenpsychologie.<ref>Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ichanalyse. 1921. In: Sigmund Freud: Studienausgabe. Band IX: Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion. Fischer, Frankfurt am Main 1982, S. 61–134.</ref>

Biogenetisches Grundgesetz

Während Ernst Haeckel mit seiner Theorie des biogenetischen Grundgesetzes die biologischen Parallelen der menschlichen Entwicklung betont, hebt Stanley Hall die in der Geschichte der Menschheit zu verfolgenden psychologischen Momente hervor. Ernst Haeckels Grundregel lautete: Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.

Psychogenetisches Grundgesetz

Das psychogenetische Grundgesetz Halls entspricht dem biogenetischen Grundgesetz Haeckels und will darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen Psychogenese und Phylogenese ausdrücken nach dem Motto: „Die körperliche und psychische intrauterine und postpartale Kindheitsentwicklung wiederholt die Geschichte der Stammesentwicklung von Mensch und Tier“.<ref>Wilhelm Karl Arnold u. a. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8, zu Stw. „Psychogenetisches Grundgesetz“: Spalte 1729, weitere Literaturangaben siehe dort</ref> Es lassen sich auch ethnologische Parallelen feststellen.

Bildbeispiele

Datei:Bistr animals.jpg
Exotische Tiere, Kinderzeichnung, wunschgeleitete, schöne, paradiesische und urtümliche kindliche Vorstellungswelt?
Datei:Lascaux painting.jpg
Höhlenmalerei in Lascaux 15 bis 17.000 v. Chr.

Der Vergleich von Höhlenmalerei aus Lascaux mit einer ausgewählten Kinderzeichnung soll es dem Betrachter gestatten, mögliche Ähnlichkeiten auf beiden „urtümlichen“ Bildern zu erkennen. Als „mythologischer Zusammenhang“ für die linke Abb., die ein Kinderbild zeigt, kann ggf. auf die hier vermittelte paradiesische Stimmung verwiesen werden, um als archaisch beurteilt zu werden. Ein Bezug zum Schöpfungsbericht der Bibel (1 Mos 1-2) oder zur Metamorphose des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. bis etwa 17 n. Chr.) über das Goldene Zeitalter wäre damit hergestellt.<ref>Ovid, Metamorphosen 1,89.</ref> Die Umwelt gewinnt in der hier auf beiden Abb. dargestellten Tier- und Pflanzenwelt einen elementar sinnlichen, ja sogar „wunderkräftig wirksamen“ Charakter, auch und gerade wenn die Verschmelzung mit Jagdinteressen für Höhlenbewohner eher als vordergründig anzunehmen sind, vgl. auch die Bedeutung „urtümlicher“ innerer Bilder<ref name="JungJGW6" details="S. 445 f. §§ 688, 691 f. zu Stw. „urtümliches Bild“" /><ref name="DrosdowskiHWB" details="S. 82 zu Lemma „Bild“, Stw. „wunderkräftig wirksam“ (als älteste Grundbedeutung von 'Bild')" />. Die rechte Abb. vermittelt schon allein wegen ihres Alters einen Anspruch auf archaische Zuordnung.

Beispiele aus der Literatur

  • Die Latenzphase der kindlichen Entwicklung zeigt weit zurückliegende kulturgeschichtliche Parallelen, wie es Sigmund Freud darstellte.
  • Kinderzeichnungen lassen an schematische Darstellungen von Bildern aus der Urgeschichte wie die Höhlenmalerei denken.
  • Die bei Kindern in einer ganz bestimmten Entwicklungsphase beliebten Ritterspiele wiederholen die Jahrhunderte zurückliegende Geschichte der Ritterkultur (Mittelalter).
  • Die sprachgeschichtlich nachweisbare Entwicklung von Oppositionsworten zu Antonymen spiegelt die jeweils individuelle psychische Entwicklung vom Primärprozess zum Sekundärprozess wider.<ref name="GUW">Carl Abel: Der Gegensinn der Urworte. 1884.</ref><ref>Sigmund Freud: Die Traumdeutung. 1900. In: Gesammelte Werke. Band II/III, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Stellenhinweise: Taschenbuchausgabe der Fischer-Bücherei, Aug. 1966, Kap. VI. Die Traumarbeit, Abs. C. Die Darstellungsmittel des Traumes, S. 265 f.</ref>
  • Nach dem Konzept der Desomatisierung ist die Entwicklung von tertiären Hirnzentren jüngeren Datums als die von sekundären Zentren. „Jüngeres Datum“ bedeutet in entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht, dass sich die entsprechende Entwicklung erst später manifestiert. Zuerst entwickeln sich die sekundären und dann erst die tertiären Zentren. Erst in den höheren tertiären Zentren ist eine „psychologische“ Verarbeitung von Sinnesreizen möglich. Das animalische Nervensystem ist jüngeren Datums als das vegetative. Sogenannte „höhere Hirnfunktionen“ sind jünger als solche, die eine rein somatische Regulation von Körperorganen bewirken.<ref>Max Schur: Comments on the Metapsychology of Somatization. In: Psa.Stud. Child. 10, 1955, S. 119–164. (deutsch in: K. Brede (Hrsg.): Einführung in die Psychosomatische Medizin. Frankfurt 1974, S. 335–395)</ref>
  • Traumatische kollektive religionsgeschichtliche Erfahrungen (z. B. Tötung des Mose in der Religionsgeschichte des Judentums) geben nach Freud Anlass zur Beobachtung ähnlicher Entwicklungsschritte wie sie in der Einzelpsychologie bei der Entwicklung neurotischer Symptome bekannt sind. Dabei handelt es sich um den typischen Ablauf folgender neurotischer Stadien: „Frühes Trauma“ (vielfach etwa sinnliche Entbehrungen durch mangelhafte Präsenz der geliebten Mutter im Rahmen des Ödipuskonflikts) – Abwehr entsprechender Hassgefühle gegenüber dem Vater bis hin zu Wunschvorstellungen des VatermordsLatenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – mögliche Wiederkehr des Verdrängten. Als ein wesentliches Moment der Religionsbildung im Sinne der Kompensation erscheint dabei das verdrängte Schuldgefühl.<ref>Sigmund Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. 1939. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2010, ISBN 978-3-15-018721-0, S. 101.</ref>
  • Am Beispiel frühkindlicher Erinnerungen kann die Mythenbildung verdeutlicht werden, in der es nicht um historische bzw. biographische Genauigkeit, sondern vornehmlich um psychologische Bedeutungen geht.
  • Sigmund Freuds Konzept der Deckerinnerung

Siehe auch

Einzelnachweise

<references> <ref name="DrosdowskiHWB"> Günther Drosdowski: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache; Die Geschichte der deutschen Wörter und der Fremdwörter von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart. 2. Auflage. Dudenverlag, Band 7, Mannheim 1997, ISBN 3-411-20907-0. </ref> <ref name="JungJGW6"> Carl Gustav Jung: Psychologische Typen. In: Gesammelte Werke. Band 6, Walter, Solothurn/Düsseldorf, 1995, ISBN 3-530-40081-5. </ref> </references>