Prophylaktische Mastektomie
Eine prophylaktische Mastektomie ist die vorbeugende (prophylaktische) Entfernung (Amputation) einer oder beider Brüste (Mastektomie) einer Frau, die entweder ein hohes genetisch bedingtes Risiko (Prädisposition) trägt, an Brustkrebs zu erkranken, oder bei der Brustkrebs in der anderen Brust festgestellt wurde. Die beidseitige Brustentfernung gilt bei Patientinnen mit hohem familiären Risiko als sicherste Methode, Brustkrebs zu verhindern. Einer neueren Studie zufolge bieten das regelmäßige Screening und Fortschritte bei der Behandlung von Brustkrebs einen gleichwertigen Überlebensvorteil.<ref name="PMID19996031" />
Indikation
Frauen, die eine Mutation der Gene BRCA1 oder BRCA2 haben, erkranken, bis zu einem Alter von 70 Jahren betrachtet, mit einer Wahrscheinlichkeit von 55 und 85 Prozent an Brustkrebs.<ref name="aerzteblatt">Klijn u. a.: Brustkrebs und prophylaktische Mastektomie bei Frauen mit Mutationen von BRCA1 oder BRCA2. In: Deutsches Ärzteblatt 99, 2002, S. A-1445/B-1229/C-1153</ref> Dies entspricht einer 10- bis 20-fach höheren Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs zu erkranken.<ref>Berliner Zeitung vom 10. Oktober 2006, Wissenschaft S. 12.</ref> Man spricht in solchen Fällen auch von einem familiären Krebssyndrom. Insbesondere bei in jungen Jahren auftretendem Brustkrebs spielt diese Prädisposition eine erhebliche Rolle bei der Häufigkeit der Brustkrebserkrankungen. Bei 80 % der familiär vererbten Erkrankungen finden sich Mutationen von BRCA1. BRCA1 ist ein Gen aus der Klasse der Tumorsuppressorgene. Es liegt auf dem Chromosom 17q; BRCA2 liegt auf dem Chromosom 13q. In Untersuchungen an Mäusen zeigte es sich jedoch, dass Tiere mit den gleichen Mutationen nicht ohne weitere Genveränderungen erkranken. Das heißt, dass die Mutationen alleine nicht für den Ausbruch der Erkrankung ausreichen.
Wirksamkeit der prophylaktische Mastektomie
Zahlreiche Studien belegen den Nutzen der prophylaktische Mastektomie. Es wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass das Risiko an Brustkrebs zu erkranken um 90 bis 95 Prozent gesenkt wird. Der daraus resultierende Überlebensvorteil ist jedoch bestenfalls marginal besser als die Vorsorge durch sorgfältiges Screening,<ref name="PMID19996031">A. W. Kurian, B. M. Sigal, S. K. Plevritis: Survival analysis of cancer risk reduction strategies for BRCA1/2 mutation carriers. In: Journal of clinical oncology : official journal of the American Society of Clinical Oncology Band 28, Nummer 2, Januar 2010, S. 222–231, ISSN 1527-7755. doi:10.1200/JCO.2009.22.7991. PMID 19996031. PMC 2815712 (freier Volltext).</ref> Kurian u. a. aktualisierten 2014 ihre Untersuchungen.<ref>"Frühes Mammakarzinom: Prophylaktische Mastektomie ohne Überlebensvorteil"</ref>
Eine Studie mit insgesamt 139 Frauen, die sich einer prophylaktischen Mastektomie unterzogen und zuvor keine Brustkrebserkrankung hatten, zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs zu erkranken nach der Mastektomie in den folgenden drei Jahren praktisch bei Null liegt.<ref>H. Meijers-Heiboer u. a.: Breast cancer after prophylactic bilateral mastectomy in women with a BRCA1 oder BRCA2 mutation. In: N Engl J Med 345, 2001, S. 159–164. PMID 11463009 </ref>
Bei den 76 Frauen, die sich dem chirurgischen Eingriff unterzogen, konnte in dem Zeitraum von drei Jahren keine Brustkrebserkrankung festgestellt werden. Bei der Kontrollgruppe von 63 Frauen, die sich nicht diesem Eingriff unterzogen und dafür eine regelmäßige Überwachung vorzogen, erkrankten im gleichen Zeitraum acht Frauen an Brustkrebs. Dies entspricht einer jährlichen Inzidenz von 2,5 %.<ref name="aerzteblatt"/>
Eine zwischen 1960 und 1993 an der Mayo Clinic durchgeführte Studie<ref>L. C: Hartmann u. a.: Efficacy of Bilateral Prophylactic Mastectomy in Women with a Family History of Breast Cancer. In: N Engl J Med 340, 1999, S. 77–84. PMID 9887158</ref> mit insgesamt 639 Frauen führte zu folgendem Ergebnis:
214 Frauen hatten eine autosomal-dominante Prädisposition auf ein Mamma-Karzinom. 38,7 Prozent der Schwestern der Patientinnen erkrankten an Brustkrebs. Den meisten Patienten mit einer prophylaktischen Mastektomie blieb dieses Schicksal erspart. In der Nachbeobachtungszeit von 14 Jahren entwickelten nur drei von ihnen ein Karzinom.<ref>Meyer R, Prophylaktische Mastektomie: Ein hoher Preis für die Sicherheit. In Deutsches Ärzteblatt 96, 1999, S. A-808/B-668/C-624.</ref>
Die prophylaktische Mastektomie bietet keinen vollständigen Schutz vor Brustkrebs.<ref>Medical Tribune: Gentest auf Mammakarzinom: Dafür oder dagegen? (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2019. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot vom 26. März 2002</ref>
Verbreitung
In England entscheiden sich knapp 50 % der Patientinnen mit einer Mutation in BRCA1 oder BRCA2 für eine bilaterale Mastektomie. Noch höher ist die Rate der Patientinnen, die sich für eine Salpingo-Oophorektomie entscheiden.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />BRCA1/2: Viele Genträgerinnen entscheiden sich für Mastektomie. ( vom 13. August 2009 im Internet Archive) In: Deutsches Ärzteblatt vom 10. August 2009</ref>
In Deutschland wird diese Maßnahme im Vergleich zu den USA oder den Niederlanden nur sehr zurückhaltend angewendet.<ref name="sachsen">K. Kast u. a.: Klinisches Management des familiären Mammakarzinoms - Eine Versorgungsstudie der Krankenkassen. (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2019. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot (PDF; 261 kB) In: Ärzteblatt Sachsen 2, 2006, S. 73–76.</ref> In Österreich entscheiden sich 11 Prozent der Risikopatientinnen für die vorbeugende Entfernung der beiden Brüste.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Prophylaktische Mastektomie. ( vom 27. Oktober 2007 im Internet Archive) In: Ärztewoche Online 18, 2004</ref> Nachdem Angelina Jolie im Mai 2013 bekanntgab, dass sie sich für die prophylaktische Mastektomie entschieden habe, wuchs das Interesse an entsprechender Beratung auch in Deutschland<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vorbeugende Brustamputation bei Frauen mit genetisch bedingt hohem Brustkrebsrisiko ( des Vorlage:IconExternal vom 5. März 2016 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF; 248 kB)</ref> (Jolie-Effekt).<ref>Genetisches Brustkrebsrisiko: Der Jolie-Effekt</ref>
Siehe auch
Einzelnachweise
<references/>
- Wikipedia:Weblink offline IABot
- Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Botmarkierungen 2019-05
- Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Archivlinks 2019-05
- Therapeutisches Verfahren in Hämatologie und Onkologie
- Therapeutisches Verfahren in Gynäkologie und Geburtshilfe
- Operatives Therapieverfahren
- Medizinische Vorsorge