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Präsentismus (Philosophie)

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Vorlage:Hinweisbaustein Präsentismus (engl. presentism) wurde vermutlich 1950 zum ersten Mal als Begriff in der Theorie der Geschichtswissenschaft von dem amerikanischen Historiker Chester McArthur Destler verwendet<ref name=":0">Reinhold Hülsewiesche: Historisches Wörterbuch der Philosophie online. Schwabe AG, Verlag, abgerufen am 2. Januar 2026.</ref>, der als „subjectivist-relativist-presentist“ die Auffassung vertrat, dass Historiker nicht wissenschaftlich objektiv sein könnten, da der gesamte Forschungsprozess durch die Gegenwart des jeweiligen Historikers bestimmt und Geschichtsschreibung daher grundsätzlich subjektiv und relativ sei.<ref>Chester McArthur Destler. “Some Observations on Contemporary Historical Theory”. American Historical Review. 55:3. April 1950.</ref>

Verschiedene Autoren sprechen auf der Grundlage der Begriffsbildung auch von einem Präsentismus in der Philosophie. Wenngleich der Begriff in der Philosophie noch nicht allgemein etabliert scheint, wäre laut der deutschen Philosophin Eva Weber-Guskar „neben der bisherigen kultur- oder medienwissenschaftlichen Verwendung dieses Begriffs (...) auch eine philosophische denkbar.“<ref name=":1">Eva Weber-Guskar: Gestörtes Zeitbewusstsein – Der digitale Präsentismus verdrängt Vergangenheit und Zukunft. In: WZB Mitteilungen. Heft 166. Dezember 2019, S. 10–12, abgerufen am 2. Januar 2026.</ref>

Präsentismus in der Philosophie

Präsentismus in der Philosophie behandelt die ontologische These, dass nur die Gegenwart existiert.<ref>Vgl. Michael C. Rea. Presentism and Fatalism. Memento vom 3. Juni 2010 im Internet Archive. in: The Australasian Journal of Philosophy.</ref> Vertreter des Präsentismus sind der amerikanische Philosoph Quentin Smith<ref>Quentin Smith. Language and Time: A Defense of Presentism. Oxford University Press Inc. 1993, ISBN 978-0-19-508227-2. </ref> sowie der ebenfalls amerikanische Philosoph Ned Markosian.<ref>Ned Markosian. A Defense of Presentism (PDF). Oxford Studies in Metaphysics. 1: 47–82. 2004</ref> Der englische Dozent und Autor Craig Bourne beschäftigt sich in seiner Theorie des Präsentismus mit dem Newcombs Problem, der Möglichkeit von Zeitreisen oder Fragen, die die Relativitätstheorie für den Präsentismus aufwirft.<ref>Craig Bourne: A Future For Presentism. Hrsg.: Oxford University Press, U.S.A. 2009, ISBN 978-0-19-956821-5.</ref>

Dem Präsentismus zufolge gibt es nicht allein eine objektive Gegenwart, sondern überdies ist nur diese Gegenwart, bzw. sind allein die Ereignisse in ihr, real. In Bezug auf das zeitliche Sein der Dinge impliziert dieser Präsentismus einen Endurantismus, wonach materielle Gegenstände dreidimensionale Raumgebilde sind, die sich durch die eindimensionale Zeit bewegen. Zu jedem Zeitpunkt sind sie „als Ganzes da“. Vertreter dieses Präsentismus sind Roderick Chisholm, Thomas Crisp, Ned Markosian oder Arthur Prior.<ref>Dietmar Hübner: Gibt es eine objektive Gegenwart? Zur Metaphysik der Zeit. S. 8, abgerufen am 3. Januar 2026.</ref>

Die deutsche Philosophin Eva Weber-Guskar beschäftigt sich unter anderem mit einem „digitalen Präsentismus“, wobei sie der Frage nachgeht, wie sich der Umgang mit digitalen Technologien auf das individuelle Zeitbewusstsein auswirkt.<ref name=":1" />

Historische Relativität

Im 19. Jahrhundert reflektierten Historiker konkurrierende Auffassungen ihres Verständnisses der Geschichtswissenschaften. Leopold von Ranke beanspruchte, zu erkennen, „wie es eigentlich gewesen“ ist,<ref>Vgl. hierzu Rudolf Vierhaus: Rankes Begriff der historischen Objektivität. In: Reinhart Koselleck, Wolfgang J. Mommsen, Jörn Rüsen (Hrsg.): Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft. dtv, München 1977 (= Beiträge zur Historik. Band 1), S. 63–76.</ref> während Barthold Georg Niebuhr es für das Los der Historiker hielt, „nicht unabhängig vom eigenen Zeitalter zu sein“.<ref name=":0" /> Johann Gustav Droysen sprach in seiner Historik von „Vorstellungen und Erinnerungen, deren Zusammenfassung und Gegenwärtigkeit unser Ich umschließt und bestimmt“.<ref>Johann Gustav Droysen. Historik. Hrsg.: R. Hübner. 1938. 5.</ref> Letztere Auffassung spitzte der Italiener Benedetto Croce zu, dass „jede wahre Geschichte Geschichte der Gegenwart ist.“<ref name=":0" /> Carl Lotus Becker pointierte seine Vorbehalte gegenüber dem Positivismus 1931 mit seiner einflussreichen Rede „Everyman His Own Historian“ (Jederman sein eigener Historiker).<ref>Carl L. Becker – AHA. In: https://www.historians.org/. Abgerufen am 2. Januar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> John Dewey nahm dies auf und erklärte, dass das „begriffliche Material, das der Geschichtsschreibung zur Verfügung“ stehe, samt seiner Leitgedanken und Hypothesen der historischen Gegenwart entstamme.<ref name=":0" /> Der amerikanische Historiker Charles Austin Beard spitzte das zu, indem er postulierte, dass „Geschichtsschreibung ein Akt des Glaubens sei.“<ref>Charles A. Beard. Written History as an Act of Faith. in: American Historical Review. 39,2. 1933</ref>

McArthur Destler kritisierte wie der deutsche Historiker Andreas Wilkins die sogenannten New Historians. Dabei betrachtete er den amerikanischen Philosophen Dewey als „einen der führenden Verfechter der gegenwartsbezogenen, ‚subjektivistisch-relativistischen Position‘“. In Benedetto Croce sah er eine „wichtige Inspirationsquelle“ der New Historians und betrachtete den Briten Robin George Collingwood als den „britischen Vorkämpfer“ der New History.<ref>Chester McArthur Destler, „Some Observations on Contemporary Historical Theory“, American Historical Review 55:3 (April 1950), 504, 506, 509.</ref> Zentrale Themen waren Gegenwartsbezug, Naturalismus, Relativismus und Subjektivismus. Dewey allerdings wies Destlers Kritik zurück. Er war keineswegs ein Subjektivist und bezweifelte, die New Historians beeinflusst zu haben.<ref>Chester McArthur Destler, „Some Observations on Contemporary Historical Theory“, American Historical Review 55:3 (April 1950), 886–887.</ref> Tatsächlich griff Dewey den Subjektivismus an und vertrat nie einen moralischen oder erkenntnistheoretischen Relativismus. Er lehnte die Forderung ab, Geschichte solle objektive Darstellungen vergangener Realität liefern und verteidigte die „Idee der historischen Relativität“, die er im Gegensatz zum „doktrinären Absolutismus“ als liberal und experimentell betrachtete.<ref>John Dewey. The Later Works. 11. S. 291–293</ref> Dewey argumentiert, nur die experimentelle und relativistische Geschichtsauffassung berücksichtige die qualitativen und inneren und nicht nur die äußeren und quantitativen Aspekte der Geschichte. Dies ähnelt Collingwoods Argumentation gegen die Methoden der Naturwissenschaften in der Geschichtsschreibung.

Literatur

  • Robert Merrihew Adams: Time and Thisness, in: Peter French / Theodore Uehling / Howard Wettstein (Hrsg.): Midwest Studies in Philosophy 11, Studies in Essentialism, University of Minnesota Press 1986, 315–329.
  • John Bigelow: Presentism and Properties, in: James Tomberlin (Hrsg.): Philosophical Perspectives 10, Metaphysics, Blackwell 1996, 35–52.
  • Craig Bourne: A Future for Presentism, Oxford: Oxford University Press 2009 Ausgearbeitete Verteidigung des Präsentismus
  • Thomas M. Crisp: Presentism, in: The Oxford Handbook of Metaphysics, Oxford: Oxford University Press 2003, Kap. 8, 211–245.
  • Mark Hinchliff: A Defense of Presentism in a Relativistic Setting, in: Philosophy of Science 67 Supplement. Proceedings of the 1998 Biennial Meetings of the Philosophy of Science Association. Part II: Symposia Papers (2000), 575–586.
  • Mark Hinchliff: The Puzzle of Change, in: James Tomberlin (Hrsg.): Philosophical Perspectives 10, Metaphysics, Blackwell 1996, 119–136.
  • Simon Keller: Presentism and Truthmaking, in: Dean W. Zimmerman (Hrsg.): Oxford Studies in Metaphysics 1, Oxford University Press 2004, 83–104. Nachdruck in: L. Nathan Oaklander (Hrsg.): The Philosophy of Time: Critical Concepts in Philosophy, Routledge 2008.
  • Storrs McCall: A Model of the Universe, Clarendon Press 1994.
  • Theodore Sider: Four Dimensionalism, Oxford University Press 2001, Kap. 2.
  • Quentin Smith: Language and Time: A Defense of Presentism, Oxford University Press 1993, ISBN 0-19-508227-3.
  • Michael Tooley: Time, Tense, and Causation, Oxford: Oxford University Press 1997.
  • Dean W. Zimmerman: Persistence and Presentism, in: Philosophical Papers 25 (1996), 115–126.
  • Dean W. Zimmerman: Temporary Intrinsics and Presentism, in: Peter van Inwagen / Dean W. Zimmerman (Hrsg.): Metaphysics: The Big Questions, Blackwell 1998, 206–219.

Weblinks

Wiktionary: Präsentismus, Bedeutung [2] – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

<references />

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