Postkoitale Müdigkeit
Der Begriff postkoitale Müdigkeit (englisch postcoital sleepiness oder postcoital somnolence) beschreibt das Phänomen der Schläfrigkeit oder des Einschlafens unmittelbar nach dem sexuellen Akt, insbesondere nach dem Orgasmus. Trotz seiner Alltagsrelevanz ist das Phänomen nur rudimentär untersucht. Hinsichtlich der Gründe für postkoitale Müdigkeit bestehen verschiedene Erklärungsansätze.
Empirische Befunde
Müdigkeit, die sich nach dem geschlechtlichen Verkehr einstellt, wurde bereits in der antiken Literatur thematisiert und mit unterschiedlichen Erklärungsansätzen gedeutet.<ref>So bei Galen, de semine 1,16.</ref> Frühe systematische Studien<ref>Forschungsüberblick bei G. G. Gallup et al.: Sex differences in the Sedative Properties of heterosexual Intercourse. In: Evolutionary Behavioral Sciences. Band 15, Nr. 3, 2021, S. 265–274, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> wie jene von Halpern und Sherman (1979)<ref>J. Halpern, M. Sherman: Afterplay: A Key to Intimacy. Stein & Day, New York 1979.</ref> zeigten, dass Männer nach dem Geschlechtsverkehr tendenziell schneller einschlafen als Frauen, wobei sich dieser Unterschied nach etwa einer Stunde nivellierte. Brissette et al. (1985)<ref>S. Brissette et al: Sexual Activity and Sleep Inhumans. In: Biological Psychiatry. Band 20, 1985, S. 758–763, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> untersuchten die schlaffördernde Wirkung von Masturbation, fanden jedoch keine signifikanten Effekte auf die Einschlaflatenz – möglicherweise beeinflusst durch methodische Faktoren wie Forscheranwesenheit oder die Verwendung rektaler Sonden zur Messung des Orgasmus.<ref>Zu möglichen Störfaktoren: G. G. Gallup et al.: Sex differences in the Sedative Properties of heterosexual Intercourse. In: Evolutionary Behavioral Sciences. Band 15, Nr. 3, 2021, S. 265–274, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> Neuere Studien zeichnen ein differenzierteres Bild: Nach Ellison (2000)<ref>C. Ellison: Women’s Sexualities: Generations of Women share intimate Secrets of Sexual Self-Acceptance. New Harbinge, Oakland CA 2000.</ref> gab etwa ein Drittel der befragten Frauen, welche in den vergangenen drei Monaten masturbiert hatten an, Masturbation gezielt zur Schlafinduktion zu nutzen. Krüger und Hughes (2011)<ref>D. J. Krüger, S. M. Hughes: Tendenciesto Fall Asleep first after Sex are associated withgreater Partner Desires for Bonding and Affection. In: Journal of Social, Evolutionary, and CulturalPsychology. Band 5, 2011, S. 239–247, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> fanden, dass Männer und Frauen nach Geschlechtsverkehr ähnlich schnell, Frauen jedoch bei ausbleibender sexueller Aktivität schneller einschliefen. Lastella et al. (2019)<ref>M. Lastella et al.: Sex and Sleep: Perceptions of Sex as a Sleep Promoting Behavior in the General Adult Population. In: Frontiers in Public Health. Band 7, Nr. 33, 2019, S. 1–6, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> identifizierten keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in Schlafqualität oder Einschlafzeit nach sexuellem Kontakt mit Orgasmus.
Biochemische Zusammenhänge
Ein möglicher biologischer Mechanismus postkoitaler Müdigkeit besteht in der hormonellen und neurochemischen Reaktion auf den Orgasmus. Insbesondere dem Hormon Prolaktin wird in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zugeschrieben. Brody und Krüger (2006)<ref>S. Brody, T. H. C. Krüger: The Post-Orgasmic Prolactin Increase Following Intercourse Is Greater Than Following Masturbation and Suggests Greater Satiety. In: Biological Psychology. Band 71, 2006, S. 312–315, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> konnten zeigen, dass die Prolaktinkonzentration nach koitalem Orgasmus etwa fünfmal höher ausfällt als nach Masturbation. Auch wenn bislang nicht eindeutig geklärt ist, ob Prolaktin direkt somnogen wirkt oder lediglich mit anderen schlafregulierenden Prozessen assoziiert ist, gilt ein Anstieg des Prolaktinspiegels im Verlauf des Einschlafens als empirisch gesichert.<ref>K. Spiegel et al.: Prolactinsecretion and sleep. In: Sleep. Band 17, 1994, S. 20–27, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> Darüber hinaus werden beim Orgasmus auch Oxytocin und Vasopressin freigesetzt – zwei Neuropeptide, die mit sozialem Bindungsverhalten assoziiert sind und möglicherweise zu einer psychophysiologischen Entspannung beitragen.<ref>G. G. Gallup et al.: Sex differences in the Sedative Properties of heterosexual Intercourse. In: Evolutionary Behavioral Sciences. Band 15, Nr. 3, 2021, 265–274, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref>
Evolutionspsychologische Erklärungsansätze
Im Rahmen der evolutionspsychologischen und biopsychologischen Forschung zur postkoitalen Müdigkeit wurden drei zentrale theoretische Ansätze formuliert, die unterschiedliche adaptive Funktionen insbesondere des weiblichen Orgasmus betonen: die Poleaxe-Hypothese, die Pair-Bonding-Hypothese sowie die Sire-Choice-Hypothese.<ref>Zusammenfassend: G. G. Gallup et al.: Sex differences in the Sedative Properties of heterosexual Intercourse. In: Evolutionary Behavioral Sciences. Band 15, Nr. 3, 2021, S. 265–274, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref>
Poleaxe-Hypothese
Nach dieser Hypothese entfaltet der weibliche Orgasmus eine sedierende Wirkung, um das Einschlafen der Frau nach dem Geschlechtsverkehr zu erwirken. Diese durch den Orgasmus induzierte Sedierung begünstigt demnach eine prolongierte Phase postkoitaler Immobilität in dorsaler Position (auf dem Rücken liegend), wodurch die unmittelbare gravitative Wirkung auf den retrograden Spermientransport innerhalb des weiblichen Genitaltrakts abgeschwächt wird. In der Folge kann die Wahrscheinlichkeit einer Konzeption erhöht werden. Die sedierende Wirkung wird somit nicht lediglich als epiphänomenale Begleiterscheinung betrachtet, sondern als möglicher adaptiver Mechanismus im Rahmen der Bipedia des Homo sapiens. Bei einer bipedalen Spezies, bei der Koitus nicht zwangsläufig in dorsaler Lage erfolgt, könnte ein solcher Sedierungseffekt evolutionär selektiert worden sein, insofern er die Samenretention und damit die reproduktive Fitness beider Geschlechter optimiert.<ref>D. Morris: The naked Ape. McGraw-Hill, New York (NY) 1967, S. 78 f.; G. G. Gallup et al.: Semen Displacement as a Sperm competition Strategy. In: Human Nature. Band 17, 2006, S. 253–264, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref>
Pair-Bonding-Hypothese
Nach der sogenannten Pair-Bonding-Hypothese fördert die nach dem Orgasmus eintretende Sedierung das gemeinsame Ruhen der Sexualpartner und trägt – ebenso wie der Orgasmus selbst – zur emotionalen Bindung zwischen ihnen bei. Diese Affektbindung, die maßgeblich durch die Ausschüttung des Neuropeptids Oxytocin vermittelt wird, soll so die Bildung und Stabilisierung dauerhafter Paarbeziehungen begünstigen. Auf diese Weise erhöhe sich wiederum die Wahrscheinlichkeit einer väterlichen Investition in die Nachkommen.<ref>D. Morris: The naked Ape. McGraw-Hill, New York (NY) 1967, 79–102.</ref>
Sire-Choice-Hypothese
Diese Theorie<ref>Zu ihr vgl. G. G. Gallup: Do Orgasms Give Women Feedback about Mate Choice? In: Evolutionary Psychology. Band 12, Nr. 5, 2014, S. 958–978, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref> versteht den weiblichen Orgasmus als ein Selektionsinstrument, das es Frauen ermöglicht, die genetische Qualität potenzieller Partner zu beurteilen. Empirische Studien zeigen eine positive Korrelation zwischen der Häufigkeit und Intensität weiblicher Orgasmen und verschiedenen Indikatoren männlicher Fitness – etwa Körperproportionen, Humor, geringer Fluktuierender Asymmetrie sowie sozioökonomischem Status. Zusätzlich wird angenommen, dass orgasmusinduzierte vaginale und uterine Kontraktionen den Spermientransport fördern und somit die Konzeption begünstigen. Die postorgasmische Sedierung wird in diesem Modell als Mechanismus interpretiert, der die Spermienretention verlängert, insbesondere bei Männern mit hoher genetischer Qualität. Diese Hypothese steht jedoch im Widerspruch zu anderen theoretischen Ansätzen zum weiblichen Orgasmus.<ref>Zu diesem Widerspruch siehe R. J. Levin: The Pharmacology of the Human Female Orgasm: Its Biological and Physiological Backgrounds. In: Pharmacology, Biochemistry and Behavior. Band 121, 2014, S, 62–70, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.</ref>
Diese drei Hypothesen sind dabei nicht notwendigerweise als konkurrierend zu verstehen, sondern können sich in ihrer explanatorischen Reichweite ergänzen.
Fußnoten
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