Pintadera
Eine Pintadera ist ein zumeist aus Ton gefertigter Stempel, der seit der Jungsteinzeit (Neolithikum), vielleicht auch in der Mittelsteinzeit hergestellt wurde. Pintaderas dienten vielleicht zur Verzierung von Kleidern, Keramik, Brot oder der Haut.
Der Begriff ist von dem spanischen Wort pintar, Malen abgeleitet. Er wurde in Mexiko verwendet, wo die Bewohner Tonstempel benutzten, um ihre Haut zu dekorieren und die Muster von Tätowierungen vorzuzeichnen.<ref name="Becker283">Valeska Becker, Chalcolithic clay stamps from Bulgaria. Studia Praehistorica 14, 2011, 283</ref>
Jungsteinzeit
Verbreitung
Tonstempel sind in der anatolischen und südosteuropäischen Jungsteinzeit (Neolithikum) und Kupfersteinzeit (Äneolithikum) nachgewiesen. Sie verbreiten sich vom Nahen Osten über Anatolien nach Griechenland und über die Balkanhalbinsel<ref>eine Verbreitungskarte für Griechenland und den südlichen Balkan findet sich bei Mihale Budja 2004, The transition to farming and the "revolution of symbols in the Balkans, from ornament to entoptic and external symbolic storage. Documenta Praehistorica 31, fig. 24, arheologija.ff.uni-lj.si/documenta/pdf31/31budja.pdf</ref> bis nach Ungarn, Österreich (Hadersdorf am Kamp, Niederösterreich), Tschechien (Prag-Bubeneč, Hlavní město und Boskovštejn), Italien<ref name="Skeates184" /> und die Schweiz (Arconciel/La Souche).<ref>M. Mauvilly, Christian Jeunesse, T. Doppler. Ein Tonstempel aus der spätmesolithischen Fundstelle von Arconciel/La Souche (Kanton Freiburg, Schweiz). Quartär 55, 2008, 151–157</ref> Die Stempel aus der heutigen Türkei stammen aus Çatalhöyük, Hacılar Höyük, Bademağacı, Kurukçay und Höyücük<ref>Budja, M., 2003. Seals, contracts and tokens in the Balkans Early Neolithic: wherein the puzzle. Documenta Praehistorica 30, 119, arheologija.ff.uni-lj.si/documenta/pdf30/30budja.pdf</ref>.
In Italien stammen Tonstempel aus frühneolithischem Kontext vor allem aus Süditalien, Basilikata und der Adria-Küste von Apulien. Vereinzelt sind sie auch von Sardinien, Sizilien und aus Serra-d’Alto-Kontext von Lipari bekannt.<ref name="Skeates186">Robin Skeates, Neolithic stamps: Cultural Patterns, Processes and Potencies. Cambridge Archaeological Journal 17, 2007/2, 186</ref> Die oberitalienischen Stempel stammen meist aus der Vasi-a-bocca-quadrata-Kultur des 6. Jahrtausends und wurden vor allem in Venetien und Ligurien gefunden. Ausläufer stammen auch aus den Marken. Allein 26 Pintadere stammen aus der Höhle Arene Candide in Ligurien.<ref name="Skeates188">Robin Skeates, Neolithic stamps: Cultural Patterns, Processes and Potencies. Cambridge Archaeological Journal 17, 2007/2, 188</ref> Die Herkunft der italienischen Stempel will O. Cornaggia Castiglioni über das Donaubecken nach Thessalien und das westliche Anatolien verfolgen.<ref>O. Cornaggia Castiglione, Origini e distribuzione delle pintaderas preistoriche »euro-asiatiche«. Contributi alla conoscenza delle culture preistoriche della valle del Po. Rivista Science Preistoria 11, 1956, 109–192</ref>
Auf der Insel Gran Canaria, aber auf keiner anderen Insel der kanarischen Inselgruppe, wurde eine große Anzahl von Pintaderas gefunden. Das Museo Canario besitzt mehr als 200 Stück. Die Fundstellen verteilen sich über die gesamte Insel.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Die kanarischen Pintaderas wurden von den Canarios benutzt, den Ureinwohnern der Insel Gran Canaria, die in der Zeit von etwa 500 v. Chr. bis 1400 n. Chr. isoliert auf der Insel lebten.
Morphologie
Die Stempel sind meist rund, oval oder rechteckig.<ref name="Becker283" /> Es gibt aber auch Rechtecke, Rhomboeder, wellen-, fuß-, hand-, kleeblattförmige und theriomorphe Formen. In Çatalhöyük wurden unter anderem bären-<ref>Ali Umut Türkcan 2005, Clay Stamp Seals, Çatalhöyük 2005 archive report, Figure 94, seal11652.X1. http://www.catalhoyuk.com/archive_reports/2005/ar05_30.html, mit guten Abbildungen</ref> und leopardengestaltige Stempel gefunden.<ref name="Becker284">Valeska Becker, Chalcolithic clay stamps from Bulgaria. Studia Praehistorica 14, 2011, 284</ref> Die Stempel haben meist einen kleinen Handgriff,<ref name="Becker284" /> der konisch oder gerundet sein kann<ref name="Skeates184" /> und manchmal durchbohrt ist.
Die Motive der Stempel umfassen vor allem Wellenlinien, Zickzack-Muster, konzentrische Kreise, Spiralen, S-Spiralen, Punkte und Kreuze.<ref>Valeska Becker, Chalcolithic clay stamps from Bulgaria. Studia Praehistorica 14, 2011, 284–290</ref> Außerdem gibt es Stempel ohne Muster auf der Stempelfläche.<ref>Valeska Becker, Chalcolithic clay stamps from Bulgaria. Studia Praehistorica 14, 2011, 291</ref> Die Stempel sind meist recht klein und passen in die Handfläche.<ref name="Skeates184" /> Sie wurden vielleicht als persönlicher Besitz um den Hals getragen.<ref>Robin Skeates, Neolithic stamps: Cultural Patterns, Processes and Potencies. Cambridge Archaeological Journal 17, 2007/2, 195</ref>
Die Objekte werden meist im Siedlungsabfall gefunden. Grabfunde sind aus Pilismarót-Basaharc in Ungarn und Sofia-Slatina in Bulgarien bekannt.<ref name="Skeates186" />
Material
Im Vorderen Orient wurden auch Stempel aus Steatit und Jadeit gefunden,<ref name="Skeates184">Robin Skeates, Neolithic stamps: Cultural Patterns, Processes and Potencies. Cambridge Archaeological Journal 17, 2007/2, 184</ref> auch aus Griechenland sind Steinstempel bekannt<ref name="Skeates185">Robin Skeates, Neolithic stamps: Cultural Patterns, Processes and Potencies. Cambridge Archaeological Journal 17, 2007/2, 185</ref> Neben den Pintaderas aus gebranntem Ton wurden auf Gran Canaria einige Objekte aus Holz gefunden, deren Zuordnung aber umstritten ist.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Chronologie
Die ältesten Tonstempel stammen aus dem Vorderen Orient, zum Beispiel aus Ras Schamra/Ugarit, Byblos und Tell Bouqras.<ref name="Skeates184" /> Die Stempel aus Çatalhöyük stammen aus dem keramischen Neolithikum. János Makkay unterschied vier chronologische Gruppen:
- A; Frühneolithikum: Protosesklo, Karanovo I und II, Starčevo-Criș-Kultur
- B; Mittelneolithikum: Lengyel<ref>Budja, M., 2003. Seals, contracts and tokens in the Balkans Early Neolithic: wherein the puzzle. Documenta Praehistorica 30, 115–30</ref> Vinča A/B und verwandte Gruppen. Hier sind Pintaderas selten.
- C; Äneolithikum: Gumelniţa, Karanovo VI, Vinča C/D, Präcucuteni III, frühe Cucuteni-Tripolje-Kultur. Skeates nimmt eine erneute Ausbreitung aus dem Osten an.<ref name="Skeates184" />
- D; Spätes Äneolithikum: Balaton-Lasinja<ref>Elisabeth Ruttkay: Neue Tonstempel der Kanzianiberg-Lasinja-Gruppe. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien. Band 123/124, 1993/94, S. 221–238.</ref> Furchenstich, Maritsa IV und Baden, hier werden Stempel wieder deutlich seltener.
Die gepunktete Pintadera von Arconciel/La Souche stammt aus mittelsteinzeitlichem Kontext, was bislang einmalig ist. Vorlage:Hinweisbaustein Die ältesten italienischen Stücke stammen aus der Jungsteinzeit Oberitaliens („Vasi-a-bocca-quadrata-Kultur“). {{#invoke:Vorlage:Siehe auch|f}}
Verwendung
Es wurden bisher keine neolithischen oder äneolithischen Stempelabdrücke gefunden, Farbspuren auf den Stempeln sind sehr selten.<ref>Valeska Becker, Chalcolithic clay stamps from Bulgaria. Studia Praehistorica 14, 2011, 296</ref> Robin Skeates nimmt an, dass es sich bei den Pintaderas um persönlichen Besitz handelt, der dem Schutz der betreffenden Person diente und die eigene Identität darstellte und die „Beziehungen zu anderen Personen, ihrer materiellen Welt und dem Übernatürlichen bekräftigte“.<ref>Skeates 2011, 184, meine Übersetzung Sommerx2015.</ref> Mihale Budja weist auf die Ähnlichkeiten der Pintaderas zu theriomorphen Amuletten und sogenannten Steckern andererseits hin<ref>Budja, M., 2003. Seals, contracts and tokens in the Balkans Early Neolithic: wherein the puzzle. Documenta Praehistorica 30, 115–130.</ref>
Von den Pintaderas, die auf Gran Canaria gefunden wurden, nimmt man heute an, dass sie benutzt wurden, um das persönliche Eigentum oder das der Familie zu kennzeichnen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Nach einer anderen Theorie handelte es sich bei den gestempelten Bildern der Pintaderas um eine Art von Amulett, das auf die Haut, die Wände der Behausung und Kornspeicher oder die Felle, in die die Mumien eingewickelt waren, aufgestempelt wurde, um böse Geister abzuhalten.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Bronzezeit und Eisenzeit
Tonstempel sind auch aus der Urnenfelderkultur in Süddeutschland und Böhmen bekannt. Diese sind rund. In der späten Hallstattzeit der Ungarischen Tiefebene und der Südwestslowakei treten Tonstempel gehäuft auf. Ihre Vergesellschaftung mit Farbresten in Gräbern belegt ihre Funktion zum Stempeln von Farbe – allerdings ist fraglich, worauf gestempelt wurde, da entsprechende Funde fehlen. Naheliegend ist die Verzierung der Haut, wofür Berichte antiker Autoren sprechen. Stempel wurden auf Sardinien häufig in bronzezeitlichen Siedlungen gefunden (zum Beispiel Genna Maria, Serra Orrios).
Derzeit wird eine Diskussion darüber geführt, ob die oberitalienischen und balkanischen Brotlaibidole auch als Pintadere anzusehen sind.
Auch in der Feuchtbodensiedlung von Bad Buchau<ref>Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 4, S. 51</ref> wurden Pintadere gefunden.
Neuzeit
Vorlage:Hinweisbaustein Pintadere waren noch im 20. Jahrhundert auf Sardinien in Gebrauch und wurden in jüngerer Zeit besonders zur Gestaltung von Backwerk etc. benutzt. Über Afrika gelangten sie auf die Kanarischen Inseln.
Literatur
- Valeska Becker: Chalcolithic clay stamps from Bulgaria. In: Studia Praehistorica 14, 2011, S. 283–302.
- János Makkay: Early stamp seals in south-east Europe. 1984.
- János Makkay: Supplement to the Early Stamp Seals of South-East Europe. Budapest 2005.
- T. Dzhanfezova: Neolithic Pintaderas in Bulgaria, Typology and comments on their ornamentation. In: Lolita Nikolova (Hrsg.): Early symbolic systems for communication in southeast Europe. BAR International Series 1139. BAR, Oxford 2003, S. 97–108.
- Ş. T. Eduard: A few remarks concerning the clay stamp-seals from the Gumelniţa culture. In: Studii de Preistorie 6, 2009, S. 149–163.
- Franka Schwellnus: Pintadere: Überblick über die Fundgruppe der Tonstempel ausgehend von zwei Funden aus Sopron-Krautacker (Westungarn). In: Archäologisches Korrespondenzblatt 40/2, 2010, S. 207–226.
- Robin Skeates: Neolithic stamps: Cultural Patterns, Processes and Potencies. In: Cambridge Archaeological Journal 17, 2007/2, S. 183–198.
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Weblinks
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Einzelnachweise
<references />
- Seiten mit defekten Dateilinks
- Wikipedia:Weblink offline fix-attempted
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link/URL fehlt
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Datum
- Archäologischer Fund (Jungsteinzeit)
- Archäologischer Fund (Bronzezeit)
- Archäologische Fundgattung
- Arbeitsmittel (Textilflächengestaltung)
- Canarios