Neuer jüdischer Friedhof (Erfurt)
Der Neue jüdische Friedhof ist seit 1878 der Begräbnisort der Jüdischen Gemeinde Erfurts. Er befindet sich am Rand des Steigerwalds neben der Thüringenhalle, Werner-Seelenbinder-Straße 3.
Geschichte und Beschreibung
Das schnelle Anwachsen der Erfurter jüdischen Gemeinde im 19. Jahrhundert und das Gebot der dauerhaften Totenruhe ließen auf dem 1811 gegründeten Alten jüdischen Friedhof an der Cyriaksstraße keine weiteren Bestattungen zu. Da der alte Friedhof aus städtebaulichen Gründen nicht mehr erweitert werden konnte, wurde 1871 an anderer Stelle im Süden der Stadt ein geeignetes Areal gekauft. Das Bürgerschützenkorps als Eigentümer des Nachbargrundstücks versuchte durch eine Beschwerde beim Magistrat der Stadt Erfurt wegen möglicher Gesundheitsschädigung die Anlage des Friedhofes zu verhindern. Erst nach einem sanitätspolizeilichen Gutachten, das bescheinigte, dass durch den Friedhof keine Grundwasserverunreinigung drohe, konnte er ab 1873 angelegt werden. Am 10. September 1878 wurde er feierlich eröffnet und im selben Jahr die erste Bestattung durchgeführt.<ref name="AJ">Jüdischer Friedhof in Erfurt. In: Alemannia Judaica. Abgerufen am 21. Juli 2025</ref><ref name="Jüdisches Leben">Der Neue jüdische Friedhof. In: Jüdisches Leben in Erfurt. Abgerufen am 21. Juli 2025</ref>
Der Gute Ort in Trägerschaft der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen ist die größte und einzige jüdische Begräbnisstätte in Thüringen, die noch belegt wird.<ref name="Jüdisches Leben" /><ref name="Dehio">Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Thüringen. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-422-80272-8, S. 264–265</ref> Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Thüringen führt den Friedhof seit 1994 als „Kulturdenkmal historische Park- und Gartenanlage – aus geschichtlichen und künstlerischen Gründen“.<ref name="Stadt Erfurt" /> Er liegt auf einem etwa 1,40 ha großen,<ref name="Stadt Erfurt 2">Friedhöfe: Neuer Jüdischer Friedhof. In: Stadt Erfurt. Abgerufen am 21. Juli 2025</ref> sanft ansteigenden Gelände und ist von einer Einfriedung umgeben.
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Zuweg
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Eingang
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Vordereingang Trauerhalle
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Rückseite Trauerhalle
Am oberen Ende steht die historische Trauerhalle als Betraum für Trauerfeiern und Taharahaus.<ref name="Stadt Erfurt">Einweihung einer Info-Stele auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Erfurt. In: Stadt Erfurt. Abgerufen am 21. Juli 2021</ref> Die Halle wurde von dem Architekten Hugo Hirsch geplant und als funktionsgerechter Backsteinbau im orientalischen Stil mit neoklassizistischen Elementen ausgeführt.<ref name="Jüdisches Leben" /> Das Gebäude mit Vorbau mit Rundbogen-Arkade, Säulen aus thüringischem Sandstein sowie Fensterrosetten mit Davidstern an Nord- und Südseite der Kuppel wurde 1894 eingeweiht.<ref name="AJ" /><ref>Neuer Jüdischer Friedhof Erfurt: Tradition des Judentums in Thüringen. In: MDR Kultur vom 24. November 2023. Abgerufen am 21. Juli 2025</ref>
Während der Novemberpogrome 1938 wurde die Große Synagoge in Brand gesteckt und der alte Friedhof an der Cyriaksstraße verwüstet. Auch der Neue Friedhof wurde geschändet und die Friedhofshalle nahezu zerstört.<ref>Die Ereignisse im November 1938. In: Menora. Jüdisches Leben in Thüringen. Abgerufen am 22. Juli 2025</ref> Im westlichen Teil des Friedhofes musste die Gemeinde ein Areal an das Bürgerschützenkorps abtreten, das dort von 1939 bis 1942 die Thüringenhalle baute.<ref>Eike Küstner: Jüdische Lultur in Thüringen. Eine Spurensuche. Sutton Verlag, Erfurt 2012, ISBN 978-3-95400-083-8, S. 111</ref><ref name="jewish-places">Neuer Jüdischer Friedhof. In jewish-places.de. Abgerufen am 21. Juli 2025</ref> Da die durch die Stadt geplante Abräumung und Zerstörung des Friedhofes während der NS-Zeit nicht zustande kam, blieb er weitgehend erhalten.<ref name="Dehio" />
Vor der Trauerhalle errichtete die Gemeinde am 12. September 1948 einen Gedenkstein für die in der Shoa ermordeten Gemeindemitglieder. Neben dem Eingangsportal zur Trauerhalle sind zwei Gedenksteine mit den Namen der im Ersten Weltkrieg aus der jüdischen Gemeinde gefallenen Soldaten aufgestellt. Ab 1998 wurde die Trauerhalle wiederhergestellt. Nach 1990 und erneut 2014 wurde der Friedhof mehrfach Richtung Osten erweitert und die Trauerhalle saniert.<ref>78.000 Euro für die Ewigkeit. In Jüdische Allgemeine vom 27. Mai 2014. Abgerufen am 21. Juli 2025</ref> Im Jahr 2017 wurde eine Stele mit Informationen zum Neuen Jüdischen Friedhof aufgestellt.<ref name="AJ" /><ref name="Stadt Erfurt" /><ref name="jewish-places" />
Grabstellen
Die ältesten Gräberfelder liegen zu beiden Seiten der baumbestandenen Hauptallee des Friedhofes in durch Wege und Hecken mehrfach gegliederten Abteilungen. Mitte der 1930er Jahre wurde ein drittes Feld Richtung Osten angelegt. In einem Bereich des linken Gräberfeldes befinden sich etwa 95 Kindergräber.<ref name="AJ" /> Östlich der Trauerhalle befanden sich bis 2009 zudem 28 Grabsteine, die vom zerstörten Friedhof an der Cyriakstraße gerettet werden konnten.<ref name="jewish-places" /> 2025 umfasst der Friedhof etwa 1000 Grabstellen.<ref name="Stadt Erfurt 2" />
Neben den Grabstellen für Bürger der Stadt und Mitglieder der Erfurter Synagogengemeinde gehören zahlreiche Grabsteine Familien aus jenen umliegenden Städten und Orten, die keine eigenen jüdischen Friedhöfe aufweisen, sowie Menschen jüdischer Religion, die sich in Erfurt aufhielten und dort starben.<ref>Führung „Der Neue Jüdische Friedhof in Erfurt. Kulturdenkmal und ‚guter Ort‘“. In: Jüdisches Leben in Erfurt. Abgerufen am 22. Juli 2025</ref>
Neben zahlreichen im Stil der jeweiligen Zeit geformten Mazewa ragen einige besonders gestaltete Steine hervor, wie etwa der des Erfurter Bildhauers Hans Walther, der mit seinen kristallinen Formen die kubistische Stilauffassung des Künstlers widerspiegelt.
Grabmonumente bekannter Persönlichkeiten (Auswahl):
- Schriftsteller Robert S. Arndt aus Berlin (1857–1893)
- Ehrengrab Max Cars (1894–1961) – erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Erfurts nach 1945
- Alfred Hess (1879–1931) – Industrieller, Stadtverordneter, Kunstsammler und Mäzen, bedeutender Stifter des Städtischen Museums Erfurt (heute: Angermuseum)
- Maier Hess (1851–1915) – Industrieller, Mitbegründer der Erfurter Schuhfabrik M. & L. Hess
- Ehrenmal Julius Jaraczewsky (1870–1924) – Sohn des früheren Erfurter Rabbiners und dessen Frau Jenny Jaraczewsky, geb. Cerf (1881–1924)<ref>Der neue jüdische Erfurter Friedhof an der Seelenbinderstraße. In: Jüdisch Historischer Verein Augsburg. Abgerufen am 22. Juli 2025</ref>
- Emil Klein (1873–1950) – Mediziner, Häftling in Theresienstadt
- Isaac Lamm (Ritter des roten Adlerordens, 1825–1905) und Lina Lamm geb. Soldin (1832–1909)
- Stadt-Veterinärrat Julius Ortenberger (1867–1937)
- Rabbiner Dr. Moritz Salzberger (1844–1929) und seine Frau Anna Salzberger geb. Freyhan (1855–1932)
- Gemeindepräsident Raphael Scharf-Katz (1917–1994) mit Gedenkinschrift für in der NS-Zeit ermordete Angehörige
- Rabbiner Dr. Max Schüftan (1887–1936) mit Gedenkinschrift für seine im KZ Auschwitz ermordete Frau Dina Schüftan geb. Meyer (geboren 1887, deportiert 1943)
- Direktor Dr. Moritz Calman Wahl (1829–1887)
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Hauptallee mit Gräberfeld links
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Grabstelle Hess
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Grabstein, geschaffen von Hans Walther
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Grabstellen Frank, Schlesinger, Dressel
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Grabstellen am Hauptweg
Vandalismus
Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Siehe auch“ ist nicht vorhanden. Es kam mehrmals zu antisemitisch motiviertem Vandalismus, auch zu Zeiten der DDR. In der Nacht zum 9. Juli 1983 wurden SS-Runen, Hakenkreuze und antisemitische Parolen in Grabsteine eingeritzt und Grabsteine umgestürzt, von denen einer zerbrach. Auf Veranlassung der Stadt und der SED wurde die Schändung nicht dokumentiert und diesbezügliche Presse verhindert. 1985 wurden erneut Grabsteine umgeworfen.<ref>Monika Schmidt: Die Bedeutung des offiziellen Antizionismus im Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II. In Bundeszentrale für politische Bildung vom 22. Januar 2019. Abgerufen am 22. Juli 2025</ref>
Im wiedervereinigten Deutschland wurde in der Nacht zum 17. November 2008 am Haupteingang eine Gedenktafel mit Schweineblut übergossen.<ref name="AJ" /> Im Mai 2018 wurde die Mauer des Friedhofes beschmiert.<ref>Mauer von Neuem Jüdischem Friedhof in Erfurt beschmiert. In Süddeutsche Zeitung vom 18. Mai 2018. Abgerufen am 22. Juli 2025</ref>
Weblinks
- Der Neue jüdische Friedhof auf der Webseite Jüdisches Leben in Erfurt
- Geschichte der Juden in Erfurt
- Jüdischer Friedhof in Erfurt bei Alemannia Judaica
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 50° 57′ 26″ N, 11° 2′ 18″ O
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Vorlage:Klappleiste/Anfang Welterbe-Emblem Jüdisch-Mittelalterliches Erbe in Erfurt
Alte Synagoge (1094–1349) • Steinernes Haus (1250) • Mikwe • Schatz
Synagogen
Kleine Synagoge (1840–1884) | Große Synagoge (1884–1938) | Neue Synagoge (seit 1952)
Friedhöfe
Mittelalterlicher Friedhof | Alter Friedhof (1811–1878) | Neuer Friedhof (seit 1878) Vorlage:Klappleiste/Ende