Muselmann (KZ)
Muselmann (auch: Muselman, Plural Muselmänner, polnisch Muzułman) wurden in manchen nationalsozialistischen Konzentrationslagern männliche sowie weibliche Häftlinge genannt,<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> die durch völlige Unterernährung bis auf die Knochen abgemagert waren und hungerbedingt bereits charakteristische Verhaltensänderungen bis hin zur Agonie zeigten.
Erscheinungsbild
Menschen, die sich im letzten Stadium des Hungertodes befanden, hießen in manchen Konzentrations- und Vernichtungslagern „Muselmänner“. Sie waren gekennzeichnet durch Folgen des Hungers: Haut und Gerippe, angeschwollene Beine und aufgeblähte Bäuche. Ihr einziger Instinkt war der Selbsterhaltungstrieb und die Suche nach Nahrung, beispielsweise Kartoffelschalen aus Abfallbehältern. Der SS galten sie durch dieses Verhalten als Beispiel für „Untermenschen“, sie nahmen sie nicht ins Krankenrevier auf. Kapos gingen brutal mit ihnen um. Auch Häftlinge stießen sie teilweise aus den Wohnbaracken hinaus, da sie in Apathie und Agonie des Hungertodes gefallen waren und Angst bei anderen Haftinsassen auslösten, „ebenso zu enden“.<ref>Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Herausgegeben vom Comité International de Dachau. Luxemburg 2002, ISBN 2-87996-948-4, S. 149 f.</ref>
Abgesehen vom Kriegsende, als die Alliierten die Lager befreiten, hatte ein Mensch, der das Stadium eines „Muselmanns“ erreicht hatte, praktisch keine Chance zu überleben. Wenn er nicht an Entkräftung, Hunger oder Krankheit starb, „selektierte“ ihn die SS zur Tötung.
Herkunft des Wortes
Es ist historisch zwar nicht eindeutig geklärt, woher der Ausdruck stammt, mittlerweile hat die Forschung aber Hinweise auf eine mögliche Herkunft ermittelt.<ref>Vgl. zusammenfassend Kathrin Wittler: „Muselmann“. Anmerkungen zur Geschichte einer Bezeichnung. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61, 2013, Nr. 12, S. 1045–1056.</ref>
Der ehemalige Häftling Viktor Frankl berichtet in seinen Erinnerungen, dass Lagerinsassen diesen Ausdruck selbst füreinander verwendeten.<ref>V. E. Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. dtv, München 1982, 22. Auflage. S. 39 f.: Er zitiert einen Auschwitz-Mithäftling und Kollegen mit den Worten: „Wißt Ihr schon, was man bei uns einen Muselman nennt? Eine Jammergestalt, einen Herabgekommenen, der kränklich aussieht, abgemagert ist und körperlich nicht mehr schwer arbeiten kann. Über kurz oder lang, meist über kurz, wandert jeder Muselman ins Gas!“; S. 76 (Dachau): „… dort gab es kein Krematorium, also auch keine Gaskammern. Und dies bedeutete, daß einer, der zum 'Muselmann' geworden war, nicht schnurstracks ins Gas gebracht werden konnte, sondern erst, wenn ein sogenannter Krankentransport nach Auschwitz zusammengestellt wurde.“</ref> Er stellt dies in den Zusammenhang mit dem System der Funktionshäftlinge und leitet diese Phänomene von der allgemeinen Barbarisierung des Menschen unter den Bedingungen von Lagerhaft, Zwangsarbeit und Unterernährung her.
Ausgehend davon, dass „Muselmann“ eine – allerdings schon in der Zeit des Nationalsozialismus veraltete – Bezeichnung für Muslime ist, wurden Erklärungen für die Bezeichnung zunächst in orientalistischen Assoziationen wie muslimischen Gebetshaltungen oder turbanartig um den Kopf geschlungenen Lumpen gesucht. Damit in Verbindung steht die Annahme, die Bezeichnung sei auf (islamischen) Fatalismus zu beziehen. So nennt Eugen Kogon die „Muselmänner“ „Leute von bedingungslosem Fatalismus“.<ref>Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager [1946]. München 1974, S. 400.</ref>
Wahrscheinlich ist, dass die Bezeichnung auch deshalb in die Lagersprache übernommen wurde, weil „Muselmann“ in der deutschen Umgangssprache vielerorts nicht mehr (nur) einen Muslim, sondern einen kranken, schwachen oder alten Menschen bezeichnete.<ref>Marie Simon: Das Wort Muselmann in der Sprache der deutschen Konzentrationslager. In: Julius H. Schoeps (Hrsg.): Aus zweier Zeugen Mund. Gerlingen 1992, S. 202–211.</ref> Der Gebrauch der Bezeichnung in dieser Bedeutung wurde wohl nicht zuletzt durch den weithin bekannten, von Carl Gottlieb Hering komponierten Kaffee-Kanon befördert: <poem style="margin-left:2em;">C-A-F-F-E-E Trink nicht so viel Caffee, Nicht für Kinder ist der Türkentrank, Schwächt die Nerven, Macht dich blass und krank, Sei doch kein Muselmann, Der ihn nicht lassen kann.<ref>Der Kanon. Ein Singbuch für Alle. Herausgegeben von Fritz Jöde. Bd. 3: Von der Romantik bis zur Gegenwart. Wolfenbüttel 1925, S. 8.</ref> </poem>
Möglicherweise ist die Bezeichnung auch durch dieses Lied in die Lagersprache gelangt, das die beiden Bedeutungen „Muslim“ und „schwacher/kranker Mensch“ verbindet.<ref>Kathrin Wittler: „Muselmann“. Anmerkungen zur Geschichte einer Bezeichnung. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61, 2013, Nr. 12, S. 1045–1056.</ref> So berichtet beispielsweise die Überlebende Renata Yesner in ihrer Autobiografie: „‚Sei kein Muselmann!‘ Dieses Wort hielt sich eisern in den Gesprächen“.<ref>Renata Yesner: Jeder Tag war Jom Kippur. Eine Kindheit im Ghetto und KZ. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Mona Körte. Frankfurt am Main 1995, S. 141, hier zitiert nach Kathrin Wittler: „Muselmann“. Anmerkungen zur Geschichte einer Bezeichnung. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61, 2013, Nr. 12, S. 1045–1056, hier S. 1048.</ref> Die Bezeichnung könnte dabei sowohl durch deutsche KZ-Aufseher als auch durch Häftlinge in die Lager eingeführt worden sein.
Laut Herman beschreibt Primo Levi in seinem Werk I sommersi e i salvati (1958) einen Muselmann als einen Menschen, der in einem Tiefpunkt der Erniedrigung und in einer absolut passiven Haltung angelangt ist. Hier wird allerdings laut Herman auf eine Phase hingewiesen, in der ein aktiver Entschluss einen vor diesem Zustand bewahren kann.<ref>Herman, Judith, Verena Koch (Übersetzerin), und Renate Weitbrecht (Übersetzerin). Die Narben der Gewalt: Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Paderborn: Junfermann Verlag, 3. Auflage 2010. S. 121.</ref>
Eine philosophische Untersuchung erfahren Phänomen und Begriff „Muselmann“ bei Giorgio Agamben und Gil Anidjar.<ref>Giorgio Agamben: Der „Muselmann“. In: Giorgio Agamben: Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, S. 36–75; Gil Anidjar: The Jew, the Arab. A History of the Enemy. Stanford 2003. Vgl. kritisch dazu Fethi Benslama: La représentation et l’impossible. In: L’Evolution psychiatrique 66 (2001), S. 448–466, bes. S. 460–465.</ref>
Alternative Begriffe
In KZ Majdanek sei der Ausdruck „Muselmann“ unbekannt gewesen, dort sei der Begriff „Gamel“ verwendet worden. Im KZ Dachau der Begriff „Kretiner“, im KZ Stutthof „Krüppel“, im KZ Mauthausen „Schwimmer“, im KZ Neuengamme „Kamele“, im KZ Buchenwald „müde Scheichs“ und im Frauen-KZ Ravensbrück „Muselweiber“ oder „Schmuckstücke“. Sämtliche Begriffe seien höhnische und spöttische Wörter, welche Ablehnung und Verachtung zum Ausdruck brächten.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Konzentrationslager Auschwitz
Der Häftling Witold Pilecki schilderte in seinem Bericht, den er im Sommer 1945 verfasste, Folgendes:
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| {{#if:trim|Im Frühjahr 1941 verbreitete sich unter den Lagerinsassen die Bezeichnung Muselmann. So nannten die deutschen Aufseher einen Häftling, der so ausgezehrt und abgestumpft war, dass er kaum noch gehen konnte – und das Wort hielt sich. Wie es in einem Lagerlied hieß: Muselmänner „… sie flattern im Wind …“. Muselmann zu sein, hieß, dass man sich auf der Grenzlinie zwischen Leben und … Krematorium befand. Es war sehr schwierig für jemanden, mit dem es so weit gekommen war, wieder zu Kräften zu kommen. Gewöhnlich endete man dann im sogenannten Schonungsblock (Block 14 nach der alten und 19 nach der neuen Nummerierung). Dort gewährte die Lagerleitung mehreren Hundert solcher bedauernswerten Gestalten die Gnade, den ganzen Tag lang bewegungslos in den Gängen stehen zu dürfen; aber schon dieses Herumstehen brachte die Menschen um.}}
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Nach Hermann Langbein dürfte der Ausdruck „Muselmann“ in Auschwitz in die Lagersprache eingegangen sein. Er war ab dem 1. Mai 1941 Schreiber im Häftlingskrankenbau Dachau gewesen und wurde im August 1942 in das KL Auschwitz überstellt.<ref>Klee 2013, S. 246.</ref> Er berichtet Folgendes:
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| {{#if:trim|Die zerstörten Menschen wurden in Auschwitz ‚Muselmänner’ genannt. Der Ausdruck wurde später auch in anderen Lagern gebraucht. Bevor ich nach Auschwitz kam, hatte ich ihn in Dachau nicht kennengelernt. Dort sagte man zu den Heruntergekommenen in bayerischer Mundart ‚Kretiner‘.}}
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Beschreibungen des Muselmannzustandes
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| {{#if:trim|Was die Krankheitssymptome des Aushungerns anbelangt, so kann man sie in zwei Perioden einteilen. Die erste ist durch Abmagern, Muskelschwäche und fortschreitende Abnahme der Bewegungsenergie gekennzeichnet. Während dieser Zeit trat noch keine tiefere Schädigung des Organismus auf. Außer der Langsamkeit ihrer Bewegungen und der Entkräftung hatten die Kranken keine anderen Symptome aufzuweisen. Abgesehen von einer gewissen Erregbarkeit und der typischen Gereiztheit äußerten sich auch keine psychischen Veränderungen.
Eine Grenze zwischen dem ersten und dem zweiten Stadium war schwer festzustellen. Bei den einen kam der Übergang allmählich, bei anderen sehr schnell. Schätzungsweise kann man feststellen, daß das zweite Stadium begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines Normalgewichts verloren hatte. Neben dem weiteren Abmagern begann sich sein Gesichtsausdruck zu verändern. Der Blick wurde trüb, das Gesicht nahm einen gleichgültigen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck an. Die Augen waren verschleiert, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut nahm eine blaugraue Farbe an, bekam ein dünnes, papierenes, hartes Aussehen und schälte sich. Sie war sehr empfänglich für alle Arten von Ansteckung, besonders für Krätze. Die Haare wurden struppig, matt und brachen leicht. Der Kopf wurde länglich, Jochbein und Augenhöhlen traten deutlich in Erscheinung. Der Kranke atmete langsam, sprach leise und mit großer Anstrengung.
Je nach der Dauer des Hungerns zeigten sich kleinere und größere Ödeme. Erst traten sie an den Augenlidern und Füßen auf und verlegten die Stellen ihres Auftretens je nach der Tageszeit. Morgens nach der Nachtruhe, beobachtete man sie am deutlichsten im Gesicht. Abends an Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Ödeme entwickelten sich mit zunehmendem Hungern und verbreiteten sich bei Leuten, die viel stehen mussten, nacheinander auf Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack und sogar auf den Bauch. Zu den Schwellungen kam Durchfall hinzu, Durchfall ging auch oft der Entwicklung der Schwellungen voran.
In dieser Periode wurden die Kranken allem gegenüber gleichgültig, was um sie herum geschah. Sie schlossen sich von allen Banden ihrer Umgebung aus. Konnten sie sich noch bewegen, so geschah dies in verlangsamten Tempo, ohne die Knie zu biegen. Als Folge von Untertemperatur, die sich gewöhnlich um 36 Grad hielt, zitterten sie vor Kälte.
Wenn man eine Gruppe von Kranken von weitem beobachtete, hatte man den Eindruck von betenden Arabern. Daher stammt auch der für die Hungerkranken im Lager übliche Name: Muselmänner.}}
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Eine Grenze zwischen dem ersten und dem zweiten Stadium war schwer festzustellen. Bei den einen kam der Übergang allmählich, bei anderen sehr schnell. Schätzungsweise kann man feststellen, daß das zweite Stadium begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines Normalgewichts verloren hatte. Neben dem weiteren Abmagern begann sich sein Gesichtsausdruck zu verändern. Der Blick wurde trüb, das Gesicht nahm einen gleichgültigen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck an. Die Augen waren verschleiert, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut nahm eine blaugraue Farbe an, bekam ein dünnes, papierenes, hartes Aussehen und schälte sich. Sie war sehr empfänglich für alle Arten von Ansteckung, besonders für Krätze. Die Haare wurden struppig, matt und brachen leicht. Der Kopf wurde länglich, Jochbein und Augenhöhlen traten deutlich in Erscheinung. Der Kranke atmete langsam, sprach leise und mit großer Anstrengung.
Je nach der Dauer des Hungerns zeigten sich kleinere und größere Ödeme. Erst traten sie an den Augenlidern und Füßen auf und verlegten die Stellen ihres Auftretens je nach der Tageszeit. Morgens nach der Nachtruhe, beobachtete man sie am deutlichsten im Gesicht. Abends an Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Ödeme entwickelten sich mit zunehmendem Hungern und verbreiteten sich bei Leuten, die viel stehen mussten, nacheinander auf Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack und sogar auf den Bauch. Zu den Schwellungen kam Durchfall hinzu, Durchfall ging auch oft der Entwicklung der Schwellungen voran.
In dieser Periode wurden die Kranken allem gegenüber gleichgültig, was um sie herum geschah. Sie schlossen sich von allen Banden ihrer Umgebung aus. Konnten sie sich noch bewegen, so geschah dies in verlangsamten Tempo, ohne die Knie zu biegen. Als Folge von Untertemperatur, die sich gewöhnlich um 36 Grad hielt, zitterten sie vor Kälte.
Wenn man eine Gruppe von Kranken von weitem beobachtete, hatte man den Eindruck von betenden Arabern. Daher stammt auch der für die Hungerkranken im Lager übliche Name: Muselmänner.}}“
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Eine Grenze zwischen dem ersten und dem zweiten Stadium war schwer festzustellen. Bei den einen kam der Übergang allmählich, bei anderen sehr schnell. Schätzungsweise kann man feststellen, daß das zweite Stadium begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines Normalgewichts verloren hatte. Neben dem weiteren Abmagern begann sich sein Gesichtsausdruck zu verändern. Der Blick wurde trüb, das Gesicht nahm einen gleichgültigen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck an. Die Augen waren verschleiert, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut nahm eine blaugraue Farbe an, bekam ein dünnes, papierenes, hartes Aussehen und schälte sich. Sie war sehr empfänglich für alle Arten von Ansteckung, besonders für Krätze. Die Haare wurden struppig, matt und brachen leicht. Der Kopf wurde länglich, Jochbein und Augenhöhlen traten deutlich in Erscheinung. Der Kranke atmete langsam, sprach leise und mit großer Anstrengung.
Je nach der Dauer des Hungerns zeigten sich kleinere und größere Ödeme. Erst traten sie an den Augenlidern und Füßen auf und verlegten die Stellen ihres Auftretens je nach der Tageszeit. Morgens nach der Nachtruhe, beobachtete man sie am deutlichsten im Gesicht. Abends an Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Ödeme entwickelten sich mit zunehmendem Hungern und verbreiteten sich bei Leuten, die viel stehen mussten, nacheinander auf Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack und sogar auf den Bauch. Zu den Schwellungen kam Durchfall hinzu, Durchfall ging auch oft der Entwicklung der Schwellungen voran.
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Eine Grenze zwischen dem ersten und dem zweiten Stadium war schwer festzustellen. Bei den einen kam der Übergang allmählich, bei anderen sehr schnell. Schätzungsweise kann man feststellen, daß das zweite Stadium begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines Normalgewichts verloren hatte. Neben dem weiteren Abmagern begann sich sein Gesichtsausdruck zu verändern. Der Blick wurde trüb, das Gesicht nahm einen gleichgültigen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck an. Die Augen waren verschleiert, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut nahm eine blaugraue Farbe an, bekam ein dünnes, papierenes, hartes Aussehen und schälte sich. Sie war sehr empfänglich für alle Arten von Ansteckung, besonders für Krätze. Die Haare wurden struppig, matt und brachen leicht. Der Kopf wurde länglich, Jochbein und Augenhöhlen traten deutlich in Erscheinung. Der Kranke atmete langsam, sprach leise und mit großer Anstrengung.
Je nach der Dauer des Hungerns zeigten sich kleinere und größere Ödeme. Erst traten sie an den Augenlidern und Füßen auf und verlegten die Stellen ihres Auftretens je nach der Tageszeit. Morgens nach der Nachtruhe, beobachtete man sie am deutlichsten im Gesicht. Abends an Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Ödeme entwickelten sich mit zunehmendem Hungern und verbreiteten sich bei Leuten, die viel stehen mussten, nacheinander auf Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack und sogar auf den Bauch. Zu den Schwellungen kam Durchfall hinzu, Durchfall ging auch oft der Entwicklung der Schwellungen voran.
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Eine Grenze zwischen dem ersten und dem zweiten Stadium war schwer festzustellen. Bei den einen kam der Übergang allmählich, bei anderen sehr schnell. Schätzungsweise kann man feststellen, daß das zweite Stadium begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines Normalgewichts verloren hatte. Neben dem weiteren Abmagern begann sich sein Gesichtsausdruck zu verändern. Der Blick wurde trüb, das Gesicht nahm einen gleichgültigen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck an. Die Augen waren verschleiert, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut nahm eine blaugraue Farbe an, bekam ein dünnes, papierenes, hartes Aussehen und schälte sich. Sie war sehr empfänglich für alle Arten von Ansteckung, besonders für Krätze. Die Haare wurden struppig, matt und brachen leicht. Der Kopf wurde länglich, Jochbein und Augenhöhlen traten deutlich in Erscheinung. Der Kranke atmete langsam, sprach leise und mit großer Anstrengung. Je nach der Dauer des Hungerns zeigten sich kleinere und größere Ödeme. Erst traten sie an den Augenlidern und Füßen auf und verlegten die Stellen ihres Auftretens je nach der Tageszeit. Morgens nach der Nachtruhe, beobachtete man sie am deutlichsten im Gesicht. Abends an Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Ödeme entwickelten sich mit zunehmendem Hungern und verbreiteten sich bei Leuten, die viel stehen mussten, nacheinander auf Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack und sogar auf den Bauch. Zu den Schwellungen kam Durchfall hinzu, Durchfall ging auch oft der Entwicklung der Schwellungen voran. In dieser Periode wurden die Kranken allem gegenüber gleichgültig, was um sie herum geschah. Sie schlossen sich von allen Banden ihrer Umgebung aus. Konnten sie sich noch bewegen, so geschah dies in verlangsamten Tempo, ohne die Knie zu biegen. Als Folge von Untertemperatur, die sich gewöhnlich um 36 Grad hielt, zitterten sie vor Kälte. Wenn man eine Gruppe von Kranken von weitem beobachtete, hatte man den Eindruck von betenden Arabern. Daher stammt auch der für die Hungerkranken im Lager übliche Name: Muselmänner. | {{
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Eine Grenze zwischen dem ersten und dem zweiten Stadium war schwer festzustellen. Bei den einen kam der Übergang allmählich, bei anderen sehr schnell. Schätzungsweise kann man feststellen, daß das zweite Stadium begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines Normalgewichts verloren hatte. Neben dem weiteren Abmagern begann sich sein Gesichtsausdruck zu verändern. Der Blick wurde trüb, das Gesicht nahm einen gleichgültigen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck an. Die Augen waren verschleiert, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut nahm eine blaugraue Farbe an, bekam ein dünnes, papierenes, hartes Aussehen und schälte sich. Sie war sehr empfänglich für alle Arten von Ansteckung, besonders für Krätze. Die Haare wurden struppig, matt und brachen leicht. Der Kopf wurde länglich, Jochbein und Augenhöhlen traten deutlich in Erscheinung. Der Kranke atmete langsam, sprach leise und mit großer Anstrengung. Je nach der Dauer des Hungerns zeigten sich kleinere und größere Ödeme. Erst traten sie an den Augenlidern und Füßen auf und verlegten die Stellen ihres Auftretens je nach der Tageszeit. Morgens nach der Nachtruhe, beobachtete man sie am deutlichsten im Gesicht. Abends an Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Ödeme entwickelten sich mit zunehmendem Hungern und verbreiteten sich bei Leuten, die viel stehen mussten, nacheinander auf Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack und sogar auf den Bauch. Zu den Schwellungen kam Durchfall hinzu, Durchfall ging auch oft der Entwicklung der Schwellungen voran. In dieser Periode wurden die Kranken allem gegenüber gleichgültig, was um sie herum geschah. Sie schlossen sich von allen Banden ihrer Umgebung aus. Konnten sie sich noch bewegen, so geschah dies in verlangsamten Tempo, ohne die Knie zu biegen. Als Folge von Untertemperatur, die sich gewöhnlich um 36 Grad hielt, zitterten sie vor Kälte. Wenn man eine Gruppe von Kranken von weitem beobachtete, hatte man den Eindruck von betenden Arabern. Daher stammt auch der für die Hungerkranken im Lager übliche Name: Muselmänner. |
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| {{#if:trim|Das Stadium eines Muselmannes ist das letzte der Unterernährung. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie ein Mensch, der diese Phase erreicht, ständig vom Essen zu reden beginnt. Es gibt zwei Themen, welche die Häftlinge von Auschwitz als Tabu betrachteten: die Krematorien und das Essen.
Das Reden vom Essen vermehrt auf dem Weg der bedingten Reflexe die Produktion von Magensäure und damit den Hunger. Deswegen soll man nicht von Speisen reden. Wenn jemand die Kontrolle über sich verliert und immer wieder beginnt, von Mahlzeiten zu sprechen, die er zu Hause gegessen hat, so war das das erste Zeichen, daß er zum Muselmann wird. Wir wußten, daß dieser Mann bald nicht mehr reagieren und sich nicht mehr für seine Umgebung interessieren und auch keine Befehle befolgen wird. Seine Bewegungen werden langsam werden, sein Gesicht maskenartig, Reflexe werden sich nicht mehr einstellen, er wird seine Notdurft unter sich lassen, ohne davon Kenntnis zu nehmen. Er wird sich selbst nicht mehr von seinem Strohsack erheben, er wird bewegungslos liegen bleiben – kurz, er wird ein Muselmann werden, ein auf geschwollenen Beinen stehender Leichnam. Wenn man zum Appell heraustreten mußte, stellten wir sie mit erhobenen Händen an die Wand und es war nur mehr ein Gerippe mit einem grauen Gesicht, welches sich gegen die Wand lehnte und nicht bewegte, denn es hatte seinen Gleichgewichtssinn verloren.}}
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Das Reden vom Essen vermehrt auf dem Weg der bedingten Reflexe die Produktion von Magensäure und damit den Hunger. Deswegen soll man nicht von Speisen reden. Wenn jemand die Kontrolle über sich verliert und immer wieder beginnt, von Mahlzeiten zu sprechen, die er zu Hause gegessen hat, so war das das erste Zeichen, daß er zum Muselmann wird. Wir wußten, daß dieser Mann bald nicht mehr reagieren und sich nicht mehr für seine Umgebung interessieren und auch keine Befehle befolgen wird. Seine Bewegungen werden langsam werden, sein Gesicht maskenartig, Reflexe werden sich nicht mehr einstellen, er wird seine Notdurft unter sich lassen, ohne davon Kenntnis zu nehmen. Er wird sich selbst nicht mehr von seinem Strohsack erheben, er wird bewegungslos liegen bleiben – kurz, er wird ein Muselmann werden, ein auf geschwollenen Beinen stehender Leichnam. Wenn man zum Appell heraustreten mußte, stellten wir sie mit erhobenen Händen an die Wand und es war nur mehr ein Gerippe mit einem grauen Gesicht, welches sich gegen die Wand lehnte und nicht bewegte, denn es hatte seinen Gleichgewichtssinn verloren.}}“
| {{#invoke:Text|quoteUnquoted| Das Stadium eines Muselmannes ist das letzte der Unterernährung. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie ein Mensch, der diese Phase erreicht, ständig vom Essen zu reden beginnt. Es gibt zwei Themen, welche die Häftlinge von Auschwitz als Tabu betrachteten: die Krematorien und das Essen.
Das Reden vom Essen vermehrt auf dem Weg der bedingten Reflexe die Produktion von Magensäure und damit den Hunger. Deswegen soll man nicht von Speisen reden. Wenn jemand die Kontrolle über sich verliert und immer wieder beginnt, von Mahlzeiten zu sprechen, die er zu Hause gegessen hat, so war das das erste Zeichen, daß er zum Muselmann wird. Wir wußten, daß dieser Mann bald nicht mehr reagieren und sich nicht mehr für seine Umgebung interessieren und auch keine Befehle befolgen wird. Seine Bewegungen werden langsam werden, sein Gesicht maskenartig, Reflexe werden sich nicht mehr einstellen, er wird seine Notdurft unter sich lassen, ohne davon Kenntnis zu nehmen. Er wird sich selbst nicht mehr von seinem Strohsack erheben, er wird bewegungslos liegen bleiben – kurz, er wird ein Muselmann werden, ein auf geschwollenen Beinen stehender Leichnam. Wenn man zum Appell heraustreten mußte, stellten wir sie mit erhobenen Händen an die Wand und es war nur mehr ein Gerippe mit einem grauen Gesicht, welches sich gegen die Wand lehnte und nicht bewegte, denn es hatte seinen Gleichgewichtssinn verloren. | {{{lang}}} }} }}
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Das Reden vom Essen vermehrt auf dem Weg der bedingten Reflexe die Produktion von Magensäure und damit den Hunger. Deswegen soll man nicht von Speisen reden. Wenn jemand die Kontrolle über sich verliert und immer wieder beginnt, von Mahlzeiten zu sprechen, die er zu Hause gegessen hat, so war das das erste Zeichen, daß er zum Muselmann wird. Wir wußten, daß dieser Mann bald nicht mehr reagieren und sich nicht mehr für seine Umgebung interessieren und auch keine Befehle befolgen wird. Seine Bewegungen werden langsam werden, sein Gesicht maskenartig, Reflexe werden sich nicht mehr einstellen, er wird seine Notdurft unter sich lassen, ohne davon Kenntnis zu nehmen. Er wird sich selbst nicht mehr von seinem Strohsack erheben, er wird bewegungslos liegen bleiben – kurz, er wird ein Muselmann werden, ein auf geschwollenen Beinen stehender Leichnam. Wenn man zum Appell heraustreten mußte, stellten wir sie mit erhobenen Händen an die Wand und es war nur mehr ein Gerippe mit einem grauen Gesicht, welches sich gegen die Wand lehnte und nicht bewegte, denn es hatte seinen Gleichgewichtssinn verloren.}}{{
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Das Reden vom Essen vermehrt auf dem Weg der bedingten Reflexe die Produktion von Magensäure und damit den Hunger. Deswegen soll man nicht von Speisen reden. Wenn jemand die Kontrolle über sich verliert und immer wieder beginnt, von Mahlzeiten zu sprechen, die er zu Hause gegessen hat, so war das das erste Zeichen, daß er zum Muselmann wird. Wir wußten, daß dieser Mann bald nicht mehr reagieren und sich nicht mehr für seine Umgebung interessieren und auch keine Befehle befolgen wird. Seine Bewegungen werden langsam werden, sein Gesicht maskenartig, Reflexe werden sich nicht mehr einstellen, er wird seine Notdurft unter sich lassen, ohne davon Kenntnis zu nehmen. Er wird sich selbst nicht mehr von seinem Strohsack erheben, er wird bewegungslos liegen bleiben – kurz, er wird ein Muselmann werden, ein auf geschwollenen Beinen stehender Leichnam. Wenn man zum Appell heraustreten mußte, stellten wir sie mit erhobenen Händen an die Wand und es war nur mehr ein Gerippe mit einem grauen Gesicht, welches sich gegen die Wand lehnte und nicht bewegte, denn es hatte seinen Gleichgewichtssinn verloren. | {{
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Das Reden vom Essen vermehrt auf dem Weg der bedingten Reflexe die Produktion von Magensäure und damit den Hunger. Deswegen soll man nicht von Speisen reden. Wenn jemand die Kontrolle über sich verliert und immer wieder beginnt, von Mahlzeiten zu sprechen, die er zu Hause gegessen hat, so war das das erste Zeichen, daß er zum Muselmann wird. Wir wußten, daß dieser Mann bald nicht mehr reagieren und sich nicht mehr für seine Umgebung interessieren und auch keine Befehle befolgen wird. Seine Bewegungen werden langsam werden, sein Gesicht maskenartig, Reflexe werden sich nicht mehr einstellen, er wird seine Notdurft unter sich lassen, ohne davon Kenntnis zu nehmen. Er wird sich selbst nicht mehr von seinem Strohsack erheben, er wird bewegungslos liegen bleiben – kurz, er wird ein Muselmann werden, ein auf geschwollenen Beinen stehender Leichnam. Wenn man zum Appell heraustreten mußte, stellten wir sie mit erhobenen Händen an die Wand und es war nur mehr ein Gerippe mit einem grauen Gesicht, welches sich gegen die Wand lehnte und nicht bewegte, denn es hatte seinen Gleichgewichtssinn verloren. |
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Literatur
- Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3.
- Mona Körte: Stummer Zeuge. Der ‚Muselmann‘ in Erinnerung und Erzählung. In: Silke Segler-Messer (Hrsg.): Vom Zeugnis zur Fiktion. Repräsentation von Lagerwirklichkeit und Shoah in der französischen Literatur nach 1945. Frankfurt am Main 2006, S. 97–110.
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- Witold Pilecki: Freiwillig nach Auschwitz. Die geheimen Aufzeichnungen des Häftlings Witold Pilecki. Aus dem Englischen von Dagmar Mallett. Orell Füssli Verlag, Zürich 2013, ISBN 978-3-280-05511-3.
- Zdziław Ryn, Stanisław Kłodziński: An der Grenze zwischen Leben und Tod. Eine Studie über die Erscheinung des „Muselmanns“ im Konzentrationslager [1983]. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. In: Die Auschwitz-Hefte. Band 1. Texte der polnischen Zeitschrift „Przegląd Lekarski“ über historische, psychische und medizinische Aspekte des Lebens und Sterbens in Auschwitz. Herausgegeben vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Weinheim/Basel 1987, S. 89–154.
- Marie Simon: Das Wort Muselmann in der Sprache der deutschen Konzentrationslager. In: Julius H. Schoeps (Hrsg.): Aus zweier Zeugen Mund. Gerlingen 1992, S. 202–211.
- Nicole Warmbold: Lagersprache. Zur Sprache der Opfer in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald. Bremen 2008, S. 280–285.
- Danuta Wesołowska: Wörter aus der Hölle. Die „lagerszpracha“ der Häftlinge von Auschwitz. Aus dem Polnischen von Jochen August. Krakau 1998, S. 120–136.
- Kathrin Wittler: „Muselmann“. Anmerkungen zur Geschichte einer Bezeichnung. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61, 2013, Nr. 12, S. 1045–1056.
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Weblinks
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Anmerkungen und Einzelnachweise
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- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Zitat
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Schwesterprojekt
- Wikipedia:Weblink offline fix-attempted
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- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:URL
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- 1940er