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Michael Mietke

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Das „weiße“ Cembalo von Michael Mietke in Schloss Charlottenburg
Datei:2012-10 Schloss Charlottenburg Vorkammer anagoria.JPG
Schloss Charlottenburg, Vorkammer mit Mietke-Cembalo

Michael Mietke (* zwischen 1656 und 1671; † 1719),<ref>Lebensdaten gemäß Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 2001, Eintrag „Mietke“ und Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenband, Bärenreiter und Metzler, Kassel und Stuttgart 1999–2007, Eintrag „Mietke“.</ref> auch Miedtke,<ref>Die Schreibung „Mietke“ findet sich in Curt Sachs: Musik und Oper am kurbrandenburgischen Hof. Bard, Berlin 1910, S. 186, in Paul Badura-Skoda: Bach-Interpretation. Die Klavierwerke Johann Sebastian Bachs. Laaber, Laaber 1990, S. 150–152 und in den beiden großen Lexika The New Grove Dictionary of Music and Musicians und Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Eine Vielzahl von Schreibungen – in erster Linie „Miedtke“, aber auch „Mietke“, „Miedecke“, „Midecke“, „Medicke“ und „Mietcke“ – wird angeführt in Werner Renkewitz und Jan Janca: Geschichte der Orgelbaukunst in Ost- und Westpreußen von 1333 bis 1944. Band 1. Weidlich, Würzburg 1984, S. 219 und 232.</ref> war ein norddeutscher Cembalo- und Harfenbauer.

Leben

Über Michael Mietkes Geburtsort ist nichts bekannt. Als Vater wird ein Georg Mietke vermutet, der zeitweise in Cölln (Altberlin) wohnte, als Mutter eine Frau Hofglaser Anna Mietke oder Miedtke mit Verbindungen zu Hofmusikern.<ref>Dieter Krickeberg: Michael Mietke – ein Cembalobauer aus dem Umkreis von J. S. Bach. In: Cöthener Bach-Hefte. 3/1985, S. 47–56, hier S. 49. Was die Verbindungen Anna Mietkes zu Hofmusikern betrifft, verweist Krickeberg auf die im Cöllner Taufbuch St. Petri eingetragenen Patenschaften.</ref> Seine Ausbildung erhielt er vielleicht bei Martin Vater,<ref>Igor Kipnis (Hrsg.): The Harpsichord and Clavichord. An Encyclopedia. Band 2 der Encyclopedia of Keyboard Instruments. Routledge, New York/Abingdon 2007, ISBN 0-415-93765-5, S. 205.</ref> dem angesehenen Hoforgelbauer und Instrumentenbauer in Hannover,<ref>Winfried Schlepphorst (Hrsg.): Orgelkunst und Orgelforschung. Gedenkschrift Rudolf Reuter. Bärenreiter, Kassel 1990, S. 211.</ref> dessen Söhne Christian und Antoine ebenfalls namhafte Instrumentenbauer wurden.

Offenbar verbrachte Mietke sein ganzes weiteres Leben in Berlin. Spätestens ab 1695 baute er dort Instrumente. Am 8. Februar 1697 heiratete er Maria Wagenführer; zwischen 1698 und 1715 wurden zwei Kinder in Friedrichswerder, neun in Cölln getauft.<ref>Kielklaviere. Cembali – Spinette – Virginale. Bestandskatalog mit Beiträgen von John Henry van der Meer, Martin Elste und Günther Wagner. Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1991, ISBN 3-922378-11-0, S. 402.</ref> 1707 trat Mietke die Nachfolge von Christoph Werner als preußischer Hoflieferant an. 1718/1719 baute er ein Cembalo für den Köthener Hof – vielleicht das Instrument, für das Johann Sebastian Bach das 5. Brandenburgische Konzert komponierte.<ref>Paul Badura-Skoda: Bach-Interpretation. Die Klavierwerke Johann Sebastian Bachs. Laaber, Laaber 1990, S. 151.</ref> Bach gab das Cembalo 1718 persönlich in Auftrag und reiste 1719 erneut nach Berlin, um es abzuholen.<ref>Bachstädte und Bachorte: Berlin. Kurztext auf bachueberbach.de (Stand 21. März 2018).</ref>

Der einzige namentlich bekannte Schüler Michael Mietkes ist Johann Rost (um 1670–um 1747).<ref>Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 2003, ISBN 978-0-253-02347-6, S. 510, Endnote 87.</ref> Als möglicher Enkelschüler gilt Johann Christoph Oesterlein (1727–1792).<ref>Kielklaviere. Cembali – Spinette – Virginale. Bestandskatalog mit Beiträgen von John Henry van der Meer, Martin Elste und Günther Wagner. Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1991, ISBN 3-922378-11-0, S. 403.</ref>

Nachfahren

Drei Nachfahren von Michael Mietke haben sich ebenfalls einen Namen als Instrumentenbauer gemacht.<ref>Alle Angaben gemäß Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 2001, Eintrag „Mietke“ und Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenband, Bärenreiter und Metzler, Kassel und Stuttgart 1999–2007, Eintrag „Mietke“.</ref>

  • Der Sohn Michael Mietke (1702–1754) wurde am 5. März 1702 in Berlin getauft. 1728 wurde er zum Hofinstrumentenmacher für besaitete Tasteninstrumente in Königsberg ernannt; zwischen April und August 1754 starb er ebenda.
  • Der Sohn George oder Georg Mietke (1704–1770) wurde am 31. Januar 1704 in Berlin getauft, verließ Berlin 1729, schloss 1736 in Danzig seine zweite Ehe und ging 1739 nach Königsberg. Dort erhielt er 1747 die Konzession, „Claviere“ (Tasteninstrumente) und andere Musikinstrumente zu bauen; auch als Sterbeort wird Königsberg angenommen.<ref>Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Findbuch: II. HA GD, Abt. 7, Bestand: Ostpreußen und Litthauen, Überschrift: 02.098 Privilegierung von (Hof-) Orgelbauern und Instrumentenmachern, Bestellsignatur: II. HA GD, Abt. 7, II Nr. 7032, Titel: Erteilung einer Konzession an Instrumentenmacher Georg Mietke zur Fertigung von Klavieren, Flügeln und anderen musikalischen Instrumenten, Laufzeit: 1744–1754.</ref>
  • Der Enkel Georg Friedrich Mietke (1746–nach 1805) wurde in Königsberg geboren und ging bis 1765 bei seinem Vater George in die Lehre. 1770 wurde er nach einem Gesuch<ref>Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Findbuch: II. HA GD, Abt. 7, Bestand: Ostpreußen und Litthauen, Überschrift: 02.098 Privilegierung von (Hof-)Orgelbauern und Instrumentenmachern, Bestellsignatur: II. HA GD, Abt. 7, II Nr. 7039, Titel: Gesuch des Instrumentenmachers Mietke in Königsberg hinsichtlich Verleihung des Prädikats „Hofinstrumentenmacher“, Laufzeit: 1770.</ref> zum Hofinstrumentenmacher in Königsberg bestellt. Sterbejahr und Sterbeort (wahrscheinlich Königsberg) sind unsicher.

Instrumente

Aus Michael Mietkes Werkstatt haben sich drei Instrumente erhalten:

Die beiden Cembali in Schloss Charlottenburg – das einmanualige „weiße“ und das zweimanualige „schwarze“ – werden heute allgemein Mietke zugesprochen.<ref>Paul Badura-Skoda: Bach-Interpretation. Die Klavierwerke Johann Sebastian Bachs. Laaber, Laaber 1990, S. 150.</ref> Sie wurden von dem Belgier Gérard Dagly (um 1660–1715), „dem berühmtesten Lackkünstler seiner Zeit“, mit Chinoiserien dekoriert, das weiße üppiger, das schwarze zurückhaltender.<ref name="fresko">Gérard Dagly und die Berliner Hofwerkstatt. Ausstellungshinweis auf www.fresko-magazin.de (Stand 21. März 2018).</ref> „Auf dem weißen Cembalo sieht man chinesische Männer, Frauen und Kinder im Freien verschiedenen Tätigkeiten nachgehen: Sie musizieren und tanzen, füttern Pfauen, präsentieren einander Geschenke oder servieren Tee – eine ideale Welt, nach der man sich in Europa sehnte.“<ref name="fresko" /> Als Johann Sebastian Bach 1719 Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg im Berliner Schloss besuchte, spielte er vermutlich das schwarze Instrument.<ref>Paul Badura-Skoda: Bach-Interpretation. Die Klavierwerke Johann Sebastian Bachs. Laaber, Laaber 1990, S. 502, Endnote 86. Badura-Skoda bezieht sich auf folgende Beiträge Dieter Krickebergs: Michael Mietke – ein Cembalobauer aus dem Umkreis von J. S. Bach. In: Cöthener Bach-Hefte. 3 (1985) und Der Berliner Cembalobauer Michael Mietke, die Hohenzollern und Bach. In: Programmbuch der Berliner Bachtage. (1986).</ref>

Das Mietke-Cembalo des Hälsinglands-Museums in der schwedischen Stadt Hudiksvall wurde erst 1991 bekannt, obwohl es schon über 60 Jahre lang dort gestanden hatte. Das einmanualige Instrument befindet sich weitgehend im Originalzustand; auf der Hintertaste der letzten Diskanttaste trägt es die Signatur „Michael Mietke Instrumentenmacher in Berlin Anno 1710“.<ref>Andreas Kilström: A Signed Mietke Harpsichord. In: Fellowship of Makers and Restorers of Historical Instruments Quarterly. 64 (Juli 1991), S. 59–62.</ref>

Im Stadtmuseum Gera steht ein zum Hammerflügel umgebautes Cembalo, das in der Grundsubstanz vielleicht auf Mietke zurückgeht.<ref>Martin-Christian Schmidt: Wiederentdeckt: Cembali von Silbermann und Mietke? In: Concerto 135 (Juli/August 1998), S. 34–38.</ref>

Der Musikwissenschaftler Dieter Krickeberg und mit ihm der Musikwissenschaftler Günther Wagner halten es für plausibel, dass das (verlorene) Cembalo, das Mietke für Köthen gebaut hatte, über ein 16-Fuß-Register verfügte. Weil die Besetzung eines „starcken Concerts“ einen Kontrabass oder einen Violone und dann auch ein Generalbassinstrument mit 16-Fuß-Register fordere, und weil die Besetzung des 5. Brandenburgischen Konzerts einen Violone vorsehe, sei hier möglicherweise an ein Cembalo mit 16-Fuß-Register zu denken – solche Cembali seien auch keineswegs selten gewesen.<ref>Günther Wagner: Die Besonderheiten des 16-Fuß-Registers am Beispiel des Berliner „Bach-Cembalos“. In: Das Berliner „Bach-Cembalo“. Ein Mythos und seine Folgen. Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 41–54, insbesondere S. 46.</ref> Ein (ebenfalls verlorenes) Mietke-Cembalo mit 16-Fuß-Register, das 1778 in Berlin zum Wiederverkauf angeboten wurde, ist wohl einem der Söhne zuzuordnen.<ref>Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 2001, Eintrag „Mietke“.</ref>

Die erhaltenen Instrumente von Michael Mietke werden heute in den verschiedensten Cembalowerkstätten nachgebaut.<ref>Ein Cembalo-Nachbau nach Mietke aus Tschechien. Hinweis auf www.orgelbits.de (Stand 13. Juni 2019).</ref><ref>Bach-Geburtstag in Sanssouci. Artikel vom 23. März 2009 auf www.pnn.de (Stand 4. November 2019).</ref>

Informationsbasis

Literatur

  • Herbert Heyde: Musikinstrumentenbau in Preußen. Schneider, Tutzing 1994, ISBN 978-3-7952-0720-5. (Heydes Buch bietet über 30 Fundstellen zum Schaffen von Michael Mietke und Nachfahren.)
  • Dieter Krickeberg: Michael Mietke – ein Cembalobauer aus dem Umkreis von J. S. Bach. In: Cöthener Bach-Hefte. 3/1985, S. 47–56. (Dieser Aufsatz wird in Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis 2003, ISBN 978-0-253-02347-6, S. 510, Endnote 79 als Referenzliteratur zu Michael Mietke bezeichnet.)
  • Konstantin Restle: Versuch einer historischen Einordnung des „Bach-Cembalos“. In: Das Berliner „Bach-Cembalo“. Ein Mythos und seine Folgen. Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 29–40; Nachdruck im Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz 1996, S. 102–112, siehe Inhaltsverzeichnis. (Restle gibt einen Überblick über 16-Fuß-Cembali des 17. und 18. Jahrhunderts und kommt zum Schluss, dass „Cembali mit Sechzehnfuß-Registern gerade im englischen, italienischen und deutschen Cembalobau des 17. und 18. Jahrhunderts keinesfalls unüblich waren.“)
  • Günther Wagner: Die Besonderheiten des 16-Fuß-Registers am Beispiel des Berliner „Bach-Cembalos“. In: Das Berliner „Bach-Cembalo“. Ein Mythos und seine Folgen. Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 41–54; Nachdruck im Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz 1996, S. 113–124, siehe Inhaltsverzeichnis. (Wagner hält es für überaus plausibel, dass „Bachs Köthener Instrument, das er in Berlin bei Michael Mietke bauen ließ, über ein 16-Fuß-Register verfügte“.)

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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