Meister der Lorcher Kreuztragung
Als Meister der Lorcher Kreuztragung wird ein mittelalterlicher Künstler bezeichnet, der am Mittelrhein um 1410 eine Terrakottagruppe der Kreuztragung geschaffen hat. Das für eine Pfarrkirche St. Martin in Lorch geschaffene Werk gab diesem Meister seinen Notnamen. Es zählt zu den bedeutendsten spätmittelalterlichen Bildwerken aus Terrakotta nördlich der Alpen, einem in dieser Zeit nicht gewöhnlich zu findenden Werkstoff in dieser Region.<ref>Plastik. In: Fischer Lexikon Bildende Kunst, Band 2. Online aufgerufen Februar 2010 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2019. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot</ref>
Die Lorcher Kreuztragung befindet sich heute im Bode-Museum in Berlin. Die Gruppe besteht aus mehr als einem Dutzend Einzelfiguren. Im 19. Jahrhundert wurde ein Maßwerkschrein als Gehäuse für die gebrannten Tonfiguren rekonstruiert und der Maßwerkfries nach originalem Vorbild ergänzt.
Stil und Bedeutung
Der Meister der Lorcher Kreuztragung zeigt durch seine lebensnahe Darstellung der Figuren den spätgotischen Realismus, wie er schon zuvor bei niederländischen Gemälden zu finden ist. Sein Werk zeigt die Entwicklung ausgehend von der traditionellen idealisierenden Stilisierung hin zu genauester Naturbeobachtung.<ref>Vgl. dazu Städel Museum (Hrsg.): Im Städel Museum: Herausragende Werke des Hessischen Landesmuseums Darmstadt - Niederlande und Deutschland. Ein Dialog im 15. Jahrhundert. Presseinformation Frankfurt 16. Oktober 2007 und die dort beschriebene Ausstellung „Niederlande und Deutschland: Ein Dialog im 15. Jahrhundert“ von Oktober 2007 bis Februar 2008 im Städel.</ref> Wie auch besonders in der zeitgenössischen Malerei seiner Epoche wird so auch im Bereich der Skulptur im Zentrum Europas erkennbar, dass durch Naturstudien neue Erkenntnis über die Beschaffenheit der Umwelt gesucht wird, auch wenn die Werke weiter in den überlieferten Religionsvorstellungen verwurzelt bleiben. Die Beobachtungsgabe des Meisters der Lorcher Kreuztragung zeigt sich z. B. in den genauen Proportionen seiner Figuren<ref>R. Herrlinger: Körperproportionen im XIV. Jahrhundert. In: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, 14. Bd., (1949), S. 157–162.</ref> und seiner naturnahen Wiedergabe des menschlichen Körpers allgemein. Seine Arbeiten gelten als überragende Werke der mittelrheinischen Tonplastik.<ref>O. Kerber: Die Kunstgeschichte an der Universität Gießen – Die Anfänge unter Hugo von Ritgen. Festschrift zur 350-Jahr-Feier. Gießen 1957.</ref> Auch ist es Anlass zur kunsthistorischen Diskussion, inwieweit die am Mittelrhein entstehende Kunstlandschaft einen eigenständigen Stil entwickelt und inwieweit Anregungen aus Skulptur und Malerei anderer Kunstzentren von Köln bis hin zu den Niederlanden oder Frankreich übernommen werden.<ref>Vgl. zu dieser Entwicklungsfrage z. B. Moritz Woelk (Bearb.): Bildwerke vom 9. bis zum 16. Jahrhundert aus Stein, Holz und Ton im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Berlin 1999, S. 206 f.</ref>
Zugeschriebene Werke (Auswahl)
- Engelskopf, um 1420 (Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Mainz, Inv. Nr. PS 00569)<ref>Winfried Wilhelmy (Hrsg.): Schrei nach Gerechtigkeit. Leben am Mittelrhein am Vorabend der Reformation (= Publikationen des Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseums Mainz. Band 6). Regensburg 2015, Kat. Nr. 142, S. 350 f. (Andrea Arens).</ref>
- Thronender Gottvater, um 1420/30 (Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main, Inv. Nr. 315)<ref>Michael Maek-Gérard (Bearb.): Die deutschsprachigen Länder ca. 1380–1530/40 (= Nachantike grossplastische Bildwerke. Band 3). Melsungen 1985, Kat. Nr. 73, S. 166–168.</ref>
- Beweinung Christi aus der Kapelle der Burg Dernbach, um 1420/30 (Diözesanmuseum Limburg)
- Kreuztragung Christi aus St. Martin in Lorch am Rhein, um 1425/30 (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst Berlin, Inv. Nr. 8499)<ref>Die Lorcher Kreuztragung aus St. Martin in Lorch am Rhein. In: Sammlungen Online. Staatliche Museen zu Berlin, abgerufen am 21. Januar 2026.</ref><ref>Tobias Kunz (Bearb.): Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380–1440. Kritischer bestandskatalog. Petersberg 2019, Nr. 66, S. 361–372.</ref>
- Tondoerffer-Epitaph, um 1430 (St. Lorenz in Nürnberg)
- Gottvater, um 1430/40 (Hessisches Landesmuseum Kassel, Inv. Nr. KP 1918/5)<ref>Gottvater im Wolkenkranz. In: Objektsammlungen. Hessen Kassel Heritage, abgerufen am 21. Januar 2026.</ref>
- Kopf eines Joseph von Arimathia, um 1430 (Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Inv. Nr. Pl 27:04)<ref>Moritz Woelk (Bearb.): Bildwerke vom 9. bis zum 16. Jahrhundert aus Stein, Holz und Ton im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Reimer, Berlin 1999, Nr. 32, S. 202–207.</ref><ref>Brigitte Reinhardt, Michael Roth (Hrsg.): Hans Multscher. Bildhauer der Spätgotik. Ulm 1997, Kat. Nr. 6, S. 256–258 (Hartmut Krohm).</ref>
- Verkündigungsretabel, um 1435/40 (Kolumba in Köln)
- Marientodaltar, um 1438/40 (St. Johann in Kronberg im Taunus)
Literatur
- Hubert Wilm: Gotische Tonplastik in Deutschland. Augsburg 1929.
- G. Schoenberger: Alabasterplastik. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Band 1. Stuttgart 1934, Sp. 294 ff.
- Alfred Schädler: Zum Werk des Meisters der Lorcher Kreuztragung. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 3.F. Mai 1954, S. 80–88.
- Bodo Buczynski: Die Lorcher Kreuztragung. In: S. Guillot (Hrsg.): Sculptures médiévales allemandes. Conservation et Restauration. Paris 1993.
- Moritz Woelk: Bildwerke vom 9. bis zum 16. Jahrhundert aus Stein, Holz und Ton im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Berlin 1999.
- Leonie von Wilckens: Grundriß der abendländischen Kunstgeschichte. Stuttgart 2000.
- Juliane von Fircks: Passionsspektakel oder Andachtsbild – Die Lorcher Kreuztragung. In: H. Beck, Hartmut Krohm (Hrsg.): AnsichtsSache. Das Bodemuseum Berlin im Liebieghaus Frankfurt. Europäische Bildhauerkunst von 800 bis 1800. Frankfurt a. Main/Wolfratshausen 2002, S. 102–112.
- Bodo Buzynski, Juliane von Fircks: Die Lorcher Kreuztragung. Tradition und Experiment in der mittelrheinischen Tonplastik um 1400. Petersberg 2015.
Einzelnachweise
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