Zum Inhalt springen

Meinrad Hämmerle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Meinrad Hämmerle (* 30. Jänner 1901 in Dornbirn; † 28. März 1973 in Bludenz) war ein österreichischer Politiker (NSDAP/SPÖ), Gewerkschafter und Fabrikarbeiter. Er war von 1932 bis 1933 Abgeordneter zum Vorarlberger Landtag.

Ausbildung und Beruf

Meinrad Hämmerle wurde als ältestes von zehn Kindern des Dornbirner Schlossers Kasimir Hämmerle und dessen Frau Maria Luise Huber geboren. Seine Mutter war über ihre Mutter, eine geborene Rhomberg, mit dem Vorarlberger Landeshauptmann Adolf Rhomberg verwandt; die Familie lebte jedoch in armen Verhältnissen. Nachdem Hämmerle sieben Jahre lang die Volksschule Dornbirn-Markt und anschließend drei Jahre die Gewerbliche Fortbildungsschule Dornbirn besucht hatte, konnte er keine weiterführende Schule besuchen, obwohl er nach Pichler Jahrgangsbester gewesen war. Nach der Einberufung seines Vaters im Ersten Weltkrieg musste Hämmerle als ältester Sohn zum Familieneinkommen beitragen und wurde 1915 Herrschaftsdiener bei Victor Hämmerle in Dornbirn.<ref name="Pichler1990" details="S. 101." /><ref name="LandtagBio" />

Von 1921 bis 1924 arbeitete Hämmerle als Magazingehilfe bei F. M. Hämmerle in Dornbirn. Seine frühe Berufslaufbahn war eng mit seinem gewerkschaftlichen Engagement verbunden. Nachdem er 1923 zum Obmann der christlichen Textilarbeiter in Dornbirn und kurz darauf zu deren Landesobmann gewählt worden war, wurde er bei F. M. Hämmerle fristlos entlassen. Nach einem Spruch des Einigungsamtes musste ihn die Firma wieder einstellen; nach weiteren Zurücksetzungen kündigte Hämmerle 1924 selbst. Der Historiker Meinrad Pichler führt die anschließenden Schwierigkeiten Hämmerles, wieder Arbeit zu finden, auf eine unter Unternehmern kursierende „Schwarze Liste“ gewerkschaftlich engagierter Arbeiter zurück.<ref name="Pichler1990" details="S. 101–102." />

Nach Arbeitslosigkeit und Krankheit war Hämmerle von 1925 bis 1926 als Arbeiter bei der Vorarlberger Verlagsanstalt in Dornbirn beschäftigt. Von 1927 bis 1938 war er wieder bei F. M. Hämmerle tätig, nun als Warenkontrolleur. Nach Pichler erfolgte die Wiederaufnahme unter der Bedingung, dass Hämmerle sich „weder politisch noch gewerkschaftlich“ betätige.<ref name="Pichler1990" details="S. 102." /><ref name="LandtagBio" />

Von März 1938 bis Juni 1938 fungierte Hämmerle als Präsident der Arbeiterkammer in Feldkirch. Von 1941 bis 1942 war er kaufmännischer Angestellter bei den Gebrüdern Ölz in Bregenz und diente ab 1942 bei der Kriegsmarine, wobei er erst 1946 aus britischer Kriegsgefangenschaft zurückkehren konnte. Danach arbeitete er von 1947 bis 1955 als kaufmännischer Angestellter bei der Firma Hermann Köberl in Bludenz und von 1956 bis 1958 als kaufmännischer Angestellter bei den Vorarlberger Illwerken in Schruns.<ref name="LandtagBio" />

Politik und Funktionen

Hämmerle war Mitglied des Reichsbundes der katholisch-deutschen Jugend Österreichs in Dornbirn und fungierte von 1922 bis 1923 als dessen Obmann. Zudem war er von 1923 bis 1927 Landesobmann der Christlichen Textilarbeitergewerkschaft.<ref name="LandtagBio" />

Zum 25. Februar 1932 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 895.887).<ref name="Bundesarchiv" /> Nach Pichlers Darstellung waren für diesen Schritt mehrere Faktoren maßgeblich: Hämmerles politischer Ehrgeiz, seine Erfahrung als Arbeiterfunktionär, der wirtschaftliche Druck der vorangegangenen Jahre und das Interesse der Nationalsozialisten an seinem Einfluss auf die katholische Arbeiterschaft. Pichler schreibt, die Nationalsozialisten hätten Hämmerles Ehrgeiz gekannt und um sein „politisches Talent“ gewusst. Hämmerle wurde nach seinem Parteieintritt mit dem Aufbau einer Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation betraut.<ref name="Pichler1990" details="S. 102–103." />

Als Abgeordneter des Wahlbezirkes Feldkirch gehörte Hämmerle vom 22. November 1932 bis zum 24. Juli 1933 dem Vorarlberger Landtag an. Er büßte aufgrund des Verbots der NSDAP in Österreich vom 19. Juni 1933 sein Mandat ein.<ref name="LandtagBio" /> Nach Pichler zog Hämmerle gemeinsam mit dem Harder Gemeindesekretär Gunz als einer der ersten NSDAP-Abgeordneten in den Vorarlberger Landtag ein.<ref name="Pichler1990" details="S. 103." />

Nach eigenen späteren Angaben entfernte sich Hämmerle in den Jahren danach zunehmend von der illegalen NSDAP und suchte Kontakt zur Vaterländischen Front. Auf Vermittlung des Dornbirner Stadtrates Josef Fessler kam es im Oktober 1937 zu einem Gespräch mit Eduard Ulmer, dem Führer der Vaterländischen Front in Vorarlberg. In einem weiteren Gespräch im Februar 1938 gab Hämmerle nach Pichlers Darstellung interne Informationen aus der illegalen NSDAP weiter, darunter Angaben über Konflikte zwischen Baron Wagner-Wehrborn und Anton Plankensteiner.<ref name="Pichler1990" details="S. 103–104." />

Nach dem Anschluss Österreichs übernahm Hämmerle vom 13. März 1938 bis zum 15. Juni 1938 das Amt eines Landesrats der NSDAP und wurde kommissarischer Leiter der Arbeiterkammer. Nach Pichler hatte der Sekretär der Vaterländischen Front, Erich Müller, vor der Gestapo in Bregenz ausgesagt, Hämmerle habe innere Parteiangelegenheiten an Ulmer weitergegeben. Daraufhin wurde Hämmerle am 15. Juni 1938 zu Gauleiter Plankensteiner zitiert und zum Rücktritt von allen Ämtern sowie zum Verlassen des Landes aufgefordert.<ref name="Pichler1990" details="S. 104–105." /><ref name="LandtagBio" />

Kurz darauf wurde Hämmerle von einem Rollkommando der Vorarlberger SS festgenommen und im Lauteracher Ried misshandelt. Anschließend kam er in Gestapo-Haft.<ref name="Pichler1990" details="S. 105." /> Nach der Biografie des Vorarlberger Landtags wurde Hämmerle am 18. Juni 1938 von der Gestapo Bregenz verhaftet, am 25. Juli 1938 in das Gefängnis Innsbruck überstellt und am 28. Juli 1938 in das KZ Dachau eingeliefert.<ref name="LandtagBio" />

Im Herbst 1939 wurde Hämmerle nach der vorübergehenden Räumung Dachaus in das KZ Flossenbürg überstellt, wo er im Steinbruch arbeiten musste. Im April 1940 wurde er nach fast zweijähriger KZ-Haft schwer krank provisorisch entlassen. Nach Pichler beschrieben ihn Mithäftlinge aus Dachau in einem zeitgenössischen Brief als „hilfsbereiten, angenehmen und immer teilenden Schicksalsgenossen“.<ref name="Pichler1990" details="S. 105 mit Anm. 15; dort unter Bezug auf Anm. 14: Brief von Max Hämmerle an seinen Sohn Manfred vom 8. November 1942." /> Per 15. Oktober 1940 wurde seine „Schutzhaft“ von der Gestapo Innsbruck aufgehoben.<ref name="LandtagBio" />

Nach einer Operation im Krankenhaus Mehrerau konnte Hämmerle ab Frühjahr 1941 eine leichtere Tätigkeit in einem Bregenzer Handelshaus ausüben. Im Jänner 1942 wurde er zur Kriegsmarine nach Bremerhaven eingezogen. 1943 kam er vor ein Kriegsgericht, weil er seine KZ-Haft verschwiegen hatte; nach Pichler hatten frühere Parteifreunde aus Dornbirn die Marineführung darüber informiert.<ref name="Pichler1990" details="S. 105." />

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Hämmerle 1946 aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Vorarlberg zurück. In der unmittelbaren Nachkriegszeit fand er zunächst weder Arbeit noch gesellschaftlichen Anschluss; auch ein Opferfürsorgeausweis wurde ihm nicht ausgestellt. Schließlich fand Hämmerle in Bludenz Arbeit und schloss sich dort der SPÖ an. 1951 wurde er Bezirksobmann der Mietervereinigung Österreichs in Bludenz, 1955 Mitglied der Stadtvertretung von Bludenz.<ref name="Pichler1990" details="S. 105–106." /><ref name="LandtagBio" />

In seinen späteren Jahren engagierte sich Hämmerle außerdem im Tierschutz. Nach der Biografie des Vorarlberger Landtags war er Mitbegründer des Tierschutzvereines des Bezirkes Bludenz, 1959 dessen Bezirksobmann und später Ehrenmitglied. Pichler bezeichnete ihn in diesem Zusammenhang als einen Vorarlberger Pionier des Tierschutzgedankens.<ref name="Pichler1990" details="S. 106." /><ref name="LandtagBio" />

Privates

Hämmerle heiratete am 18. Jänner 1947 in Bludenz Anna Kadoff, geborene Gumprecht (1912–1974). Seine in Bremen geborene Frau brachte zwei Töchter aus erster Ehe mit; Hämmerle selbst wurde zwischen 1947 und 1957 Vater von drei Kindern.<ref name="LandtagBio" />

Rezeption

Die ORF-III-Dokumentationsreihe Österreich – Die ganze Geschichte griff Hämmerle in der neunten Folge der zweiten Staffel, „Ein Diener macht Schluss“, auf. Die 2024 produzierte Folge erzählt die gesellschaftlichen Umbrüche am Ende der Monarchie unter anderem anhand Hämmerles. In der Dokumentation wird Hämmerle als „hochbegabt“ beschrieben; wegen Geldmangels sei ihm eine höhere Bildung versagt geblieben und er habe den Dienerberuf aus finanzieller Not ergreifen müssen.<ref name="ORF2024" />

Literatur

  • Meinrad Pichler: Zwischen allen Fronten. Aufstieg und Fall des Arbeiterfunktionärs Meinrad Hämmerle (1901–1973) aus Dornbirn. In: Werner Matt (Red.): Dornbirner Schriften. Beiträge zur Stadtkunde. Nr. IX: Dornbirn III. 1900–1955. Stadtgeschichte. Stadt Dornbirn, Dornbirn 1990, S. 101–107 (PDF).

Weblinks

Einzelnachweise

<references> <ref name="Pichler1990"> Meinrad Pichler: Zwischen allen Fronten. Aufstieg und Fall des Arbeiterfunktionärs Meinrad Hämmerle (1901–1973) aus Dornbirn. In: Werner Matt (Red.): Dornbirner Schriften. Beiträge zur Stadtkunde. Nr. IX: Dornbirn III. 1900–1955. Stadtgeschichte. Stadt Dornbirn, Dornbirn 1990 (PDF). </ref> <ref name="LandtagBio"> HÄMMERLE Meinrad. In: Vorarlberger Landtag. Abgerufen am 28. April 2026. </ref> <ref name="Bundesarchiv"> Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/9091780. </ref> <ref name="ORF2024"> Österreich – Die ganze Geschichte (9/10): Ein Diener macht Schluss. ORF ON, Produktion 2024, 00:02:26–00:02:38: „Der hochbegabte Meinrad Hämmerle aus Dornbirn, dem wegen Geldmangels eine höhere Bildung versagt bleibt und der nur aus finanzieller Not den Dienerberuf ergreifen muss.“ (online). </ref> </references>