Die Maritime Soziologie (von lat.mare „Meer“) ist eine Spezialisierung innerhalb der Soziologie. Sie befasst sich mit sozialen Prozessen rund um menschliche Aktivitäten mit und auf dem Meer. Dazu gehören etwa die die Schifffahrt in Küstenmeeren und auf hoher See, Fischerei, Meeres- und Küstentourismus, Küstenmanagement und Meeresbergbau. Außerdem befasst sich die Disziplin mit den Bezügen dieser Themenfelder zu seegestützten politischen, wirtschaftlichen, militärischen, beruflichen, kulturellen, brauchtumsmäßigen und religiösen Institutionen. Auch sind die gesellschaftlichen Naturverhältnisse unter maritimen Gesichtspunkten Gegenstand der maritimen Soziologie.
Zur Thematik
Der Themenreichtum der Maritimen Soziologie nähert sie der allgemeinen soziologischen Theorie an. Da es in dieser jedoch bislang nahezu ausschließlich um festlandbezogene Fragestellungen geht, ist die Maritime Soziologie als eine Spezielle Soziologie einzustufen.
Diesbezügliche Forschungen wurden zunächst weit zerstreut erarbeitet und publiziert, wie zum Beispiel:
Ferdinand Tönnies über die soziale Lage von Hafenarbeitern und Seeleuten<ref>Ferdinand Tönnies: Hafenarbeiter und Seeleute in Hamburg vor dem Strike 1896/97. In: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 1897, Jg. 10, H. 2, S. 173–238. Vgl. Abb.</ref> in Seehäfen<ref>Ferdinand Tönnies: Die Ostseehäfen Flensburg, Kiel, Lübeck. In: Die Lage der in der Seefahrt beschäftigten Arbeiter. Duncker & Humblot, Leipzig 1903, S. 509–614.</ref>
Bronislaw Malinowski über das religiöse und fernhändlerische melanesische Kula<ref>Bronislaw Malinowski: Argonauts of the Western Pacific, 1922</ref>
Franz Borkenau über die Mentalitätsänderungen in der Völkerwanderung bei denjenigen Völkerschaften der Kelten (Iren) und Germanen (Normannen, Wikinger), die das Festland verließen, da sich auf seegehenden Schiffen die Führungsverantwortung änderte und zuspitzte.<ref>Franz Borkenau: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes. Stuttgart 1984.</ref>
Die Theorie des polnischen Soziologen Ludwik Janiszewski über die Marinisierung ("Marynizacja").<ref>Ludwik Janiszewski: Marynizacja. Przyczynek teoretyczny. In: Roczniki Socjologii Morskiej. Band4, 1988, S.5–14.</ref> Der Begriff beschreibt eine historische Tendenz der zunehmenden Verflechtung des Terrestrischen mit dem Maritimen bzw. eine tendenziell wachsende Bedeutung der Beziehungen zum Meer und der Meeresnutzung für menschliche Gesellschaften.<ref>Arkadiusz Kolodziej: The Concept of Marinization by Ludwik Janiszewski. To Understand the Influence of the Sea. 2020, abgerufen am 13. Februar 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Derzeit ist die Maritime Soziologie in Mitteleuropa an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und an der Universität Szczecin (Stettin) (Polen) vertreten. Ihre Materien erscheinen auch in den Lehrplänen der nautischen Fach- und Fachhochschulen, wo sie meist als Problemstellungen der Fachausbildung und der Führung von Schiffsmannschaften behandelt werden.
Ganze Kulturen weisen Eigentümlichkeiten auf, die ihre hohe Angewiesenheit auf die Herausforderung durch das Meer und seine Chancen und Gefahren widerspiegeln.
Dies gilt schon seit der Steinzeit (Seefischerei als Hauptnahrungsquelle von Insel- und Küstenbewohnern – siehe auch:Køkkenmøddinger).
Heutige Fragestellungen der Maritimen Soziologie beziehen sich auf Bereiche, bei denen die soziologische Feldforschung bislang nahezu ausschließlich auf festländische Untersuchungsgegenstände ausgerichtet war, so dass ihre Ergebnisse bei maritimen Problemlagen zu viele Fragen offenlassen. Sie beziehen sich demgemäß:
auf kulturelle Auswirkungen der Seefahrt auf Wissenschaften und Künste (vgl. z. B. Schiffbau, Marinemalerei).
Wissenschaftliche Zeitschriften
Zurzeit gibt es keine wissenschaftliche Zeitschrift, die sich exklusiv der maritimen Soziologie widmet. Allerdings behandelt eine Reihe interdisziplinärer Veröffentlichungen regelmäßig Themen der Disziplin.
Conner Bailey, Svein Jentoft & Peter Sinclair (Hrsg.): Aquaculture Development: Social Dimensions of an Emerging Industry. Westview Press, 1996, ISBN 0813389429.
Lars Clausen: Schwachstellenanalyse aus Anlass der Havarie der Pallas: Bericht der Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein am 4. Mai 1999 erstattet (= Zivilschutz-Forschung. Neue Folge. Band 53). Bundesverwaltungsamt – Zentralstelle für Zivilschutz, Bonn 2003 (PDF; 3,825 MB).
Norbert Elias: The Genesis of the Naval Profession. University College Dublin Press, Dublin 2007, ISBN 978-1-904558-80-4.
Heide Gerstenberger & Ulrich Welke (Hrsg.): Das Handwerk der Seefahrt im Zeitalter der Industrialisierung. Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-252-7.
Heide Gerstenberger & Ulrich Welke: Arbeit auf See. Zur Ökonomie und Ethnologie der Globalisierung. Mit DVD Westfälisches Dampfboot, Münster 2004, ISBN 3-89691-575-4.
Timo Heimerdinger: Der Seemann. Ein Berufsstand und seine kulturelle Inszenierung (1844-2003). Böhlau, 2005.
Ralf Lisch: Totale Institution Schiff. Duncker und Humblot, Berlin 1976, ISBN 3-428-03664-6.
Bronislaw Malinowski: Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. 2., unveränd. Aufl. Klotz, Eschborn 2001, ISBN 3-88074-450-5. (dt. Übers.; Neuausg. der 1922 erschienenen Erstausg.).
Peter A. Munch: Sociology of Tristan da Cunha. Results of the Norwegian Scientific Expedition to Tristan da Cunha 1937-1938. Dybwad, Oslo 1945; 2. Auflage: Ams Press Inc., 1977, ISBN 0685873560.
Nicole Gerarda Power: What Do They Call a Fisherman? Men, Gender, and Restructuring in the Newfoundland Fishery (= Social and economic studies. Nr. 69). Iser Books, St. John’s (Neufundland/Kanada) 2006, ISBN 1-894725-02-6.
Klaus R. Schroeter: Entstehung einer Gesellschaft. Fehde und Bündnis bei den Wikingern (= Schriften zur Kultursoziologie. Nr. 15). Reimer, Berlin 1994, ISBN 3-496-02543-3. (zgl. Phil. Diss., Univ. Kiel 1993).
Ulrich Welke: Der Kapitän. Die Erfindung einer Herrschaftsform. Westfälisches Dampfboot, Münster 1997, ISBN 3-89691-416-2 (zgl. Diss., Univ. Bremen 1996).