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Marion Gräfin Yorck von Wartenburg

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Marion Gräfin Yorck von Wartenburg, geb. Ellen Marion Winter<ref name=":0">Geburtsregister StA Berlin III Nr. 596/1904.</ref> (* 14. Juni 1904 in Berlin; † 13. April 2007 ebenda) war eine deutsche Juristin und Richterin. Sie war Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und Mitglied des Kreisauer Kreises. Nach dem Zweiten Weltkrieg fällte sie in Berlin „exemplarisch abschreckende“ Urteile gegen wegen Homosexualität angeklagte Männer.<ref name=":1" /> Sie wirkte entscheidend daran mit, dass homosexuellen NS-Verfolgten die Anerkennung als NS-Opfer verweigert wurde und ihnen die Hoffnung auf ein Nachlassen faschistischer Diskriminierung genommen wurde.<ref name="taz" /> Als Richterin am Landgericht Berlin wandte sie in den 1950er‑ und 60er‑Jahren selbst rigoros Nazi‑Recht bei der Verfolgung homosexueller Männer an.<ref>„Zu weich darf man nicht sein“. 17. Juli 2004, abgerufen am 1. November 2025.</ref>

Leben

Marion Winter war die Tochter des Königlichen Geheimen Hofrats und Verwaltungsdirektors Franz Georg Karl Winter und dessen Ehefrau Else Bertha Rosalie geb. Springorum. Ihr Geburtshaus befand sich in der damaligen Hitzigstraße 4<ref name=":0" /> (heute Stülerstraße 13/15), in der Nähe des Tiergartens. In ihrer Schulzeit im Grunewald-Gymnasium (heute Walther-Rathenau-Gymnasium) in Berlin war Winter Klassenkameradin von Dietrich Bonhoeffer. Nach dem Abitur begann sie in Berlin ein Studium der Rechtswissenschaft, das sie 1927 mit dem 1. Staatsexamen abschloss. 1929 promovierte sie bei Hans Helfritz zur Dr. jur.<ref>Marion Yorck von Wartenburg: Die Stärke der Stille,. 2. Auflage. Dtv, München, S. 23.</ref> Kurz davor lernte sie Peter Graf Yorck von Wartenburg kennen, den sie in Berlin 1930 heiratete.<ref>Hans Friedrich von Ehrenkrook, Jürgen Thiedicke von Flotow et al.: Genealogisches Handbuch der Gräflichen Häuser, B (Briefadel) 1953, Band I, Band 6 Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, C. A. Starke, Glücksburg/Ostsee 1953, ISSN 0435-2408, S. 505.</ref> Die Ehe blieb kinderlos. Gemeinsam mit ihrem Mann trat sie nach 1933 in Opposition zum NS-Regime und wurde im Kreisauer Kreis im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aktiv. Nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde ihr Mann hingerichtet, sie selbst kam für drei Monate in Sippenhaft.<ref>Vgl. dazu ihre biographischen Ausführungen in: Ulrich Dietzel, Eberhard Görner: Gespräch mit Marion Gräfin Yorck von Wartenburg. In: Sinn und Form 3/1983, S. 517–532. Thema des Gesprächs war insbesondere der Film über ihren Mann Peter Graf Yorck von Wartenburg, 1981 mit Alexander Lang in der Hauptrolle für das Fernsehen der DDR verfilmt und auf der 1945 erschienenen Erzählung Der Leutnant Yorck von Wartenburg von Stephan Hermlin beruhend.</ref>

Das Gedenken an den Widerstand machte sie sich nach dem Krieg zur Pflicht. Sie setzte sich im Gesamtberliner Magistrat im Hauptamt für die Opfer des Faschismus (OdF) für NS-Verfolgte und deren Hinterbliebene ein, ging an die Öffentlichkeit und hielt Reden zu deren Gedenken.<ref name="taz">„Zu weich darf man nicht sein“ Artikel von Andreas Pretzel im taz-Magazin, 17. Juli 2004, S. III.</ref> Sie hielt ihr Leben lang Kontakt zu Überlebenden des Widerstandes und betrachtete die Beibehaltung ihres durch Eheschließung erlangten Familiennamens mit Adelskennzeichen, trotz neuer Lebenspartnerschaft, als Verpflichtung, auch im Namen ihres Mannes zu handeln.<ref>Annemarie Cordes: Marion Yorck von Wartenburg (1904-2007). Kreisau Initiative, abgerufen am 10. Februar 2019.</ref>

Nach Kriegsende arbeitete Marion Yorck von Wartenburg als Referendarin im Berliner Magistrat in Ost-Berlin. 1946 wurde sie von den Alliierten zur Richterin am Amtsgericht Lichterfelde in West-Berlin berufen. 1952 übernahm sie als erste Frau in Deutschland den Vorsitz eines Schwurgerichts. Sie leitete bis 1969 als Landgerichtsdirektorin die 9. Große Jugendstrafkammer des Landgerichts Berlin.<ref>Marion Yorck von Wartenburg: Die Stärke der Stille, Einleitung von Claudia Schmölders. 2. Auflage. Dtv, München, S. 1.</ref> Hierbei erwarb sie sich einen Ruf als „äußerst strenge“ Richterin,<ref name="taz" /> wobei sie dies, auch aufgrund der Behandlung ihres Mannes durch Roland Freisler, mit „untadeligen Manieren und ohne Überheblichkeit“ gewesen sein soll, indem sie z. B. Angeklagte, damals unüblich, namentlich ansprach.<ref>Annemarie Cordes: Marion Yorck von Wartenburg (1904-2007). Kreisau Initiative, abgerufen am 10. Februar 2019.</ref>

Öffentlich gemacht wurde später, dass sie in ihrer Zeit als Richterin auch den § 175 StGB, der damals Homosexualität unter Strafe stellte, mit „exemplarisch abschreckenden“ Urteilen anwendete<ref name=":1">Anne Buhrfeind: Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes. Heinrich Bedford-Strohm, Annette Kurschus, Irmgard Schwaetzer, 30. Januar 2019, abgerufen am 9. Februar 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> und während ihrer Tätigkeit beim Berliner Magistrat an internen Überprüfungen beteiligt war, die dazu führten, dass homosexuellen NS-Verfolgten die Anerkennung als NS-Opfer verweigert wurde.<ref name="taz" /> Dem Kulturwissenschaftler Andreas Pretzel<ref>Andreas Pretzel, Dipl. rer. cult. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e. V., abgerufen am 10. Februar 2019.</ref> zufolge verband sie „ihre Tätigkeit als Juristin mit einer rigiden antiliberalen Haltung, die sie offenbar auch als weltanschauliches Erbe des Kreisauer Kreises begriffen wissen wollte.“<ref>s. o., Andreas Pretzel in dem Artikel - Zu weich darf man nicht sein, aufgerufen am 4. Februar 2019. Vgl. auch: Andreas Pretzel, NS-Opfer unter Vorbehalt, s. o. Literatur.</ref> Diese Auffassung wurde allerdings seinerzeit im Hinblick auf Sexualnormen von großen Teilen der Bevölkerung und vom Bundesverfassungsgericht geteilt.<ref>Das Bundesverfassungsgericht hatte in einer Entscheidung vom 10. Mai 1957 eine Verfassungsbeschwerde gegen den §175 StGB mit dem Verweis auf „die sittlichen Anschauungen des Volkes“, die sich maßgeblich aus den Lehren der „beiden großen christlichen Konfessionen“ speisten, abgewiesen. Die Auffassung eines über den Menschen- bzw. Grundrechten stehenden "Sittengesetzes" haben das Bundesverfassungsgericht und der Gesetzgeber vollständig aufgegeben: 1994 wurde der §175 endgültig aus dem StGB gestrichen, er gilt seither als von vornherein menschenrechtswidrig.</ref>

Datei:Grabstätte Königin-Luise-Str 55 (Dahle) Wartenburg Biel.jpg
Grabstätte, Königin-Luise-Straße 55, in Berlin-Dahlem

Nach 1952 lebte sie (unverheiratet) mit dem Berliner CDU-Politiker Ulrich Biel zusammen. Das Paar hat eine gemeinsame Grabstätte auf dem St.-Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem mit zwei Grabsteinen für ihre jeweiligen Namen – auf der Rückseite mit einem Satz des Paulus verbunden: „Die Liebe ist...“ auf dem Grabstein Biels wird auf dem Grabstein Yorck von Wartenburgs beendet mit „...die Erfüllung des Gesetzes“.<ref>Anne Buhrfeind, ebenda. Brief des Paulus an die Römer, 13, 10.</ref>

Werke

  • mit Claudia Schmölders (Bearbeiterin): Die Stärke der Stille. Erinnerungen an ein Leben im Widerstand (= Edition C / C, Band 509), Brendow, Moers 1998 (Erstausgabe: Diederichs, Köln 1987, ISBN 3-424-00787-0), ISBN 3-87067-717-1.
  • The Power of Solitude. My Life in the German Resistance, übersetzt und herausgegeben von Julie M. Winter, Vorwort Peter Hoffmann, University of Nebraska Press, Lincoln, NE / London 2000, ISBN 0-8032-9915-X / ISBN 0-8032-4915-2.

Literatur

  • Dorothee von Meding: Mit dem Mut des Herzens, Die Frauen des 20. Juli, Siedler Verlag, Berlin 1992, S. 191–206.
  • Andreas Pretzel (Hrsg.): NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945, LIT, Münster 2002, ISBN 3-8258-6390-5.
  • Margarete Fabricius-Brand, Kristine Sudhölter, Sabine Berghahn (Hrsg.): Juristinnen – Berichte Fakten Interviews. 1. Auflage, Elefanten-Press, Berlin-West 1982. ISBN 3-88520-088-0. 2. Auflage, Berlin-West 1986. ISBN 3-88520-088-0.<ref>Das Buch enthält auf S. 131–138 ein biographisches Interview von Fabricius-Brand und Berghahn mit Marion Yorck über ihre Mitwirkung im Kreisauer Kreis sowie ihre Erfahrungen als Richterin im Nachkriegs-Berlin.</ref>

Weblinks

Commons: Marion Yorck von Wartenburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege

<references />

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