Marchfeldkroaten
Die Marchfeldkroaten waren eine Bevölkerungsgruppe, die seit dem 16. Jahrhundert im Marchfeld in Niederösterreich lebte.
Etwa bis Ende der 1950er Jahre gab es noch einige Kroatisch sprechende Bewohner, heute ist die Bevölkerungsgruppe assimiliert. Nur mehr vermehrtes Auftreten kroatischer Familiennamen zeigt die ehemalige Existenz der kroatischen Bevölkerung in dieser Region. Der Lebensraum der Kroaten war im Marchfeld am stärksten konzentriert, während vereinzelte Ansiedlungen auch über der March bis in die Slowakei und nördlich bis nach Mähren zu finden waren.
Das nördliche Stadttor von Groß-Enzersdorf heißt bis heute Kroatentor.
Ansiedlung
Die kroatische Bevölkerung, die sich im 16. Jahrhundert im Marchfeld niederließ, war wohl vor 'Türkeneinfällen', d. h. Raubzügen und Verwüstungen durch osmanische Truppen in Folge der Türkenkriege, aus ihrer Heimatregion geflüchtet.<ref>Thomas Winkelbauer: 1526 – Die Entstehung der zusammengesetzten Monarchie der österreichischen Linie des Hauses Habsburg. In: Martin Scheutz, Arno Strohmeyer (Hrsg.): Von Lier nach Brüssel. Schlüsseljahre österreichischer Geschichte (1496-1995) (= VGS Studientexte 1), Innsbruck/Wien/Bozen 2010, S. 59-78, hier 73.</ref>
Wann die Ansiedlung in den einzelnen Orten zu datieren ist, ist nicht genau bekannt. Sie dürften über mehrere Jahrzehnte verteilt und nur in kleinen Gruppen zugewandert sein.<ref name="pav">Dragutin Pavličević: Moravski Hrvati, 1994 Zagreb</ref> Der Ursprung der Kroaten, die sich hier niedergelassen haben, soll beim kroatisch-bosnischen Grenzfluss Una liegen, in Orten wie Velika Kladuša aber auch Slunj.<ref name="brabec">Ivan Brabec: Govor podunavskih Hrvata u Austriji, in: Hrvatski dijalektološki zbornik, knjiga 2, Zagreb 1966.</ref> In dem ältesten vorhandenen Dokument aus 1524 ist die Erlaubnis für kroatische Siedler, sich im heutigen Niederösterreich niederzulassen, festgeschrieben.<ref name="kuc">Kvetoslava Kučerová: Hrvati u srednjoj Europi, Zagreb 1998.</ref>
Da die kroatischen Siedler in ihrer Heimat vorwiegend Landwirte waren, besiedelten sie auch hier wieder das Land (vornehmlich u. a. durch die Türkenkriege verödete Höfe)<ref>Thomas Winkelbauer: 1526 – Die Entstehung der zusammengesetzten Monarchie der österreichischen Linie des Hauses Habsburg. In: Martin Scheutz, Arno Strohmeyer (Hrsg.): Von Lier nach Brüssel. Schlüsseljahre österreichischer Geschichte (1496-1995) (= VGS Studientexte 1), Innsbruck/Wien/Bozen 2010, S. 59-78, hier 73.</ref> und vermieden Städte, wie Bruck, Marchegg oder Hainburg an der Donau.<ref name="brabec" /> Neben den Kroaten siedelten sich auch Oberösterreicher, Süddeutsche und sogar Niederländer an.<ref name="schilder">Otto Schilder: Der politische Bezirk Gänserndorf in Wort und Bild, Gänserndorf 1970.</ref>
Während im Burgenland die Kroaten meist leerstehende Dörfer besiedelten, ließen sie sich hier in bereits bestehenden Orten nieder und bildeten jeweils eine kleinere oder größere Minderheit. Dadurch ist auch die Assimilierung der Bevölkerung wesentlich schneller abgelaufen.<ref name="pav" /> Es wurden auch keine neuen kroatischen Ortsnamen gebildet, sondern nur die deutschen in ihrer Dialektform der kroatischen Sprache angepasst, wie Bratisej für Breitensee oder Praštiena für Breitstetten,<ref name="brabec" />. Deutsch-Wagram erhielt um 1560 den Zusatz Deutsch zur Unterscheidung vom nahe gelegenen Kroatisch-Wagram.
Auch die Mehrheitsverhältnisse in den einzelnen Orten entwickelten sich verschieden. Während in Wittau schon 1550 die ersten Kroaten erwähnt wurden, erlosch diese Minderheit bald wieder. In Eckartsau schienen 1605 noch keine Kroaten auf, sie hatten aber bereits 1666 die Mehrheit.
Es ist nicht klar, ob diese Entwicklung mit der verschiedenen Geburtenrate oder auf verschiedene Wanderungswellen zurückzuführen ist. Auch ein Ortswechsel von einem Ort zum anderen ist nicht auszuschließen.<ref name="pav" /> Es dürften auch Kroaten wieder zurück in ihre alte Heimat gezogen sein, sodass ganze Ortschaften auch wieder erloschen, wie Helma bei Deutsch-Wagram, das bereits 1558 nicht mehr existierte.<ref name="breu">Josef Breu: Die Kroatensiedlung im Burgenland und den anschließenden Gebieten, Wien 1970.</ref>
Der Einfluss der Kroaten wurde im Marchfeld eine Zeitlang so stark, dass sogar Kinder in deutschsprachigen Familien mit kroatischen Vornamen benannt wurden. Ein ähnlicher Einfluss war auch auf der slowakischen Seite der March von dortigen kroatischen Siedlungen spürbar.<ref name="schultes">Anton Schultes: Die Nachbarschaft der Deutschen und Slawen an der March, Wien 1954.</ref>
Assimilation
Durch das Anwachsen der kroatischen Minderheit regte sich bereits im 16. Jahrhundert Widerstand unter den niederösterreichischen Ständen. So gab es Bestrebungen, den Kroaten den Zugang zu den Richterämtern und anderen Funktionen zu verwehren.<ref name="brabec" />
Unter Joseph II. sollen die Kroaten gezwungen worden sein, Deutsch zu sprechen.<ref name="brabec" /> In seine Regierungszeit fällt die vermehrte Gründung deutscher Volksschulen, sodass auch von dieser Seite der Assimilierungsdruck sehr hoch war.<ref name="schultes" /> Ein weiterer Grund für die verstärkte Assimilation im 18. Jahrhundert war wohl der Einfluss deutschsprachiger Pfarrer.<ref>Thomas Winkelbauer: 1526 – Die Entstehung der zusammengesetzten Monarchie der österreichischen Linie des Hauses Habsburg. In: Martin Scheutz, Arno Strohmeyer (Hrsg.): Von Lier nach Brüssel. Schlüsseljahre österreichischer Geschichte (1496-1995) (= VGS Studientexte 1), Innsbruck/Wien/Bozen 2010, S. 59-78, hier 73.</ref>
Die Kroaten konnten ihre Identität im Marchfeld, die sich insbesondere durch die kroatische Sprache ausdrückte, jedoch teils bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts behalten. In den folgenden 50 Jahren verschwand die Volksgruppe aber fast vollständig.<ref name="pav" /> Nachforschungen ergaben bis etwa 1850 eine größere Zahl von Kroaten. Für das Jahr 1844 werden von Alois Vojtěch Šembera 6.171 in 25 Siedlungen genannt, für 1847 werden von Georg Gyurikovits 5.000 Kroaten für das ganze Kronland angenommen, zehn Jahre später sollen es laut Czoernig etwa 6.460 gewesen sein.<ref name="kuc" /> Im Buch von Georg Gyurikovits berichtet dieser, dass er im Jahr 1847 keine kroatischsprachigen Bewohner mehr vorfand, gegenüber dem Zustand 50 Jahre früher.<ref name="gyur">Georg von Gyurikovits: Die kroatische Kolonie in Niederösterreich, in: Österreichische Blätter für Literatur, Kunst, Geschichte, Geographie, Statistik und Naturkunde. Band 4, Nr. 5/6, Wien 1847.</ref>
Aus diesem Grund sprachen die Kroaten später beide Sprachen, obwohl die Dörfer Zwerndorf, Breitensee und Loimersdorf rein kroatisch waren. Auch Markthof war eine kroatische Mehrheitsgemeinde.<ref name="kuc" /> Slavko Horvat sprach 1878 davon, dass nur mehr in Engelhartstetten und Loimersdorf Kroaten lebten.<ref name="pav" /> Kroatisch-Wagram (Chrowat Ogrun) wurde 1892 in Wagram an der Donau umbenannt und ist heute eine Katastralgemeinde von Eckartsau.
Ehemalige kroatische Orte
Folgende Orte werden von der Wissenschaft als Orte mit einem ehemals kroatischsprechenden Bevölkerungsteil angegeben:
- Andlersdorf
- Breitensee (Gemeinde Marchegg)
- Eckartsau
- Engelhartstetten
- Fuchsenbigl
- Haringsee
- Loimersdorf
- Mannsdorf an der Donau
- Orth an der Donau
- Pframa
- Straudorf
- Wagram an der Donau
- Zwerndorf
Siehe auch
Literatur
- Felix Tobler: Die Wanderung und Ansiedlung kroatischer Kolonisten im österreichisch-ungarisch-slowakischen Grenzraum im 16. Jahrhundert – Bedingungen und Kräfte. In: Österreichische Osthefte 26, 1984, S. 337–349.
- Josef Breu: Die Kroatensiedlung im Burgenland und in den anschließenden Gebieten. Wien 1970.
- Ernst Bernleithner: Das Türkenjahr 1529 und die Marchfeld-Kroaten, in: Unsere Heimat, Neue Folge, Band XX (1949).
- Karl Keck, Karl und Heinrich Weigl: Zur Frage der Kroatensiedlung im ehemaligen Niederösterreich, in: Unsere Heimat, Neue Folge, Band XIII (1940), Nr. 8/9.
- Karl von Czoernig-Czernhausen: Ethnographie der österreichischen Monarchie, 3 Bände, Wien 1855–57.
- Franz Xaver Schweickhardt: Das Marchfeld, Wien 1842.
Weblinks
- Wie Kroatisch aus dem Marchfeld verschwand. In: noe.ORF.at. 19. Februar 2024
- Nikolaus Wilhelm-Stempin: Zur Ansiedlung und Assimilierung bei den Marchfeldkroaten. Wissenschaftliches Institut der Burgenland-Kroaten
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Einzelnachweise
<references />
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv/Archiv-URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Linktext
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Webarchiv/Linktext fehlt
- Wikipedia:Weblink offline fix-attempted
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link/URL fehlt
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Datum
- Andlersdorf
- Eckartsau
- Engelhartstetten
- Haringsee
- Kroatisch-österreichischer Kulturaustausch
- Geschichte Niederösterreichs
- Ethnische Minderheiten in Österreich