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Liste der Kolonialuniversitäten in Lateinamerika

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Universidad Nacional de San Antonio Abad del Cusco Peru.jpg
Alter Campus der Kolonialuniversität San Antonio Abad in Cusco (Peru)

Die Liste der Kolonialuniversitäten in Lateinamerika umfasst alle Universitätsgründungen der spanischen Kolonialmacht in Lateinamerika von der Entdeckung Amerikas 1492 bis zu den Unabhängigkeitskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts.

Der Transfer des europäischen Universitätsmodells in die amerikanischen Überseegebiete stellte eine entscheidende Zäsur in der Bildungsgeschichte des Kontinents dar:

„In der Neuen Welt gab es nichts, was auch nur entfernt einer Universität glich, bevor Europäer dorthin kamen und sich dort niederließen. Ende des 18. Jahrhunderts waren Universitäten und andere Hochschuleinrichtungen über ganz Nord-, Mittel- und Südamerika verbreitet. Es waren keine autochthonen Neuschöpfungen, sondern Ableger der europäischen Universitätstradition.“<ref>Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 214</ref>

Die christliche Missionierung der Indianer und der zunehmende Bedarf an ausgebildetem Verwaltungspersonal für das rasch wachsende Kolonialreich führten den spanischen Kolonisatoren die Notwendigkeit einer Universitätsausbildung auf amerikanischem Boden vor Augen.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 218f.">Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 218f.</ref> Zur Errichtung einer Kolonialuniversität bedurfte es, die mittelalterliche Tradition weiterführend, eines päpstlichen oder königlichen Privilegs zur Verleihung akademischer Grade, das man aus den Händen beider Instanzen anstrebte und gewöhnlich auch erreichte.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 216">Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 216</ref> Die Universitäten unterstanden allesamt der königlichen Aufsicht, einzig San Nicolas in Bogotá hatte den Status einer Privatuniversität inne.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 219"/>

Datei:Cedula Real 1551 Universidad de San Marcos.png
Privileg von Karl V. zur Gründung der Universität San Marcos in Lima 1551

Überwiegend orientierten sich die Neugründungen in ihren Verfassungen am Vorbild der Universität von Salamanca, der ältesten und ehrwürdigsten Universität Spaniens.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 215">Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 215</ref> Kleinere Universitäten beschränkten ihr Lehrangebot auf die Ausbildung in den artes, einer Art Grundstudium, und der katholischen Theologie (mit Kirchenrecht).<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 215"/> Führend wurden die allmählich sich entwickelnden Volluniversitäten, die dazu das Studium der Medizin und der Jurisprudenz in ihrem Lehrplan anboten und damit alle vier klassischen Fakultäten besaßen.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 215"/> In den kolonialen Machtzentren Santo Domingo, Lima und Mexiko-Stadt entstanden die bedeutenden Universitäten der ersten Stunde, die in der Folgezeit, als offenbar wurde, dass die riesigen Entfernungen im spanischen Herrschaftsgebiet eine größere Streuung der Standorte erforderlich machten, beim Aufbau weiterer Gründungen eine wichtige Rolle übernahmen.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 218"/>

Eine tragende Rolle in der Entwicklung des Universitätswesens spielten die christlichen Ordensgemeinschaften, vor allem die im Bildungsbereich sehr aktiven Jesuiten, aber auch die Dominikaner und Augustiner. Errichtung wie Betrieb der meisten Universitäten gingen auf die – gewöhnlich lokale – Initiative eines dieser Orden zurück, die mitunter offene Rivalitäten über die Kontrolle des Campus und der Lehrinhalte austrugen.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 218f."/> Das (zeitweilige) Verbot des Jesuitenordens im späten 18. Jahrhundert bedeutete einen schweren Rückschlag für die Universitätslandschaft Lateinamerikas, mehrere der geschlossenen Jesuitenuniversitäten wurden erst Jahrzehnte später wiedereröffnet.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 220"/>

Der erfolgreiche Export der Universität, einer eigenen europäischen Schöpfung,<ref>Rüegg 1993, S. 13f.</ref> auf einen fremden Erdteil bewies ihre „außerordentliche Wirksamkeit und Anpassungsfähigkeit“ als höchste Bildungsinstitution und markierte den Auftakt zu ihrer weltweiten Übernahme in der Moderne (siehe auch Liste der ältesten Universitäten).<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 231f.">Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 231f.</ref> Gleichwohl ist nicht zu verkennen, dass am Ausgang der Kolonialepoche das geistige Leben und der akademische Betrieb in den später gegründeten Universitätscolleges der Dreizehn Kolonien deutlich vitaler war.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 231f."/> Trotzdem erfüllten die spanischen Kolonialuniversitäten mit der Ausbildung der geistigen und weltlichen Kolonialelite ihre Hauptaufgabe und konnten so nach der Trennung vom Mutterland eine wichtige Funktion beim inneren Ausbau der jungen Republiken wahrnehmen.<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 231f."/>

Im portugiesischen Brasilien existierten dagegen weit über die Kolonialzeit hinaus keine Universitäten (die erste Gründung erfolgte erst 1912 in Curitiba); den geringeren lokalen Bedarf an theologischen und juristischen Fachkräften deckten jesuitische Kollegien weitgehend ab, für eine höhere Ausbildung musste ein Studium in Übersee an der Universität Coimbra aufgenommen werden.<ref>Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 220f.</ref>

Liste

Die Liste ist nach dem Zeitpunkt der Anerkennung sortiert. Wo mehr als eine Universität an einem Ort gegründet wurde, steht der Name der Institution in Klammern.

16. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land
1538<ref name="Jílek 1984, 325–339">Jílek 1984, S. 325–339</ref><ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 218">Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 218</ref> Santo Domingo (Santo Tomás) Dominikanische Republik
1551<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Lima Peru
1551<ref name="Jílek 1984, 325–339"/><ref>La Universidad Pontificia de México: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Historia (Memento des Vorlage:IconExternal vom 22. Juli 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.pontificia.edu.mx (span.)</ref> Nationale Autonome Universität von Mexiko Mexiko
1552<ref name="Tünnermann 1991, 26, 35–38">Tünnermann 1991, S. 26, 35–38</ref> La Plata o Charcas<ref group="unsicher">Universität wurde nicht eröffnet</ref> (Real Universidad de La Plata) Bolivien
1558<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Santo Domingo (Santiago de la Paz) Dominikanische Republik
1580<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Bogotá (Santo Tomás) Kolumbien
1586<ref name="Tünnermann 1991, 26, 35–38"/> Quito (San Fulgencio) Ecuador

17. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land
1621<ref name="Tünnermann 1991, 26, 35–38"/> Santiago (San Miguel) Chile
1621<ref name="Tünnermann 1991, 26, 35–38"/> Cusco (Pontifica Universidad de San Ignacio de Loyola) Peru
1621<ref name="Jílek 1984, 325–339"/><ref>Universidad Nacional de Córdoba: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Orígenes (Memento vom 14. Juli 2011 im Internet Archive) (span.)</ref> Córdoba Argentinien
1621<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Sucre Bolivien
1624<ref name="Jílek 1984, 325–339"/><ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 219">Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 219</ref> Mérida, Yucatán Mexiko
1676<ref name="Jílek 1984, 325–339"/><ref name="Tünnermann 1991, 26, 35–38"/> Guatemala-Stadt Guatemala
1677<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Ayacucho Peru
1681<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Quito (Santo Tomás) Ecuador
1685<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Santiago (Nuestra Señora del Rosario) Chile
1690<ref name="Jílek 1984, 325–339"/><ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 219"/> Cusco (San Antonio Abad) Peru
1694<ref name="Tünnermann 1991, 26, 35–38"/><ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 219"/> Bogotá (San Nicolás) Kolumbien
1696<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Quito (San Gregorio Magno) Ecuador

18. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land
1704<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Bogotá (Javeriana) Kolumbien
1721<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Havana Kuba
1721<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Caracas Venezuela
1733<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 220">Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 220</ref> Asunción Paraguay
1738<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Santiago (San Felipe) Chile
1744<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 220"/><ref>Tünnermann 1991, S. 26</ref> Popayán Kolumbien
1749<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Panama-Stadt Panama
1749<ref name="Tünnermann 1991, 26, 35–38"/> Concepción Chile
1778<ref name="Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, 220"/> Buenos Aires Argentinien
1791<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Guadalajara, Jalisco Mexiko

19. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land
1806<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Mérida Venezuela
1812<ref name="Jílek 1984, 325–339"/> Managua Nicaragua

Anmerkungen

<references group="unsicher"/>

Einzelnachweise

<references responsive />

Literatur

  • Jílek, Jubor (Hrsg.): Historical Compendium of European Universities/Répertoire Historique des Universités Européennes, Standing Conference of Rectors, Presidents and Vice-Chancellors of the European Universities (CRE), Genf 1984
  • Roberts, John; Rodriguez Cruz, Agueda M.; Herbst, Jürgen: „Die Übernahme europäischer Universitätsmodelle“, in: Rüegg, Walter (Hrsg.): Geschichte der Universität in Europa. Bd. II: Von der Reformation zur Französischen Revolution (1500–1800), C. H. Beck, München 1996, ISBN 3-406-36953-7, S. 213–232
  • Rüegg, Walter: „Vorwort. Die Universität als europäische Institution“, in: Rüegg, Walter (Hrsg.): Geschichte der Universität in Europa. Bd. I: Mittelalter, C. H. Beck, München 1993, ISBN 3-406-36952-9, S. 13f.
  • Tünnermann Bernheim, Carlos: Historia de la Universidad en América Latina. De la Época Colonial a la Reforma de Córdoba, Editorial Universitaria Centroamericana, 1991, ISBN 9977-30-167-0

Siehe auch