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Lichterkette (Demonstration)

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Datei:Encendiendo velas por las víctimas del incendio de República Cromañón.jpg
Vorbereitung einer Lichterkette

Die Lichterkette (auch Menschenlichterkette, englisch candlelight vigil, candlelight rally oder candlelight protest) ist eine friedliche Demonstrationsform, bei der Teilnehmende eine brennende Kerze oder eine andere Lichtquelle in der Hand halten. Die Teilnehmenden bilden häufig nebeneinander stehend eine Menschenkette. Lichterketten werden üblicherweise schweigend durchgeführt, unter Verzicht auf besondere politische Aussagen, an deren Stelle das Licht als Symbol einer umfassenden Friedensbotschaft tritt.<ref>Heinz Kleger: Toleranz und "tolerantes Brandenburg". LIT-Verlag, Münster / Hamburg / London 2006 (= Region - Nation - Europa, 34), S. 30ff. ("Lichterketten-Bewegung")</ref> Verwandt sind Lichteraktionen anderer Art, bei denen Bürger zu einem verabredeten Zeitpunkt zum Beispiel eine brennende Kerze oder Lampe ins Fenster stellen.

Deutschland

Deutsche Demokratische Republik

In der DDR bediente sich die Opposition einer als „Kerzendemonstration“ oder „Kerzendemo“ bezeichneten Protestform. So demonstrierten am 8. November 1983 in Leipzig 20 bis 30 Personen vor dem Kino Capitol in der Petersstraße und entzündeten dort Kerzen, unter anderem um gegen die Stationierung sowjetischer Raketen in der DDR zu protestieren. Polizei und Staatssicherheit nahmen die Teilnehmenden innerhalb weniger Minuten fest; ein Leipziger Gericht verhängte Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren wegen „Rowdytums“.<ref>Andreas Tappert: Die kaum bekannte Kerzendemonstration in Leipzig von 1983 - Protestaktion bei Eröffnung des Dokfilmfestivals wurde in der DDR totgeschwiegen / Stadträte wollen Erinnerung. In: Osterländer Volkszeitung. 4. März 2022, S. 18.</ref><ref>Klaus Staeubert: Wie das DDR-Regime vor Kerzen Angst bekam. In: Leipziger Volkszeitung - Hauptausgabe. 18. November 2023, S. 20 (lvz.de).</ref> Diese Demonstration sowie das brutale Eingreifen der Staatsmacht wurden als Zäsur und Meilenstein in der Geschichte der oppositionellen Bewegungen in den 1980er Jahren in Leipzig bezeichnet.<ref>Ralf Julke: Der Stadtrat tagte: Kerzendemo vom 18. November 1983 soll Teil der Leipziger Erinnerungskultur werden. Leipziger Zeitung, 20. März 2022, abgerufen am 1. Februar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Die Montagsdemonstrationen 1989/1990 der DDR-Bürgerrechtsbewegung im Verlauf der Friedlichen Revolution wurden häufig als Kerzendemonstrationen durchgeführt.<ref>Björn Menzel: Montagsdemonstration: Die 70.000 SanftMutigen von Leipzig. In: Die Zeit. 9. Oktober 2014, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 1. Februar 2024]).</ref><ref>Revolution mit 70 000 Kerzen: Montagsdemos in Leipzig. In: Westfälische Nachrichten. 2. Januar 2024, abgerufen am 1. Februar 2024.</ref> Im Museum in der Runden Ecke wird etwa eine abgebrannte Kerze der Montagsdemonstration vom 18. Dezember 1989 in Leipzig als Exponat gezeigt.<ref>Kerze von der Montagsdemonstration am 18. Dezember 1989. In: Objekt- und Fotodatenbank Online im Museum in der Runden Ecke. Abgerufen am 1. Februar 2024.</ref> Im Vorfeld der Deutschen Wiedervereinigung bildeten am Sonntag, dem 3. Dezember 1989, bis zu 2.000.000 Menschen<ref>Hanns Jürgen Küsters, Daniel Hofmann (Bearbeiter), Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Deutsche Einheit: Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Oktober 1998, ISBN 978-3-486-56361-0 (Dokumente zur Deutschlandpolitik), S. 601 (online)</ref> durch die gesamte DDR entlang der Landstraßen Menschenketten teilweise in Form von Lichterketten unter dem Motto „Ein Licht für unser Land“ und „Das Gefühl der Gemeinsamkeit und der gemeinsamen Ziele ist noch wach“.<ref>Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: Revolution auf der Kanzel: Politischer Gehalt und theologische Geschichtsdeutung in evangelischen Predigten während der deutschen Vereinigung 1989/90. Hrsg.: Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name. Vandenhoeck & Ruprecht, Vorlage:Cite book/Date, ISBN 978-3-647-55793-9, [ ], S. 53 (Vorlage:Cite book/URL [abgerufen am -05-]).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>

Bundesrepublik vor 1989

Lichterketten wurden in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts von der westdeutschen Friedensbewegung als Protestform eingesetzt. So bildeten beispielsweise am 12. Dezember 1983 10.000 Menschen eine Lichterkette zwischen Duisburg und Dortmund, um gegen die Nachrüstung zu protestieren.<ref>Tausende protestieren gegen Nachrüstung. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 286, 13. Dezember 1983, S. 8.</ref>

Nach der Wiedervereinigung

Anfang der Neunzigerjahre wurde im wiedervereinigten Deutschland mit Lichterketten gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass demonstriert, so etwa am 9. November 1992 in Hoyerswerda.<ref>Demos und Aktionen - Gegen Rassismus. In: taz. Nr. 3853, 6. November 1992, S. 2.</ref> In München organisierten vier Bürger, TV-Produzent Gil Bachrach, Journalist Giovanni di Lorenzo, Filmproduzent Christoph Fisser und die Werbeagentin Chris Häberlein<ref name=":4">Martina Scherf: 25 Jahre Lichterkette - München leuchtet weiter. In: Süddeutsche Zeitung. 6. Dezember 2017, abgerufen am 28. Januar 2024.</ref> mit 2500 Helfern<ref name=":8">Norbert Kostede: Erleuchtung für die Politik. In: Die Zeit. 29. Januar 1993, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 29. Januar 2024]).</ref> am 6. Dezember 1992 die Münchner Lichterkette mit 400.000 Teilnehmenden.<ref>Die Münchner Lichterkette: Mehr als 400 000 standen auf den Straßen. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 283/1992, 8. Dezember 1992, S. 38.</ref> Zeitgleich fanden in weiteren bayerischen Städten weitere Lichterketten mit zehntausenden Teilnehmenden statt.<ref>Lichterketten in ganz Bayern: Friedlicher Protest gegen Fremdenhaß - Trotz klirrender Kälte gehen am Nikolaustag zehntausende Menschen auf die Straße. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 282/1992, 7. Dezember 1992, S. 42.</ref> In der Folge kam es in zahlreichen weiteren deutschen Städten zu Lichterketten-Demonstrationen,<ref>George Katsiaficas: The Subversion of Politics: European Autonomous Social Movements and the Decolonization of Everyday Life, AK-Press, Oakland [u. a.] 2006, S. 161</ref> unter anderem in Hamburg mit 300.000 Teilnehmenden,<ref>Hamburg leuchtet, Frankfurt rockt gegen Fremdenhass - Lichterkette und Open-air-Konzert. In: taz. Nr. 3884, 14. Dezember 1992, S. 1.</ref> in Essen mit 300.000 Teilnehmenden,<ref>300 000 bilden Lichterkette in Essen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 1/53, 2. Januar 1993, S. 1.</ref> in Berlin mit mehr als 200.000 Teilnehmenden,<ref>Anita Kugler: Lichterkette: Ganz Berlin war eine Kerze. In: taz. Nr. 3894, 28. Dezember 1992, S. 17.</ref> in Nürnberg mit 100.000 Teilnehmenden<ref>Wolfgang Heilig-Achneck: Lichterkette rund um die Altstadt setzte machtvolles Zeichen für menschliches Miteinander - Stiller Protest gegen die Gewalt - Nach einer Schätzung beteiligten sich 100 000 Menschen - Zufahrten zum Zentrum zeitweise blockiert. In: Nürnberger Nachrichten. 18. Dezember 1992.</ref> und in Leipzig mit bis zu 100.000 Teilnehmenden.<ref>Weizsäcker: Zeichen des Aufwachens gegen Gewalt. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 295/1992, 22. Dezember 1992, S. 2.</ref> Anlass waren eine Welle rechtsextremer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland, wie die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und der Mordanschlag von Mölln in der Nacht auf den 23. November 1992.

Österreich

In der Folge der Münchner Lichterkette 1992 kam es auch in Österreich zu ähnlichen Kundgebungen. Im Januar 1993 fand das Lichtermeer statt, eine Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz sowie insbesondere gegen ein von der FPÖ initiiertes „Anti-Ausländer“-Volksbegehren. Die Initiative zu diesen Aktionen ging anfangs nicht von Parteien oder anderen politischen Organisationen aus, sondern von Privatpersonen. Die zentrale Veranstaltung mit bis zu 300.000 Teilnehmern – die bislang größte Demonstration in Österreich – fand in Wien statt. Weitere Demonstrationen gab es in Graz, Linz, Innsbruck<ref>20 Jahre "Lichtermeer" für mehr Menschlichkeit, Katholische Kirche in Österreich, 21. Januar 2013. Abgerufen am 7. April 2019.</ref> und Salzburg.

Ostasien

In Ostasien haben sich Lichterdemomonstrationen seit Beginn der Neunzigerjahre zu einer wichtigen Form des Massenprotests entwickelt. In Hongkong fanden ab 1990 jährlich am 4. Juni Lichterdemonstrationen mit bis zu 150.000 Teilnehmenden statt, um der Opfer des Tian’anmen-Massakers zu gedenken.<ref>Keith Bradsher: Thousands Gather in Hong Kong for Tiananmen Vigil. In: The New York Times. 4. Juni 2009, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 1. Februar 2024]).</ref> Ab 2020 wurden die Gedenkveranstaltungen unterbunden.<ref>Reuters: Hong Kong Tiananmen vigil organisers convicted under national security law. In: The Guardian. 4. März 2023, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 1. Februar 2024]).</ref><ref>Hong Kong’s 4 June Tiananmen vigil over the years – in pictures. In: the Guardian. 2. Juni 2021, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 1. Februar 2024]).</ref><ref>Tiffany May: Hong Kong Remembered the Tiananmen Massacre, Until It Couldn’t. In: The New York Times. 4. Juni 2023, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 1. Februar 2024]).</ref> In Südkorea stellen Lichterdemonstrationen einen wichtigen Teil der Protestkultur dar, etwa im Rahmen der Bewegung für den Rücktritt von Präsidentin Park Geun-hye.<ref>Jai Kwan Jung: The candlelight protests in South Korea: a dynamics of contention approach. In: Social Movement Studies. Band 22, Nr. 5–6, 2. November 2023, ISSN 1474-2837, S. 767–785, doi:10.1080/14742837.2022.2053515 (tandfonline.com [abgerufen am 1. Februar 2024]).</ref>

Weitere Beispiele

Die Lichterkette hat sich inzwischen zu einer gängigen Form der Demonstration entwickelt.

  • Große Lichterketten-Aktionen gab es anlässlich des bevorstehenden Irakkrieges im Jahr 2003.
Datei:2015-11-17 Lichtzeichen. Hannover - ein Mehr aus Licht, (100) Das neue Rathaus in den Farben von Frankreichs Trikolore.JPG
Das neue Rathaus in Hannover in den Farben von Frankreichs Trikolore als Hintergrund der Lichterkette

Unterstützung von Projekten und Aktionen

Der ersten Lichterkettenaktion 1992 in München folgte die Gründung des gemeinnützigen Vereins Lichterkette e. V., das seitdem Projekte und Aktionen unterstützt, die im Sinne der Völkerverständigung die Begegnung, den interkulturellen Austausch und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in München fördern. Hierzu finden laufend Veranstaltungen und Aktionen statt.<ref>Lichterkette. Abgerufen am 7. April 2019.</ref><ref>Die Stadt leuchtet weiter, Süddeutsche Zeitung, 6. Dezember 2017. Abgerufen am 8. April 2019.</ref> Eines der Projekte ist Youthnet, ein interkulturelles und interreligiöses Netzwerk für München. Dort begegnen sich Jugendliche mit christlichem, muslimischem, jüdischem, ezidischem und anderem Hintergrund.<ref>Youthnet | Jugendnetzwerk München. 22. September 2023, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 22. September 2023; abgerufen am 2. Februar 2024.</ref><ref>Youthnet, HaGalil. Abgerufen am 8. April 2019.</ref>

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary: Lichterkette – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Menschenlichterkette – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

<references />