Fabel vom Löwenanteil
Die Fabel vom Löwenanteil, bekannt unter den Titeln Des Löwen Anteil, Der Löwe, der Fuchs und der Esel sowie Der Löwe mit anderen Tieren auf der Jagd, ist eine in Variationen überlieferte Tierfabel des altgriechischen Dichters Äsop und wurde auch von Jean de la Fontaine bearbeitet.<ref>Der Löwe. 1923, abgerufen am 11. April 2026 (gemeinfreie Fabel).</ref>
Inhalt
Zum Motiv des Löwenanteils gibt es zwei verschiedene Erzählungen. Die erste<ref>Das sind die beiden Varianten Des Löwen Anteil und Der Löwe, der Fuchs und der Esel</ref> lautet:
- Löwe, Esel und Fuchs gehen gemeinsam auf die Jagd. Als der Löwe am Ende den Esel auffordert, die Beute unter ihnen zu teilen, tut er dies auch sehr genau. Da zerreißt der Löwe ihn voller Wut und befiehlt nun dem Fuchs, die Beute zu teilen. Der Fuchs überlässt dem Löwen daraufhin bis auf Weniges seinen Anteil, worauf der Löwe ihn schmunzelnd fragt, wer ihn so schön teilen gelehrt habe. „Das Missgeschick des Esels“, antwortet ihm der Fuchs. Nach ihrer Moral wurde die Fabel auch Gelehriger Fuchs genannt.<ref>Die Fabeln des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Ein Katalog der deutschen Versionen und ihrer lateinischen Entsprechungen. Hrsg. von G. Dicke, K. Grubmüller et al. München 1987 (= Münstersche Mittelalter-Schriften Bd. 60). Nr. 402, 2. Version. S. 475–478.</ref>
Eine andere Verarbeitung des Motivs<ref>Titel in Variation mit einem Schaf und weiteren Tieren: Der Löwe mit anderen Tieren auf der Jagd</ref> lautet: Löwe und Esel gehen auf die Jagd. Der Esel setzt seine Schnelligkeit ein, der Löwe seine Stärke. Nach erfolgreichem Jagen sagt der Löwe: „Der erste der drei Haufen, die ich eingeteilt habe, gehört mir, denn ich bin dein König. Den zweiten bekomme ich als dein Jagdkumpan und was den dritten angeht, so wird er dir großes Leid zufügen, wenn du dich nicht augenblicklich davonmachst.“ Am Ende der Fabel wird vor der Gesellschaft des Mächtigen gewarnt. Diese Fassung hat der römisch-antike Fabeldichter Phaedrus unter dem Titel Die Jagdgesellschaft in Versform rezipiert (Fabeln, 1, 5).<ref>Fabeln der Antike. Griechisch-Lateinisch-Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Harry C. Schnur. 2. Auflage. München – Zürich 1985, S. 168</ref>
Eingang in den Sprachgebrauch
Von dieser äsopischen Fabel kommt die deutsche Redewendung „den Löwenanteil bekommen“.<ref>Górski, Konstanty: Die Fabel vom Löwenantheil in ihrer geschichtlichen Entwickelung. Diss. Rostock 1888. S. 1. Röhrich, Lutz: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Bd. 2. Freiburg; Basel; Wien 1992. S. 976</ref> „Löwenanteil“ wird dabei als Synonym für den Hauptanteil an etwas (Gewinn, Güter etc.) verwendet. Außerdem ist der im Privatrecht verwandte Begriff Societas leonina mit dieser Fabel in Verbindung zu bringen. Die Bezeichnung für eine Gesellschaft, in der alle das Risiko tragen, aber nur einer den Gewinn beanspruchen darf, geht auf den römischen Richter Gaius Cassius Longinus aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. zurück.<ref>vgl. Röhrich, Lutz: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Bd. 2. Freiburg; Basel; Wien 1992, S. 977.</ref>
Die Überlieferung der Fabel im Mittelalter
Für die mittelalterliche volkssprachliche Überlieferung sind stets die lateinischen Fassungen wichtig. Das trifft auch für die Fabel Der Löwenanteil in ihren hochdeutschen Fassungen zu. Bis zum 13. Jahrhundert ist die Fabel in der ersten Fassung (die Jagdgesellschaft) nur im Mittellateinischen überliefert. Im Wiener Codex 2705 liegt dann die erste Fassung in mittelhochdeutscher, ja in deutschsprachiger Überlieferung überhaupt, vor. Bis 1500 sind für diese Fabel in der ersten Version unter Nr. 402 15 deutschsprachige Fassungen zu zählen. Unter diesen liegen 6 mittelhochdeutsche Bearbeitungen vor: Eine Fassung liegt jeweils im Wiener Codex 2705 und im Edelstein Ulrich Boners vor; auch die Bearbeitungen Heinrichs von Mügeln, im Nürnberger Prosa-Äsop, in dem Karlsruher Codex 408 und im Esopus Heinrich Steinhöwels. Die mittellateinischen Fassungen der Romulus-Überlieferung, die Recensio gallicana und Recensio vetus und die Fassung des Anonymus Neveleti sind die Vorlagen der Verfasser dieser Texte.<ref>Raffetzeder, Natalie: „Die Fabel vom Löwenanteil in ihren hochdeutschen Fassungen des Mittelalters“ Diplomarbeit. Univ. Wien 2010. S. 90.</ref>
Die Erzählung änderte sich im Vergleich zur antiken griechischen Fassung Äsops nicht wesentlich. Die Anzahl der Tiere, die mit dem Löwen auf Jagd ziehen ist in den lateinischen Fassungen und damit in den späteren Bearbeitungen des Mittelalters anders: Es sind 3 Tiere. Entsprechend den vier Jagdgenossen liegen vier Beuteanteile vor, als der Löwe zu sprechen beginnt. Er findet stets 4 Argumente, warum ihm die gesamte Beute zustehen soll. Stets findet sich das Standesargument, das Argument seiner physischen Stärke, das Argument des Einsatzes/der Mühe/Kampfesnot und die Drohung, d. h. die Anspielung auf die Gefahren eines Kampfes mit ihm. Manchmal argumentiert der Löwe auch mit seiner Schnelligkeit oder spielt auf seinen erhöhten Nahrungsbedarf an.<ref>vgl. Raffetzeder, S. 87 f.</ref>
Beispiele der direkten Rede des Löwen: Die Rede des Löwen in der Romulus-Fassung der Recensio gallicana:
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„ego primus tollo ut leo, secunda pars mea est, eo quod sum fortior vobis. tertiam vero mihi defendo, quia plus vobis cucurri. quartam autem qui tetigerit, inimicum me habebit.“ (Satz 3–5, Z. 10–15)<ref>Der Lateinische Äsop des Romulus und die Prosa-Fassungen des Phädrus. Kritischer Text mit Kommentar und einleitenden Untersuchungen von Georg Thiele, Heidelberg 1910. S. 24, 26.</ref></poem> |
<poem>„Ich erhebe Anspruch auf den ersten Anteil, da ich der Löwe bin,
der zweite Teil ist meiner, weil ich stärker bin als ihr. Den dritten wahrlich verteidige ich, weil ich mehr als ihr gelaufen bin. Wer den vierten auch angreift, wird mich zum Feind haben.“</poem> |
Die Rede des Löwen in der ältesten mittelhochdeutschen Fassung, im Wiener Codex:
| <poem style="font-style:italic">er sprach: „der erste teil sol wesen min,
ich mach wol der snellest sin. den andern teil wil ich han, wan ich in wol verzern chan. der dritte teil sol davon wesen min, wan ich iwr aller chvnic bin. swer den vierden teil wil han, der sol sich rehte des enstan: er muoz immer haben mine var.“ (V. 13- 21)<ref>Die Reimpaarfabel im Spätmittelalter. Hrsg. von Bernhard Kosak, Göppingen 1977 (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik Bd. 223). S. 499.</ref></poem> |
<poem> er [der Löwe] sprach: „der erste Teil [der Beute]soll mein sein:
Ich bin wohl der schnellste (von euch allen). Den andern Teil will ich haben, da mein Appetit groß ist. Der dritte Teil soll mein sein, da ich euer aller König bin. Wer immer den vierten Teil haben will Dem soll das recht lieb werden: Dem droht Gefahr von mir (Kampf und Schädigung).“ </poem> |
In allen hochdeutschen Fassungen der „Jagdgesellschaft“ bis 1500 findet sich eine weltliche Lehre. In dieser wird – abgesehen von zwei Ausnahmen – jeweils vor der Gesellschaft der Mächtigen gewarnt. In der Fassung im Wiener Codex etwa lautet sie:
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ditze sol mercken div armiv diet vnt sol sich gnozen niet den richen alze verre: daz gvt nimt ie der herre vnt laet den armen reden dar. flvcht er, des nimt er chleinen war. (V. 23–28) </poem> |
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Dies soll sich das ohnmächtige Volk merken Und soll die Gesellschaft Der Mächtigen meiden. Das Gut nimmt immer der Herr Und lässt den Untertanen danach reden (jammern) Flucht der, dann nimmt er [der Mächtige] das überhaupt nicht wahr. </poem> |
In der Fassung Boners hingegen wird vor den Mächtigen per se gewarnt und in der Fassung im Karlsruher Codex werden umgekehrt die Mächtigen vor der drohenden Vergeltung der Untertanen gewarnt, falls sie ihre Macht verlieren sollten.<ref>Der Lateinische Äsop des Romulus und die Prosa-Fassungen des Phädrus. Kritischer Text mit Kommentar und einleitenden Untersuchungen von Georg Thiele, Heidelberg 1910, S. 74, 88 f.</ref>
Zur 2. Version: Die Fabel vom gelehrigen Fuchs ist nicht in den Versen Phädrus’, folglich auch nicht in Romulushandschriften überliefert und stammt nicht aus antiker lateinischer Tradition. Als älteste überlieferte Fassung dieser Fabel kann nach DICKE und GRUBMÜLLER eine Episode im Ysengrimus<ref>Ysengrimus. Text with Translation, Commentary And Introduction by Jill Mann. Leiden; New York u. a. 1987 (=Mittellateinische Studien und Texte. Bd. 12). Liber VI. V. 133–348. The Booty-Sharing. S. 494–505. Eine Zusammenfassung der Episode findet sich auf S. XIV. Auch eine Übersetzung ins Deutsche liegt vor: Isengrimus. Das flämische Tierepos aus dem Lateinischen verdeutscht von Albert Schönfelder. Münster; Köln 1955 (= Niederdeutsche Studien. Bd. 3). Fabel XII: Die Beuteteilung. S. 126–130.</ref> gelten. Dieses berühmte Tierepos in mittellateinischer Sprache wurde wohl in der Mitte des 12. Jhs. verfasst. Das Werk in elegischen Distichen wird einem Magister Nivardus zugeschrieben. Hinter diesem Namen wird ein Kleriker aus Gent, in Belgien vermutet.<ref name="FPKn">Vgl. Knapp, F. P.: Isengrimus. In: LM 5 (1991), Sp. 674–675.</ref> Als Vorlage für die älteste überlieferte Fassung der Fabel vom gelehrigen Fuchs kommen „karol. Tiergedichte, »Ecbasis captivi« [vor 1039?], »Fecunda ratis« Egberts v. Lüttich (ca. 1023)<ref>Für die Datierung: Maaz, W.: Egbert, 5. E. v. Lüttich. In: LM 3 (1986), Sp. 1602–1603.</ref>, »De lupo« [um 1100], mündl. Erzählgut“ in Frage.<ref name="FPKn" />
Eine vollkommen andere Interpretation der Fabel liefert der Sufi-Mystiker Dschalāl ad-Dīn Rūmī in seinem Masnawī (Entstehungszeitraum ca. 1258–73), worin er die Jagdgesellschaft – hier bestehend aus Löwe, Fuchs, Wolf – als Allegorie auf die Unehrerbietigkeit früherer Generationen gegenüber Gott auslegt (repräsentiert durch den Wolf, der unklugerweise bei der Aufteilung sich mehr zuspricht, als ihm zustünde) sowie auf das Glück folgender Generationen, aus diesen Fehlern lernen zu können und sich so nicht nur göttlicher Strafe zu entziehen, sondern auch himmlischen Lohn zu empfangen (repräsentiert durch den Fuchs, der dem Löwen die gesamte Jagdbeute überlässt, dafür aber – im Unterschied zu Äsop – vom Löwen wiederum die gesamte Beute geschenkt bekommt)<ref>Rūmī: Masnawī – Gesamtausgabe in zwei Bänden, hrsg. von Otto Höschle, Xanten 2020, Bd. 1, S. 191–197.</ref>:
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Darum sei Gott gedankt, dass Er uns erst nach unsern Ahnen in die Welt gebracht, damit von Gottes Strafen wir vernehmen, die früheren Geschlechtern Er verhängte, und wir vor'm Los der Wölfe alter Zeiten uns besser hüten, ganz wie dieser Fuchs. "Ein Volk, dem Er barmherzig ist", so nannte uns der Prophet, der alles treulich deutet. Beachtet Fell und Knochen dieses Wolfs und lasst euch warnen, Hochgeehrte! (V. 3117–3121) </poem> |
Einzelnachweise und Fußnoten
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