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Léon Minkus

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Datei:Leon Minkus -photo by B. Braquehais -circa 1865.JPG
Léon (Ludwig) Minkus, Foto von Bruno Braquehais, Paris um 1865

Léon Minkus, eigentlich Aloysius Bernhard Philipp Minkus (auch: Ludwig Alois Minkus, Louis Minkus,<ref name="18450213THZ" /> Ludwig Fjodorowitsch Minkus oder französisch Minkous;<ref name=Petipa>Ludwig Minkus, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 2. Januar 2020)</ref><ref name=Stegemann>Michael Stegemann: Léon Minkus – Auf der Suche nach einem Unbekannten, Booklet-Text zur CD-Box: Léon Minkus (u. a.): Don Quijote („Gesamtaufnahme“), Sofia National Opera Orchestra, Dir.: Boris Spassov (1995, Capriccio), S. 6–7</ref> * 23. März 1826 in Wien, Kaisertum Österreich; † 7. Dezember 1917 ebenda) war ein österreichisch-ungarischer Ballettkomponist, Violinist, Kapellmeister und Pädagoge, der vor allem in Russland wirkte.

Leben

Über Léon Minkus war lange Zeit nur wenig bekannt und seine biografischen Daten – einschließlich des Geburts- und Sterbeortes – waren umstritten. So wurde noch bis vor relativ kurzer Zeit von einigen vermutet, dass er erst um 1840 geboren und schon um 1890<ref name=Stegemann /> bzw. jedenfalls noch im 19. Jahrhundert<ref>Eigenhändige Korrekturen Beethovens. In: Der Tag / Der Wiener Tag, 20. März 1927, S. 28 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/tag</ref> verstorben sei.

Mittlerweile weiß man, dass Minkus am 23. März 1826 in Wien zur Welt kam. Sein Vater Theodor Johann Minkus (* 1795) stammte aus Groß-Meseritsch in Mähren und seine Mutter Maria Franziska Heimann (* 1807) aus Pest in Ungarn.<ref name=Petipa /> Seine Eltern konvertierten kurz vor ihrer Heirat und vor ihrem Umzug nach Wien vom Judentum zum Katholizismus.<ref name=Petipa /> Sein jüngerer Bruder Eugen Minkus (* Februar 1841 in Wien; † 23. April 1923 ebenda)<ref>Der Tod des Präsidenten Eugen Minkus. In: Neue Freie Presse, 24. April 1923, S. 7 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nfp</ref> war später Direktor sowie Präsident der Wiener Union Bank und wurde am 19. August 1915<ref>Der Volkswirt. Auszeichnungen anläßlich des glänzenden Erfolges der Kriegsanleihe. In: Neues Wiener Tagblatt. Demokratisches Organ / Neues Wiener Abendblatt. Abend-Ausgabe des („)Neuen Wiener Tagblatt(“) / Neues Wiener Tagblatt. Abend-Ausgabe des Neuen Wiener Tagblattes / Wiener Mittagsausgabe mit Sportblatt / 6-Uhr-Abendblatt / Neues Wiener Tagblatt. Neue Freie Presse – Neues Wiener Journal / Neues Wiener Tagblatt, 20. August 1915, S. 39 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nwg</ref> nobilitiert.<ref>Roman Sandgruber: Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910. Styria, Graz 2013, ISBN 978-3-222-13405-0, S. 405</ref>

Minkus’ Vater war Weinhändler (mindestens seit 1828)<ref>Anzeige. Theodor Minkus, Ungarischer Großweinhändler. In: Wiener Zeitung, 28. Jänner 1828, S. 6 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/wrz</ref> und Inhaber eines Restaurants, zu dem auch eine typische Wiener Tanzmusikkapelle gehörte.<ref name=Petipa /> Minkus bekam mit 4 Jahren seinen ersten Violin-Unterricht und spielte mit 8 Jahren sein erstes öffentliches Konzert – er galt als Wunderkind.<ref name="18441221THZ">Concert des Herrn Louis Minkus. In: Wiener Theater-Zeitung, Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben, 21. Dezember 1844, S. 2 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/thz</ref><ref name=Petipa /> Von 1838 bis 1842 erhielt er Unterricht bei der Gesellschaft der Musikfreunde und begann früh zu komponieren.<ref name=Petipa /> Als „vielversprechende[r] junge[r] Violinvirtuose“ war er bereits 1841 bekannt.<ref>Notizenblatt. In: Wiener-Moden-Zeitung / Wiener-Moden-Zeitung und Zeitschrift für Kunst, schöne Literatur und Theater / Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode / Wiener Zeitschrift. Tagsblatt für die gebildete Lesewelt, 25. Mai 1841, S. 8 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/wzz</ref> In Komposition wurde er von Gottfried von Preyer ausgebildet, Violinunterricht hatte er bei Joseph Böhm erhalten.<ref name="18441221THZ" /> 1846 wurden die ersten fünf Stücke für Violine von ihm veröffentlicht.<ref name=Petipa />

Über sein Leben zwischen 1842 und 1852 ist wenig bekannt, außer dass er auf Reisen bis nach Deutschland, Frankreich und England herumkam.<ref name=Petipa /> Anfang 1843 meldete die Wiener Theaterzeitung: „Unser junge (sic!) Landsmann der Violinvirtuose Theodor Minkus, befindet sich gegenwärtig in Paris, um sich ferner auszubilden, und beschäftigt sich mit mehreren Compositionen.“<ref>Musikalischer Telegraf. In: Wiener Theater-Zeitung, Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben, 28. Jänner 1843, S. 3 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/thz</ref> Nach Lage der Dinge muss es sich um Léon Minkus handeln; unklar ist, ob sein Vorname falsch geschrieben wurde oder ob er sich auch Theodor nannte. Nach Paris war er Ende 1842 gegangen.<ref>Musikalisches. In: Der Humorist (1837–1862), 14. September 1842, S. 4 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/hum</ref>

Am 23. Februar 1845 gab Louis Minkus sein zweites Konzert im damaligen Wiener Musikvereinssaal.<ref name="18450213THZ">Musikalischer Telegraf. In: Wiener Theater-Zeitung, Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben, 13. Februar 1845, S. 4 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/thz</ref> In Wien soll Minkus auch eine Tanzkapelle geleitet haben, ähnlich derjenigen des jungen Johann Strauss Sohn.<ref name=Petipa />

1852 wurde er leitender Geiger am Wiener Hoforchester,<ref name=Petipa /> doch bereits ein Jahr später emigrierte er nach Sankt Petersburg, wo er von 1853 bis 1855 Orchesterchef (Musikdirektor)<ref>Rudolf LotharWiener Theaterhabitués. In: Neues Wiener Journal, 31. Dezember 1933, S. 18 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nwj</ref> und Violinsolist<ref name=Petipa /> des aus Leibeigenen zusammengesetzten Orchesters von Fürst Nikolai Jussupow (1827–1891) wurde.

Datei:Néméa, Paris 1864.JPG
Eine Probe zu Minkus’ und Saint-Léons Néméa an der Pariser Oper, 1864

1855 heiratete Minkus in der Sankt-Katharinenkirche in Sankt Petersburg die gebürtige Wienerin Maria Antoinette Schwarz (* 1838).<ref name=Petipa />

Von 1856 bis 1861 hatte Minkus eine Stelle als erster Geiger im Moskauer Bolschoi-Theater, ab 1861 war er Konzertmeister.<ref name=Petipa /> Er stieg außerdem zum Leiter und führenden Geiger im Orchester des Italienischen Operntheaters auf.<ref name=Petipa /> 1864 wurde er zum „Inspektor der kaiserlichen Theater Orchester“ in Moskau erhoben. Gleichzeitig unterrichtete er als Professor für Violine am neu eröffneten Konservatorium von Moskau.<ref name="Petipa" />

Seine wahrscheinlich erste Ballettmusik, L′Union de Thétis et Pélée, wurde 1857 im Jussupow-Palast uraufgeführt.<ref name=Petipa /> 1862 schrieb er für das Bolschoi-Theater den Ballett-Einakter Deux jours en Venise (Zwei Tage in Venedig).<ref name=Petipa />

In der Folge begann eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem bedeutenden Choreografen Arthur Saint-Léon, der seit 1860 erster Ballettmeister der kaiserlichen Theater in Russland war.<ref name=Petipa /> 1863 komponierte Minkus die Musik zu Saint-Léons dreiaktigem Ballett La Flamme d′amour, ou La Salamandre, das ein großer Erfolg wurde und 1864 auch in Sankt Petersburg (als Fiammetta, ou L′amour du Diable) gezeigt wurde. In einer gekürzten Version brachte Saint-Léon es im Sommer desselben Jahres – diesmal unter dem neuen Namen Néméa, ou L′Amour vengé – auch in Paris auf die Bühne.<ref name=Petipa /> Minkus’ Musik wurde sehr gelobt, unter anderem von Théophile Gautier, der sie „eingängig und verträumt“ nannte und die „geistsprühenden Melodien und ansteckenden Rhythmen“ hervorhob.<ref>„... Théophile Gautier, who found the music be filled with a ‘... haunting, dreamy quality. The music for the dances were filled with sparkling melodies and infectious rhythms’“. Aus: Ludwig Minkus, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 2. Januar 2020)</ref> Néméa erlebte allein in Paris 53 Vorstellungen bis 1871 und wurde 1868 auch in Triest aufgeführt (als La Nascita della Fiamma d′Amore).<ref name=Petipa />

Für die Pariser Oper komponierte Minkus 1866 etwa die Hälfte der Musik zu Saint-Léons Ballett La Source (Die Quelle); den übrigen Teil der Partitur verfasste der junge Léo Delibes. Das Ballett erreichte 73 Vorstellungen bis 1876.<ref name=Petipa />

Datei:Marius Petipa -1870.JPG
Marius Petipa, 1870

Zurück in Russland arbeitete Minkus weiterhin mit Saint-Léon zusammen, bis zu dessen Entlassung im Jahr 1869. Unter den dabei entstandenen Balletten war der auf einem russischen Märchen basierende Einakter Le Poisson d’or (Der goldene Fisch) für die Hochzeit des Zarewitsch Alexander Alexandrowitsch mit Prinzessin Dagmar von Dänemark (Uraufführung am 19. Novemberjul. / 1. Dezember 1866greg. in Schloss Peterhof).<ref name=Petipa />

Mit dem bis heute erfolgreichen Don Quixote für das Moskauer Bolschoi-Ballett begann 1869 die Zusammenarbeit von Minkus und Marius Petipa.<ref name=Petipa /> Die Uraufführung war ein großer Erfolg und brachte ihm die Stelle des offiziellen Komponisten des Kaiserlichen Russischen Balletts ein, als Nachfolger des Italieners Cesare Pugni, der 1870 im Alter von 68 Jahren verstarb.<ref name=Petipa />

In dieser Position verfasste Minkus für Petipa zahlreiche erfolgreiche Kompositionen wie besonders die 1877 entstandene La Bayadère, die als sein Meisterwerk gilt.<ref name=Petipa />

Während all dieser Zeit betätigte sich Minkus auch weiterhin professionell als Geiger und spielte beispielsweise den Part der 2. Violine in der Moskauer Uraufführung von Tschaikowskys Streichquartett op. 11 Nr. 1 in D-Dur (am 28. März 1871).<ref name=Petipa />

Im Jahr 1883 zur Krönung von Alexander III. – der als „Ballettomane“ bekannt war – schrieb Minkus den Ballett-Einakter Nuit et Jour (Nacht und Tag), für den ihm der Zar den Orden des Heiligen Stanislaus verlieh, weil Minkus ” … als Ballettkomponist die Vollkommenheit erreicht” habe.<ref name=Petipa />

Minkus schrieb auf Wunsch von Petipa auch Ergänzungen zu bestehenden Ballettmusiken, wie etwa zu Adolphe Adams Giselle und zu DeldevezPaquita (1881).<ref name=Petipa />

Zur Einweihung des Mariinski-Theaters am 9. Februarjul. / 21. Februar 1886greg. wurde Les Pilules magiques („Die Zauberpillen“) uraufgeführt, eine Mischung aus Ballett, Komödie und Gesang im Vaudeville-Stil. Minkus komponierte die Musik zu den drei Ballett-Tableaus von Petipa, mit Nationaltänzen im belgischen, englischen, spanischen und russischen Stil. Das Ganze wurde von Publikum und Kritikern sehr bewundert.<ref name=Petipa />

Datei:Pilules magiques -Kingdom of the Laces -1886 -1.JPG
Szenenfoto vom „Königreich der Spitzen“ in Les Pillules magiques, 1886

Das letzte Werk, das Minkus als offizieller Komponist des kaiserlichen Balletts schuf, war Les Offrandes à l’Amour (Die Opfer für Amor), das seine Premiere am 22. Julijul. / 3. August 1886greg. im Mariinski-Theater erlebte. Es wurde von der damaligen Kritik als Meisterwerk gepriesen,<ref name=Petipa /> ist aber heute vergessen. Zu seinem offiziellen Abschied gab man am 9. Novemberjul. / 21. November 1801greg. eine Benefiz-Vorstellung zu seinen Gunsten.<ref name=Petipa /> Der Posten eines Ballettkomponisten des kaiserlichen Balletts wurde nach Minkus’ Pensionierung nicht mehr vergeben, stattdessen wurden die neuen Ballettmusiken danach immer abwechselnd von verschiedenen Komponisten geschrieben.<ref name=Petipa />

Im Februar 1891 brachte Petipa sein Ballett Kalkabrino heraus, dessen Musik traditionell Minkus zugeschrieben wird; einige Forscher halten es allerdings für zweifelhaft, dass es sich um eine neue Partitur des Komponisten handelte.<ref name=Petipa />

Im Sommer 1891 kehrten Minkus und seine Frau zurück in ihre Heimatstadt Wien, wo sie von einer bescheidenen Pension der russischen Regierung lebten, anfangs in einer Wohnung seines Freundes, des Pianisten Theodor Leschetitzky, in der Karl-Ludwig-Straße und später in der Gentzgasse.<ref name=Petipa /> Nach dem Tode seiner Frau im Jahr 1895 lebte er allein und als ihm nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine russische Rente gestrichen wurde, geriet er in große finanzielle Bedrängnis.<ref name=Petipa />

Minkus starb 1917 im Alter von 91 Jahren in Wien an einer Lungenentzündung und wurde auf dem Döblinger Friedhof begraben.<ref name=Petipa />

Lange Zeit glaubte man, dass seine sterblichen Überreste im Jahr 1939 exhumiert und in ein anonymes Massengrab transferiert wurden, als die nationalsozialistische Regierung unter Hitler Grabstätten von Personen jüdischer Herkunft beseitigen ließ. Nach neueren Forschungen wurde jedoch der Name auf Minkus’ Grab rechtzeitig geändert, um es zu schützen; folglich soll die letzte Ruhestätte des Komponisten also doch erhalten sein.<ref name=Petipa />

Einordnung und Musikalischer Stil

Datei:Leon Fedorovich Minkus -1885 -2.jpg
Léon Minkus, 1885

Minkus ist noch heute (2020) einer der bekanntesten Ballettkomponisten des 19. Jahrhunderts, trotzdem sind nur wenige Werke von ihm bekannt: die Ballettmusik zu dem buffonesken und extravertierten Don Quixote (1869/70) mit vielen Anklängen an spanische Tänze und Volksmusik; die sehr tragische La Bayadère (1877), die als ganzes Ballett außerhalb Russlands erst ab 1980 bekannt wurde; die Hälfte der selten gespielten La Source (1866) und die ebenfalls spanisch angehauchten Einlagen zu Paquita (1882). Seine Partitur zu Don Quixote ist später stark verändert worden, Nummern wurden gekürzt, gestrichen oder umgestellt, und nicht nur in Russland wird sie heute normalerweise in einer durch zahlreiche Einlagen späterer Komponisten überfremdeten Version dargeboten, wodurch stilistische Brüche entstehen, besonders bei Kompositionen im relativ dissonanten sowjetrussischen Stil des 20. Jahrhunderts.<ref name=Petipa-Quixote>Don Quixote auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 2. Januar 2020)</ref> Die Partitur von Don Quixote im Originalzustand hat folglich noch kein lebender Mensch (2020) je gehört. Sogar Minkus’ berühmter Grand Pas für Paquita wurde später durch 4 bis 5 Variationen anderer Komponisten ergänzt und verlängert,<ref> Von Delibes, Nikolai Tscherepnin und Pugni. Siehe S. 3 im Booklet zur CD: Léon Minkus: La Bayadère (Auszüge) & Paquita, Sofia National Opera Orchestra, Boris Spassov (Capriccio, 1996; CD). Statt Pugni steht dort „Pouni“, wie er in Russland genannt wird.</ref> und unter den extrem wenigen Einspielungen des Grand Pas ist diejenige mit Richard Bonynge und dem English Chamber Orchestra (1988, Decca)<ref>Später wiederveröffentlicht auf CD Nr. 5 in der 10-teiligen CD-Box: Fête du Ballet - A Compendium of Ballet Rarities, Richard Bonynge (Decca)</ref> ein Arrangement (von John Lanchbery ?) in einem amerikanischen Hollywood-Stil (mit teilweise veränderten Harmonien, zusätzlichen Stimmen u. ä.). Die nie veröffentlichte Orchesterpartitur von La Bayadère ist erst 2002 von Sergei Vikharev und Pavel Guerchenzon in den Archiven des Mariinski-Balletts aufgefunden worden.<ref>La Bayadère, Informationen zur Version von Rudolf Nurejew (1992) auf der Website der The Rudolf Nurejew Foundation (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020)</ref> Zuvor wurde das Ballett zumindest im Westen in einem Arrangement und einer Orchestrierung (und Ergänzung ?) von John Lanchbery aufgeführt,<ref>Abschnitt La Bayadère in the West, in: La Bayadère, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020)</ref> die auch 1993 von Richard Bonynge eingespielt wurde. Nicht nur in Russland wird La Bayadère außerdem oft (oder meist) in einer völlig veränderten Version ohne den ursprünglichen 4. Akt aufgeführt.<ref>La Bayadère auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 2. Januar 2020)</ref> Die wahrscheinlich vollständige Originalpartitur zu La Bayadère erklang immerhin 2018 in Ratmanskys Rekonstruktion des Balletts für die Staatsoper Berlin.

Angesichts einer solchen Situation – die z. B. bei Tschaikowskis viel bekannteren Ballettmusiken niemand akzeptabel fände – erscheint eine gerechte Einordnung und Wertung von Minkus’ musikalischem Schaffen grundsätzlich relativ schwierig.

Minkus’ Werke sind ein Bindeglied zwischen den frühen romantischen Ballettkomponisten, besonders dem in Russland wirkenden Cesare Pugni, und den späteren russischen Balletten, vor allem von Tschaikowski und Riccardo Drigo. Seine Ballett-Partituren sollten nicht zu sehr mit denen seiner jüngeren und in Orchestrierung und Harmonik oft bereits vom raffinierten französischen Impressionismus angehauchten Zeitgenossen Delibes (v. a. in Coppélia und Sylvia) und Tschaikowski (v. a. in Nussknacker und Dornröschen) verglichen werden.

Minkus war der Schöpfer melodisch und rhythmisch sehr ansprechender Musik. Er war kein Symphoniker, sondern ein reiner Ballettkomponist. Zu seinen musikalischen Vorbildern gehören außer der duftigen und durchsichtigen Musik Pugnis besonders italienische Opernkomponisten wie Bellini und Verdi. In diesem Kontext ist seine starke Betonung der Melodik bei relativ sparsamer und rhythmisch betonter Begleitung zu verstehen. Dabei hatte Minkus einen eigenen Stil, dessen Stärke in sehr ausdrucksvollen, wohlgeformten Melodien von oft großer Schönheit liegt; besonders im melancholischen und elegischen Bereich (La Source, La Bayadère, Prolog von Don Quixote) und in der eher beschreibenden Musik für pantomimische Szenen (Pas d’action) ist er sehr überzeugend. Minkus’ Musik lebt von einem emotionalen Reichtum, der den Tänzern Gelegenheit zur individuellen Ausgestaltung gibt. Man findet bei ihm Tänze, die in ihrer Grazie und Anmut unüberbietbar und optimal für das Ballett sind. Im extravertierten Bereich, namentlich in Don Quixote und Paquita, gelang ihm mitreißende und eingängige Tanzmusik, dabei klingt er zuweilen etwas nach französischer Operette und kann bei zu langsamen Tempi (z. B. aus Rücksicht auf einen Tänzer) plump wirken. Seine Musik ist auch durchaus russisch gefärbt, wogegen man Einflüsse der Wiener Tanzmusik, z. B. von Johann Strauss Sohn, bei Minkus vergeblich sucht.

Werke

Ballette

  • L′Union de Thétis et Pélée, Ballett-Einakter (1857), für das Privattheater im Jussupow-Palast, Sankt Petersburg
  • Deux jours en Venise, Ballett-Einakter (1862); kaiserliches Bolschoi-Theater, Moskau
  • La Flamme d′amour, ou La Salamandre, Ballett in 3 Akten (1863, Choreografie von Arthur Saint-Léon); kaiserliches Bolschoi-Theater, Moskau
  • La Source (Die Quelle) (nur Akt 1 und Akt 3,2), zusammen mit Léo Delibes (1866, Choreografie von Arthur Saint-Léon); Théâtre Impérial de l’Opéra, Paris
    • Le Lys (Die Lilie), Ballett in 3 Akten, Revision von La Source (1869); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • Le Poisson d’or, Ballett-Einakter (1866, Choreografie von Arthur Saint-Léon), Amphitheater der Olga Insel, Schloss Peterhof, Sankt Petersburg
    • Le Poisson d’or, Ballet fantastique, erweiterte Fassung in 4 Akten (1867)
  • Don Quixote, Grand Ballet, 1. Fassung in 4 Akten (1869, Choreografie von Marius Petipa); kaiserliches Bolschoi-Theater, Moskau
    • Don Quixote, 2. erweiterte Fassung in 5 Akten (1871); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • La Camargo, Grand Ballet in 3 Akten (1872, Choreografie von Marius Petipa); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • Les Brigands, Grand Ballet in 2 Akten (1875, Choreografie von Marius Petipa)
  • Les Aventures de Pélée, Ballett in 3 Akten (1876, Choreografie von Marius Petipa); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • La Bayadère, Grand Ballet in 4 Akten (1877, Choreografie von Marius Petipa); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • Roxana, die Schöne von Montenegro, Ballet fantastique in 4 Akten (1878, Choreografie von Marius Petipa); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • Die Schneetochter, Ballet fantastique in 3 Akten (1879, Choreografie von Marius Petipa); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • Mlada, Ballet fantastique in 4 Akten (1879, Choreografie von Marius Petipa); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • Soraya, die Maurin in Spanien, Grand Ballet in 4 Akten (1881, Choreografie von Marius Petipa); Bolshoi-Kamenny-Theater, Sankt Petersburg
  • Nuit et Jour (Nacht und Tag, Choreografie von Marius Petipa), Ballet fantastique in 1 Akt (1883); kaiserliches Bolschoi-Theater, Moskau
  • Les Pilules magiques (Die Zauberpillen, Choreografie von Marius Petipa), Ballet-féerie in 3 Akten (1886); Mariinski-Theater, Sankt Petersburg
  • L’Offrandes à l’Amour, Grand Ballet in 1 Akt (1886, Choreografie von Marius Petipa); Theater von Schloss Peterhof, Sankt Petersburg
  • Kalkabrino, Ballet fantastique (Pasticcio ?) in 3 Akten (1891, Choreografie von Marius Petipa); Mariinski-Theater, Sankt Petersburg

Einlagen für Ballette anderer Komponisten

Arrangement

Revisionen von Partituren anderer Komponisten

Auszeichnungen

Literatur

Weblinks

Commons: Ludwig Minkus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

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