Kein schöner Land in dieser Zeit
Kein schöner Land in dieser Zeit, auch Abendlied, ist ein bekanntes Volkslied, das auf Anton Wilhelm von Zuccalmaglio zurückgeht und 1840 erstmals veröffentlicht wurde.<ref name="Volkslieder2">A. Wilh. v. Zuccalmaglio: Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen, unter Mitwirkung von E. Baumstark, „als Fortsetzung des A. Kretzschmer’schen Werkes“. Zweiter Theil. Vereins-Buchhandlung, Berlin 1840, Nr. 274, S. 494 f. (Digitalisat in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Das Lied wurde in nahezu alle Sammlungen traditioneller deutschsprachiger Lieder aufgenommen. Es existieren Umdichtungen für sozialistische und kirchliche Gruppierungen.
Geschichte
Zuccalmaglio stellte im zweiten Band der von Andreas Kretzschmer<ref>A. Kretschmer: Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen. Unter Mitwirkung des Herrn Professor Dr. Maßmann in München, des Herrn von Zuccalmaglio in Warschau, und mehrerer anderer Freunde der Volks-Poesie nach handschriftlichen Quellen herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von A. Kretzschmer, Königlichem Geheimem Kriegsrathe und Ritter etc. Vereinsbuchhandlung, Berlin 1838 (Digitalisat).</ref> begonnenen Sammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen 382 Volkslieder vor, die er, so sein Vorwort, selbst gesammelt habe. Einige Liedtexte wurden allerdings von Zuccalmaglio „im Sinne eines romantischen Volksliedkonzeptes“ selbst verfasst.<ref name="HKLL"/> Darunter befindet sich auch Kein schöner Land in dieser Zeit, das er auf den Seiten 494–495 mit der Überschrift Abendlied als Nr. 274 veröffentlichte.<ref name="Volkslieder2" />
Zuccalmaglios Herkunftsangabe „Vom Niederrhein“ ist laut Historisch-kritischem Liederlexikon eine literarische Fiktion, die eine Herkunft aus dem niederrheinischen Volksgut vorspiegeln soll.<ref name="HKLL"/> Möglich ist auch, dass sich die Brüder Anton Wilhelm und Vinzenz Jakob von Zuccalmaglio, die in Schlebusch am Rand des Bergischen Landes aufgewachsen waren,<ref>Walter Wiora: Die rheinisch-bergischen Melodien bei Zuccalmaglio und Brahms. Voggenreiter, Bad Godesberg 1953, S. 165.</ref><ref>Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins. Band 1. Pomp, Bottrop/Essen 1999, ISBN 3-89355-200-6, S. 15 ff.</ref><ref>Horst Breiler: Das andere Heimatlied. in: Auslese Rhein & Berg, Ausgabe 2/2012, ISSN 2190-8729</ref> als Anwohner des Niederrheins verstanden.<ref>Guido Wagner: „Kein schöner Land“ meint das Bergische. Bergische Landeszeitung, 23. Februar 2012, abgerufen am 26. April 2017</ref><ref>Herbert Stahl: Kein schöner Land in dieser Zeit. Woher stammen die Volkslieder „Vom Niederrhein“ von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, genannt Wilhelm von Waldbrühl? In: Rheinisch-Bergischer Kalender 2012, Jahrbuch für das Bergische Land, 82. Jahrgang, Bergisch Gladbach o. J., ISBN 978-3-87314-462-0, S. 133 ff.</ref>
Text
Das in Wir-Form gehaltene Lied schildert das „Idealbild freundschaftlicher Zusammenkünfte an Sommerabenden in freier Natur“<ref name="HKLL"/> mit gemeinsamem Gesang. Die Sänger sprechen ihre Hoffnung auf weitere gleichartige Treffen aus und stellen dies der Gnade Gottes anheim, bevor sie sich in der letzten Strophe gegenseitig eine „gute Nacht“ unter Gottes Schutz wünschen.
Alle vier Strophen sind endgereimte Fünfzeiler, die dem Reimschema [aabba] folgen.
Melodie
Die greift verschiedene Volkslieder auf, einzelne Passagen stammen unter anderen aus den Liedern Ich kann und mag nicht fröhlich sein und Ade, mein Schatz, ich muss nun fort.<ref name="HKLL"/> In einer Synopse hat Walter Wiora in seinem Buch Die rheinisch-bergischen Melodien bei Zuccalmaglio und Brahms<ref>Walter Wiora: Die rheinisch-bergischen Melodien bei Zuccalmaglio und Brahms. Voggenreiter, Bad Godesberg 1953, S. 182.</ref> dargestellt, wie die Worte der unterschiedlichen Liedtexte mit der Melodie übereinstimmten. Er führt das Lied in der Rubrik „I. Alte rheinische und bergische Volksliedweisen“ auf. Zuccalmaglio habe der unveränderten Weise durch sein Gedicht lediglich einen neuen Charakter eingeprägt und zu neuer Bedeutung und Verbreitung verholfen.<ref>Walter Wiora: Die rheinisch-bergischen Melodien bei Zuccalmaglio und Brahms. Voggenreiter, Bad Godesberg 1953, S. 14 und 99.</ref> <score sound="1" raw="1"> \paper { paper-width = 160\mm tagline = ##f } \layout { indent = 0 \context { \Score \remove "Bar_number_engraver" } } \language "deutsch" global = { \key a \major \time 3/4 \partial 4. \autoBeamOff }
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Rezeption
Nach der Veröffentlichung von Kein schöner Land 1912 im Liederbuch Unsere Lieder des Österreichischen Wandervogels etablierte sich das Lied rasch in der Wandervogelbewegung. Sie sangen es am Lagerfeuer und sorgten so für eine weitere Verbreitung in der Jugend- und Singbewegung. Die hohe Popularität des Liedes schlug sich bereits in den 1920er Jahren in einer Anzahl von Umdichtungen zur traditionellen Melodie nieder, so existieren eine sozialistische Umdichtung von 1929 und eine etwa gleichzeitige Fassung für evangelische Mädchen- und Frauenkreise.<ref name="HKLL"/> Eva Öhlke, Mitglied der Neuwerk-Bewegung, fügte in den 1924 veröffentlichten Sonnenliedern den vier bekannten Strophen eine weitere hinzu, die über den Kreis der Neuwerker hinaus Bekanntheit erlangte. Sie lautete:<ref>Antje Vollmer: Die Neuwerkbewegung. Zwischen Jugendbewegung und religiösem Sozialismus. Herder: Freiburg, Basel, Wien 2016. ISBN 978-3-45131504-6. S. 120</ref> <poem> Ihr Brüder wisst, was uns vereint, Ein andre Sonne hell uns scheint, In ihr wir leben, zu ihr wir streben Als die Gemeind'! </poem>
Das Lied Kein schöner Land in dieser Zeit findet sich, abgesehen von Öhlkes Strophe, bis in den Gegenwart in nahezu allen Sammlungen traditioneller deutschsprachiger Lieder.<ref name="HKLL"/> So stand es auch in den Liederbüchern der Hitlerjugend<ref>Abendlieder. Liederblatt der Hitler-Jugend. Wolfenbüttel, Berlin 1940, S. 6 f.</ref> und des Bundes deutscher Mädel<ref>Wir Mädel singen. Liederbuch des Bundes Deutscher Mädel. Wolfenbüttel, Berlin 1940, S. 108.</ref> und sollte regelmäßig das letzte Lied sein, das die Hitlerjugendeinheiten nach ihren abendlichen Zusammenkünften singen.<ref>Siegfried Goslich: Musikerziehung im Deutschen Volksbildungswerk. In: Wolfgang Stumme (Hrsg.): Musik im Volk. Gegenwartsfragen der deutschen Musik. Vieweg, Berlin-Lichterfelde 1944 (2. erweiterte Auflage), S. 183–192, hier S. 185.</ref>
Adaptionen
Das Melodiethema findet sich unter anderem in Chorwerken von Hans Lang (Kein schöner Land. Volksliederspiel für zweistimmigen Jugendchor), Otto Jochum (An die Heimat: sein Werk beschauend. Variationen-Suite über das Volkslied „Kein schöner Land …“, op. 152) und Hermann Erdlen (Kleine Hausmusik zum Singen und Spielen über das Volkslied „Kein schöner Land“). Kaum zu überblicken ist die Anzahl der Liedfassungen für Chöre unterschiedlichster Besetzung. Moderne Umdichtungen stammen von Dieter Süverkrüp (Ein schönes Land, 1963) und der Folkrock-Gruppe Ougenweide<ref>Ougenweide: Ein schönes Land, Album Ja-Markt, 1980 auf YouTube</ref> (1980). Süverkrüps Parodie des Liedes wurde unter anderem vom Folk-Duo Zupfgeigenhansel auf deren 1983 erschienenes Album Kein schöner Land<ref>Zupfgeigenhansel: Ein schönes Land, Album Kein schöner Land, 1983 auf YouTube</ref> zur bekannten Melodie aufgenommen und später auch von dessen ehemaligem Mitglied Erich Schmeckenbecher<ref>Erich Schmeckenbecher: Ein schönes Land, Album Romantik 2007, 2008 auf YouTube</ref> ins Programm genommen. Dieter Süverkrüp beklagt in seinem von religiösen Bezügen befreiten Text in der ersten Strophe die Naturzerstörung („wenn auch die Linden sich selt'ner finden“) und fordert in der letzten Strophe seine Mitmenschen dazu auf, die Erde vor Zerstörung („Todesnacht“) zu bewahren – ohne hier Gefahren wie Krieg oder Raubbau ausdrücklich zu benennen.<ref>Dieter Süverkrüp: Ein schönes Land. In: Erich Schmeckenbecher: Schmeckenbecher 2007. Abgerufen am 9. April 2019. Dieter Süverkrüps Liedtext ist durch Anklicken des Liedtitels einsehbar.</ref> In der DDR wurden oft nur die beiden ersten Strophen ohne Gottesbezug gesungen. In Bernd Pachnickes Deutsche Volkslieder (Edition Peters, 1981) wurden die ersten beiden Strophen von Zuccalmaglio und als dritte Strophe eine weltliche Neudichtung vom Komponisten und Musikpädagogen Hans Naumilkat abgedruckt.<ref>Bernd Pachnicke: Deutsche Volkslieder: 280 ausgewählte Liedtexte. Edition Peters, Leipzig 1981, S. 53.</ref> 1982 erschien bei Amiga von Hauff und Henkler die LP Kein schöner Land mit dem gleichnamigen Lied zum Schluss.<ref>Monika Hauff • Klaus-Dieter Henkler – Kein Schöner Land bei Discogs, abgerufen am 21. Februar 2026.</ref>
Die Titelzeile war namensgebend für Liederbücher, Tonträger und Fernsehsendungen, darunter die von Günter Wewel moderierte Fernsehserie Kein schöner Land und die Politsatire Kein schöner Land unter der Regie von Klaus Emmerich nach einem Drehbuch von Elke Heidenreich. Auch als Buchtitel wurde sie für verschiedenste Literaturgattungen genutzt, Beispiele sind der 2008 mit dem 3sat-Preis ausgezeichnete Roman Kein schöner Land von Patrick Findeis, das Theaterstück Kein schöner Land von Felix Mitterer und die Sachbücher Kein schöner Land. Ein deutscher Umweltatlas von Emanuel Eckardt und Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit von Heribert Prantl.<ref name="HKLL"/>
Literatur
- Helmut Jensen: Bergisches Liederbuch. Ein praktisches Sing- und Musizierbuch. Heider, Bergisch Gladbach 1990, ISBN 3-87314-226-0.
- Johannes Koepp: Kein schöner Land in dieser Zeit.: Das deutsche Volkslied, Jahrgang 1935, S. 73–75 (online bei ANNO).
- Walter Wiora: Die rheinisch-bergischen Melodien bei Zuccalmaglio und Brahms. Voggenreiter, Bad Godesberg 1953.
- A. Wilh. v. Zuccalmaglio: Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen, unter Mitwirkung von E. Baumstark, „als Fortsetzung des A. Kretzschmer’schen Werkes“. Zweiter Theil. Vereins-Buchhandlung, Berlin 1840, Nr. 274, S. 494 f. (Digitalisat in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).
Weblinks
- Waltraud Linder-Beroud, Tobias Widmaier: Kein schöner Land in dieser Zeit (2007). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon
Einzelnachweise
<references>
<ref name="HKLL">Waltraud Linder-Beroud, Tobias Widmaier: Kein schöner Land in dieser Zeit (2007). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon</ref>
</references>