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Katyn

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Vorlage:Infobox Ort in Russland Katyn (Vorlage:RuS, Vorlage:PlS [[[:Vorlage:IPA]]]) ist ein Dorf in der Oblast Smolensk in Russland mit etwa 1700 Einwohnern. Es ist der Verwaltungssitz eines Landgemeindeverbandes (Katynskoje selskoje posselenije) mit 28 Ortschaften und insgesamt 4546 Einwohnern (Stand 2015).<ref>Naselenie Smolenskoj oblasti 2015, statdata.ru</ref> Der Name des Ortes wurde wegen des 1940 an rund 4400 kriegsgefangenen Polen durch das sowjetische NKWD verübten Massakers von Katyn weltweit bekannt. Dieses gehörte zu einer Reihe von Massenmorden an bis zu 25.000 Polen, deren Schauplätze auch Smolensk, Kalinin und Charkow waren. Der Ortsname Katyn steht in Polen stellvertretend für die Mordreihe.<ref>Beate Kosmala: Katyn. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiss: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 1998, ISBN 3-608-91805-1, S. 882.</ref>

Lage

Das Dorf liegt 20 km westlich des Oblast- und Rajonzentrums Smolensk nahe dem nördlichen Dnepr-Ufer im Bereich der Einmündung des Nebenflusses Katynka. Der größere Teil des Ortes liegt westlich der Katynka an der Fernstraße P-120 (früher: A 141),<ref>Postanovlenie Pravitel’stva RF ot 17 nojabrja 2010 № 928 „О perečne avtomobil’nych dorog obščego pol’zovanija federal’nogo značenija“. In: Garant.ru (Portal für juristische Informationen).</ref> die von Orjol über Smolensk und Rudnja zur belarussischen Grenze führt. Der kleinere Ortsteil liegt etwa drei Kilometer östlich davon bei der gleichnamigen Bahnstation an der Strecke von Moskau nach Minsk, über die auch der Ost-West-Express von Moskau nach Paris fährt.<ref>Poezd 023Č Moskva – Pariž. In: Tutu.ru, 4. April 2016 (Streckenkarte des Zuges 023Č).</ref>

Über den Ostteil des Gemeindegebietes erstreckt sich ein Wald, in dem sich die Gedenkstätte Katyn befindet.

Geschichte

Für das Gebiet der Gemeinde Katyn ist eine Besiedlung seit dem Mittelalter nachweisbar, als Waräger über den Dnjepr Handel mit der Kiewer Rus und Byzanz trieben. Den Ortsnamen leiten Historiker vom altrussischen Wort кать (kat – „Halteplatz“) oder von катунъ (katun – „Lagerplatz“) ab. Es wird vermutet, dass an der Mündung der Katynka Tauschhandel betrieben wurde.<ref>Kompleks pamjatnikov v okresnosti sela Katyn’. In: Zapoved.net (Portal des Tourismusverbandes „Zapovednaja Rossija“).</ref>

Von 1147 bis 1404 gehörte die Region zum Fürstentum Smolensk, bis sie vom Großfürstentum Litauen erobert wurde. 1514 verloren die Litauer sie an das Großfürstentum Moskau.<ref>Jerzy Ochmański: Historia Litwy. Breslau, 1990, S. 84, 120.</ref> 1618 schlossen die nach Osten vordringenden Polen das Smolensker Gebiet an ihr Königreich an, bis es 1654 endgültig russisch wurde.<ref>Konrad Bobiatyński: Od Smoleńska do Wilna. Wojna Rzeczpospolitej z Moskwą 1654–1655. Zabrze 2004, S. 36.</ref>

Im Jahr 1897 kaufte der polnische Rechtsanwalt Aleksander Lednicki, der russischer Staatsbürger war und seit 1906 die Konstitutionell-Demokratische Partei in der Duma in Sankt Petersburg vertrat, im Dorf Katyn mehrere Häuser sowie Felder und einen Teil des Waldes im Osten der Gemeinde, darunter die „Ziegenberge“ (Kosji Gory). Er ließ auf seinem Grund am Waldrand ein Sanatorium bauen. Nach der Machtergreifung durch die Bolschewiken in der „Oktoberrevolution“ von 1917 wurde Lednicki enteignet.<ref>A. L. Mickevič: K voprosu ob iznačal’noj prinadležnosti katynskogo lesa. In: Vestnik Katynskogo memoriala. Band 11, 2011, S. 9–10, 12.</ref>

Standort der sowjetischen Geheimpolizei

Von 1918 an wurden Personen, die die sowjetische Geheimpolizei Tscheka als Gegner des neuen Regimes in den Gefängnissen von Smolensk exekutiert hatte, heimlich an den Ziegenbergen im Wald von Katyn verscharrt.<ref>Andrzej Przewoźnik, Jolanta Adamska: Katyń. Zbrodnia prawda pamięć. Warschau 2010, S. 146.</ref> 1925 übernahm die mittlerweile in OGPU umbenannte Geheimpolizei den früheren Besitz Lednickis.<ref>A. L. Mickevič: K voprosu ob iznačal’noj prinadležnosti katynskogo lesa. In: Vestnik Katynskogo memoriala. Band 11, 2011, S. 14.</ref> 1929 wurde um ein ohnehin bereits scharf bewachtes Areal von etwa einem Quadratkilometer ein Stacheldrahtzaun gezogen.<ref>Jolanta Adamska: Las katyński w latach 1940-1943. Instytut Pamięci Narrodowej, Warschau 2021, S. 23–25.</ref> In unmittelbarer Nähe der Ziegenberge wurden Datschen für die Smolensker Führung der Geheimpolizei errichtet, die seit 1934 NKWD hieß.<ref>N. I. Gurskaja, E. S. Koneva: Iz istorii Katynskogo lesa. In: Vestnik Katynskogo memoriala. Band 10, 2010, S. 57.</ref> Ein Herrenhaus am Waldrand auf dem Hochufer des Dneprs, „Dnjepr-Schlösschen“ genannt, wurde zum Schulungs- und Erholungsheim des NKWD ausgebaut. Auch das Sanatorium zwischen dem Wald und dem weiter westlich gelegenen Dorf Katyn wurde um mehrere Gebäude erweitert, es war ausschließlich Angehörigen von OGPU und NKWD vorbehalten.<ref>A. L. Mickevič: K voprosu ob iznačal’noj prinadležnosti katynskogo lesa. In: Vestnik Katynskogo memoriala. Band 11, 2011, S. 11.</ref>

Erschießung polnischer Kriegsgefangener 1940

Vorlage:Hauptartikel

Im April und Mai 1940 wurden in unmittelbarer Nähe der Ziegenberge insgesamt rund 4400 polnische Kriegsgefangene, überwiegend Reserveoffiziere aus der Führungsschicht des Landes, von einem NKWD-Exekutionskommando erschossen und verscharrt. Die Exekutionen leitete der Kommandant des dem NKWD unterstehenden „inneren Gefängnisses“ von Smolensk, der Leutnant der Staatssicherheit Iwan Stelmach.<ref>Nikita Pietrow: Poczet katów katyńskich. Warschau 2015, S. 348.</ref>

Nach der Einnahme von Smolensk durch die Wehrmacht im September 1941 richtete sich der Stab des zur Heeresgruppe Mitte gehörenden Nachrichtenregiments 537 im „Dnjepr-Schlösschen“ ein.<ref>Claudia Weber: Krieg der Täter, 2015, S. 161.</ref> Nach Hinweisen aus der Bevölkerung fanden deutsche Soldaten im Februar 1943 in dem Wald ein Massengrab mit Leichen in polnischen Offiziersuniformen, die Führung der Wehrmacht ordnete eine Exhumierung an. Der Leiter der Exhumierungsarbeiten, Gerhard Buhtz, und eine vom Krakauer Gerichtsmediziner Marian Wodziński geführte Expertengruppe des Polnischen Roten Kreuzes wurden im Frühjahr 1943 im Dorf Katyn untergebracht.<ref>Kazimierz Skarżyński: Raport Polskiego Czerwonego Krzyża. Warschau 1989, S. 30, 47.</ref> In dem Dorf befanden sich vorübergehend auch ein Lazarett sowie ein Offizierskasino der Organisation Todt.<ref>Andrzej Przewoźnik, Jolanta Adamska: Katyń. Zbrodnia prawda pamięć. Warschau 2010, S. 250.</ref>

Nachdem die Rote Armee die Region im September 1943 zurückerobert hatte, verhaftete der NKWD einen Teil der Einwohner von Katyn, weil sie angeblich mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten. Mehrere von ihnen wurden erschossen, das Exekutionskommando führte wiederum Iwan Stelmach an.<ref>N. N. Il’kevič: Svidetel’stva o besčinstvach. In: Vestnik Katynskogo memoriala. Band 7, 2007, S. 115.</ref> Die anderen Einwohner wurden in die Tiefen der Sowjetunion, vor allem nach Sibirien, umgesiedelt, so dass die gesamte Bevölkerung des Dorfes ausgetauscht wurde.<ref>Jacek Trznadel: Rosyjscy świadkowie Katynia (1943–1946–1991). In: Zeszyty Katyńskie. Band 2, 1992, S. 113–114.</ref> Die Umsiedlungen erfolgten aufgrund eines Erlasses des Obersten Sowjets der UdSSR vom 2. Juni 1948. Die Neusiedler mussten in Kolchosen arbeiten, die von den Behörden aber in den Nachkriegsjahren nur sehr geringe Mittel zur Verfügung gestellt bekamen, so dass sie große materielle Not litten.<ref>„Sel’skaja Rossija: Prošloe i nastojaščee“. XIV Vserossijskaja naučno-praktičeskaja konferencija v Moskve. In: Vestnik.archivista.ru, 8. Mai 2015.</ref>

Die Geheimpolizei bekam die Anweisung, Ausländer nicht ohne Genehmigung in das Dorf zu lassen.<ref>N. I. Gurskaja, E. S. Koneva: Iz istorii Katynskogo lesa. In: Vestnik Katynskogo memoriala. Band 10, 2010, S. 62.</ref> Einige der neu angesiedelten Einwohner Katyns wurden später vom KGB als mögliche Zeugen präpariert, die die deutsche Täterschaft beim Massaker von Katyn bestätigen sollten.<ref>Oleg Zakirov: Obcy element. Dramatyczne losy oficera KGB w walce o wyjaśnienie zbrodni katyńskiej. Poznań 2010, S. 203–204.</ref>

Die Datschen im Wald von Katyn sowie das Schulungsheim des NKWD über dem Dnepr wurden nach dem Zweiten Weltkrieg weiter ausgebaut. Auch führende Funktionäre aus Moskau kamen zur Erholung dorthin, darunter Lasar Kaganowitsch und Kliment Woroschilow, die beide 1940 den Befehl zur Ermordung der nur wenige hundert Meter entfernt verscharrten polnischen Offiziere unterzeichnet hatten, und Nikolai Schwernik.<ref>Oleg Zakirov: Obcy element. Dramatyczne losy oficera KGB w walce o wyjaśnienie zbrodni katyńskiej. Poznań 2010, S. 242.</ref> Auch Michail Gorbatschow übernachtete wiederholt in Katyn.<ref>Oleg Zakirov: Obcy element. Dramatyczne losy oficera KGB w walce o wyjaśnienie zbrodni katyńskiej. Poznań 2010, S. 210.</ref>

Erst im Herbst 1989 erhielten Angehörige der polnischen Opfer erstmals offiziell Zugang zum Wald von Katyn.<ref>Wojciech Materski: Mord Katyński. Siedemdziesiąt lat drogi do prawdy. Warschau 2010, S. 72.</ref> 2000 wurde die gemeinsam von den Regierungen in Moskau und Warschau finanzierte Gedenkstätte Katyn für die dort ermordeten Polen und Sowjetbürger eingeweiht.<ref>Tribute to victims of Katyn massacre. The Chancellery of the Prime Minister, Warschau, 13. April 2013.</ref> Dort finden seitdem jährlich in der zweiten Aprilwoche Gedenkveranstaltungen statt.

Das „Dnjepr-Schlösschen“ wurde 2002 abgerissen.<ref>A. L. Mickevič: K voprosu ob iznačal’noj prinadležnosti katynskogo lesa. In: Vestnik Katynskogo memoriala. Band 11, 2011, S. 13.</ref>

Wirtschaft

Wie die ganze Region ist auch die Gemeinde Katyn landwirtschaftlich geprägt. Sie ist der Sitz mehrerer Agrarbetriebe sowie lebensmittelverarbeitender Betriebe.<ref>Vorlage:Webarchiv arhiv.smol-ray.ru (Offizielle Website des Rajons Smolensk)</ref><ref>Vorlage:Webarchiv Delovoj biznes spravočnik, 2012.</ref> Schwerpunkte sind die Rinderzucht sowie die Milch- und Viehfutterproduktion.<ref>ZAO „Agrofirma-Katyn'“ sel'chospredprijatie dlja našej oblasti neskol'ko neobyčnoe SmolNews.ru, 4. August 2011.</ref>

Auf dem Gebiet der Gemeinde befindet sich unmittelbar westlich des Waldabschnittes „Ziegenberge“ das einst von Lednicki gegründete und vom NKWD ausgebaute Sanatorium „Borok“, spezialisiert auf Erkrankungen der Lungen und Atemwege. Es untersteht dem Innenministerium der Russischen Föderation, nimmt aber auch zahlende Privatpatienten auf.<ref>Sanatorij „Borok“ MVD Rossii tour-info.ru</ref>

Siehe auch

Weblinks

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Einzelnachweise

<references />