Karlshöhe Ludwigsburg
Die Karlshöhe Ludwigsburg ist als kirchliche Stiftung des bürgerlichen Rechts eine diakonische Einrichtung mit Sitz in Ludwigsburg. Sie gehört mit 750<ref name="ueberuns">Vielfalt ist unsere Stärke. In: karlshoehe.de. Abgerufen am 8. Dezember 2017.</ref> Mitarbeitern und rund 1200<ref name="ueberuns" /> betreuten Menschen zu den Anbietern sozialer Arbeit in der Region Stuttgart. Schirmherrin ist seit Januar 2005 Eva Luise Köhler, frühere Lehrerin und Gattin des verstorbenen Bundespräsidenten Horst Köhler.
Geschichte
Gründung und Aufbau (1876–1900)
Die Karlshöhe in Ludwigsburg wurde 1876 als „Evangelische Brüder- und Kinderanstalt Karlshöhe“ gegründet. Namensgeber war König Karl von Württemberg, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Königin Olga das Protektorat über die Einrichtung übernahm und sie finanziell unterstützte. Historisch gilt insbesondere Königin Olga als treibende Kraft hinter der Gründung.
Anlass für die Errichtung war unter anderem die drohende Schließung des Ludwigsburger Kinderheims Mathildenstift, für dessen Kinder eine neue Unterbringung gesucht wurde. Gleichzeitig bestand im Umfeld der evangelischen Inneren Mission ein zunehmender Bedarf an qualifizierten Mitarbeitenden für soziale Aufgaben. Vertreter aus Kirche und Bürgertum orientierten sich dabei am Vorbild des von Johann Hinrich Wichern gegründeten „Rauhen Hauses“ in Hamburg, das eine Erziehungsanstalt mit einer Ausbildungsstätte für diakonische Mitarbeiter verband.
Nach diesem Modell entstand in Ludwigsburg eine Einrichtung, in der eine Kinderanstalt mit einer Ausbildungsstätte für Diakone kombiniert wurde. Die Einweihung fand am 6. November 1876 statt. Innerhalb kurzer Zeit wurden mehrere Backsteingebäude errichtet, darunter Mädchen- und Knabenhäuser, ein Schulhaus, ein Betsaal mit Inspektorenwohnung sowie Wirtschaftsgebäude.<ref>Geschichte-Portal der Karlshöhe Ludwigsburg. Abgerufen am 8. März 2026.</ref>
Entwicklung der diakonischen Ausbildung
Die Karlshöhe entwickelte sich rasch zu einer wichtigen Ausbildungsstätte für Diakone in Württemberg. Die sogenannten „Brüder“ stammten häufig aus pietistisch geprägten Familien und lebten während ihrer Ausbildung in einer religiösen Gemeinschaft. Neben theologischer Bildung spielte die praktische Arbeit in sozialen Einrichtungen eine zentrale Rolle.
1908 wurde eine eigene Krankenpflegeschule gegründet, wodurch die Pflegeausbildung neben der Erziehungsarbeit zu einem weiteren Schwerpunkt der Ausbildung wurde. Die ausgebildeten Diakone wurden anschließend in verschiedenen Bereichen der Inneren Mission eingesetzt, darunter in der Krankenpflege, der Jugend- und Erziehungshilfe sowie in der Arbeit mit obdachlosen oder sozial benachteiligten Menschen.
Erweiterung der Einrichtungen
Neben der Kinder- und Brüderanstalt entstanden bereits früh weitere Arbeitsfelder. 1879 wurde ein Männerheim eingerichtet, das ältere und pflegebedürftige Männer aufnahm und zugleich als Ausbildungsort für diakonische Krankenpflege diente. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Karlshöhe durch Neubauten und zusätzliche Einrichtungen kontinuierlich.
Unter verschiedenen Inspektoren und Direktoren entwickelte sich die Einrichtung zu einem bedeutenden Zentrum evangelischer Sozialarbeit. Zu den prägenden Leitern gehörten unter anderem Wilhelm Rupp (1876–1890), Michael Hahn (1890–1904) und Adolf Schlitter (1904–1929), der die Ausbildung der Diakone grundlegend reformierte.
Zeit des Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Während der Zeit des Nationalsozialismus standen Teile der Karlshöhe zunächst in einem ambivalenten Verhältnis zum Regime. Einige Mitarbeitende und manche Mitglieder des Diakonieverbandes begrüßten anfänglich die politischen Veränderungen, doch führten zunehmende staatliche Eingriffe in kirchliche und soziale Einrichtungen zu Spannungen.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Ausbildung stark eingeschränkt, da viele Diakone zum Wehrdienst eingezogen wurden. Ein Luftangriff im Februar 1944 verursachte schwere Schäden an Gebäuden der Karlshöhe. Trotz schwieriger Versorgungsbedingungen konnte der Betrieb der Einrichtung aufrechterhalten werden.
Wiederaufbau und Expansion nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann der Wiederaufbau der Karlshöhe. Bereits 1946 wurde die Ausbildung von Diakonen wieder aufgenommen. In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche neue Arbeitsfelder in der sozialen Arbeit.
Unter Direktor Theodor Lorch (1950–1971) wurden die Ausbildungsangebote erweitert und stärker mit sozialpädagogischen und religionspädagogischen Inhalten verbunden. Zudem entstanden Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, neue Ausbildungsangebote sowie Angebote der Altenhilfe.
Modernisierung seit den 1970er Jahren
Mit dem Leitungswechsel Anfang der 1970er Jahre begann eine Phase grundlegender Veränderungen. Die bisherige Diakonenschule wurde zur „Kirchlichen Ausbildungsstätte für Diakonie und Religionspädagogik“ umgestaltet und erstmals auch für Frauen geöffnet. Damit wurde die Ausbildung der Diakone durch die von Diakoninnen ergänzt, modernisiert und an sozialpädagogische und wissenschaftliche Anforderungen angepasst.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Karlshöhe zu einem breit aufgestellten diakonischen Sozialunternehmen mit vielfältigen Arbeitsfeldern. Dazu gehören unter anderem Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Altenhilfe, soziale Beratungsangebote sowie Ausbildungs- und Bildungsprogramme.
Entwicklung seit den 1990er Jahren
Seit den 1990er Jahren wurden die sozialen Angebote weiter ausgebaut und differenziert. Gleichzeitig gewann die Kooperation mit Hochschulen an Bedeutung. Auf dem Gelände der Karlshöhe entstand ein Standort der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, wodurch die akademische Ausbildung im sozialen und diakonischen Bereich gestärkt wurde.
Im 21. Jahrhundert wurden neue Arbeitsfelder aufgebaut, darunter Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder sozialen Schwierigkeiten sowie integrative Wohn- und Arbeitsprojekte. Darüber hinaus engagiert sich die Stiftung Karlshöhe in Bildungsprojekten, sozialräumlicher Arbeit und der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte.
Aufgaben und Tätigkeiten
Als Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg unterhält die Karlshöhe auf ihrem Stammgelände in Ludwigsburg und im Landkreis Einrichtungen mit sozialen Hilfeangeboten. Zu den diakonischen Kernaufgaben zählen Kinder- und Jugendhilfe, das Ausbildungszentrum (Reha-Ausbildung für junge Menschen mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen), die Altenhilfe („Karlinum“), Wohnformen für Menschen mit sozialen und psychischen Schwierigkeiten, Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung, sowie Programme für langzeitarbeitslose Frauen und Männer (Geschäftsbereich Arbeit). In einem großen Gebrauchtwarenladen helfen benachteiligte Menschen beim Sortieren der Sachspenden und beim Verkauf. Zur Karlshöhe gehört auch die diakonische Kirchengemeinde, die besondere Angebote für benachteiligte Menschen entwickelt.
Fachliche Grundlage im Bereich der Behindertenhilfe ist das Verfahren zur Gestaltung der Betreuung von Menschen mit Behinderung (GBM).<ref name="GBMKarlshöhe">Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung: Professionelle Betreuung. In: karlshoehe.de. Abgerufen am 1. Juni 2014.</ref>
Die Karlshöher Kantorei ist Teil des Ludwigsburger Kulturlebens. In der mittlerweile aufgelösten<ref>S. W. R. Aktuell: Nach 50 Jahren ist Schluss: Älteste inklusive Band hört auf. 6. Dezember 2024, abgerufen am 25. Februar 2025.</ref> Brenz Band, einer Musikgruppe, die sich aus Menschen mit einer geistigen Behinderung zusammensetzte, spielten viele Karlshöher mit. Die Pferdekoppel ermöglicht den Bewohnern, die Angebote des Therapeutischen Reitens wahrzunehmen, das vom privaten Reitstall „Kassiopeia Reittherapie – Erlebnispädagogik und Therapie für Menschen mit Benachteiligungen gGmbH“ betrieben wird.
Der Freundeskreis der Karlshöhe Ludwigsburg e. V. unterstützt dabei zahlreiche Projekte. Das autofreie Gelände selbst mit seinen Grünflächen am Stadtrand von Ludwigsburg ist ein Naherholungsziel für Spaziergänger und Radfahrer. Viele öffentliche Veranstaltungen, insbesondere das große Jahresfest jährlich im Frühling, machen die Karlshöhe zu einer offenen Einrichtung und einem lebendigen Teil der Stadt.
Die Karlshöhe bietet zum anderen aber auch Raum für die Ausbildung und Organisation von Diakonen. So sind im Karlshöher Diakonieverband weit über 1000 Diakone aus den Bereichen der Gemeindediakonie, Jugendarbeit, Sozialen Arbeit, Religionspädagogik sowie Gesundheit, Alter und Pflege als Fach- und Führungskräfte miteinander verbunden. Zukünftige Diakone studieren heute an der landeskirchlichen Evangelischen Hochschule Ludwigsburg auf dem Gelände der Karlshöhe. Die Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg ist eine gemeinnützige Einrichtung. Die Stiftung ging aus einem in der Stadt Ludwigsburg aufgelöstem Kinderheim (Mathildenstift) hervor und wurde 1876 gegründet. Einem neuen Konzept folgend wurden zunächst rund 60 Kinder von sogenannten „Brüdern“ betreut, den späteren Diakonen und seit 1972 auch Diakoninnen. Die weiteren diakonischen Arbeitsfelder kamen nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu.
Die Karlshöher Kirche
Die Kirche auf dem Gelände der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg in der Königinnenalle 48 wurde am 27. September 1931 als Betsaal der Brüder- und Diakonengemeinschaft eingeweiht. Es handelt sich also nicht um eine eigenständige Kirchengründung – bis heute ist die Karlshöher Kirche Teil der Ludwigsburger Friedenskirchengemeinde.
Der historische Hintergrund: Durch die zunehmende Zahl von Brüdern hatte sich der alte Betsaal der Karlshöhe als zu klein erwiesen. Die Einsegnungen und Gottesdienste konnten nicht mehr auf der Karlshöhe stattfinden, sondern mussten in den Speisesaal oder in die Stadtkirche nach Ludwigsburg verlegt werden. Aus diesem Grund beschloss der Karlshöher Verwaltungsrat, einen neuen und größeren Betsaal zu bauen. Den Zuschlag im ausgeschriebenen Architektenwettbewerb erhielt am 18. Februar 1931 der aus Ludwigsburg stammende Architekt Otto Eichert (1890–1951), der bei Paul Bonatz in Stuttgart studiert hatte.
Die Architektur: Da es sich thematisch um den Bau eines Betsaales handelte, wurde auf einen hohen Kirchturm verzichtet und dafür ein kleinerer Glockenturm an der nordwestlichen Ecke angebracht. Die Kirche ist in ihrem Grundentwurf schlicht und funktional. Hervorzuheben sind die drei Kirchenfenster, die von dem Ulmer Künstler Adolf Loy (1903–1967) gestaltet wurden. Zusammen bilden sie ein Ensemble, dessen Mittelfenster Jesus abbildet, umrahmt von zwei behütenden Engeln. Es nimmt Bezug auf das historische Leitmotiv der Karlshöher Diakonen-Gemeinde: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25/40). Diese Leitmotivik klingt auch in den beiden flankierenden Fenstern an, in denen gute Taten im Geist des Jesus-Wortes dargestellt werden: das Speisen, Kleiden, Beherbergen und Besuchen von Hilfebedürftigen. Der Altarraum auf der Westseite wurde 1973 im Zuge des Einbaus einer Orgel des Marbacher Orgelbauers Peter Plum umgestaltet. Es handelt sich um ein Instrument mit handgemachten gehämmerten Pfeifen, das akustisch mit dem Kirchenraum sehr gut harmoniert. Die Karlshöher Kirche ist deshalb besonders gut geeignet für Vokal- und Orgelmusik, weshalb dort auch immer wieder CD-Aufnahmen stattfinden – insbesondere durch die Karlshöher Kantorei, weithin bekannt bei Freunden der Kirchenmusik.
Literatur
- Theo Lorch: Eine diakonische Gemeinde – Karlshöhe Ludwigsburg 1876–1976. Quell-Verlag, Stuttgart 1976.
- Monika Zeilfelder-Löffler: Die Geschichte der „Evangelischen Brüder- und Kinderanstalt Karlshöhe“ in Ludwigsburg – Von den Anfängen bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unter besonderer Berücksichtigung der Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft. DWI-Verlag, Heidelberg 1996.
- Hans Fischer, Erwin Kurmann, Peter Rodermund, Jörg Thierfelder, Monika Zeilfelder-Löffler (Hrsg.): Das Rauschen der Zeit und die Stimme unseres Gottes – Die Karlshöher Brüderschaft in der Zeit des Dritten Reiches – Eine Dokumentation. Diakonie-Verlag, Reutlingen 1996, ISBN 3-930061-34-1.
- Bernhard Kurrle: Das Paradies kommt erst später – 125 Jahre Karlshöher Diakonie – Biografische Notizen. Diakonie-Verlag, Reutlingen 2000.
- Bernhard Kurrle (Hrsg.): Nun ja, Bruder Hertler – Karlshöher Diakonenausbildung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Karlshöhe, Ludwigsburg 2009.
Zur Heimerziehung:
- Annelen Schünemann: Heimweh. Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Halle 2008.
Weblinks
- Website der Karlshöhe Ludwigsburg
- Archivinventar zum Bestand der Karlshöhe Ludwigsburg, Landeskirchliches Archiv Stuttgart.
- Dorothea Besch: Karlshöhe Ludwigsburg. auf Württembergische Kirchengeschichte Online (WKGO), Stand: 19. März 2018.
- Kantorei der Karlshöhe
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 48° 53′ 1,5″ N, 9° 11′ 59,7″ O
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