Karatschai-See
Der Karatschai-See ({{#invoke:Vorlage:lang|full|CODE=ru|SCRIPTING=Cyrl|SERVICE=russisch}} / {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}) ist ein See im südlichen Ural in der Nähe der Stadt Kyschtym in der russischen Region Tscheljabinsk. Ab dem Jahre 1951<ref name="marine" /> nutzte die Sowjetunion Karatschai als Lagerstätte für radioaktiven Abfall aus Majak, dem nahe gelegenen nuklearen Zwischenlager und der Wiederaufbereitungsanlage in der Nähe von Osjorsk (damals Tscheljabinsk-40).
Laut einem Bericht des Worldwatch Institutes zu radioaktivem Abfall ist Karatschai der „am stärksten verschmutzte Ort“ der Erde.<ref name="Lenssen">Lenssen: Nuclear Waste: The Problem that Won't Go Away. Worldwatch Institute, Washington, D.C., 1991: 15.</ref><ref>grist.org: Meet the lake so polluted that spending an hour there would kill you (3. Oktober 2012)</ref><ref>Vorlage:Webarchiv (3. Oktober 2012)</ref> Der See enthielt im Jahr 1990 radioaktives Material mit einer Aktivität von rund 4,44 Exa-Becquerel (EBq),<ref name="globalsecurity">GlobalSecurity.org: Weapons of Mass Destruction – Chelyabinsk-65/Ozersk</ref> darunter 3,6 EBq aus Caesium-137 (was etwa 1,1 Tonnen des Isotops mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren entspricht) und 0,74 EBq aus Strontium-90<ref name="marine">IAEA: Worldwide marine radioactivity studies (WOMARS): radionuclide levels in oceans and seas. Final Report 2005, S. 14.</ref> (wovon 2020 noch etwa die Hälfte übrig gewesen sein dürften; allerdings kommen noch immer neue Immissionen hinzu). Zum Vergleich: Bei der Katastrophe von Tschernobyl wurde Material mit einer Aktivität zwischen 5 und 12 EBq freigesetzt, das sich jedoch auf ein weitaus größeres Gebiet verteilte.
Geschichte
Zwischen 1949 und 1951 wurden atomare Abfälle aus der Atomanlage Majak zunächst ausschließlich direkt in das Tetscha-Flusssystem entsorgt.<ref name="globalsecurity" /> Sehr schnell traten massenhaft Folgen von Strahlungsschäden (u. a. Lungenkrebs und Leukämie) bei der Bevölkerung der Umgebung und den Arbeitern der Anlage auf.<ref name="globalsecurity" /> Zur Vermeidung dieser Gesundheitsschäden wurden ab 1951 die Abfallströme nach und nach in den Karatschai-See umgeleitet.<ref name="globalsecurity" /> Diese Praxis hielt bis 1953 an.<ref name="antenna" /> Danach begann man, den Abfall in Tanks zu deponieren, und die Einleitungen in den See wurden deutlich reduziert.<ref name="globalsecurity" /> Einer jener Tanks explodierte schließlich 1957 bei der Katastrophe von Kyschtym.<ref name="globalsecurity" />
In den 1960ern begann der See auszutrocknen. Seine Oberfläche verkleinerte sich von 0,5 km² im Jahr 1951<ref name="marine" /> auf 0,15 km² Ende 1993.<ref name="seattle">Vorlage:Webarchiv</ref> Nach einer Trockenheit trug der Wind im Jahre 1968 radioaktiven Staub von der trockengefallenen, früher vom See bedeckten Fläche weg und belastete eine halbe Million Menschen sowie eine Fläche von 1.800 km² mit 185 Peta-Becquerel an Strahlung (fünf Millionen Curie),<ref name="globalsecurity" /> einer ähnlichen Aktivität, wie sie in Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe Little Boy freigesetzt wurde.
Zwischen 1978 und 1986 wurde der See mit Beton-Hohlkörpern aufgefüllt und 2015 vollständig abgedeckt, um weitere Sedimentbewegungen zu verhindern.<ref>Video der Verfüllarbeiten, Youtube, abgerufen am 5. Juni 2012</ref>
In der Nähe des Sees steht das nie in Betrieb genommene Kernkraftwerk Süd-Ural.
Strahlenbelastung
Die Strahlungsbelastung am Ufer des Sees lag vor oder um 1991 im am stärksten belasteten Bereich bei etwa 6 Gray pro Stunde.<ref name="antenna">Antenna.nl: PU production and contamination in the USSR</ref> Für ungeschützte Menschen wäre diese Strahlung bereits nach einer Stunde tödlich.<ref name="Cochran et al">siehe Literatur: Cochran, Norris, and Suokko, S. 10 (bzw. S. 518) unten</ref> Laut russischen Wissenschaftlern riskiert jeder, der sich in der Nähe des Sees aufhält, eine akute Strahlenkrankheit.<ref name="sandia">Vorlage:Webarchiv</ref> Es kann für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden, dass das Wasser des Sees über Grundwasserströme in Kontakt mit dem Fluss Tetscha und damit dem Ob kommt. Auf diese Weise könnte die Radioaktivität auch den Arktischen Ozean erreichen.<ref name="ask1">Vorlage:Webarchiv</ref>
Populärkultur
Die Band Pain of Salvation veröffentlichte mit One Hour By The Concrete Lake ein Album, das die Verschmutzung des Sees thematisiert.
Große Teile des Romans Das Messias-Gen von James Rollins spielen in der Gegend des Sees und behandeln die Gefahren, die von seiner Radioaktivität ausgehen.<ref>Werner Schuster: Buchbesprechung „Das Messias-Gen“. Abgerufen am 28. September 2010.</ref>
Siehe auch
Literatur
- T. B. Cochran, R. S. Norris, K. L. Suokko: Radioactive Contamination at Chelyabinsk-65, Russia. In: Annual Rev. Energy Environ. Band 18, 1993. S. 507–528. Vorlage:DOI. PDF
Weblinks
- „SOUL“ – Aktuelles Forschungsprojekt der Helmholtzgesellschaft zu gesundheitlichen Folgen für die Arbeiter von Majak und die Bevölkerung der Region
- LogTV.com: Chelyabinsk: The Most Contaminated Spot on the Planet (englisch)
- NTI.org – Russia: Mayak Radioactive Waste Facilities (englisch)
- Heinz-Jörg Haury: Der Gau in Majak: Ewiges Feuer in der geheimen Stadt. In: Süddeutsche Zeitung online am 28. September 2007.
- Wolfgang Roth: Vor 50 Jahren: Der verheimlichte Super-Gau. In: Süddeutsche Zeitung online am 28. September 2007.
- Vorlage:Webarchiv (Archivversion vom 18. Mai 2005)
- Offizielle Information der PO Majak zur Umweltsituation (russisch, enthält auch Informationen zur Lage des Sees)
Einzelnachweise
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