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Künstlerische Freiheit

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Turner, J. M. W. - The Fighting Téméraire tugged to her last Berth to be broken.jpg
Das Gemälde The Fighting Temeraire von William Turner zeigt in künstlerisch überhöhter Form, wie das Segelschiff HMS Temeraire von einem Raddampfer zum Abwracken geschleppt wird. Tatsächlich waren bei dieser Fahrt die Masten bereits entfernt und die Hauptfarbe schwarz statt goldweiß.<ref>The Fighting Temeraire. Joseph Mallord William Turner National Gallery (London), abgerufen am 9. Juni 2023.</ref>

Als künstlerische Freiheit wird die Freiheit des Künstlers bezeichnet, eine Vorlage (z. B. ein Ereignis oder eine Person) im Kunstwerk in jeder Weise zu verändern.

Bedeutung

Bei der künstlerischen Freiheit ging es ursprünglich vor allem um formelle Aspekte, im Deutschen wird der Begriff im Sprachgebrauch jedoch oft synonym mit der, zu den Freiheitsrechten zählenden, Kunstfreiheit verwendet. Je nach Quelle überschneiden oder beinhalten die Begriffe einander mitunter, was eine klare Abgrenzung erschwert.<ref name = SPA>Künstlerische Freiheit > Kunstfreiheit. Warum ist Künstlerische Freiheit mehr als Kunstfreiheit? UNESCO, abgerufen am 15. Juni 2023.</ref>

Datei:Franz Marc-The Yellow Cow-1911.jpg
„Die gelbe Kuh“ von Franz Marc, 1911

Künstlerische Freiheit beinhaltet ebenfalls die Freiheit des Künstlers, von der Realität oder von bestimmten Normen abzuweichen, wie im Surrealismus.

Auch Veränderungen der Farbgebung oder der Perspektive (wie bei M.C. Escher) fallen in den Bereich der künstlerischen Freiheit.

Durch Fotografie und Digitalisierung ergeben sich außerdem zusätzliche Möglichkeiten der Bildbearbeitung und Verfremdung, die mittlerweile in entsprechenden Studiengängen aufgegriffen und den Studierenden vermittelt werden.<ref>Bachelor Fotografie SRH Berlin University of Applied Sciences, abgerufen am 14. Juni 2023.</ref>

Als künstlerische Freiheit werden zum Beispiel im Rahmen eines literarischen Kunstwerkes bewusste Verstöße gegen Syntax oder Grammatik bezeichnet (z. B. Ernst Jandl und Friederike Mayröcker).

Künstlerische Freiheit und Kunstfreiheit

Der Begriff Kunstfreiheit steht für das demokratische Grundrecht auf künstlerische Betätigung an sich sowie die Darbietung, Verbreitung und den Verkauf von Kunstwerken.

Nach Auffassung der UNESCO zählen die Meinungsfreiheit, ebenso wie die Informations- und Kommunikationsfreiheit zu den Menschenrechten, durch die kulturelle Vielfalt erst ermöglicht wird. In der Darstellung der UNESCO wurde der Begriff „Künstlerische Freiheit“ verwendet, da eine direkte Abgrenzung der beiden Begriffe im Sprachgebrauch oft nicht mehr vollzogen wird.<ref name = SPA/><ref name = UNESCO>Künstlerische Freiheit UNESCO, abgerufen am 9. Juni 2023.</ref><ref>Artistic Freedom UNESCO, abgerufen am 9. Juni 2023.</ref>

Datei:Adriaen van der Werff 011.jpg
Maria Magdalena, Ölmalerei in Grautönen, Adriaen van der Werff, 1711

„Kunstfreiheit ist die Freiheit, vielfältige kulturelle Ausdrucksformen zu erdenken, zu schaffen und zu verbreiten – ohne Zensur durch Regierungen, politische Einflussnahme oder Druck von nicht-staatlichen Akteur*innen. Sie schließt das Recht aller Bürger*innen auf Zugang zu diesen Werken ein und ist für das Wohlergehen von Gesellschaften unerlässlich.“

Künstlerische Freiheit ist daher etwas anderes als Freiheit der Kunst von gesellschaftlichen Zwängen, nämlich eine Freiheit „zu etwas“ in der Kunst; die Freiheit, etwas in der Wirklichkeit nicht Vorkommendes zu schaffen. Sie bezeichnet das Vorrecht des Künstlers – insbesondere des Malers oder Schriftstellers –, von der üblichen Formensprache, dem allgemeinen Sprachgebrauch oder von der historischen, psychologischen oder sonst der dinglichen Wirklichkeit abzuweichen, sofern die künstlerische Wirkung seines Werkes es erfordert.

Beispiele

Datei:Nonza, Corsica by M. C. Escher.jpg
M. C. Escher spielt in seiner Kunst mit der Perspektive<ref name = ESCH/>

Der Verzicht auf Farbe, im Sinne von Grisaille, zählt ebenso wie die Veränderung von Farbe und Perspektive zu Stilmitteln, die Kunstschaffende bewusst verwenden. Die monochrome Malerei verzichtet bewusst auf Farben und ersetzt diese durch Grautöne. Zu den Künstlern, die einen Teil ihrer Arbeiten in diesem Stil angefertigt haben, zählen unter anderem Albrecht Dürer, Philipp Otto Runge und Adriaen van der Werff.<ref>Grisaille: Freiheit mit Licht und Schatten Süddeutsche Zeitung, abgerufen am 14. Juni 2023.</ref><ref>Ludger Fittkau: Eklatante Grauzone der Kunstgeschichte deutschlandfunk, abgerufen am 18. Juni 2023.</ref>

Der als revolutionär bewertete Umgang einiger Künstler, wie Franz Marc mit leuchtenden Farben wurde von Presse und Publikum zunächst als „Schmiererei und Farbgesudel“ bezeichnet. Aus heutiger Sicht war sein Malstil ein Ausdruck künstlerischer Freiheit und Unangepasstheit.<ref>Kunstgeschichte. Franz Marc – Leben und Werk Singulart, abgerufen am 14. Juni 2023.</ref> Der Einsatz von sogenannter Wirk- oder Ausdrucksfarbe lässt sich unter anderem auch bei Vincent van Gogh und Edvard Munch beobachten.<ref>Farbfunktionen kurz und knapp. Wirk- oder Ausdrucksfarbe kunstunterricht.ch, abgerufen am 18. Juni 2023.</ref><ref>Glossar. Ausdrucksfarbe Farbimpulse.de, abgerufen am 18. Juni 2023.</ref>

Einige Künstler verändern auch den Fluchtpunkt oder die Perspektive. In diesem Kontext ist besonders der niederländische Grafiker M. C. Escher bemerkenswert, der mit Exaktheit und Genauigkeit durch die Verzerrungen der Perspektive optische Täuschungen erschaffen hat.<ref name = ESCH>Berühmte Künstler. M.C. Escher und sein Spiel mit den Perspektiven Planet Wissen, abgerufen am 18. Juni 2023.</ref>

In der Literatur umfasst die künstlerische Freiheit sowohl Nebenaspekte, wie die Groß- und Kleinschreibung (siehe hierzu: ottos mops von Ernst Jandl) als auch alternierende Verwendung der Syntax oder gar die Erschaffung einer vollständig neuen Sprache (wie z. B. Neusprech im Roman 1984 von George Orwell).

Im Film gibt es Regisseure, die sich, wie beispielsweise Lars von Trier und Thomas Vinterberg, mit ihrem Manifest „Dogma 95“ ein selbstgeschaffenes Regelwerk für Konzeption und Umsetzung ihrer Filme auferlegen (z. B. Das Fest von 1998).<ref>Philipp Krohn: „Dogma 95“, zehn Jahre danach deutschlandfunk, abgerufen am 18. Juni 2023.</ref>

Literatur

  • Nicolai Hartmann: Ästhetik. Walter de Gruyter, 1983, ISBN 978-3-11-000146-4, S. 273 ff.

Einzelnachweise

<references/>