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Johannes Helm (Psychologe)

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Johannes Helm (* 10. März 1927 in Schlawa, Kreis Freystadt i. Niederschles., Provinz Niederschlesien; † 22. August 2025 in Alt Meteln OT Neu Meteln, Landkreis Nordwestmecklenburg<ref>NDR Kultur vom 24. August 2025: Maler und ehemaliger Psychologieprofessor Johannes Helm ist tot, abgerufen am 24. September 2025</ref>) war ein deutscher Psychologe, Maler und Schriftsteller. Er war Professor für Klinische Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und ein Schüler von Kurt Gottschaldt.

Wirken

Psychologe

Johannes Helm war der Sohn von Paul Helm, dem langjährigen Bürgermeister von Bobersberg.<ref>Vgl. Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe. München 2023, S. 67.</ref> In seinem Buch Malgründe wird im Vorwort beschrieben, dass er mit 17 Jahren im Zweiten Weltkrieg noch Soldat werden musste und bis zum 20. Lebensjahr Kriegsgefangener war. Die Hochschulreife erwarb er an der Arbeiter- und Bauernfakultät.<ref>Johannes Helm: Malgründe (Vorwort von Helga Schubert). EDITION digital, 2013, ISBN 978-3-86394-962-4 (google.ch [abgerufen am 26. August 2025]).</ref>

Er studierte Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo er 1953 das Diplom erlangte. Es schloss sich eine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Assistent ebenda an. 1958 wurde er an der Humboldt-Universität mit der Dissertation Über die Wirkung von Erfolgsserien auf das Denkhandeln und die Leistung promoviert.<ref>Johannes Helm: Über die Wirkung von Erfolgsserien auf das Denkhandeln und die Leistung. o. O 1958 (dnb.de [abgerufen am 24. August 2025]).</ref> 1977 habilitierte er sich ebenda. Von 1970 bis 1986 lehrte er als Professor mit Lehrstuhl für Klinische Psychologie<ref>Helm, Johannes. In: Walter Habel: Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. Schmidt-Römhild, Lübeck 2011, ISBN 978-3-7950-2052-1, S. 447.</ref> und leitete den Lehrbereich Klinische Psychologie.<ref></ref>

Helms Forschungsschwerpunkt war zuerst die Persönlichkeitspsychologie in der gestalttheoretischen Orientierung seines Lehrers Gottschaldt. Vor allem auf seine Arbeiten über die Rolle der Affekte beim Denk-Handeln wird bis heute in der wissenschaftlichen Literatur Bezug genommen.

Später war Helm maßgeblich am Aufbau einer international orientierten Klinischen Psychologie in der DDR beteiligt. Er hat gemeinsam mit Inge Frohburg die Konzepte der Gesprächspsychotherapie weiterentwickelt, in der DDR therapeutisch anwendungsreif gemacht und entsprechende Aus- und Weiterbildungsprogramme entwickelt. An der Humboldt-Universität Berlin bildete Johannes Helm 1968 eine erste Arbeits- und Forschungsgruppe, um sich autodidaktisch das Verfahren der Gesprächspsychotherapie nach Rogers/Tausch anzueignen.<ref name=":1">Hans-Joachim Maaz: Zur Geschichte der Psychotherapie in der DDR. In: European Journal of mental health. Band 6, Nr. 2, Dezember 2011, S. 213–238, doi:10.5708/EJMH.6.2011.2.6.</ref> Es bestanden vom Ende der 1960er Jahre an enge Kontakte zu Reinhard und Anne-Marie Tausch, welche die Gesprächspsychotherapie in der BRD einführten und die ostdeutschen Forscher dabei unterstützten. Beispielsweise wurden Tonbandaufnahmen von Psychotherapiesitzungen in die DDR geschmuggelt. Auf einem internationalen Psychologen-Kongress musste ein Film über Gruppenpsychotherapie erzwungenermaßen zweimal gezeigt werden, das zweite Mal in Leipzigs vollbesetztem größtem Kino morgens um 6 Uhr.<ref>Inge Frohburg: Gesprächspsychotherapie I: Die universitären Gründerjahre; Gesprächspsychotherapie II: Bewährung in der klinischen Praxis. In: Michael Geyer (Hrsg.): Psychotherapie in Ostdeutschland. Geschichte und Geschichten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-40177-4, S. 292–307, 496–507.</ref><ref>Inge Frohburg: Lernen und Lehren von Psychotherapie an psychologischen Universitätsinstituten der DDR. In: Gesprächspsychotherapie und Personzentrierte Beratung 3/24. 2024, abgerufen am 24. August 2025.</ref>

Die Klippe, dass es sich bei der Gesprächstherapie um eine ursprünglich „bürgerliche“ Ideologe handelt, meisterte er dadurch, dass er gemeinsam mit dem Medizinhistoriker und Philosophen Achim Thom nachwies, dass die Zielsetzungen der Gesprächspsychotherapie den Idealen des „sozialistischen Menschenbildes“ entsprechen. Die Anbindung an die Universität und eine intensive Forschung taten ein Übriges, dass sich diese Therapierichtung durchsetzen ließ.<ref name=":1" /><ref>Johannes Helm, Achim Thom: Zur gesellschaftlichen Relevanz persönlichkeitsbezogener Zielstellungen in der Psychotherapie. In: Johannes Helm u. a. [Hrsg.]: Neurosenpsychologie. VEB Dt. Verlag der Wissenschaften, Berlin 1976, S. 9–26.</ref>

Entsprechende Ausbildungsprogramme wurden seit 1971 entwickelt und angeboten, wobei Theorievermittlung und Selbsterfahrung dazu gehörten. Diese Ausbildung begann bereits im Psychologie-Studium, dort in der Fachrichtung Klinische Psychologie.<ref>Johannes Helm (Hrsg.): Psychotherapieforschung. Fragen, Versuche, Fakten. Unter Mitarbeit von Inge Frohburg. 2. Aufl. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972.</ref><ref>Helm: Gesprächspsychotherapie: Forschung — Praxis — Ausbildung. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-642-48172-7 (google.ch [abgerufen am 25. August 2025]).</ref> und der postgradualen Aus- und Weiterbildung.<ref name=":1" /> Gesprächspsychotherapie war in der DDR das vorherrschende Psychotherapieverfahren, die Finanzierung erfolgte über die Sozialversicherung, das Angebot erfolgte stationär wie ambulant.<ref>Michael Geyer: Psychotherapie in Ostdeutschland: Geschichte und Geschichten 1945-1995. Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, ISBN 978-3-525-40177-4 (google.ch [abgerufen am 25. August 2025]).</ref>

Der Weg fiel Helm nicht immer leicht - in seinem Buch Tanz auf der Ruine versuchte er – zum Teil in Andeutungen und möglicherweise nur verständlich für die Personen, die in seinem Umfeld gelebt haben – den Wissenschafts- und Kulturbetrieb der DDR zu karikieren.<ref>Peer Pasternack: Johannes Helm Tanz auf der Ruine. Szenen aus einem vergessenen Land (2007). In: Von Campus- bis Industrieliteratur Eine literarische DDR-Wissenschaftsgeschichte. S. 343–349, abgerufen am 24. August 2025.</ref>

Maler und Schriftsteller

Neben der Psychologie betrieb Helm die Malerei zunächst als Hobby, entwickelte sie jedoch später zur Haupttätigkeit. Die Phasen dieser Entwicklung sind in seinem Buch Malgründe beschrieben. In den 1980er Jahren beendete er seine Tätigkeit als Professor vorzeitig und widmete sich seitdem nur noch der Malerei. Seinen Stil bezeichnete er selbst als „naive Malerei“ und von Albert Ebert beeinflusst. Gemeinsam mit seiner Frau Helga lebte er in der Künstlerkolonie Drispeth (Alt-Meteln), wohin er sich bereits in den 1970er Jahren orientiert hatte (damals gemeinsam mit Christa und Gerhard Wolf, Joachim Seyppel, Werner Lindemann, Daniela Dahn, Joochen Laabs, Klaus B. Schröder, Wolf Spillner, Detlef Kempgens und dem Initiatoren Thomas Nicolaou). Dort bildeten sie eine Gemeinschaft, die in Christa Wolfs Buch Sommerstück beschrieben wird. In seinen Büchern sind neben Bildern auch Geschichten und Gedichte von ihm und über ihn enthalten.

Privates

Helm war ab 1976 in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin und Psychologin Helga Schubert verheiratet. Sie lebten ab 2008 in Neu Meteln bei Schwerin – auch bekannt als Künstlerkolonie Drispeth. Helm hatte drei Kinder; Schubert eins.

Publikationen

Wichtigste Werke Psychologie

  • Über den Einfluß affektiver Konfliktspannungen auf das Denkhandeln. In: Zeitschrift für Psychologie. Band 157, 1954, S. 23–105.
  • Über die Wirkung von Erfolgsserien auf das Denkhandeln und die Leistung. In: Zeitschrift für Psychologie. Band 162, 1958, S. 3–114.
  • Über Gestalttheorie und Persönlichkeitstheorie. In: Philipp Lersch, Hans Thomae (Hrsg.): Persönlichkeitsforschung und Persönlichkeitstheorie (= Handbuch für Psychologie, Band 4). Verlag für Psychologie, Göttingen 1960, S. 357–390.
  • (Hrsg.): Psychotherapieforschung. Fragen, Versuche, Fakten. Unter Mitarbeit von Inge Frohburg. 2. Auflage, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972.
  • mit Edith Kasielke, Jürgen Mehl: Neurosendiagnostik. Beiträge zur Entwicklung klinisch-psychologische Methoden. VEB DVW, Berlin 1974.
  • mit Hans-Dieter Rösler, Hans Szewczyk (Hrsg.): Klinisch-psychologische Forschungen – Ergebnisse und Tendenzen. Verlag der Wissenschaften, Berlin 1976.
  • Gesprächspsychotherapie. Forschung – Praxis – Ausbildung. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1978.

Belletristik

  • Malgründe. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1978.
  • Ellis Himmel. Kinderbuchverlag, Berlin 1981.
  • Seh ich Raben, ruf ich, Brüder. Bilder und Gedichte. Stock & Stein Verlag, Schwerin 1996.
  • Gegenwelten. Mit Beiträgen von Ralph Giordano, Helga Schütz, Jürgen Borchert, Ulrich Schacht und Helga Schubert. Stock & Stein Verlag, Schwerin 2001.
  • Tanz auf der Ruine. Szenen aus einem vergangenen Land. dissertation.de – Verlag im Internet, Berlin 2007.

Biographisches über Helm

Ausstellungen

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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