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Jean-Louis Bruguière

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Datei:Jean-Louis Bruguière par Claude Truong-Ngoc juin 2014.jpg
Jean-Louis Bruguière, 2014.

Jean-Louis Bruguière (* 29. Mai 1943 in Tours) ist ein ehemaliger oberster französischer Ermittlungsrichter und Vizepräsident des Tribunal de Grande Instance in Paris, einem Tribunal für schwere Staatsverbrechen. Seit Anfang der 1980er Jahre mit Fragen der Terrorbekämpfung beschäftigt, hatte er sich den Ruf als Frankreichs „führender Terroristenjäger“ verschafft. Er war Fahnder und Richter in einem. Bruguière schied 2007 aus seinem Amt und ging in die Politik, wo er Nicolas Sarkozy unterstützte.

Ermittlungsfälle

Bekannt wurde er 1994 durch die Festnahme des weltweit als Topterroristen gesuchten Venezolaners Ilich Ramírez Sánchez alias „Carlos“.

Im Juni 2003 ließ er Christian Ganczarski auf dem Pariser Flughafen festnehmen.

Ende Mai 2017 wurde Bruguière zum Mitglied der unabhängigen externen Untersuchungsstelle ernannt, die Korruptionsvorwürfe innerhalb der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) untersuchen soll.<ref>https://web.archive.org/web/20170615025341/http://assembly.coe.int/nw/xml/News/News-View-EN.asp?newsid=6663&lang=2&cat=13</ref>

Abschuss der ruandischen Präsidentenmaschine

International sorgte Bruguière im November 2006 für Aufsehen, als er im Namen der Regierung Frankreichs Klage gegen die derzeitige Regierung Ruandas unter Paul Kagame erhob, die sich aus zahlreichen Mitgliedern der ehemaligen Bürgerkriegspartei Ruandische Patriotische Front zusammensetzt, der auch Kagame angehörte. Diese soll laut französischer Anklageschrift im Jahr 1994 am Abschuss der Präsidentenmaschine – somit am Mord an den Präsidenten Ruandas und Burundis, Juvénal Habyarimana und Cyprien Ntaryamira – beteiligt gewesen sein und den Völkermord in Ruanda maßgeblich mitverantwortet haben.

Insgesamt wurden 2006 neun internationale Haftbefehle gegen führende Persönlichkeiten der damaligen ruandischen Spitze unter dem Vorwurf erlassen, dass diese den Abschuss der ruandischen Präsidentenmaschine herbeigeführt und damit den Völkermord ausgelöst hätten.<ref>Leugnen und Vertuschen Frankreich versucht seine Rolle beim Völkermord in Ruanda 1994 offensiv unter den Tisch zu wischen. Eskalation des diplomatischen Konflikts zwischen Paris und Kigali.- heise.de, 1. Dezember 2006 </ref>

In Kigali lösten die Haftbefehle und die damit verbundenen Vorwürfe wiederum heftige Empörung aus und führte zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Frankreich sowie einer bald darauf erfolgten Abschaffung von Französisch als Schul- und Verwaltungssprache verbunden mit einer gleichzeitigen Hinwendung zur englischsprachigen Welt.<ref>Why Rwanda said adieu to French, theguardian.com, 16. Januar 2009</ref> Auch ein von Bruguière vernommener Zeuge, der die Existenz eines angeblichen „Network Commando“ bestätigt hätte, welches am Abschuss der Präsidentenmaschine beteiligt gewesen sei, beschwerte sich nach der Vorlage des 64-seitigen Berichts in einem Brief an Bruguière, dass seine Aussagen von dem Ermittlungsrichter teilweise bis ins Gegenteil verdreht worden seien.<ref>Rwandan witness disputes French judge's report, mg.co.za, 4. Dez. 2006</ref>

Bruguières Vorgehen wurde bereits 2006 auch in Frankreich kritisch betrachtet. Seine Ermittlungsergebnisse stützten sich im Kern auf die mündlichen Aussagen von zwei Personen: dem ehemaligen Guerillakämpfer Abdul Joshua Ruzibiza (1970–2010) sowie Paul Barril (* 1946), einem Angehörigen der französischen Gendarmerie nationale. Im November 2008 wurde dann die ruandischen Präsidentenberaterin Rose Kabuye aufgrund der Haftbefehle von 2006 in Frankfurt am Main verhaftet<ref>President's adviser arrested in Europe, rfi.fr, 11. Nov. 2008</ref> und wenige Tage später von Deutschland an Frankreich ausgeliefert.<ref>Kabuye extradited to France, thousands protest in Kigali, rfi.fr, 19. Nov. 2008</ref>

Die Verhaftung der ruandischen Präsidentenberaterin durch Deutschland und anschließende Auslieferung an Frankreich führte zu einer Krise zwischen der Bundesrepublik und Ruanda, denn Kabuye war nach Deutschland gekommen, um den geplanten Besuch des ruandischen Präsidenten Kagame hier vorzubereiten.<ref>Kigali expels German ambassador, rfi.fr, 12. Nov. 2008</ref> Kagame äußerte seine Enttäuschung über das Verhalten Deutschlands. Gleichzeitig kündigten ruandische Regierungsmitglieder an, über Haftbefehle für französische Staatsbürger nachzudenken, die aus ruandischer Sicht in den Genozid verstrickt waren. Im August 2008 hatte der ruandische Justizminister einen Bericht vorgelegt, in dem gefordert wurde, dass Dominique de Villepin, Édouard Balladur, Alain Juppé und François Mitterrand für ihre Rolle in den Geschehnissen, die zum Genozid von 1994 führten, gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden müssten.<ref>France denies involvement in 1994 Rwandan genocide, rfi.fr, 7. Aug. 2008</ref>

Ungefähr zeitgleich mit der Auslieferung von Kabuye an Frankreich widerrief Ruzibiza, der mittlerweile in Norwegen lebte, einen Teil seiner Aussagen, die er im Juli 2003 Jean-Louis Bruguière gegenüber in Paris gemacht haben soll und entlastete Rose Kabuye ausdrücklich, indem er klarstellte, dass, als es 2003 um den Abschuss der Präsidentenmaschine ging, ihr Name von ihm Bruguière gegenüber nie erwähnt worden sei. Weiterhin behauptete er, dass das Buch Rwanda: Secret History, das unter seinem Namen erschien, in Wirklichkeit von mehreren Personen geschrieben worden sei und dass das, was über den Abschuss der ruandischen Präsidentenmaschine im Buch stehe, nicht die Wahrheit sei. Ruzibiza warf zudem Bruguière manipulatives Verhalten vor.<ref>Key witness in Kabuye trial retracts testimony, rfi.fr, 19. Nov. 2008</ref>

Einige Jahre später kam ein Bericht des französischen Untersuchungsrichters und Experten für Terroranschläge Marc Trévidic im Januar 2012 dann auch zu einem völlig anderen Ergebnis als Bruguière, nämlich dass das Flugzeug von Präsident Habyarimana 1994 durch eine vom Kanombe-Hügel in der Nähe des Flughafens von Kigali abgefeuerte Rakete getroffen worden sei. Auf dem Kanombe-Hügel befand sich jedoch das Hauptquartier der aus Hutus bestehenden Präsidentengarde.<ref>Der Flugzeugabschuss, der den Völkermord auslöste. im Tages-Anzeiger vom 7. April 2014</ref> Das Attentat auf Habyarimana hätte Hutu-Extremisten als Vorwand für den Genozid gedient. Durch die Ermittlungen von Trévidic wurde die Pariser Staatsführung gezwungen, ihre bis dahin geltende offizielle Geschichte des Völkermords in Ruanda zu revidieren.<ref>Was den Ruanda-Genozid auslöste diepresse.com, 11. Januar 2012.</ref>

Sonstiges

Jean-Louis Bruguière ist Ritter der französischen Ehrenlegion (ch L).<ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Air & Space Academy - Member Detail: Jean-Louis BRUGUIÈRE.] , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref>„Wenn wir den Terror …“ im Tagesspiegel vom 5. November 2004</ref>

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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