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Jürgen Borchert (Jurist)

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Datei:2018-10-14 Buchvorstellung Ohne Familie ist kein Staat zu machen im Erbacher Hof 0543.jpg
Ernst Jürgen Borchert (2018)

Ernst Jürgen Borchert<ref name="Monitor1">Sendung Monitor vom 17.05.2018: [1] "Ernst Jürgen Borchert, bis 2014 Richter am Hessischen Landessozialgericht"</ref> (* 1949 in Gießen, vielfach auch bekannt als Jürgen Borchert<ref name="Monitor2">Protokoll der Sendung Monitor vom 17.05.2018: [2]</ref>) ist ein deutscher Sozialrichter und Politikberater. Er war bis Dezember 2014<ref name="sz1">sueddeutsche.de vom 26. Dezember 2014: "Ja, es stimmt: Ich bin zornig"</ref> Vorsitzender Richter des 6. Senats des Hessischen Landessozialgerichts in Darmstadt.<ref name="siems">Dorothea Siems: Die Mission des Jürgen Borchert. Welt Online, 10. Februar 2010, abgerufen am 4. März 2010.</ref>

Leben

Borchert studierte Jura, Soziologie und Politologie in Freiburg, Genf und Berlin. Er legte 1974 und 1978 sein 1. und 2. Staatsexamen ab<ref name="europarl">Dr. Jürgen Borchert Kurzbiographie (PDF; 12 kB)</ref> und promovierte 1981.<ref name="hein">Rainer Hein: Ein Darmstädter Jurist, der Sozialgeschichte schreibt. FAZ.net, 14. Februar 2010, abgerufen am 4. März 2010.</ref> In seiner Dissertation entwickelte er Leitlinien für ein familiengerechtes Rentensystem.<ref name="siems" />

Von 1978 bis 1983 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Arbeits- und Sozialrecht des Fachbereichs Rechtswissenschaft an der Freien Universität Berlin und am Fachbereich Informatik der Universität Bremen. Nach seiner 1980 erfolgten Zulassung als Rechtsanwalt nahm er 1983 eine Stellung in der hessischen Sozialgerichtsbarkeit an und wurde 1986 Richter am Hessischen Landessozialgericht. Er führte unter anderem für den Bundestagsausschuss für Arbeit und Sozialordnung, für die Bundestagsfraktion der Grünen sowie für die Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU Lehraufträge durch. Borchert ist Gründungsmitglied der Neuen Richtervereinigung.<ref name="europarl" />

2002 erarbeitete er für den damaligen Ministerpräsidenten von Hessen, Roland Koch, ein familienpolitisches Konzept.<ref name="hein" /> In seinem „Wiesbadener Entwurf“ von 2002 kritisierte Borchert, dass Lasten und Nutzen bezüglich der Kinder ungleich verteilt seien. Es finde eine Privatisierung der Kinderlasten statt bei einer gleichzeitigen Sozialisierung des Nutzens, der durch Kinder entsteht. Das belaste Gering- und Durchschnittsverdienerfamilien unverhältnismäßig stark.<ref>Jürgen Borchert: Der “Wiesbadener Entwurf” einer familienpolitischen Strukturreform des Sozialstaats, in: Hessische Staatskanzlei (Hrsg.): Zukunftsmotor Hessen. Muss die Familienpolitik neue Wege gehen? Der „Wiesbadener Entwurf“ von Dr. Jürgen Borchert für die Landesregierung, 2002. Zitiert nach Margherita Zander: Kinderarmut und Verteilung der Erziehungsarbeit, S. 181–192, in Bernhard Emunds u. a.: Die Zwei-Verdiener-Familie: von der Familienförderung zur Kinderförderung?, LIT Verlag, 2003, S. 181-182</ref> Borchert ist einer der Autoren des Kinderreport 2007.

Borchert war an drei die Familienpolitik maßgeblich prägenden Urteilen beteiligt. In den mündlichen Verhandlungen zum „Trümmerfrauenurteil“ 1992 und „Pflegeurteil<ref> Es handelt sich um die vier Urteile 1 BvR 2014/95, 1 BvR 81/98, 1 BvR 1629/94 und 1 BvR 1681/94 vom 3. April 2001, siehe die Zusammenfassung in der Pressemitteilung Nr. 35/2001 des Bundesverfassungsgerichts vom 3. April 2001</ref>“ 2001 wurde er vom Bundesverfassungsgericht als Sachverständiger gehört.<ref name="ff56">Abschnitt zu Jürgen Borchert, im Forum Familie Nr. 56. (PDF) Familienbund der Katholiken, Diözesanverband Freiburg, Juni 2009, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 12. Dezember 2015; abgerufen am 7. März 2010., S. 3</ref> Im Herbst 2008 rief der 6. Senat des hessischen Landessozialgerichts, dessen Vorsitzender Richter Borchert ist, das Bundesverfassungsgericht wegen verfassungsrechtlicher Bedenken zur Überprüfung der Hartz-IV-Regelsätze an. Damit stellte sich der 6. Senat gegen die damals absolut herrschende Meinung, die insbesondere vom 1. Senat des Bundessozialgerichts, dem der damalige Präsident des Bundessozialgerichts vorstand, im Urteil B 1 KR 10/07 R vom 22. April 2008 vertreten wurde,<ref>BSG, Urteil B 1 KR 10/07 R vom 22. 4. 2008, [45], auf lexetius.com.</ref> der Gesetzgeber habe „an fundierte, methodisch durch die Rechtsprechung abgesicherte Werte angeknüpft, um den verfassungsrechtlichen Anforderungen mit Sicherheit zu genügen“. Das Bundesverfassungsgericht folgte 2010 der hessischen Vorlage.<ref name="siems" /> Die von ihm angestrebte Erhöhung bis zu einer den soziokulturellen Existenzbedarf deckenden Höhe, wurde aber nicht erreicht, da der Gesetzgeber die Berechnungsgrundlage anpasste, eine den Anforderungen nicht gerecht werdende statistische Auswertung verwandte und statistisch belegte Bedarfe grundlos reduzierte.<ref name="Monitor1" /> Mit Urteil 1 BvL 10/12 vom 23. Juli 2014<ref>BVerfG, Urteil 1 BvL 10/12 vom 23.07.2014, auf lexetius.com</ref> hat das Bundesverfassungsgericht dies für verfassungsgemäß erklärt, da durch Stichproben ermittelte Daten vom Gesetzgeber durch selbst erdachte ersetzt werden dürfen (Rd.-Nr. 105) und hat eine Ewigkeitsgarantie für jegliche Nachfolgeregelungen abgegeben (Rd.-Nr. 149). Dies gilt weiterhin und laut Borchert wird damit die Menschenwürde fiskalischen Argumenten untergeordnet.<ref name="Monitor3">Sendung Monitor vom 15.09.2022 Bürgergeld: Etikettenschwindel zulasten der Ärmsten?</ref>

Borchert hat mehrere Veröffentlichungen zur Familienpolitik und zur Reform des Sozialstaats verfasst. Er sieht vor allem durch die Rentenreform von 1957 und den damit verbundenen Generationenvertrag einen Bedarf zur Reform, insbesondere für die Rentenversicherung und die Pflegeversicherung.<ref>Michael Klundt: Von der sozialen zur Generationengerechtigkeit?: Polarisierte Lebenslagen und ihre Deutung in Wissenschaft, Politik und Medien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, ISBN 978-3-531-15665-1, S. 248</ref>

Nach Borcherts Auffassung findet eine Transferausbeutung von Familien statt, die behoben und durch eine Gleichbehandlung im Abgabesystem ersetzt werden müsse. Borchert plädiert für den Abzug des Unterhalts der Kinder von der Bemessungsgrundlage in der Sozialversicherung, die Rückzahlung der indirekten Steuerbelastung beim Kindesunterhalt durch eine Form des Kindergeldes sowie eine Berücksichtigung der Kinder bei der Einkommensteuer mit den Durchschnittskosten anstatt mit dem Existenzminimum.<ref>@1@2Vorlage:Toter Link/www.erzbistum-bamberg.de (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive ). Podiumsdiskussion bei den Bistumstagen fragte „Platzt der Generationenvertrag?“ Zuletzt geprüft am 8. August 2021. Keine Archivversion verfügbar.</ref>

Borchert hat auf Bundes- wie Landesebene mehrere Parteien – die SPD, die Grünen, CDU, CSU, FDP und Die Linke – politisch beraten.<ref name="ff56" /> Er wurde am 22. November 2010 vor dem Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales in der 41. Sitzung, unter anderen in der öffentlichen Anhörung zu einem Gesetzentwurf der CDU/CSU und FDP zur Ermittlung von Regelbedarfen (sogenannte „Hartz-4-Gesetze“) als Sachverständiger gehört.<ref>Wortprotokoll der 41. Sitzung des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales vom 22. November 2010 Drucksache Protokoll 17/41: http://www.portal-sozialpolitik.de/uploads/sopo/pdf/2010/2010-10-21-RBEG-Wortprotokoll.pdf (abgerufen: 19. Februar 2013)</ref> Borchert war im März 2013 zusammen mit dem Deutschen Familienbund Baden-Württemberg und dem Deutschen Familienverband Organisator einer Fachtagung zum Thema Beitragsgerechtigkeit für Familien in der gesetzlichen Pflege-, Renten- und Krankenversicherung.<ref>https://www.kinderreichefamilien.de/files/vkrf/Uploads_Benjamin_Kaiser/dfveinladung-fachtagung-2013.pdf</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Tagblatt.de – Politiker der Parteien kneifen (Memento vom 19. Dezember 2014 im Internet Archive)</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Südwest Presse: Familien-Debatte (Memento des Vorlage:IconExternal vom 19. Dezember 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.swp.de</ref> Am 31. Januar 2015 war er Gastredner beim AfD-Parteitag in Bremen.<ref>JF-Online: "Satzungsstreit: Lucke setzt sich durch 31.01.2015". Abgerufen am 7. Juni 2023.</ref><ref>Volmer: "Die Familien werden stranguliert". Abgerufen am 7. Juni 2023.</ref>

Jürgen Borchert setzt sich außerdem für das vom Verein Familien e. V. gegründete Familiennetzwerk ein, einen familienpolitischen, partei- und konfessionsübergreifenden Interessenverband, der sich gegen außerfamiliäre Kinderbetreuung und die finanzielle Benachteiligung von Eltern gegenüber Kinderlosen engagiert.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Website des Familiennetzwerk (Memento vom 10. Juli 2010 im Internet Archive)</ref> Borchert ist Mitglied im Deutschen Familienverband (DFV) und im Wissenschaftlichen Beirat von Attac.<ref>Mitglieder des wissenschaftlichen Beirates. In: Attac. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 13. Juli 2018; abgerufen am 13. Juli 2018.</ref> Er unterstützt die Aktion Elternklagen des DFV.

Ehrung

Borchert erhielt im Mai 2011 den Regine-Hildebrandt-Preis für Solidarität.<ref>Total sozial</ref> Im Mai 2014 erhielt er die Silberne Verdienstmedaille des Deutschen Familienverbandes.

Schriften

Monografien
  • Die Berücksichtigung familiärer Kindererziehung im Recht der gesetzlichen Rentenversicherung: Ein Beitrag zur Rentenreform. Duncker & Humblot, 1981, ISBN 3-428-04887-3.
  • Innenweltzerstörung. Sozialreform in die Katastrophe. Fischer Taschenbuch, 1991, ISBN 3-596-24296-7.
  • Renten vor dem Absturz. Ist der Sozialstaat am Ende? Fischer Taschenbuch, 1993, ISBN 3-596-11624-4.
  • Die Zusammenarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit dem sowjetischen KGB in den 70er und 80er Jahren (= Diktatur und Widerstand. Band 13). Lit Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-8258-9812-1.
  • Sozialstaatsdämmerung. Riemann Verlag, München 2013, ISBN 978-3-570-50160-3.
Artikel

Literatur

Interviews mit und Artikel über Jürgen Borchert

Weblinks

Fußnoten

<references />

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