Zum Inhalt springen

Jörg Ganzenmüller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Jörg Ganzenmüller (* 8. Dezember 1969 in Augsburg<ref>Vademekum der Geschichtswissenschaften, 10. Ausgabe, 2012/2013, Steiner, Stuttgart 2012, S. 365.</ref>) ist ein deutscher Historiker.

Leben

Jörg Ganzenmüller machte sein Abitur am Gymnasium bei St. Anna in Augsburg. Er studierte von 1992 bis 1999 Neuere und Neueste Geschichte, Osteuropäische Geschichte und Wissenschaftliche Politik an der Universität Freiburg. Anschließend war er bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Lehrstuhl für Neuere und Osteuropäische Geschichte. 2003 wurde er bei Gottfried Schramm mit der Arbeit Das belagerte Leningrad. Eine Großstadt in der Strategie von Angreifern und Verteidigern promoviert. Nach Ganzenmüllers Forschungsergebnissen sind die Ursachen und Bedingungsfelder, denen 1941 bis 1944 ungefähr eine Million Menschen im von der Wehrmacht belagerten Leningrad zum Opfer fielen, im Kontext eines von der deutschen Führung geplanten Vernichtungskrieges und Hungerplans zu verorten. In der Zeit nannte er die Leningrader Blockade einen stillen Völkermord.<ref>Jörg Ganzenmüller: Ein stiller Völkermord. In: Die Zeit, Nr. 4, 15. Januar 2004.</ref>

Von 2004 bis 2010 war Ganzenmüller wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Joachim von Puttkamer für Osteuropäische Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 2008/09 forschte er im Rahmen eines Förderstipendiums am Historischen Kolleg in München zum Thema Russische Staatsgewalt und polnischer Adel<ref>Forschungsprojekt am Historischen Kolleg.</ref> und habilitierte sich 2010 mit einer Studie dazu an der Universität Jena. Von 2010 bis 2014 vertrat er den dortigen Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Lehrstuhlvertretung an der Universität Jena (Memento vom 19. November 2011 im Internet Archive) (PDF; 68 kB).</ref> Von 2014 bis 2025 fungierte Ganzenmüller als hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ettersberg, die der wissenschaftlichen Forschung zu Entstehung, Erscheinungsformen und Überwindung von Diktaturen in Europa, insbesondere der SED-Diktatur, dient.<ref> Diktatur funktioniert nicht nur über Gewalt. Jörg Ganzenmüller ist der neue Chef der Stiftung Ettersberg und befasst sich mit den Nachwirkungen der DDR. In: Thüringische Landeszeitung, 2. Dezember 2014.</ref> Parallel hatte er von 2017 bis 2025 die Professur für Europäischen Diktaturenvergleich an der Universität Jena inne.<ref>Habilitationen und Berufungen Oktober 2017. In: Forschung und Lehre, Nr. 10, Oktober 2017.</ref> Zum 1. Dezember 2025 wurde Ganzenmüller zum Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden berufen.<ref>Neuer Direktor des HAIT.</ref>

Ganzenmüller war von 2019 bis 2025 Sprecher des BMBF-Forschungsverbundes „Diktaturerfahrung und Transformation: Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“<ref>Forschungsverbund Diktaturerfahrung und Transformation</ref>, von 2017 bis 2021 Sprecher des Graduiertenkollegs „Die DDR und die europäischen Diktaturen nach 1945. Soziale Integration und politische Repression in vergleichender und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive“<ref>Graduiertenkolleg: Die DDR und die europäischen Diktaturen nach 1945. Soziale Integration und politische Repression in vergleichender und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive</ref> an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und von 2021 bis 2025 Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Gedenkstätten zur Diktatur in SBZ und DDR. Von 2018 bis 2021 war er stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beratungsgremiums des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). Er ist Mitglied in zahlreichen Gremien, u. a. dem Stiftungsrat der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, dem Kuratorium des Simon-Dubnow-Instituts, dem Beirat Gesellschaftliche Aufarbeitung in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Fachkommission der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

Forschungsschwerpunkte von Jörg Ganzenmüller sind die nationalsozialistische Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg, der Stalinismus in der Sowjetunion, die Erinnerung an Krieg und Diktatur im östlichen Europa, die Geschichte und Nachgeschichte der DDR, der europäische Diktaturenvergleich sowie die russisch-polnischen Beziehungen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert.

Schriften (Auswahl)

  • Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern (= Krieg in der Geschichte. Bd. 22). Schöningh, Paderborn [u. a.] 2005, ISBN 3-506-72889-X; 2. Auflage 2007, ISBN 978-3-506-72889-0.
  • Nebenkriegsschauplatz der Erinnerung. Die Blockade Leningrads im Gedächtnis der Deutschen. In: Osteuropa. Bd. 55, Heft 4–6, 2005, S. 135–147.
  • mit Beate Fieseler (Hrsg.): Kriegsbilder. Mediale Repräsentationen des Großen Vaterländischen Krieges. Klartext, Essen 2010, ISBN 978-3-8375-0094-3 (= Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Bd. 35).
  • Stalins Völkermord? Zu den Grenzen des Genozidbegriffs und den Chancen eines historischen Vergleichs. In: Sybille Steinbacher (Hrsg.): Holocaust und Völkermorde. Die Reichweite des Vergleichs. Campus, Frankfurt a. M./New York 2012, ISBN 978-3-593-39748-1, S. 145–166.
  • Russische Staatsgewalt und polnischer Adel. Elitenintegration und Staatsausbau im Westen des Zarenreiches (1772–1850) (= Beiträge zur Geschichte Osteuropas. Bd. 46). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2013, ISBN 978-3-412-20944-5.
  • mit Raphael Utz (Hrsg.): Sowjetische Verbrechen und russische Erinnerung. Orte – Akteure – Deutungen. De Gruyter/Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-486-74196-4.
  • mit Raphael Utz (Hrsg.): Orte der Shoah in Polen. Gedenkstätten zwischen Mahnmal und Museum (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung. Bd. 22), Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2016, ISBN 978-3-412-50316-1.
  • (Hrsg.): Recht und Gerechtigkeit. Die strafrechtliche Aufarbeitung von Diktaturen in Europa (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung. Bd. 23), Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50548-6.
  • (Hrsg.): Europas vergessene Diktaturen? Diktatur und Diktaturüberwindung in Spanien, Portugal und Griechenland (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung, Bd. 24), Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2018, ISBN 978-3-412-50909-5.
  • (Hrsg.): Verheißung und Bedrohung. Die Oktoberrevolution als globales Ereignis (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung, Bd. 25), Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2019, ISBN 978-3-412-51124-1.
  • (Hrsg.): Jüdisches Leben in Deutschland und Europa nach der Shoah, Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2020, ISBN 978-3-412-51908-7.
  • (Hrsg.): Die revolutionären Umbrüche in Europa 1989/91, Deutungen und Repräsentationen (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung, Bd. 28), Köln, Weimar, Wien 2021.
  • mit Bertram Triebel (Hrsg.): Gesellschaft als staatliche Veranstaltung? Orte politischer und kultureller Partizipation in der DDR (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung, Bd. 27), Köln, Wien 2022.
  • mit Julia Landau und Franz Waurig (Hrsg.): Transformation des Gedenkens. Lokales Erinnern an sowjetische Verhaftungen der Nachkriegszeit, Köln, Wien 2024
  • (Hrsg.): Transformationserfahrungen. Lebensweltliche Umbrüche in Ostdeutschland nach 1990, Köln, Wien 2025.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein