Himmelschreiende Sünde
Himmelschreiende Sünde (lateinisch peccatum clamans) ist ein aus der moraltheologischen und katechetischen Tradition rührender Begriff der christlichen Theologie.
Begriffsgeschichte
Aus der Formulierung des Alten Testaments, dass das Blut des von Kain erschlagenen Bruders Abel „zum Himmel schreit“, Vorlage:Bibel/Link, leitete die Dogmatik bzw. Moraltheologie den Begriff des peccatum clamans ab. Es wurden vier oder fünf peccata clamantia gezählt und hierzu die Merkverse gebildet:
„“
Eine Variante nimmt ein Motiv aus Vorlage:Bibel/Link auf:
„Clamitat ad caelum vox sanguinis et Sodomorum,
vox oppressorum, viduae, pretium famulorum.
Es schreit zum Himmel die Stimme des Bluts und der Sodomer,
die Stimme der Unterdrückten, der Witwe, der Diener Lohn.“
Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) von 1997 führt fünf solcher Sünden auf.<ref>KKK, Teil 3, Abschnitt 1, Kapitel 1, Artikel 8, Absatz 5, 1867</ref> Demnach schreien zum Himmel:
- das beim Mord Kains am Bruder Abel vergossene Blut (Bezug: Vorlage:Bibel/Link),
- die Sünde der Sodomiter in der biblischen Geschichte der Verfehlung und Bestrafung Sodom und Gomorras (Bezug: Vorlage:Bibel/Link; 19,13 EU, nicht aber Vorlage:Bibel/Link),
- das Klagen des in Ägypten unterdrückten israelitischen Volkes (Bezug: Vorlage:Bibel/Link),
- die Klagen Fremder, Witwen und Waisen (Bezug: Vorlage:Bibel/Link) sowie
- der Arbeitern vorenthaltene Lohn (Bezug: Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link; in den biblischen Texten ist, auf die damalige Situation bezogen, von Tagelöhnern die Rede, der Katechismus der Katholischen Kirche spricht allgemeiner von Arbeitern).
Auch der Ausdruck „etwas stinkt zum Himmel“ hat hier seine Wurzeln.<ref>Vgl. Eintrag beim Projekt Wortschätze der Universität Graz; abgerufen am 4. Dezember 2018.</ref>
Bei den Sünden Sodom und Gomorras wird oft Homosexualität unter Männern assoziiert. Seit den 80er Jahren ist diese Ansicht umstritten und wird von liberalen Theologen nicht mehr geteilt. Nach Ansicht Scharberts handelt es sich vielmehr um Gewalt und das Erzwingen sexueller Befriedigung an Wehrlosen wie Tieren, Knaben, schwächeren Männern sowie Engeln.<ref>Josef Scharbert: Genesis (Die Neue Echter Bibel, Neues Testament 17/19), Würzburg 1985, S. 154; zitiert bei Doris Maria Märzinger: Das Verschwinden der himmelschreienden Sünden in der europäischen Kirchenpraxis, Wien 1989, Diplomarbeit an der Katholisch-theologischen Fakultät Wien unter der Leitung von Paul Zulehner, S. 14; zitiert in Golser: Soziale Sünden, die zum Himmel schreien, S. 2 (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />online ( des Vorlage:IconExternal vom 4. Dezember 2018 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.; abgerufen am 4. Dezember 2018).</ref>
Weniger missverständlich als der traditionelle Ausdruck „himmelschreiende Sünden“ ist die Formulierung „soziale Sünden, die zum Himmel schreien“, die Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Ecclesia in America verwendet. Er meint damit Verhältnisse, die Gewalt erzeugen und den Frieden und die Harmonie zerstören, und nennt im Einzelnen den Drogenhandel, die Geldwäsche, die Korruption in sämtlichen Bereichen, die Schrecken der Gewalt, die Aufrüstung, die Rassendiskriminierung, die Ungleichheit innerhalb der sozialen Schichten und die vernunftlose Zerstörung der Natur.<ref>Ecclesia in America, Nr. 56.</ref>
Abgrenzungen
Weitere Sündenkataloge neben den Himmelschreienden Sünden sind Aufzählungen der Haupt- oder Wurzelsünden<ref>KKK 1866</ref>, der Sünden wider den Heiligen Geist und der Fremden Sünden. Anhand der Schwere einer Sünde werden Todsünden und lässliche Sünden unterschieden.
Literatur
- Karl Golser: Soziale Sünden, die zum Himmel schreien. Eine vergessene, aber anscheinend jetzt wieder aktuelle Kategorie. In: Alberto Bondolfi, Hans J. Münk: Theologische Ethik heute. Antworten für eine humane Zukunft – Hans Halter zum 60. Geburtstag NZN-Verlag, Zürich 1999, ISBN 978-3-85827-131-0, S. 173–188 (online).
- Karl Hörmann: Art. Sünde, in: Lexikon der christlichen Moral 1976, Sp. 1529–1544.
Einzelnachweise
<references />