Hettie Dyhrenfurth
Harriet Pauline „Hettie“ Dyhrenfurth (Geburtsname Harriet Pauline Heymann; * 16. November 1892 in Breslau, Provinz Schlesien, Deutsches Kaiserreich; † 28. Oktober 1972 in Orange, Kalifornien, Vereinigte Staaten) war eine Kletterin und Bergsteigerin. Sie war bei mehreren Expeditionen in den Himalaja und den Karakorum Mitglied des Besteigungsteams. Ihr gelang auch die Erstbesteigung des Queen Mary Peak, dem Westgipfel des Sia Kangri (7315 m). Bei dieser Besteigung stellte sie einen Höhenweltrekord für Frauen auf, der 20 Jahre lang Bestand hatte.
Dyhrenfurth stammte aus Deutschland, emigrierte 1926 in die Schweiz und 1937 in die USA um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entgehen.
Leben
Dyhrenfurth stammte aus einer Breslauer Industriellenfamilie. Ihre Eltern waren Olga Heymann geb. Oelsener (1851–nach 1916) und Oscar Heymann (1836–1910). Oscar Heymann besaß eine Dampfknochenmehl- und Düngerfabrik. Hettie begann sehr früh mit Bergsteigen und Klettern. Ihre Begeisterung war so groß, dass sie ihre Hochzeitsreise 1925 gleich zu einer Besteigung des Matterhorns nutze.<ref>Martin Krauß: Der Träger war immer schon vorher da: die Geschichte des Wanderns und Bergsteigens in den Alpen. Nagel & Kimche, München 2013, ISBN 978-3-312-00558-1, S. 128.</ref> 1911 heiratete sie Günter Oskar Dyhrenfurth, einen an der Universität Breslau lehrenden Geologen, ebenfalls ein begeisterter Kletterer. Die Lebensplanung des Paares beinhaltet gleichermaßen die Gründung einer Familie wie Klettertouren und Expeditionen. Diese werden aber durch den Ersten Weltkrieg beeinträchtigt, an dem Günter als Alpiner Referent an der Ortlerfront eingesetzt wird. Während dieser Zeit bekommt Hettie drei Kinder, das jüngste wird 1918 geboren.<ref name=":2">Nicholas Mailänder: Jüdische Beiträge zum Alpinismus. In: "Hast du meine Alpen gesehen?": eine jüdische Beziehungsgeschichte ; [eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems, 26.- 4. Oktober 2009 und des Jüdischen Museums Wien, 16. Dezember 2009 - 15. März 2010 in Kooperation mit dem Östereichischen Alpenverein, April 2010 - Februar 2011]. 2. Auflage. Bucher, Hohenems 2010, ISBN 978-3-902679-41-3, S. 252.</ref>
Ab 1923 lebt die Familie in Salzburg, Günter hat weiterhin die Professur in Breslau inne. Günter ist Mitglied des Hauptausschusses des DÖAV und erlebt aus nächster Nähe die Wirkung der antisemitischen Kräfte mit. Da sowohl Hettie als auch Günter Dyhrenfurth aus jüdischen Familie stammen, erkennt er früh die Gefahr die von den Nationalsozialisten ausgeht. Hellsichtig zieht die Familie die Konsequenzen und zieht 1926 in die Schweiz um. 1933 erlangen alle Mitglieder der Familie das Schweizer Bürgerrecht.<ref name=":2" />
Dyhrenfurth veröffentlichte Bücher über die Himalaja Expeditionen des Ehepaars: Das Buch „Himalaja - Unsere Expedition 1930“ wurde vom Publikum gut aufgenommen.<ref name=":3" /> Das bekannteste Buch von ihr ist „Memsahib im Himalaja. Die einzige weiße Frau auf der Internationalen Himalaja-Expedition“.<ref name=":0">Martin Krauß: Der Träger war immer schon vorher da: die Geschichte des Wanderns und Bergsteigens in den Alpen. Nagel & Kimche, München 2013, ISBN 978-3-312-00558-1, S. 128.</ref> Die Expedition wurde vom Schweizer Kameramann Charles Duvanell aufgenommen. Die Bücher und der Film machten Dyhrenfurth sehr bekannt und sie wurde zur einer international gefragten Vortragsrednerin.<ref name=":3" /> Diese Bekanntheit erleichterte ihr später ihre Emigration in die USA erheblich.
Auch Dyhrenfurths Sohn Norman wurde antisemitisch ausgegrenzt: Im Februar 1936 hatte er Hans Ertl als Kameraassistent bei der Produktion des Riefenstahl Films zur Winterolympiade in Garmisch unterstützt. Als seine „nicht-arische“ Abstammung bekannt wurde, kam es zu einer sehr unerfreulichen Auseinandersetzung mit der SA, die zu einer überstürzten Abreise führte. 1937 entschließt sich Hettie Dyhrenfurth zur Auswanderung in die USA. Sie war bereits zwei Jahre vorher auf einer Vortragsreise in den USA gewesen und hatte Kontakte knüpfen können. Im Dezember 1937 folgten ihr der Sohn Norman und ihre Tochter Hiltraut. Ihr Mann bleibt in der Schweiz, er ist zu sehr Europäer, um sich ein Leben in den USA vorstellen zu können.<ref name=":3">Nicholas Mailänder: Jüdische Beiträge zum Alpinismus. In: "Hast du meine Alpen gesehen?": eine jüdische Beziehungsgeschichte ; [eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems, 26.- 4. Oktober 2009 und des Jüdischen Museums Wien, 16. Dezember 2009 - 15. März 2010 in Kooperation mit dem Östereichischen Alpenverein, April 2010 - Februar 2011]. 2. Auflage. Bucher, Hohenems 2010, ISBN 978-3-902679-41-3, S. 253.</ref>
Ihr Sohn Norman Dyhrenfurth<ref>Ursula Köhler-Lutterbeck, Monika Siedentopf: Lexikon der 1000 Frauen. Dietz, Bonn 2000, S. 89. ISBN 3-8012-0276-3</ref> wurde später ein erfolgreicher Bergfilmer und Expeditionsleiter.<ref name=":1">Martin Krauß: Der Träger war immer schon vorher da: die Geschichte des Wanderns und Bergsteigens in den Alpen. Nagel & Kimche, München 2013, ISBN 978-3-312-00558-1, S. 128.</ref> Von 1948 an unterrichtete Norman an der University of California in Los Angeles Kameraführung, Dokumentar- und Spielfilm.<ref name=":3" />
Alpinistische Karriere
Hettie Dyhrenfurth war eine erstklassige Bergsteigerin und gehörte zu der Weltelite der Bergsteiger ihrer Zeit. Hettie und Günter Oskar Dyhrenfurth organisierten etliche Großexpeditionen, wobei sich Hettie sehr geschickt erwies, sowohl was die Geldbeschaffung als auch die Unterstützung der einheimischen Träger betraf. Für die einheimischen Träger stellte sie ein Nepali-Wörterbuch zusammen, damit die Europäer mit den Trägern kommunizieren konnten, was die Zusammenarbeit enorm erleichterte.
Himalaja Expedition 1930
Von der Schweiz aus organisiert das Paar ihre erste Himalaja Expedition, Sponsor ist die Londoner Zeitung „The Times“. Mit dem Engländer Frank Smythe, dem Schweizer Marcel Kurz, dem Deutschen Hermann Hoerlin, dem Österreicher Erwin Schneider und dem Ehepaar Dyhrenfurth fand sich ein erfahrenes Team zusammen. Diese international zusammengesetzte Seilschaft hob sich auch insofern von anderen Expeditionen ab, da in jener Zeit Expedition häufig nationalistisch geprägt waren. Hettie Dyhrenfurth war zudem für Ausrüstung und Logistik zuständig. In dieser Rolle bewährte sich sie sich, als sie 22 Träger im Schneesturm über den 6120 m hohen Pass Jongsong La führte. Die Besteigung des Achttausenders wurde dennoch abgebrochen, als ein Träger von einer Eislawine erschlagen wurde, Schneider wäre um ein Haar auch betroffen gewesen.<ref name=":2" />
Karakorum Expedition 1934
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten gab Günter Dyhrenfurth die Professur in Breslau auf und zog permanent in die Schweiz. Das Paar konzentrierte sich auf die Organisation der zweiten Expedition, diese hatte den Hidden Peak (8080 m) im Karakorum zum Ziel. Ein Trägerstreik verhinderte schlussendlich den Gipfelerfolg. Kurzentschlossen bestieg das Ehepaar Dyhrenfurth zusammen mit Hans Ertl und Albrecht Höcht den 7312 m hohen Baltoro Kangri.<ref name=":3" /> Außerdem gelang ihnen die Erstbesteigung des Queen Mary Peak, besser bekannt als der Westgipfel des Sia Kangri (7315 m).<ref name=":1" /> Bei dieser Besteigung stellte sie auch einen Höhenweltrekord für Frauen auf, der 20 Jahre lang Bestand hatte.<ref>Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche who’s who. XII. Ausgabe von Degeners wer ist’s? Berlin 1955, S. 218.</ref><ref>Von den unsichtbaren Frauen - 150 Jahre Deutscher Alpenverein. In: alpenverein.de. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 9. Mai 2019; abgerufen am 9. Mai 2019.</ref>
1936 erhielt das Ehepaar Dyhrenfurth im Rahmen der Olympischen Sommerspiele 1936 olympisches Gold für ihre alpinistischen Leistungen im Himalaya, den Prix olympique d’alpinisme. Günter nahm die Medaille in Berlin in Empfang<ref name=":1" />, Hettie blieb lieber in der sicheren USA, da ihre jüdische Abstammung allgemein bekannt war und sie kein Risiko eingehen wollte.<ref name=":3" />
Anfeindungen
Zu ihren Erfolgen gesellte sich Anfeindung, weil ihr Leben nicht der traditionellen, männlichen Vorstellung eines weiblichen Lebens entsprach, lieber zum Klettern und Bergsteigen ging und nicht Haus und Kinder hütete: sie ließ angeblich ihre Kinder im Stich.<ref name=":0" /> Frauen waren zwar formal den Männern gleichgestellt, wurden im praktischen Leben jedoch mit vielen Hindernissen konfrontiert. So wurde Dyhrenfurth nicht in den Alpenverein aufgenommen, da dieser Frauen ablehnte – ein Problem für die Finanzierung von Expeditionen. Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre gesellte sich zum Sexismus auch noch Antisemitismus: es wurde ihr zum Vorwurf gemacht, dass sie einige jüdische Vorfahren hatte.<ref>Martin Krauß: Der Träger war immer schon vorher da: die Geschichte des Wanderns und Bergsteigens in den Alpen. Nagel & Kimche, München 2013, ISBN 978-3-312-00558-1, S. 125.</ref>
Werke
Dyhrenfurth verfasste über ihre Himalaja Expeditionen mehrere Bücher, die sehr erfolgreich wurden:
- Himalaja - Unsere Expedition 1930
- Memsahib im Himalja: Die einzige weiße Frau auf der Internationalen Himalja Expedition
Weblinks
- Literatur von und über Hettie Dyhrenfurth im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Vorlage:Olympedia
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dyhrenfurth, Hettie |
| ALTERNATIVNAMEN | Dyhrenfurth, Harriet Pauline; Heymann, Harriet Pauline |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche, später schweizerische Bergsteigerin |
| GEBURTSDATUM | 16. November 1892 |
| GEBURTSORT | Breslau |
| STERBEDATUM | 28. Oktober 1972 |
| STERBEORT | Orange, Kalifornien |