Hermann von der Lieth-Thomsen
Hermann Christian Johannes Thomsen, seit 1921 von der Lieth-Thomsen, (* 10. März 1867 in Flensburg; † 5. August 1942 auf Sylt) war ein deutscher General der Flieger, Mitbegründer der deutschen Luftstreitkräfte und Hauptorganisator der deutsch-sowjetischen Militärkooperation.
Leben
Thomsen war Nachkomme einer Bauernfamilie aus Dithmarschen. Sein Großvater Peter Thomsen war mit Martha von der Lieth verheiratet und da sie die Letzte ihrer Familie war, erhielt das Ehepaar die Erlaubnis zum vereinigten Namen „von der Lieth-Thomsen“.<ref>Peter Supf: Das Buch der deutschen Fluggeschichte. 1935, S. 283.</ref> Die Familie der Großmutter war nicht adelig, aber es gab ein gleichnamiges bremisches Uradelsgeschlecht.
Thomsen trat am 1. Oktober 1887 als Fahnenjunker in das Schleswig-Holsteinische Pionier-Bataillon Nr. 9 der Preußischen Armee ein und wurde am 21. September 1889 zum Sekondeleutnant befördert. Er diente ab Mitte Oktober 1890 sechs Jahre lang als Kompanieoffizier im Pionier-Bataillon Nr. 16 in Metz, wurde anschließend zur 3. Ingenieur-Inspektion versetzt sowie zur Festung Metz kommandiert. Zur weiteren Ausbildung als Stabsoffizier war Thomsen vom 1. Oktober 1897 bis 20. Juli 1900 an der Kriegsakademie. Nach anschließenden kurzzeitigen Truppendienst wurde er am 1. April 1901 zum Großen Generalstab kommandiert. Zwei Jahre später wurde er zur Festung Straßburg versetzt, wo er vom 18. April 1903 bis zum 18. Oktober 1905 als Kompaniechef im 2. Elsässischen Pionier-Bataillon Nr. 19 diente und am 15. September 1904 seine Beförderung zum Hauptmann erhielt. Die folgenden Jahre verbrachte Thomsen im Großen Generalstab, wo er seit 1907 innerhalb der Technischen Sektion mit der Bearbeitung des Flugwesens beauftragt war. Er selbst nahm allerdings erst am 8. Oktober 1909 an einem Flug teil. Am 20. März 1911 zum Major befördert, wurde er 1913 der Inspektion des Militär-Luft- und Kraftfahrwesens unter General Wilhelm Messing zugeteilt. Am 17. Februar 1914 folgte seine Versetzung nach Hanau zum Stab des Eisenbahn-Regiments Nr. 2.
Erster Weltkrieg
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Thomsen nach einer kurzen Verwendung bei der 8. Armee, mit der er an der Schlacht bei Tannenberg beteiligt war, wieder zurückbeordert. Als Generalstabsoffizier kam er im Bereich der Aufklärungsflüge des Luftschiffes Z V (Kommandant Hauptmann Grüner) an der Ostfront erneut zum Einsatz. Am 22. August, dem Tag, an dem Z V bei einem Angriff auf den Bahnhof Mława in Russisch-Polen verloren ging, wurde er jedoch als Ia zum XXIV. Reserve-Korps abberufen. Mit diesem nahm er an den Kämpfen um Ypern sowie am „Winterfeldzug in den Karpathen“ 1914/15 teil. Am 27. März 1915 wurde er zum Chef des Feldflugwesens im Großen Hauptquartier berufen und der Obersten Heeresleitung zugeteilt. Am 10. August 1916 ließ er die ersten Jagdstaffeln nach den Vorschlägen von Oswald Boelcke aufstellen.<ref>Norman Franks: Albatros Aces os World War 1. S. 7.</ref> Ab November 1916 diente er als Stabschef beim neuen Kommandierenden General der Luftstreitkräfte (Kogenluft), Ernst von Hoeppner; seine bisherige Dienststellung als Chef des Feldflugwesens wurde aufgelöst. Nachdem er beide Klassen des Eisernen Kreuzes und das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern erhalten hatte, wurde er am 8. April 1917 mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnet sowie am 18. August 1918 zum Oberst befördert.
Deutsch-sowjetische Militärkooperation
Infolge des Friedensvertrags von Versailles durfte Deutschland keine Luftstreitkräfte mehr unterhalten, keine Kriegsschiffe und Militärluftfahrzeuge bauen, keinen Generalstab unterhalten und musste auf seine militärischen Attaches im Ausland verzichten. Nach einer kurzen Tätigkeit im Preußischen Kriegsministerium schied Thomsen am 11. August 1919 aus dem Militärdienst aus mit der Absicht, sich diesen international untersagten militärischen Entwicklungen zuzuwenden. Das diente allerdings nur der Tarnung, damit er sich als „Privatperson“ u. a. dem verbotenen Aufbau einer deutschen Luftwaffe und der Schaffung dafür notwendiger Rahmenbedingungen widmen konnten. Im Auftrag des Reichswehrministers befand er sich in der Gruppe von Offizieren, die ab 1921 gezielt eine militärische Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und der Reichswehr herstellten. Dazu war an der Deutschen Gesandtschaft in Moskau das sogenannte Büro „R.“ eingerichtet worden. Über diesen Weg wurde in den 1920er Jahren die Militärkooperation mit der Sowjetunion gewährleistet. Sie betraf den Bau von Flugzeugen, die Produktion von Munition, die Ausbildung von Panzerfahrern und Erprobung dieser Waffen, die Herstellung und Erprobung von Kampfgasen, den Austausch und die Qualifikation von Generalstabsoffizieren, die Ausbildung von Piloten sowie die Erprobung von Flugtechnik.<ref>Olaf Groehler: Selbstmörderische Allianz. Deutsch-russische Militärbeziehungen 1920–1941. Visio Verlag, Berlin 1992, S. 30 ff.</ref> Vor allem mit dem Letztgenannten war er intensiv am verdeckten Aufbau einer Luftwaffe beteiligt und leitete ab 1925 die deutsche Militärmission in der Sowjetunion. Als sein Stellvertreter wurde 1926 Major Hans-Joachim Rath (1894–1968) nach Moskau kommandiert. Ab diesem Jahr war der Aufbau des Panzererprobungszentrums und der Panzerschule in Kama zum Aufgabenfeld der Militärkooperation hinzugekommen. Außerdem begannen die gegenseitige Unterstützung bei der Generalstabsausbildung, der Austausch von Truppenoffizieren und erste Schritte im Austausch bestimmter nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, je nach der Interessenlage der anderen Seite. Getragen war diese Entwicklung bei der Militärmission von der Motivation, sich „Russland“ nicht zum Feind zu machen und der Illusion, auf diesem Weg politisch auf die bestehenden Machtverhältnisse im Innern der Sowjetunion Einfluss nehmen zu können. Mit keinem anderen Land pflegte die Sowjetunion so enge Militärbeziehungen, die sogar den Besuch von Rüstungsbetrieben und die gemeinsame Teilnahme an Manövern zum Gegenstand hatten.
Trotz aller Tarnungen und die Verantwortung der jeweils anderen Seite für die Spionageabwehr bezogen auf die Militärkooperation, war es Großbritannien 1926 gelungen wichtige Eckpunkte der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit in Erfahrung zu bringen. So war es ein schwer zu verkraftender Schlag, als im Dezember 1926 der Manchester Guardian in einem Artikel Einzelheiten dieser Kooperation der internationalen Öffentlichkeit präsentierte.<ref>Sergej A. Gorlow: Geheimsache Moskau-Berlin. Die militärpolitische Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich 1920–1933. In: Vierteljahrhefte für Zeitgeschichte, 1996, Jahrgang 44, Heft 1, S. 139.</ref> Die vorbereiteten Zukunftsthemen wurden vorerst auf Eis gelegt, die Erschließung des Panzerobjektes kam ins Stocken, die Erprobung von Bomben- und Giftgaseinsatz in Lipezk wurde storniert und das Kabinett unter Reichskanzler Wilhelm Marx, sowie seine Parteigänger im Reichstag hatten sich peinlichen Fragen zu unterziehen.<ref>Jürgen Zarusky: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzungen und außenpolitische Konzeptionen 1917–1933. München 1992, S. 198 ff.</ref> Ein Jahr später erkrankte er schwer und drohte zu erblinden. Seiner Gesundheit wegen erfolgte 1928 sein Rückzug aus dem Projekt in Moskau und er begab sich auf der Insel Sylt in fachärztliche Behandlung. Nur sehr zögerlich kam die Militärkooperation wieder in Gang und erst 1929 konnte das Panzerschulungszentrum eröffnet werden. Der nächste Rückschlag kam, als Adolf Hitler für September 1933 anwies, diese Militärkooperation umgehend einzustellen. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Rote Armee, die Rotbannerflotte und die sowjetischen Luftstreitkräfte aus der ursprünglichen Partnerschaft in die operative und nachrichtendienstliche Bearbeitung als feindliche Organisation überführt und das eingehende Material dazu bei „Fremde Heere“ zusammengeführt.
Reichsluftfahrtministerium
Die Erkrankung an einem Augenleiden konnte bei von der Lieth-Thomsen nicht gestoppt werden und er erblindete. Dennoch wurde er bei der Aufstellung der deutschen Luftwaffe am 1. November 1935 wieder offiziell als Offizier geführt, zum Generalmajor befördert und nominell zum Abteilungsleiter in der Kriegswissenschaftlichen Abteilung der Luftwaffe ernannt.<ref>Pressestimmen (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Juni 2025. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot</ref> Im gleichen Jahr fertigte der Bildhauer Arno Breker auftragsgemäß eine lebensgroße bronzene Kopfplastik von ihm an. Nach der Fertigstellung der Arbeit 1937 erhielt sie einen würdigen Platz im Gebäude des Reichsluftfahrtministeriums. Kurz nach seinem 75. Geburtstag 1939 erhielt er den Charakter als General der Flieger. Obwohl schon vollkommen blind, veröffentlichte von der Lieth-Thomsen im gleichen Jahr einen Artikel über die Entwicklung der Luftwaffe während des Ersten Weltkrieges.<ref>Hermann Thomsen, Die Luftwaffe vor und im Weltkriege, in: Zeitschrift: Die Deutsche Wehrmacht, Jahrgang 1939, Mittler & Sohn, Berlin 1939, S. 487 ff.</ref>
Hermann von der Lieth-Thomsen starb in einem Kurhotel auf Sylt und wurde auf dem Invalidenfriedhof in Berlin-Mitte beigesetzt. Der ursprüngliche Grabschmuck ist nicht erhalten, das Grab wird aber seit dem Jahr 2000 durch einen Restitutionsstein markiert auf dem seine Lebensdaten vermerkt sind. Die 1966 als „General-Thomsen-Kaserne“ bezeichnete Kaserne in Stadum wurde am 15. Juli 2017 in Südtondern-Kaserne umbenannt.<ref>doa: Neuer Name mit Heimat-Bezug. In: shz.de. 16. Juli 2017, abgerufen am 3. März 2024.</ref>
Familie
Der Vater von Hermann von der Lieth-Thomsen war der Bahnvorsteher Christian von der Lieth-Thomsen (1829–1920) und seine Mutter Emma Christine von der Lieth-Thomsen (1844–1894), geborene Buchte. Im Jahr 1893 heiratete Thomsen Else Ohning (1872–1920). Ein Jahr später wurde ihre Tochter Hildegard (* 1894) und drei Jahre darauf ihr Sohn Joachim (1896–1918) geboren. Er war Marineflieger, wurde im Juli 1917 über der Themsemündung abgeschossen und verstarb am 19. November 1918 in britischer Kriegsgefangenschaft. Nach dem Tod seiner ersten Lebenspartnerin ging Thomsen 1921 eine zweite Ehe mit Victoria Amelia Hirsch (1885–1968) ein.
Literatur
- Adolf Baeumker: General der Flieger von der Lieth-Thomsen. 75 Jahre. In: Luftwissen. Jahrgang 9, Heft 3, 1942.
- Dermot Bradley (Hrsg.), Karl Friedrich Hildebrand: Die Generale der deutschen Luftwaffe 1935–1945. Band 2: Habermehl-Nuber. Biblio Verlag, Osnabrück 1991, ISBN 3-7648-1701-1, S. 296 f.
- Sergej A. Gorlow: Geheimsache Moskau-Berlin. Die militärpolitische Zusammenarbeit zwischen der Sojewtunion und dem Deutschen Reich 1920–1933. In: Vierteljahrhefte für Zeitgeschichte, 1996, Jahrgang 44, Heft 1, S. 133 ff.
- Olaf Groehler: Selbstmörderische Allianz. Deutsch-russische Militärbeziehungen 1920–1941. Vision Verlag, Berlin 1992.
- Karl-Friedrich Hildebrand, Christian Zweng: Die Ritter des Ordens Pour le Mérite des I. Weltkriegs. Band 2: H–O. ISBN 3-7648-2516-2, S. 342–343.
- Rolf Roeingh: Flieger des Ersten Weltkriegs. Schriftenreihe Deutsche Fliegerhefte. Heft 2. Hg. vom Luftwaffenführungsstab, Deutscher Archiv-Verlag, Berlin, 1941, S. 34.
- Wolfgang Schmidt: Thomsen (bis 1888 und seit 1921 auch Lieth-Thomsen, von der), Hermann (Christian Johannes). In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 26. Duncker & Humblot, Berlin 2016, ISBN 978-3-428-11207-4, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
Weblinks
- Kurzbiografie. ns-reichsministerien.de, Projekt „Beamte nationalsozialistischer Reichsministerien“.
- Zeitungsartikel über Hermann von der Lieth-Thomsen in den Historischen Pressearchiven der ZBW
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lieth-Thomsen, Hermann von der |
| ALTERNATIVNAMEN | Thomsen, Hermann Christian Johannes (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher General der Flieger im Zweiten Weltkrieg |
| GEBURTSDATUM | 10. März 1867 |
| GEBURTSORT | Flensburg |
| STERBEDATUM | 5. August 1942 |
| STERBEORT | Sylt |
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- Oberst (Preußen)
- Militärperson der Luftstreitkräfte (Deutsches Kaiserreich)
- Pionier/Ingenieur (Preußen)
- Militärtheoretiker
- Befehlshaber im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich)
- General der Flieger
- Absolvent der Preußischen Kriegsakademie
- Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse
- Ritter des Königlichen Hausordens von Hohenzollern
- Träger des Pour le Mérite (Militärorden)
- Person (Flensburg)
- Deutscher
- Preuße
- Geboren 1867
- Gestorben 1942
- Mann