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Hermann Levinger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Hermann Israel Levinger<ref>Hermann Israel Levinger, familysearch.org</ref> (* 25. August 1865 in Karlsruhe<ref name="Mahnende Stolpersteine">Mahnende Stolpersteine. In: Südkurier vom 6. April 2005</ref>; † 8. Dezember 1944 in Wiesbaden<ref name="Gegen das Vergessen">Hanspeter Walter: Gegen das Vergessen. In: Südkurier vom 9. September 2005</ref>) war von 1908 bis 1930 Oberamtmann des badischen Bezirksamts Überlingen. Levinger, ein Opfer des Nationalsozialismus, wählte zusammen mit seiner Tochter Barbara Levinger am 8. Dezember 1944 den Freitod durch Gift, nachdem er erfahren hatte, dass die Nationalsozialisten ihn und seine Tochter verschleppen und töten wollten.<ref name="Stolpersteine genehmigt">Roland Burger: Stolpersteine genehmigt. In: Südkurier vom 3. März 2005</ref>

Leben

Hermann Levinger stammte aus einer jüdischen Familie aus Karlsruhe und wurde am 25. August 1865 geboren.<ref name="Mahnende Stolpersteine"/> Er konvertierte schon während seines Jurastudiums Ende des 19. Jahrhunderts zum protestantischen Christentum.<ref name="Spuren">Tobias Engelsing: Spuren einer ausgelöschten Existenz. In: Südkurier vom 8. April 2003</ref> Von 1898 bis 1902 war er als Amtmann beim Bezirksamt in Überlingen angestellt,<ref name="Mahnende Stolpersteine"/> zwischen 1902 und 1908 arbeitete er am Bezirksamt Mannheim. 1902 heiratete er die verwitwete Maria Karolina von Bünau, geborene Staib, die Mutter des späteren Generals der Infanterie Rudolf von Bünau.<ref>Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser, 1903, S. 231</ref> Am 26. Dezember 1904 wurde die Tochter Barbara Levinger geboren. Von 1908 an war Hermann Levinger Amtsvorstand des Bezirksamts in Überlingen.<ref name="Mahnende Stolpersteine"/> Hermann Levinger war bis 1930 fast 30 Jahre lang in Überlingen tätig, seit 1924 als Landrat des Amtsbezirks Überlingen.<ref name="Tragischer Held">Sylvia Floetemeyer: Tragischer Held mit feuerrotem Haar. In: Südkurier vom 17. September 2002</ref>

Das heutige Bauamt in der Überlinger Bahnhofstraße war von 1908 bis 1930 Amts- und Wohnsitz Hermann Levingers.<ref name="Familie Levinger">Familie Levinger. In: Südkurier vom 18. November 2008</ref> Zusammen mit seiner Ehefrau Maria, der Tochter Barbara und Verwandten lebte er in der Amtswohnung im Obergeschoss des Bezirksamts.<ref name="Buchvorstellung">Die Levinger kehren zurück nach Überlingen. In: Südkurier vom 10. September 2002</ref> Hier residierte er bis zur badischen Revolution als Vorstand des großherzoglichen Bezirksamtes und danach als Landrat.<ref name="Familie Levinger"/> Hier wuchs auch Barbara Levinger auf, die in den 1920er Jahren als Schriftstellerin und Schauspielerin tätig war.<ref name="Mahnende Stolpersteine"/>

Im Jahr 1930 trat Levinger „nach einem Leben treuester Pflichterfüllung und vorbildlicher Hingabe an sein hohes Amt“ in den Ruhestand. Die Überlinger Zeitung „Seebote“ lobte die Amtsführung Levingers, der seit 1898 dem Landkreis Überlingen gedient hatte. Aus heutiger Sicht bleibend ist Levingers Verdienst um das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen. Er war es, der die Anregung 1921 gab und später den Plan unterstützte, die Funde in einem Museum auszustellen.<ref name="Spuren"/> Nach seiner Pensionierung im September 1930 zog Hermann Levinger mit seiner Familie 1930 nach Wiesbaden.<ref name="Mahnende Stolpersteine"/> Die Familie lebte zurückgezogen,<ref name="Mahnende Stolpersteine"/> man erhoffte sich aufgrund einer Heilquelle Linderung für die an Gicht erkrankte Maria Levinger.<ref name="Familie Levinger"/> Maria Levinger starb 1933 in Wiesbaden.<ref name="Mahnende Stolpersteine"/>

Nach dem Tod seiner Ehefrau kamen 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Hermann Levinger galt aufgrund der 1935 erlassenen Rassengesetze als Jude.<ref name="Mahnende Stolpersteine"/> Da seine Frau Maria christlicher Herkunft war, galt ihre gemeinsame Tochter Barbara als „Halbjüdin“.<ref name="Familie Levinger"/> Laut dem Historiker Oswald Burger, Fachmann für die Geschichte des Nationalsozialismus in Überlingen, habe sich die Familie Levinger dennoch „nicht als Juden gefühlt“ und sei schon früh zum Christentum konvertiert.<ref name="Stolpersteine">Hanspeter Walter: Stolpersteine nur symbolisch verlegt. In: Südkurier vom 11. April 2005</ref> Dies sollte sie später allerdings nicht vor der Verfolgung nach den rassistischen Gesetzen schützen.<ref name="Stolpersteine"/> Hermann Levinger musste nun erleben, wie am Bodensee sein Verdienst etwa um das Pfahlbaumuseum öffentlich negiert wurde.<ref name="Spuren"/> Es folgt die materielle Ausplünderung des Pensionärs und seiner Tochter, die nun auch ein Auftrittsverbot hatte.<ref name="Spuren"/> Schließlich wurde sie zur Zwangsarbeit herangezogen, Vater und Tochter mussten umziehen, im September 1941 wurde der Judenstern an der Kleidung Pflicht,<ref name="Spuren"/> deportiert wurden sie zunächst nicht.<ref name="Spuren"/> Im Dezember 1944 erfuhren sie von bevorstehenden Deportation ins Konzentrationslager Auschwitz,<ref>Birgit Mehl: Opfer erhielten ein Gesicht. In: Wochenblatt vom 19. Mai 2005</ref> ihre Verschleppung wurde wahrscheinlich.<ref name="Spuren"/> Um sich der unmittelbar bevorstehenden Deportation zu entziehen, nahmen beide am 8. Dezember 1944 in ihrer Wiesbadener Wohnung Gift.<ref name="Tragischer Held"/><ref name="Gegen das Vergessen"/> Hermann Levinger starb noch am selben Tag, seine Tochter am 10. Dezember.<ref name="Gegen das Vergessen"/>

Beide hatten bis an ihr Lebensende engen Kontakt zu Menschen in Überlingen.<ref name="Mahnende Stolpersteine"/> Noch im Angesicht des Todes hatten Vater und Tochter verfügt, dass sie in Überlingen ihre letzte Ruhe finden.<ref name="Steine des mahnenden Anstoßes">Roland Burger: Steine des mahnenden Anstoßes. In: Südkurier vom 1. März 2005</ref> Dieser Wunsch wurde auch erfüllt, sie wurden in Überlingen bestattet.<ref name="Aktionstag">Oswald Burger putzt in Überlingen Stolpersteine bei Aktionstag. Erinnerung an Landrat und seine Tochter. Anpolieren gegen das Vergessen. In: Südkurier, 18. November 2008.</ref>

Gedenken

Grabstätte

Auf dem Überlinger Friedhof, auf dem auch seine Frau Maria begraben wurde, erinnert heute ein Gedenkstein an der Friedhofskapelle an die Familie Levinger.<ref name="Aktionstag"/> Die Gräber der Familie werden von der Stadt als Ehrengrab gepflegt.<ref name="Stolpersteine genehmigt"/>

Literarisches Gedenken

Den Überlinger Autoren Oswald Burger und Hansjörg Straub ist es zu verdanken, dass die Levingers in einem literarischen Gedenken bewahrt werden.<ref name="Stolpersteine genehmigt"/> In ihrem dokumentarischen Band „Die Levinger. Eine Familie in Überlingen“ haben die Autoren versucht, Spuren dieser vernichteten Existenz zu rekonstruieren und das Leben des früheren Überlinger Landrats, seiner Frau Maria und der Tochter Barbara anhand der noch auffindbaren Spuren nachzuzeichnen.<ref name="Spuren"/> Auf 200 Seiten mit zahlreichen Abbildungen wird die Geschichte der Familie Levinger erzählt.<ref name="Buchvorstellung"/>

Stolpersteine

Das komplett recherchierte Buch zum Schicksal der verfolgten Familie Levinger dient als Grundlage für die Verlegung dreier so genannter „Stolpersteine“ vor dem ehemaligen Amts- und Wohnsitz Hermann Levingers. Das ehemalige Bezirksamt, das spätere Landratsamt, gehört heute zur Stadtverwaltung.<ref name="Aktionstag"/>

Die Steine wurden am 8. September 2005 verlegt und tragen an der Oberseite eine Messingtafel, auf die mit Hammer und Schlagbuchstaben die Überschrift „Hier wohnte“ und der Todestag eingetragen sind. Der Text lautet:<ref name="Mahnende Stolpersteine"/>

HIER WOHNTE / LANDRAT / HERMANN LEVINGER / Jg. 1865 / TOT / 8. Dezember 1944 - HIER WOHNTE / BARBARA LEVINGER / BARBARA LEE / Jg. 1904 / TOT / 10. Dezember 1944

Literatur

  • Oswald Burger, Hansjörg Straub: Die Levingers. Eine Familie in Überlingen. Edition Isele, Eggingen 2002, ISBN 3-86142-117-8
  • E. Kuhn: Zur Erinnerung an Bezirksamtmann und Landrat Hermann Levinger 1865-1944. In: Plattform. Zeitschrift des Vereins für Pfahlbau- und Heimatkunde e.V. Ausgabe 9/10, 2000/01, S. 127–129.

Einzelnachweise

<references />

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