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Heinrich von Coudenhove-Kalergi

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Heinrich Coudenhove-Kalergi (1895)
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Heinrich Coudenhove-Kalergi mit seiner Frau Mitsuko Aoyama (1892)

Heinrich Johann Maria Graf von Coudenhove, seit 1903 Graf von Coudenhove-Kalergi (* 12. Oktober 1859 in Wien;<ref>Schottenkirche, Taufbuch 01-54, 1859–1864, S. 37., abgerufen am 19. Oktober 2025.</ref> † 14. Mai 1906 in Ronsperg, Böhmen), war ein österreichischer Diplomat und Weltbürger. Von 1888 bis 1893 war er k. u. k. Geschäftsträger in Japan. Er ist zudem Autor der ersten wissenschaftlichen Abhandlung über den Antisemitismus.

Leben

Heinrich von Coudenhove war der älteste Sohn des österreichischen Diplomaten Franz Karl Graf von Coudenhove und der aus Polen stammenden Marie von Kalergi. Seine Großmutter war die Pianistin Maria Kalergis. Er entstammte somit väterlicherseits dem ursprünglich brabantischen Haus Coudenhove und mütterlicherseits aus dem byzantinisch-kretischen Adelsgeschlecht Kallergis. Der Familie gehörten Ländereien im Mühlviertel und Westböhmen. Nach dem Studium der Rechte und der Philosophie und anschließender Promotion führten seine Anstellungen den polyglotten Coudenhove, der 16 Sprachen, darunter auch Türkisch, Arabisch, Hebräisch und Japanisch beherrschte, nach Athen, Rio de Janeiro, Konstantinopel und Buenos Aires.

1881 schwängerte er die Pariser Schauspielerin Marie Dalmont (bürgerlicher Name Marie Domain) in Wien und verweigerte ihr die Ehe, worauf sich Marie Dalmont gemeinsam mit ihrer Freundin Alme Renneville im Juni 1882 im Schloßpark Ottensheim, auf dem Anwesen von Schloß Ottensheim und Wohnort der Coudenhoves nahe Linz, erschoss. Das uneheliche Kind von Heinrich von Coudenhove war zuvor nach Paris gebracht worden.<ref>Anno.onb.ac.at: Das interessante Blatt vom 22.6.1882. 22. Juni 1882 (onb.ac.at [abgerufen am 4. Januar 2024]).</ref>

Im Jahr 1888 wurde er als Geschäftsträger Österreich-Ungarns im Japanischen Kaiserreich akkreditiert. Während dieser Zeit beschäftigte er sich ausgiebig mit dem Buddhismus. Außerdem lernte er dort seine spätere Frau, die Kaufmannstochter Mitsuko Aoyama (1874–1941) kennen. Die Verbindung stieß zunächst auf den Widerstand des Brautvaters, schließlich heirateten die beiden aber 1892 standesamtlich und – nach Mitsukos Konversion zum Katholizismus – 1894 vor dem Erzbischof von Tokio. Noch in Japan bekam das Paar zwei Söhne: Johannes (genannt Johann) (1893–1965) und Richard (1894–1972), den späteren Begründer der Paneuropa-Bewegung.

Eine Rückkehr nach Österreich hatte Coudenhove gegenüber seiner Familie kategorisch ausgeschlossen. Als der Vater 1893 starb, hatte dieser jedoch den „ältesten Sohn meines ältesten Sohnes“ als Erben eingesetzt. Heinrich von Coudenhove quittierte daraufhin den diplomatischen Dienst, um als Vormund seines minderjährigen Sohns Johann die Verwaltung der Familiengüter zu übernehmen. Die Familie bezog das Schloss Ronsperg in Westböhmen. Dort kamen fünf weitere Kinder zur Welt, darunter die Schriftstellerin Ida Friederike Görres (1901–1971). Um an seine berühmte Großmutter zu erinnern, nahm Heinrich 1903 – mit Erlaubnis des Kaisers Franz Joseph I. – den Doppelnamen Coudenhove-Kalergi an, den die Familie seither führt.

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Das Grab von Graf Heinrich Coudenhove-Kalergi auf dem Friedhof in Poběžovice

Auf Schloss Ronsperg richtete Coudenhove-Kalergi eine umfangreiche Bibliothek zu den Bereichen Philosophie, Ethik, Religion, Mystik, Kirchen- und Religionsgeschichte ein; auch eine umfangreiche Sammlung über Judentum und Antisemitismus legte er an. Er veröffentlichte 1901 das rund 530 Seiten starke Buch Das Wesen des Antisemitismus. Laut Handbuch des Antisemitismus ist dies „wahrscheinlich die erste Abhandlung über das Phänomen Antisemitismus auf wissenschaftlicher Grundlage“. Coudenhove-Kalergi, der nach eigenen Angaben früher selbst mit antisemitischen Ideen sympathisiert hatte, demonstriert darin, dass es überhaupt keine „jüdische Rasse“ gibt, den Juden daher auch keine „Rasseeigenschaften“ unterstellt werden dürften. Auch die angebliche Schädlichkeit von „Rassenmischung“ verneinte er deutlich.<ref>Bjoern Weigel: Das Wesen des Antisemitismus (Heinrich Graf von Coudenhove-Kalergi, 1901). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 8: Nachträge und Register. De Gruyter Saur, Berlin/Boston 2015, S. 293–295.</ref>

Die Fertigstellung einer umfangreichen Studie über das Denken, die Religionen und Kulturen Europas und Asiens scheiterte an seinem frühen Tod; mit nur 46 Jahren erlag er einem Herzinfarkt.

Bibliothek

Die Bibliothek, die Heinrich von Coudenhove-Kalergi aufgebaut hatte, ist bis heute auf Schloss Ronsperg (Poběžovice) erhalten. Sie wird vom Nationalmuseum in Prag verwaltet.<ref>Petr Mašek: Príspevky k dejinám zámeckých knihoven západních Cech. In: Sborník archivních prací, Jg. 41 (1991), S. 522–530.</ref> Sie umfasst einen Bestand von gut 7000 Bänden vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, darunter viele aus dem Besitz von Friedrich Karl Reichsgraf von Nesselrode (1786–1868), seines Großvaters mütterlicherseits. Es sind zumeist Werke der Philosophie, zumal zur Ethik, der Religionsgeschichte, vor allem der jüdischen Religion und der orientalische Religionen, und der Theologie. Die Bücher dieser Bibliothek prägten die politischen Überzeugungen seines Sohnes Richard Coudenhove-Kalergi.<ref>Art. Pobezovice [Ronsperg], Schloßbibliothek. In: Petr Mašek (Bearb.): Schloßbibliotheken unter der Verwaltung des Nationalmuseums in Prag. Eine Übersicht über Sammlungen in ausgewählten Bibliotheken (= Bernhard Fabian: Handbuch deutscher historischer Buchbestände in Europa, Teil: Tschechische Republik, Band 2). Olms-Weidmann, Hildesheim 1997.</ref>

Vorfahren

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Georg Louis Baron de Coudenhove
* 1734, † 13. Juli 1786 in Aschaffenburg, Kurmainz; Burgmann, Geheimrat
 
 
 
 
Franz Ludwig Graf von Coudenhove
* 24. Januar 1783 in Bingen am Rhein, Kurmainz, † 4. Dezember 1851 in Wien, Österreich; Feldmarschallleutnant
 
 
 
 
 
Sophia Gräfin von Hatzfeldt
* 21. Januar 1747 auf Schloss Schönstein, Kurköln, † 21. Mai 1825 in Paris, Frankreich
 
 
 
Franz Karl Graf von Coudenhove<ref name="parl" />
* 19. Februar 1825 in Wien, † 16. Juni 1893 in Ottensheim, Österreich; Diplomat, Großgrundbesitzer und Politiker
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Catharina Jakobine Auguste Freiin von Löwenstern auf Löwenhof
* 24. Januar 1788 in Dorpat, Gouvernement Livland, Russisches Reich, † 24. November 1860 in Wien
 
 
 
 
 
 
 
 
Heinrich Johann Maria Graf Coudenhove-Kalergi
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Johannes (Jan) Kalergis
* 1814; † 1863; Kaufmann
 
 
 
 
 
 
 
 
Marie von Kalergi
* 5. Januar 1840 in Sankt Petersburg, Russisches Reich, † 11. März 1877 in Ronsperg, Böhmen
 
 
 
 
 
 
 
 
Friedrich Karl Reichsgraf von Nesselrode-Ehreshoven
* 1786; † 1868; General
 
 
 
Maria Kalergis geb. Reichsgräfin von Nesselrode-Ehreshoven
* 7. August 1822 in Warschau; † 22. Mai 1874 ebenda; Pianistin und Mäzenin
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Tekla Gorska z Góry h. Nałęcz
* 1793; † 1851 in Paris
 
 

Kinder

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Literatur

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Parte von Heinrich Graf von Coudenhove-Kalergi
  • William M. Johnston, The Austrian Mind. An intellectual and social history, 1848–1938. University of California Press, Berkeley CA u. a. 1972, ISBN 0-520-01701-3.
  • Bernhard Setzwein, Der böhmische Samurai, Roman, Innsbruck-Wien (Haymon) 2017

Weblinks

Einzelnachweise

<references> <ref name="genri"> Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi bei gw.geneanet.org. Abgerufen am 5. Dezember 2020. </ref> <ref name="genge"> Georg Louis Baron de Coudenhove bei gw.geneanet.org. Abgerufen am 5. Dezember 2020. </ref> <ref name="paneu"> Familie Coudenhove bei paneuropa.org. Abgerufen am 5. Dezember 2020. </ref> <ref name="parl"> Coudenhove, Franz Karl Graf bei parlament.gv.at. Abgerufen am 5. Dezember 2020. </ref> </references>

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