Zum Inhalt springen

Heinrich Mißfeldt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Missfeldt-heinrich-in-die-heimat-bd31-1921-nr10-oktober1921-s169.jpg
Heinrich Mißfeldt

Heinrich Mißfeldt, auch Missfeldt, (* 20. Dezember 1872 in Kiel; † 27. Oktober 1945 in Torgau) war ein deutscher Bildhauer und Medailleur.

Leben

Heinrich Mißfeldt wurde am 20. Dezember 1872 in Kiel geboren. Er war das erste Kind des Zieglers Detlef Wilhelm Mißfeldt (1847–1925) und seiner Ehefrau Magdalena Margarethe Elsabe (1844–1921), geb. Sinn. Er wuchs zusammen mit seinen Geschwistern Friedrich (1874–1969), dem späteren Kunstmaler, Caroline (1876–1958), Anna (1878–1969) und Max (1882–1927) am Alten Markt auf, wo seine Eltern eine Gastwirtschaft betrieben. 1888 erwarb sein Vater in Suchsdorf eine Ziegelei, die er gewinnbringend betrieb und so seinen beiden ältesten Söhnen eine künstlerische Ausbildung finanzieren konnte.<ref>Telse Wolf-Timm, Doris Tillmann: Friedrich Mißfeldt. Ein Kieler Künstler zwischen Moderne und Tradition. Heide 2012, S. 8.</ref>

Datei:Mißfeldt in seinem Atelier in Berlin-Friedenau, 1903.jpg
Mißfeldt in seinem Atelier in Berlin-Friedenau, 1903

Schon als Kinder nahmen Heinrich und Friedrich am wöchentlichen Schnitzunterricht an der Gewerbeschule in Kiel teil. Friedrich erinnerte sich später:

„Auf Holztafeln [...] wurde Kerbschnitt geübt, und mit Eifer. Mein Bruder war bald der Primus der Klasse, die Holzbearbeitung wurde ihm bald ein Stück seiner selbst. Das hatte zur Folge, dass er später in die Holzbildhauer-Werkstatt von Peter Schnoor am Königsweg als Lehrling eintrat, was Grundlage wurde zur späteren Bildhauerei.“<ref>Sonja Mißfeldt: Friedrich Missfeldt (1874 - 1969). Leben und Werk eines Schleswig-Holsteinischen Malers und Grafikers. Kiel 2009, S. 20.</ref>

Heinrich Mißfeldt beendete diese Lehre im September 1891 und ging anschließend zum Studium nach Berlin, zunächst an die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin und anschließend an die Akademie für Bildende Künste bei Gerhard Janensch, Ernst Herter und Peter Breuer. 1899 beendete er sein Studium, genoss aber als Meisterschüler von Gerhard Janensch das Privileg, im Akademiegebäude weiterhin ein Atelier nutzen zu dürfen.<ref>Dierk Puls: Heinrich Mißfeldt, ein Kieler Bildhauer. Kiel 1972, S. 37.</ref> Ab 1898 unterhielt er aber auch in Berlin-Friedenau eigene Werkräume.

Datei:Eröffnungsfeier Klaus-Groth-Brunnendenkmal am Kleinen Kiel.jpg
Eröffnungsfeier Klaus-Groth-Brunnendenkmal am Kleinen Kiel, 1912

Der künstlerische Durchbruch gelang ihm 1903 mit der Bronzeplastik Der Kugelspieler, die 1904 auf der Großen Berliner Kunstausstellung der Öffentlichkeit präsentiert wurde.<ref>Große Berliner Kunstausstellung, 1904: Heinrich Mißfeldt: Der Kugelspieler (Bronze). Universitätsbibliothek Heidelberg, 2023, abgerufen am 11. Juli 2024.</ref> Ein Abguss wurde außerdem auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis gezeigt. Die Gießerei Gladenbeck vertrieb über ihren Verkaufskatalog weitere Exemplare, die auch als erste Preise bei der Kieler Woche vergeben wurden.<ref>Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler. Band 2: Kunstleben in der Kaiserzeit 1871–1918. Heide 2016, S. 274.</ref> Ein Exemplar des Kugelspielers befindet sich seit 1911 im Bestand der Bremer Kunsthalle.<ref>Kunsthalle Bremen: Heinrich Missfeldt (*Kiel 1872 - † Torgau 1945): Kugelspieler, 1903. 2024, abgerufen am 11. Juli 2024.</ref> Bereits 1907 sorgte ein weiteres Werk des Künstlers für Aufsehen. Auf der Großen Berliner Kunstausstellung zeigte Mißfeldt eine Plastik aus Marmor mit dem Titel Abschied.<ref>Große Berliner Kunstausstellung 1907: Heinrich Mißfeldt: Abschied (Marmor). Universitätsbibliothek Heidelberg, 2023, abgerufen am 12. Juli 2024.</ref> Dargestellt ist eine halbnackte Frauenfigur, deren Unterleib durch ein Tuch nur ansatzweise verhüllt ist. Kaiser Wilhelm II. erwarb die Skulptur für seine Frau Auguste Victoria,<ref>Norddeutsche Allgemeine Zeitung: Aus Berlin (29. August 1907). Deutsches Zeitungsportal, 2024, abgerufen am 16. Juli 2024.</ref> die es im Stadtschloss in Wiesbaden aufstellen ließ.<ref>Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler. Band 2: Kunstleben in der Kaiserzeit 1871–1918. Heide 2016, S. 278.</ref>

Im Jahr zuvor hatte er bereits Bertha Meyer (* 1867), die Tochter des niederdeutschen Dichters Johann Meyer geheiratet, für dessen Heimatstadt Wilster er 1909 das Denkmal des Dichters entwarf.<ref>Kölnische Zeitung: Kleine Mitteilungen (8. Januar 1909). Deutsches Zeitungsportal, 2024, abgerufen am 16. Juli 2024.</ref> 1912 kam als einziges Kind der Sohn Johann Detlef (1912–1976) zur Welt.<ref>Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler. Band 2: Kunstleben in der Kaiserzeit 1871–1918. Heide 2016, S. 292.</ref> Im selben Jahr wurde auch das Hauptwerk des Künstlers,<ref>Ute Beyer-Beckmann: Das Bronze-Standbild für Klaus Groth am Kleinen Kiel. Kiel 2002, S. 170.</ref> der Brunnen für den Dichter Klaus Groth im Ratsdienergarten am Kleinen Kiel, fertiggestellt und feierlich der Öffentlichkeit übergeben.<ref>Berliner Tageblatt: Der Klaus-Groth-Brunnen (27. September 1912). Deutsches Zeitungsportal, 2024, abgerufen am 17. Juli 2024.</ref> An der Enthüllungsfeier nahmen auch Prinz Heinrich und seine Frau Irene teil, die direkt mit dem Auto von der Einweihungsfeier der Holtenauer Hochbrücke kamen.

Der Erste Weltkrieg und die Jahre der Weimarer Republik brachten auch für Heinrich Mißfeldt tiefgreifende Veränderungen und Entbehrungen mit sich. Das bürgerliche Publikum konnte kaum noch Arbeiten des Künstlers kaufen und für große öffentliche Aufträge wurden seine Entwürfe nicht mehr ausgewählt. Er verlegte sich auf die künstlerische Gestaltung von Kriegerdenkmälern,<ref>Wort und Bild: Beilage zum Bünder Tageblatt: Zum Gedächtnis für unsere Gefallenen (10. August 1924). Deutsches Zeitungsportal, 2024, abgerufen am 18. Juli 2024.</ref> von denen noch heute viele im norddeutschen Raum auf Friedhöfen existieren (u. a. Husum, Garding, Kappeln, Bad Segeberg und Bad Bramstedt).

Datei:Grab Johann Meyer Detail msu2017-9902.jpg
Grab von Johann Meyer auf dem Kieler Südfriedhof

Außerdem intensivierte er die Zusammenarbeit mit der Berliner Münze, für die er ab 1925 mehr als 50 Medaillen entwarf, darunter waren Abbilder vieler historischer Persönlichkeiten.

In der Zeit des Nationalsozialismus war Mißfeldt Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Er schuf u. a. Werke mit Abbildungen von Repräsentanten des NS-Staats, darunter die Büste von Adolf Hitler, die in der Brandenburghalle des Schöneberger Rathauses aufgestellt wurde. Von dieser wurden über 1200 Abgüsse angefertigt, die in weiteren Rathäusern in ganz Deutschland aufgestellt wurden.<ref>Dierk Puls: Heinrich Mißfeldt, ein Kieler Bildhauer. Kiel 1972, S. 46.</ref>

Das Adressbuch verzeichnete Hähnel 1934 in der Friedenauer Hähnelstraße 1. Am 30. Januar 1944 wurden die Wohnung und das Atelier des Künstlers bei einem Bombenangriff auf Berlin völlig zerstört. Das Ehepaar Mißfeldt zog zu einer Cousine nach Torgau. Als sich dort am 25. April 1945 sowjetische und amerikanische Truppen an der Elbe trafen, wurde die Bevölkerung evakuiert und in Baracken untergebracht. Das Ehepaar verlor sämtliche Habe und die Entbehrungen führten dazu, dass Heinrich Mißeldt im Alter von 73 Jahren am 27. Oktober 1945 verstarb.<ref>Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler. Band 2: Kunstleben in der Kaiserzeit 1871–1918. Heide 2016, S. 289.</ref>

Werk

Zu Lebzeiten war Heinrich Mißfeldt bekannt für seine Skulpturen, die den künstlerischen Vorstellungen des Neoklassizismus entsprachen, wie sie idealtypisch in seinem Werk Der Kugelspieler von 1903 verkörpert sind. Ulrich Schulte-Wülwer schreibt über das Schaffen des Künstlers:

„Neben der Grabmalsplastik legte Mißfeldt seine Hoffnungen auf erotische Kleinbronzen. Zahlreiche Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts setzten auf diese Karte [...]. Sich bewegende, kauernde oder liegende weibliche Akte boten die Möglichkeit zu vielfältigen Posen, die in der prüden Kaiserzeit im freien Verkauf als „Ladenbronzen“ guten Absatz fanden und Einzug in Foyers und Herrenzimmer hielten.“<ref>Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler. Band 2: Kunstleben in der Kaiserzeit 1871–1918. Heide 2016, S. 271.</ref>

Die Widersprüchlichkeit der Kunstpolitik im Kaiserreich zeigt sich auch darin, dass diese „erotischen Kleinplastiken“ für staatliche Sammlungen aufgekauft wurden, aber trotzdem konfisziert werden konnten. Im Vorwärts vom 28. Dezember 1913 heißt es:

„Die Galerie der konfiszierten Künstlerwerke ist abermals gewachsen. Diesmal hat der Staatsanwalt sich auf die Wiedergabe von Werken des Bildhauers Heinrich Mißfeldt gestürzt. Ein Kauerndes Mädchen und ein Spiegel der Muse mussten daran glauben. Das erste Werk wurde seinerzeit von der preußischen Landeskunstkommission staatlich angekauft, von dem anderen, einer Bronze, erwarb Prinz Heinrich von Preußen ein Exemplar. Keiner von beiden wird dem Staatsanwalt, der Unzüchtigkeit wittert, wo der Künstler Schönheit empfand, für seine Auffassung ein Haar krümmen.“<ref>Vorwärts: Notizen. Berlin 28. Dezember 1913, S. 6.</ref>

Diese Plastiken von Heinrich Mißfeldt werden immer noch vereinzelt im Kunsthandel angeboten. Für die breitere Öffentlichkeit wahrnehmbar sind die unzähligen Kriegerdenkmäler und die zwei erhaltenen Brunnenanlagen. Es sind dies der Klaus-Groth-Brunnen in Kiel und der Brunnen für Fritz Reuter in Berlin-Neukölln. Der Fritz-Reuter-Brunnen wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, 1949 völlig verändert wieder aufgestellt und 1992 auf Grundlage des 1914 erstellten Brunnens wiederhergestellt.

Werke (Auswahl)

Galerie

Sicher belegte Teilnahme an Ausstellungen in der Zeit des Nationalsozialismus

Literatur

  • Studio Talk: Heinrich Mißfeldt. Design for Monument. In: The Studio: An Illustrated Magazine of Fine and Applied Art, Bd. 191, Februar 1909, S. 72. (doi:10.11588/diglit.20966#0094)
  • G. Kühn: Heinrich Mißfeldt. In: Die Heimat. Bd. 31 (1921), Nr. 10, Oktober 1921, S. 169–175 (Digitalisat).
  • Mißfeldt, Heinrich. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 24: Mandere–Möhl. E. A. Seemann, Leipzig 1930, S. Vorlage:VonBis (Textarchiv – Internet Archive).
  • Dierk Puls: Heinrich Mißfeldt, ein Kieler Bildhauer. In: Nordelbingen, Bd. 41 (1972), S. 37–47.
  • Peter Bloch, Sibylle Einholz, Jutta von Simson (Hrsg.): Ethos und Pathos. Die Berliner Bildhauerschule 1786–1914.
    1. Band: Ausstellungskatalog. Gebr. Mann, Berlin 1990, S. 198–191, Biografie und Kat. Nr. 158 (Kugelspieler, 1903), ISBN 3-7861-1597-4.
    2. Band: Beiträge mit Kurzbiographien Berliner Bildhauer. Gebr. Mann, Berlin 1990, S. 138, 521f., Kurzbiografie Nr. 297 und Abb. Kaiser Friedrich III., Hohenzollernpark in Schenefeld, ISBN 3-7861-1598-2.
  • Ute Beyer-Beckmann: Das Bronze-Standbild für Klaus Groth am Kleinen Kiel. In: Denkmäler in Kiel und Posen, hrsg. von Rudolf Jaworski, Witold Molik, Kiel 2002, S. 165–179, ISBN 3-933598-41-9.
  • Sonja Mißfeldt: Friedrich Missfeldt (1874 - 1969). Leben und Werk eines Schleswig-Holsteinischen Malers und Grafikers. Kiel 2009, S. 20, ISBN 978-3-86935-006-6.
  • Telse Wolf-Timm, Doris Tillmann: Friedrich Mißfeldt. Ein Kieler Künstler zwischen Moderne und Tradition. Heide 2012, S. 8, 11, 40, ISBN 978-3-8042-1364-7.
  • Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler. Band 2: Kunstleben in der Kaiserzeit 1871–1918. Heide 2016, S. 266–292, ISBN 978-3-8042-1442-2.

Weblinks

Commons: Heinrich Mißfeldt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein