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Harnglas

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Datei:Al-RaziInGerardusCremonensis1250.JPG
Mittelalterliche Darstellung eines Arztes mit Uringlas
Datei:Matula 1550.jpg
Matula ca. 1550, Reproduktion (Dialysemuseum Fürth)

Das Harnglas oder Uringlas ist ein historisches Harnprobengefäß aus Glas für die Harnschau und gehörte jahrhundertelang (wie auch der Äskulapstab) zu den Symbolen ärztlicher Tätigkeit und Wiedererkennungszeichen des ärztlichen Berufs.

Diese Beschaugläser wurden Matula (lateinisch auch für „Topf“, „Waschgeschirr“ und „Nachtgeschirr“) genannt. Andere Bezeichnungen sind Harnschauglas oder Urinal (von lateinisch urina „Harn“), auch Matella (deutsch: kleiner Topf, Gefäß, Nachttopf, Urintopf), Matracium (nach Ludwig August Kraus Gefäß für Flüssigkeiten; von arabisch مطرح matrah = bauchiges Glasgefäß, Kolben, Retorte), Urodochium (οὖρον, oûron = Harn; δοχεῖον docheîon = Gefäß, Behälter, Aufnahmegefäß) oder Uroscopium (σκοπεῖν, skopeîn = schauen; -ium = lateinische Endung für ein Gerät oder Instrument).<ref>Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 596 und 1078 f. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.</ref>

Das Uringlas ist ein rundkolben- bis birnenförmiges Glasgefäß mit trichterförmiger Öffnung. Es ähnelt einem bauchigen Kutscherglas mit weiterem Hals. Manche Exemplare hatten einen flachen Boden zum Hinstellen, die meisten jedoch einen gewölbten Boden und bedurften eines Stützbehälters (Harnglaskorb – meist ein geflochtener Korb – oder ein Holzgestell)<ref>Karl Sudhoff: Harnglas und Harnglaskorb. Etwas aus dem ABC der medizinischen Realienkunde des Mittelalters. In: Sudhoffs Archiv. Band 17, 1925, S. 292–298.</ref> zur Vermeidung des Umkippens. Für manche Untersuchungen wurde ein Schneckentropfaufsatz aufgesteckt, der es erlaubte, nur tropfenweise Mengen zu entnehmen.

Der in diesem Gefäß gesammelte Morgenurin wurde zum Harn(be)schauer gebracht. Das war ein Arzt oder ein anderer Medizinkundiger. Diese Uroskopen (altgriechisch οὖρον, oûron = Harn und σκοπεῖν, skopeîn = betrachten, prüfen, beobachten) gelten heute als Vorläufer der Urologen. Sie überprüften die Proben entsprechend der Humoralpathologie auf Dichte, Farbe, Geruch, Geschmack und Sediment (lateinisch contenta „Inhaltsstoffe“).

Das so ermittelte Mischungsverhältnis der Körpersäfte erlaubte Rückschlüsse auf den medizinischen Befund. Dieser Befund wurde zusammen mit anderen medizinischen Daten des Patienten bewertet und in die Urinkarte eingetragen.

Die Matula als Statussymbol oder Standessymbol des (gelehrten) Arztes<ref>Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. Darmstadt 1982, S. 19–20.</ref> und Symbol<ref>Carl Gustav Jung: Der Mensch und seine Symbole. 1968.</ref> für eine seinerzeit als universell (für fast alle Krankheiten) und unfehlbar betrachtete Diagnosemethode findet sich auch heute noch in den Zeichen verschiedener urologischer Gesellschaften, z. B. der Deutschen Gesellschaft für Urologie,<ref>Deutsche Gesellschaft für Urologie.</ref> des Berufsverbandes der deutschen Urologie und der Amerikanischen Gesellschaft für Urologie.<ref>American Urological Association, AUA.</ref>

Bei mittelalterlichen Abbildungen und Plastiken ist das Harnglas oft Attribut für den Arzt.<ref>Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 239.</ref> Insbesondere in alten gedruckten medizinischen Lehrbüchern finden sich handgemalte Illustrationen, welche den Arzt mit dem Harnglas in der Hand darstellen.<ref>Vgl. auch Peter Murray Jones: Heilkunst des Mittelaltes in illustrierten Handschriften. Stuttgart 1999, insbesondere S. 43–49.</ref> Ein Beispiel ist das 1472 in Mantua herausgegebenen Werk des Pietro d’Abano.<ref>Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. Mit einer Einführung von Carl Erich Alken. G-I-T Verlag Ernst Giebler, Darmstadt 1982, ISBN 3-921956-24-2, S. 46.</ref>

Faith Wallis beschrieb 2000 Form und Beschaffenheit der früher gebrauchten Gefäße zur Urinbetrachtung. In alten Handschriften hieß es: „matula vitrea clara“ und „colligatur in uase uitreo albo et claro et rotundo in fundo“ (wörtlich: soll in einem hellen, durchsichtigen Glasgefäß mit rundem Boden gesammelt werden).<ref>Faith Wallis: Inventing Diagnosis: Theophilus’ De urinis in the Classroom. In: Dynamis – Acta Hispánica ad Medicinae Scientiarumque Historiam Illustrandam. Band 20, 2000, S. 31–73.</ref>

Bei einigen Autoren des Mittelalters (Johannes Actuarius) und der Frühen Neuzeit findet sich das Uringlas als Analogon zum menschlichen Körper. Beruhend auf einer „uroskopischen Repräsentationstheorie“<ref>Hans Christoffel: Grundzüge der Uroskopie. In: Gesnerus. Band 10, 1953, S. 89–122.</ref><ref>Ambrosius Leo Nolanus (Hrsg.): Johannes Zacharias Actuarius: De urinis libri septem. Basel 1529, S. 4; zitiert von Johanna Bleker, (Digitalisat).</ref> (Entsprechungslehre) entsprechen die sichtbaren Harnteilchen (Contenta) dann je nach ihrer Position der erkrankten Körperregion.<ref>Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 19–23 und 34–39.</ref>

Literatur

  • Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. G-I-T Verlag Ernst Giebler, Darmstadt 1982, ISBN 3-921956-24-2, passim.
  • Ortrun Riha: Konzepte: Säfte und Symbole. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaft. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 6–11, hier: S. 6–7.

Weblinks

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Einzelnachweise

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