Hans Linde (Soziologe)
Hans Linde (* 16. März 1913 in Jeßnitz (Anhalt); † 29. September 1993 in Karlsruhe) war ein deutscher Soziologe. Seine Arbeitsschwerpunkte lagen in der Stadt-, Regional- und Techniksoziologie. Darüber hinaus lieferte er Beiträge zur Agrarsoziologie und zur Bevölkerungswissenschaft. Von 1962 bis 1981 war er ordentlicher Professor für Soziologie an der TH bzw. Universität Karlsruhe.
Leben
Nach einem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Leipzig und Königsberg wurde Linde 1937 in Leipzig bei Hans Freyer und Hans-Jürgen Seraphim zum Dr. phil. promoviert (siehe Leipziger Schulen).<ref>Vgl. zu Lindes Dissertation und ihrer Kontextualisierung im Rahmen Leipziger Soziologie: Carsten Klingemann: Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik. In: Jahrbuch für Soziologiegeschichte 2020, Springer VS, Wiesbaden 2020, S. 263–282 (hier: S. 273 ff.).
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Von 1936 bis 1938 wirkte Linde in Leipzig als Forschungsassistent am Institut für landwirtschaftliche Betriebslehre (s. Wolfgang Wilmanns). Linde war auch der Geschäftsführer der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Leipzig. Er war an empirischen Erhebungen des Reichsnährstands beteiligt.<ref name=":0">Zu Lindes Beiträgen auf dem Gebiet der Bevölkerungs- und Raumwissenschaft(en) vgl. Hinweise in: Rainer Mackensen (Hrsg.): Bevölkerungsfragen auf Abwegen der Wissenschaften. Leske + Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-2050-8; und Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): 50 Jahre ARL in Fakten. Hannover: ARL 1996, S. 196.</ref> (s. auch Reichsstelle für Raumordnung). Linde war Unterabteilungsleiter im Stabsamt des Reichsbauernführers.<ref>Carsten Klingemann: Soziologie im Dritten Reich. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1996, S. 293.</ref>
Nach Gerhard Schäfer war Hans Linde SS-Mitglied.<ref>Vgl. Gerhard Schäfer: Wider die Inszenierung des Vergessens. Hans Freyer und die Soziologie in Leipzig 1925–1945. In: Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1990, Leske+Budrich, Opladen 1990, S. 121–175 (hier: S. 158).</ref>
Von Hans Linde sind zeitgenössische Aussagen zur ländlichen Soziologie im Nationalsozialismus überliefert, die in der Soziologiegeschichtsschreibung der letzten Jahrzehnte überprüft wurden:
"Die unmittelbare Förderung der ländlichen Soziologie durch das Reich geschieht auf Grund ihrer notwendigen inneren Verzweigung nicht durch die Einrichtung großer Institute und wissenschaftlicher Apparate, sondern durch die Finanzierung von konkreten Forschungsvorhaben, deren Bearbeiter im Forschungsdienst und in der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung zusammengeschlossen sind."<ref>Hans Linde: Die ländliche Soziologie in Deutschland. In: Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik 9. Jg., 1939, S. 418. </ref>
Zwischen 1949 und 1956 war Linde Referent am niedersächsischen Amt für Landungsplanung und Statistik (Leitung: Kurt Brüning), sodann von 1957 bis 1959 als Abteilungsleiter der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund. Linde zählte in Dortmund zum Kreis der Sozialwissenschaftler um Gunther Ipsen.
1960 trat Hans Linde eine Professur für Soziologie und Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Kettwig an, er habilitierte sich 1961 für Soziologie in Münster und war von 1962 bis 1981 Lehrstuhlprofessor für Allgemeine Soziologie an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Linde war dort Gründer des Instituts für Soziologie und Mitbegründer des Interfakultativen Instituts für Regionalwissenschaft. Zum Ende des Wintersemesters 1980/81 wurde er emeritiert,<ref>KIT-Archiv 21011/887: Personalakte Prof. Dr. Hans Linde.</ref> Hans Linde war katholisch, verheiratet mit Margot Linde, geborene Ehlerding, und starb im September 1993.<ref>Todesanzeige Hans Linde, in: Badische Neueste Nachrichten vom 2. Oktober 1993.</ref>
Werk
Hans Linde kam von der Historischen Schule der deutschen Volkswirtschaftslehre her und blieb auch als Soziologe zeitlebens stark methodisch ausgerichtet: Theorie müsse mit der „Suchgrabenmethode“ gewonnen werden – insofern vertrat Linde an der Dortmunder Sozialforschungsstelle die Gegenposition zum Rechtshegelianer Johannes Chr. Papalekas („Das Material mit der Theorie provozieren!“). Lindes scheinbar paradoxe methodische Position ("soziale Sachverhältnisse") könnte als ‚materialistischer Idealismus‘ gekennzeichnet werden.
Außer seinem Ansatz zur Sachdominanz in Sozialstrukturen publizierte Linde auch zur Theorie der Öffentlichen Meinung<ref>Soziologische Aspekte der Polylogie, 1961</ref>, der Raumplanung, der Schul- und der Sportsoziologie.
Innerhalb der Akademie für Raumforschung und Landesplanung gehörte Linde dem Wissenschaftlichen Rat (1971–1974), dem Fachausschuss "Raum und Bevölkerung", dem Arbeitskreis "Soziale Entwicklung und regionale Bevölkerungsprognose" und dem Arbeitskreis "Regionale Aspekte der Bevölkerungsentwicklung unter den Bedingungen des Geburtenrückgangs" an.<ref name=":0" /> In Aufsätzen befasste sich Linde mehrfach mit dem Verhältnis der Soziologie zur Raumforschung.
Zitat
„Als soziale Sachverhältnisse im engeren Sinn seien […] alle diejenigen gesellschaftlichen Verhältnisse bezeichnet, die so durch Sachen vermittelt und in Sachen begründet sind, daß sie ohne jeden Sachzwang inexistent wären, als Sachverhältnisse im weiteren Sinn auch solche, in die Sachen in anderer Weise mit ihren verhaltensregulierenden Momenten und/oder Zwängen direkt einbezogen sind oder auf diese indirekt einwirken.“<ref>Hans Linde: Sachdominanz in Sozialstrukturen. Tübingen: Mohr 1972, S. 59 f.</ref>
Publikationen (Auswahl)
- Preußischer Landesausbau. Ein Beitrag zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft in Süd-Ostpreußen am Beispiel des Dorfes Piassutten/Kreis Ortelsburg. Leipzig: Hirzel 1939.
- Ausmaß und Ursachen der landwirtschaftlichen Arbeitseinsatzschwierigkeiten in Mitteldeutschland (Land und Provinz Sachsen). In: Berichte über Landwirtschaft 1940.
- Die ländliche Soziologie in Deutschland. In: Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik 9. Jg. (1939), Heft 6, S. 413–419.
- Die generative Form spezifischer Bevölkerungen. In: Raum und Gesellschaft: Referate und Ergebnisse. ARL, Bremen-Horn: Dorn 1950, S. 25–39.
- Generative Strukturen. In: Studium Generale, Jg. 12 (1959), Heft 6, S. 343–350.
- Persönlichkeitsbildung in der Landfamilie. In: Soziale Welt, Bd. 10 (1959), Heft 4.
- Raumforschung und Soziologie. In: ARL (Hrsg.): Raumforschung. 25 Jahre Raumforschung in Deutschland. Bremen 1960, S. 59–70.
- Die Bedeutung der deutschen Agrarstruktur für die Anfänge der industriellen Entwicklung. In: Jahrbuch für Sozialwissenschaft Bd. 13, Heft 2. Göttingen 1962, S. 179–195.
- Gunther Ipsen. Biographische Notiz und Verzeichnis der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Gunther Ipsen bis 1965. In: Harald Jürgensen (Hrsg.): Entzifferung: Bevölkerung als Gesellschaft in Raum und Zeit. Gunther Ipsen gewidmet. Göttingen 1967: Vandenhoeck & Ruprecht (Jahrbuch für Sozialwissenschaft. 18), S. 167–174.
- Die räumliche Verteilung unserer Bevölkerung als Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse. Kritik der Leitbildphilosophie unserer Raumordnungspolitik. In: Bevölkerungsverteilung und Raumordnung, ARL, Forschungs- und Sitzungsberichte Bd. 58. Hannover 1970.
- Raumbezogene und raumplanungsorientierte Konzeptionen in der Soziologie (Sozialökologie). In: Handwörterbuch der Raumforschung und Raumordnung, 2. Aufl., Hannover 1970.
- Sachdominanz in Sozialstrukturen (Tübingen 1972 [Gesellschaft & Wissenschaft Band 4]).
- Mackenroths Theorie der Generativen Strukturen aus heutiger Sicht: Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung, in: Ursachen des Geburtenrückgangs: Aussagen, Theorien und Forschungsansätze zum generativen Verhalten; Dokumentation von der Jahrestagung 1978 der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft. Stuttgart: Kohlhammer 1979, (=Band 63 Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit), S. 31–41.
- Soziologie in Leipzig 1925–1945, in: Soziologie in Deutschland und Österreich 1918–1945. Materialien zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte, hrsg. von M. Rainer Lepsius. Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1981, S. 102–130.
- Soziale Implikationen technischer Geräte, ihrer Entstehung und Verwendung. In: R. Jokisch (Hrsg.) Techniksoziologie. Frankfurt: Suhrkamp 1982.
- Theorie der säkularen Nachwuchsbeschränkung 1800 bis 2000. Forschungsberichte des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik. Bd. 8, Frankfurt/a. M. – New York 1984
- Kritische Empirie: Beiträge zur Soziologie und Bevölkerungswissenschaft 1937 – 1987. Opladen: Leske & Budrich 1988.
- Frühe Fragestellung der neuen Bevölkerungslehre, in: Rainer Mackensen, Lydia Thill-Thouet, Ulrich Stark (Hrsg.), Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungstheorie in Geschichte und Gegenwart. Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft, 21. Arbeitstagung, Frankfurt a. M. 1989, S. 192–214.
Mitgliedschaften / Ehrenämter (Auswahl)
- Ordentliches Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover (ab 1960)
- Ordentliches Mitglied der Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie, Bonn
- Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung von Landesforschung und Landesplanung (ab 1954 Österreichische Gesellschaft für Raumforschung und Raumplanung)
Literatur
- Wilma Ruth Albrecht, Planung und Perspektivität. Planungswissenschaften zwischen Objekt- und Subjektwelt. In: Fortschrittliche Wissenschaft. 12, 1984, S. 104–118.
- Linde, Hans. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 766.
- Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): 50 Jahre ARL in Fakten. Hannover: ARL 1996, S. 196–197.
- Carsten Klingemann: Soziologie im Dritten Reich. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1996, S. 291–293.
- Rainer Mackensen: Nachwuchsbeschränkung. Ansatz, Theorie und Methode bei Hans Linde. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft. Band 25, 2000, Nr. 2, S. 291–325.
- H[ans] G[eorg] Rasch, Linde, Hans. In: Wilhelm Bernsdorf, Horst Knospe (Hrsg.): Internationales Soziologenlexikon. Band 2. 2. Auflage. Enke, Stuttgart 1984, S. 495–497.
Siehe auch
Anmerkungen
<references />
Weblink
- Literatur von und über Hans Linde im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Linde, Hans |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Soziologe |
| GEBURTSDATUM | 16. März 1913 |
| GEBURTSORT | Jeßnitz (Anhalt) |
| STERBEDATUM | 29. September 1993 |
| STERBEORT | Karlsruhe |