Hans Hagemeyer
Johann Gerhard „Hans“ Hagemeyer<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 270, ISBN 3-7657-1760-6. (Nach seinem Lebenslauf hieß er „Johann Gerhard Hans Hagemeyer“, geboren 1899, vgl. BArch Potsdam NS 15/5.); bei Verweyen: „Johann (Hans) Gerhard Hagemeyer“, Theodor Verweyen: Bücherverbrennungen. Heidelberg 2000, S. 50, ISBN 3-8253-1082-5. Das Vertauschen bzw. Weglassen von Namensbestandteilen, auch die Änderung einzelner Buchstaben (y in i usw.) war nach 1945 eine gängige Praxis</ref> (* 30. März 1899 in Hemelingen; † 10. Oktober 1993 in Walsrode)<ref>Martin Weichmann: Der „Fall Erika Mann“ – Ein Theater auf dem Weg ins Dritte Reich. In: Die Gazette, Ausgabe 3 (2004), Fußnote 51.</ref> war ein deutscher Politiker und zur Zeit des Nationalsozialismus Beauftragter des NSDAP-Parteiideologen Alfred Rosenberg für Schrifttumsfragen. Als Leiter der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums (ab 1933) und Leiter im Amt „Schrifttumspflege“ (1934–43) in der Dienststelle von Rosenberg war der gelernte Kaufmann in führenden Positionen an der politischen Gleichschaltung der Literaturszene im NS-Staat beteiligt.
Da seine Dienststellen – im Unterschied zum Propagandaministerium und zur Reichsschrifttumskammer – nicht über staatliche Exekutivrechte verfügten und daher keine direkten Verbote erteilen konnten, blieben deren literaturpolitische Rahmensetzungen eingeschränkt.<ref>Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin 2000, S. 92. (Quelle: Meyers Lexikon 1936 ff., Bd. 9, 1942, S. 1248.)</ref> Auf parteiamtlicher Ebene war seine Reichsstelle hingegen die einflussreichste Kontroll- und Aufsichtsbehörde für die deutschsprachige Literatur in jener Zeit.<ref name="Koch20f">Christine Koch: Das Bibliothekswesen im Nationalsozialismus. Eine Forschungsstandanalyse. Marburg 2003, S. 20 f., ISBN 3-8288-8586-1. [1] (Das „Amt Schrifttumspflege“ klammerte Bollmus zwar in seinem Buch bewusst aus, schätzte es 1970 allerdings als „eine nicht allzu bedeutende Abteilung für das Zensurwesen“ ein, Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Stuttgart 1970, S. 104.)</ref> Ihr Hauptkonkurrent war die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK).
Am 30. Januar 1939 erhielt Hagemeyer das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP ehrenhalber.<ref>Schreiben NSDAP-Mitgliedschaftsamt an NSDAP-Ortgruppe „Braunes Haus“, 5. Oktober 1939. In: Personalakte Heinz Franke, Bundesarchiv Berlin. (Franke, geb. 1903, und Hagemeyer erhielten das Abzeichen gemeinsam).</ref> Während des Zweiten Weltkriegs war Hagemeyer Inspekteur im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) und von 1942 bis 1944 Leiter der im Amt Rosenberg neu eingerichteten antijüdischen Hauptstelle „Überstaatliche Mächte“. Gegen Kriegsende sah Rosenberg ihn zunehmend kritisch.
Weimarer Republik
Hagemeyer besuchte nach der Volksschule ein Realgymnasium. Nach dem Abitur arbeitete er drei Jahre in der Landwirtschaft und studierte anschließend an der Universität Jena die Fächer Landwirtschaft und Nationalökonomie. Er brach sein Studium 1923 ab und begann eine kaufmännische Lehre in Bremen.<ref>Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4.</ref> Nach der Lehre arbeitete er als Prokurist in der Firma seines Vaters.<ref name="Barbian270">Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 270.</ref> Zum 1. Januar 1931 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 449.205)<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/13040497</ref> und war ab Sommer 1931 Mitarbeiter in der Wirtschaftspolitischen Abteilung der NS-Reichsleitung von Otto Wagener.<ref name="Barbian270" /> 1932 wurde er Gauwirtschaftsreferent von Julius Streicher in Nürnberg.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 270; Ernst Klee verwendete nicht den Ausdruck Gauwirtschaftsreferent, sondern „Gauwirtschaftsberater“ (der NSDAP), Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Aufl., Frankfurt a. M. 2007, S. 218, ISBN 978-3-596-16048-8.</ref>
Parallel dazu arbeitete er ab Anfang 1932 als Leiter des Nachrichtenamtes in Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK) in Nürnberg; ab Mai desselben Jahres übte er die Funktion des Landesleiters des KfdK in Nordbayern-Franken aus.<ref name="Barbian270" />
Nationalsozialismus
Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums
Im Zuge der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten erteilte ihm Rosenberg im Februar 1933 den Auftrag, in Nürnberg eine „Buchberatungsstelle“ des KfdK einzurichten.<ref name="Barbian270" /> Diese konnte in der Folgezeit allerdings nur eine äußerst bescheidene Bedeutung erlangen.<ref>Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 274 und 340, ISBN 3-89667-148-0.</ref> Am 11. Mai 1933 berichtete der Fränkische Kurier, dass Hagemeyer vom KfdK zum Hauptredner bei einer Bücherverbrennung in Nürnberg bestellt worden sei und dort „die Flammen wider den unterdeutschen Geist“ besungen habe.<ref>Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 398. (Quelle: Bericht des Fränkischen Kurier vom 11. Mai 1933; zit. Wulf, 1983 c, S. 60 f.)</ref> Wenige Tage zuvor, im April 1933, war Hagemeyer in den Nürnberger Stadtrat nachgerückt, wobei er dort für die „Dezernate Theater, Verwaltungsrat Handelshochschule, Verkehrsverein“ zuständig war.<ref name="Barbian270" />
Am 16. Juni 1933 gründete Hagemeyer mit anderen Mitgliedern des KfdK – namentlich Alfred Baeumler, Hanns Johst, Hellmuth Langenbucher, Rainer Schlösser sowie Gotthard Urban – die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ (RFdS) mit Sitz in Leipzig.<ref name="Barbian270" /> Am 1. August 1933 wurde der Sitz dieser Reichsstelle, deren Ursprung auf die fachlich und regional begrenzte Nürnberger Buchberatungsstelle zurückzuführen ist, nach Berlin verlegt.<ref name="Barbian271f">Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 271 f., vgl. zu Langenbucher auch S. 280 (Anmerkung 53).</ref> Die Adresse war „Oranienburger Straße 79“.<ref>Reichspropagandaleitung der NSDAP (Hrsg.): Unser Wille und Weg. Monatsblätter der Reichspropaganda-Leitung der NSDAP. München 1934, S. 195. (Ausschließliche Erwähnung der RFdS für diese Adresse. Allerdings mit dem Hinweis, dass das RFdS „in das weltanschauliche Überwachungsamt der N.S.D.A.P. eingegliedert ist“.); Eduard Zarncke, Will Vesper: Die Neue Literatur. Ed. Avenarius Verlag 1939. (Hier wurde die Adresse für das „Amt Schrifttumspflege“ im Zusammenhang mit der „Buchspende für die deutsche Wehrmacht“ verwendet.); Rudolf Benze: Erziehung im Grossdeutschen Reich. Eine Überschau über ihre Ziele, Wege und Einrichtungen. 2. erg. Aufl., Frankfurt a. M. 1941, S. 70. (Hier wurde die Adresse für das Amt Schrifttumspflege sowie der RFdS mit dem ergänzenden Hinweis „Zeitschrift ,Bücherkunde'“ benutzt.)</ref> Hagemeyer übernahm die Leitung der RFdS; sein Stellvertreter war von 1933 bis 1936 Hellmuth Langenbucher.<ref name="Barbian271f" /> Die von der RFdS erstellten Gutachten bildeten fortan die Grundlage für die Bewertung der anderen für die NS-Literaturpolitik zuständigen Lenkungsämter.<ref name="Koch20f" /> Hagemeyers Hauptlektoren waren unter anderen Alfred Baeumler und Walter Gross für den Bereich Rassenkunde, Georg Usadel (Jugendschriften), Falk Ruttke (Bevölkerungspolitik), Hans Gänßbauer (Medizin) sowie Kurt Mayer (Sippenforschung).<ref>Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch. Berlin 2006, S. 120, ISBN 3-05-004094-7.</ref> Hauptlektoren im Bereich Germanistik waren Franz Koch<ref>Christa Hempel-Küter: Germanistik zwischen 1925 und 1955. Studien zur Welt der Wissenschaft am Beispiel von Hans Pyritz. Berlin 2000, S. 39, ISBN 3-05-003472-6.</ref> und Arthur Hübner.<ref>Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2: H–Q. De Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 814.</ref> Für die Vorgeschichte war Hans Reinerth zuständig.<ref>Achim Leube, Morten Hegewisch (Hrsg.): Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung. Heidelberg 2002, S. 343, ISBN 3-935025-08-4.</ref> In einem Schreiben an den NS-Lehrerbund (NSLB) vom 1. November 1933 bezeichnete Hagemeyer die RFdS als „eine inoffizielle Abteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“ und erklärte, dass mit dem von Wilhelm Frick geleiteten Reichsinnenministerium eine „Arbeitsgemeinschaft“ bestehe. Noch im selben Monat einigte sich die RFdS mit den Schrifttumsstellen des NSLB und der Reichsjugendführung dahingehend, dass fortan die Jugendliteratur von der RFdS einer „Begutachtung“ unterzogen werde.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 273 f und S. 296. (Quelle: BArch Potsdam NS 12/77.)</ref>
Am 17. März 1934, nachdem das Propagandaministerium vergeblich versucht hatte, die Reichsstelle für sich zu vereinnahmen, und ihr daraufhin den Geldhahn zudrehte, informierte Hagemeyer Rosenberg schriftlich, dass „wenn ich nicht bis Ende des Monats Klarheit über den Etat habe, ich die Liquidation der Reichsstelle beantragen muß“.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 274. (Quelle: BArch Potsdam NS 8/153, Bl. 135.)</ref> Am 1. April 1934 wurde die RFdS aus dem Propagandaministerium ausgegliedert und dem am 6. Juni 1934 gegründeten Amt des „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP“ (Amt Rosenberg; auch „Reichsüberwachungsamt“) unmittelbar unterstellt.<ref name="Barbian275f">Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 275 f.</ref> Neben seiner Tätigkeit als Leiter der „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ arbeitete Hagemeyer ab Mai 1934 zudem als Sachbearbeiter im Bereich „Weltanschauliche Fragen“ in der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK). Rosenberg hatte sich bereits im März 1934 erfolglos darum bemüht, die PPK in seine Dienststelle als ein Vorlektorat einzugliedern.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 280 f.</ref>
Ab 1934 veranstaltete Hagemeyers RFdS zur propagandistischen Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie und zur Profilierung gegenüber den staatlichen und parteiamtlichen Schrifttumsstellen die Bücherausstellungen „Ewiges Deutschland. Deutsches Schrifttum aus 15 Jahrhunderten“ (1934) und „Das wehrhafte Deutschland“ (1935). Ab 1936 wurden diese Ausstellungen vom „Amt Schrifttumspflege“ organisiert. Die erste trug den Titel „Das politische Deutschland“ (1936). Weitere waren: „Nürnberg, die deutsche Stadt. Von der Stadt der Reichstage zur Stadt der Reichsparteitage“ (1937), „Europas Schicksalskampf im Osten“ (1938), „Frau und Mutter – Lebensquelle des Volkes“ (1939) und „Deutsche Größe“ (1940).<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 293 f.</ref> Die Begleitbände zu den Ausstellungen erschienen zum Teil im Hoheneichen-Verlag, der ab Oktober 1938 zum „weltanschaulich-wissenschaftlichen Verlag“ ausgebaut wurde.
Ab 1935 versuchte Hagemeyer durch intensive Werbemaßnahmen mit der zentralen Schrift seiner RFdS, die bis 1944 im Bayreuther Gauverlag Bayerische Ostmark monatlich herausgegebene Rezensions-Zeitschrift Bücherkunde der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums, „alle indirekten und direkten Mittler des deutschen Schrifttums, sowie sonstwie literarisch Interessierte“ zu erreichen. Vor allem die Gau- und Kreisschrifttumsbeauftragten der Reichsstelle wurden auf dieses Ziel verpflichtet, wobei sie neben dem regionalen Aufbau des Büchereiwesens der NSDAP auch die gesamte Schrifttumsarbeit in den Gauen und Kreisen zu beobachten, koordinieren und maßgeblich zu beeinflussen hatten.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 287 und 293.</ref> Als oberste Instanz im Organisationsgefüge der parteiamtlichen Lenkungsämter im Literaturbereich wurden der RFdS sämtliche staatlichen Volksbüchereien unterstellt.<ref name="Koch20f" /> Die „Bücherkunde“ hatte im Übrigen auch eine „Schriftenreihe“ im Buchformat, verlegt im Hoheneichen-Verlag in München oder beim Engelhorn Verlag in Stuttgart.<ref>z. B. Hagemeyer: Einsamkeit und Gemeinschaft. 10 Vorträge der 5. Arbeitstagung des Amtes Schrifttumspflege beim Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP. Schriftenreihe der „Bücherkunde“, Band 6</ref>
Franz Theodor Hart, ein Mitarbeiter von Rosenberg, schrieb in der zweiten Auflage seines 1935 veröffentlichten Buchs, dass in der RFdS 400 Lektoren beschäftigt seien. Und er ergänzte: „Die Reichsstelle besitzt eine Übersicht über sämtliche deutsche Schriftsteller und Dichter, in der eine Grundlage geschaffen ist zur Verfassung der gesamten Geistesgeschichte Deutschlands, prüft das gesamte deutsche Schrifttum und hat die Kataloge für alle NS-Büchereien zusammengestellt.“<ref>Franz Theodor Hart: Alfred Rosenberg. Der Mann und sein Werk. 2. Aufl., München 1935, S. 48, DNB. (Die erste Auflage erschien im Jahre 1933.)</ref> In einem undatierten Bericht sprach Hagemeyer bereits von 600 Lektoren, wobei an einem Tag bis zu 400 Bücher und im Jahr rund 10.000 Bücher und Manuskripte geprüft werden.<ref>Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933–1945. München / Oldenbourg 2002, S. 343, ISBN 3-486-56639-3. (Quelle: Archiv Pfahlbaumuseum Unteruhldingen.)</ref> Im Allgemeinen blieb der Öffentlichkeit der Umfang der systematischen Zensur verborgen. Allerdings brüstete sich Rosenberg im Februar 1936 öffentlich damit, dass Hagemeyers Reichsstelle allein 3.000 Manuskripte aus dem Bereich der Vorgeschichte geprüft habe.<ref>Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945. München / Oldenbourg 2002, S. 343. (Quelle: Frankfurter Zeitung vom 6. Februar 1936.)</ref> 1938 betrug die Zahl der Lektoren, die – wie die Buchwissenschaftlerin Ute Schneider konstatierte – „nichts anderes als Zensoren“ waren, rund 900.<ref>Ute Schneider: Der unsichtbare Zweite. Die Berufsgeschichte des Lektors im literarischen Verlag. Göttingen 2005, S. 158, ISBN 3-89244-758-6.</ref>
„Amt Schrifttumspflege“ in der Dienststelle von Rosenberg
Nachdem im Juni 1934 Rosenbergs Amt des „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP“ gegründet worden war, übernahm Hagemeyer die Leitung der „Hauptstelle ‚Schrifttumspflege‘“ (ab dem 1. April 1936 „Amt Schrifttumspflege“; ab Ende 1941 „Hauptamt Schrifttumspflege“). Diese Hauptstelle war in der Anfangszeit mit der Organisation der „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ völlig identisch,<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 275 f.</ref> wobei die RFdS letztlich im „Amt Schrifttumspflege“ aufging.<ref>Koch sprach mit Verweis auf Thauer/Vodosek von einer „Umbenennung“ der RfdS in „Amt Schrifttumspflege“, Christine Koch: Das Bibliothekswesen im Nationalsozialismus. Eine Forschungsstandanalyse. Marburg 2003, S. 21. (Quelle: Wolfgang Thauer, Peter Vodosek: Geschichte der öffentlichen Bücherei in Deutschland. 2. erw. Aufl., Wiesbaden 1990, S. 151; Jungmichel 1974, S. 30; Schoeps 2000, S. 48.) Von dieser „Umbenennung“ schrieben auch: Adolf Spemann: Menschen und Werke. Erinnerungen eines Verlegers. München 1959, S. 311. [2], Joachim Fest: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft. München 1963, S. 463, Anmerkung 34. [3], Dietrich Strothmann: Nationalsozialistische Literaturpolitik. 2., verb. Aufl., Bonn 1963, S. 36 [4] und Doris Haneberg: Deutschsprachige Anthologien aus den Jahren 1906-1953. Voraussetzungen und Auswirkungen von nationalsozialistischer Kulturpolitik. Berlin 1988, S. 12. [5]</ref> Die aus dem KfdK und dem „Reichsverband Deutsche Bühne“ im Juni 1934 neu hervorgegangene Nationalsozialistische Kulturgemeinde (NSKG) bildete die organisatorische Basis von Rosenbergs neuer Dienststelle insgesamt.<ref>Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 325; vgl. Hans-Günther Seraphim (Hrsg.): Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40. München 1964, S. 49.</ref> Hagemeyer wurde so zugleich Leiter der Abteilung Schrifttumspflege der NSKG.<ref name="Klee218">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Aufl., Frankfurt a. M. 2007, S. 218.</ref> In der Folgezeit blieb die NSKG vor allem mit dem „Amt Kunstpflege“ und „Amt Schrifttumspflege“ in Rosenbergs Überwachungsamt eng verzahnt.<ref>Jürgen Gimmel: Die politische Organisation kulturellen Ressentiments. Der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und das bildungsbürgerliche Unbehagen an der Moderne. Berlin 2001, S. 116, ISBN 3-8258-5418-3.</ref> Im Frühjahr 1935 legte Rosenberg der Parteikanzlei den Entwurf einer Anordnung über die Abteilung Schrifttumspflege vor, aus dem hervorgeht, dass die Hauptstelle Schrifttumspflege in ein Amt umgewandelt werden soll. Die RFdS sollte sodann als das „ausführende Organ“ des neu geschaffenen Amtes tätig werden.<ref>Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Teil 1. München u. a. 1992, S. 130.</ref> Um März 1935 wurde – vermutlich in einer Entwurfsversion – mit dem Hauptamt für Erzieher des NSLB ein Übereinkommen schriftlich fixiert, dass das Amt in Hagemeyers Abteilung Schrifttumspflege das „Hauptlektorat für das gesamte pädagogische Schrifttum“ übernehmen soll.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 356 f. (Quelle: Übereinkommen zwischen dem Hauptamt für Erzieher und der Abteilung Schrifttumspflege, o. D., ca. 1935, BArch Potsdam NS 12/49.)</ref> Unklar ist, ob dieses Übereinkommen auch umgesetzt wurde. Einem im Frühjahr 1936 verfassten internen Schreiben des NSLB sind die Fragen zu entnehmen, was eigentlich „für die Annahme des angebotenen Hauptlektorats für das gesamte pädagogische Schrifttum“ spreche und wie ein „Übereinkommen“ aussehen müsse.<ref>Petra Josting: Der Jugendschrifttums-Kampf des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Hildesheim / Zürich / New York 1995, S. 11. (Quelle: BArch NS 12 /49).</ref> Im Oktober und November 1935 geriet Hagemeyer aufgrund seines „Organisationsfanatismus“ wiederholt in Konflikt mit dem Amt Kunstpflege. Walter Stang, Leiter dieses Amtes, beschwerte sich sowohl bei Rosenberg als auch bei Gotthard Urban.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 280. (Quellen: Schreiben von Stang an Rosenberg vom 17. Oktober 1935, BArch Potsdam NS 8/253, Bl. 104 f.; Schreiben von Stang an Urban vom 16. November 1935, BArch Potsdam ebd., Bl. 97–99.)</ref>
Nachdem am 1. April 1936 Hagemeyers Hauptstelle den Status eines Amtes erhalten hatte, legte am 3. Juni 1936 eine nicht genannte „Persönlichkeit“ aus dem „Stab des Führers“ (StdF) Einspruch gegen die Ernennung Hagemeyers zum Amtsleiter der Reichsleitung ein.<ref>Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Teil 1. München u. a. 1992, S. 236.</ref> Die offizielle Beförderung von Hagemeyer vom „Hauptstellenleiter“ zum „Amtsleiter“ fand auf der Grundlage einer Anordnung Adolf Hitlers erst am 9. November 1937 statt.<ref>Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 273, Anmerkung 41. (Klee schrieb hingegen, dass Hagemeyer erst 1939 Leiter des Amts Schrifttumspflege in Rosenbergs DBFU-Dienststelle wurde, Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Aufl., Frankfurt a. M. 2007, S. 218.)</ref> Schwerwiegender als Hagemeyers interne Konflikte im Amt Rosenberg waren indessen seine Probleme mit anderen NS-Institutionen, die in der Literaturpolitik tätig waren. Das gilt insbesondere für die PPK von Philipp Bouhler, die als Hauptkonkurrent von Hagemeyers Amt Schrifttumspflege in Erscheinung trat.<ref>Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 274, Anmerkung 49. (Quelle: Herbert Philipps Rothfeder: A Study of Alfred Rosenberg’s Organization for National Socialist Ideology. Diss. Michigan – USA – 1963, S. 248–267, Mikrofilm.)</ref> Eine Folge der Querelen mit der PPK war, dass die seit 1934 bestehende Zusammenarbeit mit dem NSLB und der Reichsjugendführung bei der Herausgabe des Auswahlverzeichnisses Das Buch der Jugend 1938 eingestellt wurde. Der NSLB und die Reichsjugendführung gaben seitdem ein neues Verzeichnis heraus.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 294.</ref> Am 10. Dezember 1938 empfing Martin Bormann, Stabsleiter bei Rudolf Heß, sodann den Antrag, dass der „Wasserkopf“ des „125-köpfigen Verwaltungsapparats“ der PPK aufgelöst und deren Aufgaben an das Amt Schrifttumspflege übertragen werden sollen. Denn die PPK – so unter anderen die Begründung – sei mit dem ausschließlichen Auftrag gegründete worden, lediglich „Konjunkturliteratur“ zu verhindern. Nun aber sei die PPK eine Zensurstelle für fast „das ganze wesentliche deutsche Schrifttum“ und somit ein „Konkurrenzunternehmen“ zum Amt Schrifttumspflege.<ref>Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Teil 1. München u. a. 1992, S. 447.</ref>
Im Frühjahr 1939 dehnte die PPK ihre Tätigkeit auf den Bereich der Schulbuchprüfung aus, woraufhin Hagemeyer am 23. März 1939 an Rosenberg schrieb, dass entweder er selbst von der Schulbuchprüfung entbunden werde oder aber sich die PPK nicht mehr mit diesem Bereich befassen solle.<ref>Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 345. (Quelle: BArch NS 8/247, Bl. 21.)</ref> Am 29. April 1939 sprach Philipp Bouhler, gleichsam Chef der Kanzlei des Führers, Bedenken gegenüber die verwendete Bezeichnung „Amt Schrifttumspflege der Reichsleitung der NSDAP“ aus und lehnte die von Hagemeyers Amt vorgelegten neuen Organisationsentwürfe als „unmöglich“ ab. Eine derart umfangreiche Organisation sei neben dem Hauptschulungsamt „völlig nutz- und sinnlos“.<ref>Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Teil 1. München u. a. 1992, S. 489.</ref> Hagemeyers Engagement, für die allgemeine kulturpolitische Entwicklung im NS-Staat über die parteiamtlichen Instrumente hinaus auch staatliche Befugnisse zu erhalten, schlug fehl. Die literaturpolitischen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten seiner Dienststellen blieben somit eingeschränkt: Trotz mehrfacher Bemühungen erhielt weder seine „Reichsstelle“ noch die Hauptstelle „Schrifttumspflege“ eine direkte Verbotsgewalt oder staatliche Weisungsbefugnis, so dass die diesbezüglichen Grenzen vor allem im Bereich des Zensurwesens, der Berufszulassungen, Buchpropaganda sowie der Steuerung des Buchhandels und Verlagswesens häufig für ihn spürbar wurden.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 274 und 295.</ref> Noch 1943 beklagte er den „halboffiziellen Charakter“ seines Amtes.<ref>Petra Josting: Der Jugendschrifttums-Kampf des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Hildesheim / Zürich / New York 1995, S. 11 f., ISBN 3-487-09967-5.</ref>
Etwa ab 1938 arbeitete Hagemeyer an einer umfassenden amtlichen „Juden-Bibliographie“, die im August 1939 in einer vorläufigen Ausgabe mit den Anfangsbuchstaben S bis V der Nachnamen jüdischer Autoren gedruckt wurde. Die letzte Ausgabe bis zum Buchstaben Z wurde für Ende 1939 angekündigt.<ref>Volker Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich. 2., überarb. Aufl., München 1993, S. 178, ISBN 3-406-37641-X.</ref> Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs übernahm das Amt Schrifttumspflege ab Oktober 1939 die Organisation für die jährlich im Herbst durchgeführte „Büchersammlung der NSDAP für die deutsche Wehrmacht“. Die dabei von Privathaushalten gespendeten Bücher wurden selektiert; unerwünschtes Schrifttum, an das die Polizei und andere Staatsstellen sonst nicht herangekommen wären, wurde bei diesen Aktionen ausgesondert.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 294.</ref> Bereits 1935 hatte Hagemeyers Amt der Wehrmacht einhundert Buchvorschläge für „Urlaub, Reise und Unterhaltung“ gemacht; davon 39 Titel kriegerischen Inhalts.<ref>Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. München / Oldenbourg 1999, S. 687 f., ISBN 3-486-56383-1.</ref>
Am 24. Januar 1940 verfasste Hagemeyer einen schrifttumspolitischen Plan, in dem er Rosenberg den Vorschlag unterbreitete, dass die Publikationen in drei große Aufgabengebiete zusammengefasst werden sollten: Der Bereich Kirche und Religion sollte dabei Matthes Ziegler unterstellt werden, die Sektion Forschung und Wissenschaft Alfred Baeumler und der Bereich Erziehung und Bildung ihm selbst. Andere Editoren, wie Werner Daitz und Georg Leibbrandt, hätten sich dann – wie er abschließend wünschte – zwingend an seinen Vorschlag zu halten.<ref>Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 346. (Quelle: BArch NS 8/247, Bl. 102 und 104)</ref> Im Jahre 1940 hatte Hagemeyers Amt Schrifttumspflege bereits eine beachtliche Größe erreicht: Insgesamt bestand das Amt zu diesem Zeitpunkt aus vier „Hauptstellen“ („Zentrallektorat“, „Auswertung“, „Einsatz“ und „Schrifttumsforschung“), untergliedert in insgesamt 21 „Stellen“, sowie – neben mehreren Hundert ehrenamtlichen Mitarbeitern – 27 fest angestellte Mitarbeiter. Hagemeyer direkt unterstellt waren die jeweiligen Leiter dieser Hauptstellen. Dazu gehörten Bernhard Payr (ab 1. Februar 1943 Peter von Werder) im „Zentrallektorat“, Hans-Georg Otto in der „Auswertung“, ab 1943 Wilhelm Stölting in der „Schrifttumsplanung“, Konrad Vogel in der „Auskunft“ sowie Gerhard Utikal in der Hauptstelle „Einsatz“.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 277 f.</ref> Utikal, der 1936 zum Amt Rosenberg gekommen war und 1937 Abteilungsleiter der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums wurde, leitete auch das Zentralamt des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR), das sich neben dem Amt Rosenberg sowie dem Außenpolitischen Amt der NSDAP auf der Berliner Margaretenstraße 18 befand.<ref>Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 489.</ref>
Inspektionen im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg
Mit der Konstituierung des ERR wechselte eine Reihe von Mitarbeitern des Hauptamts Schrifttumspflege ihren Tätigkeitsbereich (wobei das Hauptamt durch die Sichtung, Bearbeitung und Weiterleitung an der Arbeit des ERR beteiligt blieb). Neben Hagemeyer, der fortan als „Inspektor“ im ERR arbeitete,<ref>Nach Klee wurde Hagemeyer erst ab 1943 als „Inspektor“ tätig, Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Aufl., Frankfurt a. M. 2007, S. 218</ref> und Utikal, gehörten dazu auch Gerhard Wunder, Herbert Clausberg und Hans-Wolfgang Ebeling.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 297.</ref> Am 29. August 1940, wenige Tage nachdem Hagemeyer in seiner Position als Leiter des Amtes Schrifttumspflege die neue Dienststelle des ERR in Paris besucht hatte, berichtete er Rosenberg schriftlich, dass bereits 500 Büchereien an das Oberkommando des Heeres abgegeben wurden. Nach ihm sollte, wie er vorschlug, der Pariser Einsatzstab in eine „bleibende Dienststelle Ihres Amtes“ umgewandelt werden.<ref>Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 489. (Quelle: CDJC Dok. CXLIV-445.)</ref>
Nachdem sich Hagemeyer seit 1936 vergeblich um ein Reichstagsmandat beworben hatte, rückte er im September 1941 für den verstorbenen Abgeordneten Gotthard Urban als Mitglied des Reichstags nach.<ref name="Klee218" />
Hauptamt „Überstaatliche Mächte“ in Rosenbergs Dienststelle
Am 22. April 1942 übernahm Hagemeyer in der Nachfolge von Matthes Ziegler, der auf eigenen Wunsch seine Arbeit im Amt „Weltanschauliche Information“ beendete, sowie in der Nachfolge von August Schirmer, dessen Stelle als Leiter im Amt „Juden- und Freimaurerfragen“ aufgrund seines Fortgangs zur Wehrmacht frei wurde, die Leitung des neu geschaffenen Hauptamts „Überstaatliche Mächte beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“ in Rosenbergs Dienststelle.<ref name="Bollmus119">Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 119 und 122.</ref> Primär sollte das Amt, so die Weisung von Rosenberg, der „Aktivierung der Judenbekämpfung“ dienen.<ref name="Bollmus122f">Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 122 f. (Quelle: Hagemeyer an Ziegler, 13. Dezember 1942, National Archives Washington, EAP 99/127; AO vom 22. April 1942, EAP 99/250.)</ref>
Kurz darauf, am 18. Juni 1942, ordnete Rosenberg an, dass Hagemeyer in seiner Position als Leiter des „Hauptamtes Schrifttumspflege“ von Bernhard Payr abgelöst werden soll. Da Payr zu diesem Zeitpunkt noch bei der Wehrmacht war, fand der Wechsel erst am 1. Februar 1943 statt.<ref name="Barbian280">Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 280.</ref> Am 26. März 1943 setzte Hagemeyer einen Brief an Heinrich Himmler auf, in welchem er ihm seine vornehmlichen Interessen als Leiter des neuen Amtes mitteilte. So schrieb er, dass er seine Aufgabe vor allem im „Aufgabengebiet der Bekämpfung des Bolschewismus einschließlich der Lehren, aus denen sich der Bolschewismus entwickelt“ habe, „also des Liberalismus und Marxismus“, sehe. Zudem zählte er „die geistige und weltanschauliche Beobachtung der europäischen Erneuerungskräfte im Hinblick auf ihre Beziehung zu den Überstaatlichen Mächten“ mit zu seinen Aufgaben.<ref>Zitiert in: Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 123. (Quelle: Hagemeyer an Himmler, 26. März 1943, National Archives Washington EAP-161-b-12/93; Herbert Philipps Rothfeder: A Study of Alfred Rosenberg’s Organization for National Socialist Ideology. Diss. Michigan – USA – 1963, S. 281–286, Mikrofilm.)</ref>
Aus einem Aktenvermerk der Parteikanzlei vom 4. Juni 1943 geht hervor, dass sich Joseph Goebbels bezüglich des Aufgabengebiets „Überstaatliche Mächte“ in der Dienststelle Rosenberg bei Martin Bormann „über mangelnde Kenntnisse in der Judenfrage bei dem überwiegenden Teil der Schriftleiter“ beklagte. Goebbels teilte mit, dass er Hagemeyer für die Leitung des Aufgabengebiets „Überstaatliche Mächte“ nicht für geeignet hielt.<ref>Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Teil 1. München u. a. 1992, S. 1047, ISBN 3-486-50181-X. [6]</ref> Tatsächlich hatte Hagemeyer, als er sein neues Amt antrat, selbst kundgetan, dass er „besonders auf dem kirchenpolitischen Gebiet kein Fachmann“ sei.<ref name="Bollmus119" /> Am 13. Dezember 1943 setzte er ein Schreiben an Matthes Ziegler auf, mit dem er ihn zurückzugewinnen versuchte.<ref name="Bollmus122f" />
Am 17. März 1944 begegnete ihm Rosenberg mit scharfer Kritik an seiner Arbeit. Er erinnerte Hagemeyer daran, dass er ihm seit eineinhalb Jahren „zwei Aufgaben gestellt habe, die er durchführen solle, die erste sei die Bereitstellung von etwa 150 Kampfschriften für die Zeit nach dem Kriege und die zweite die Durchführung des antijüdischen Kongresses“.<ref>Jan Björn Potthast: Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag. Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. / New York 2002, S. 339, ISBN 3-593-37060-3. Google Books</ref> Hagemeyer wurde zudem von Kurd Kisshauer vom „Hauptamt Weltanschauliche Information“ in kontroverse Diskussionen um die Besetzung von Physik-Lehrstühlen hineingezogen. Das „Hauptamt Wissenschaft“ protestierte dagegen, prinzipiell solche Stellen nur an Gegner der Relativitätstheorie von Albert Einstein zu vergeben, weil dies der Rüstungsindustrie schaden würde, wobei ausdrücklich auf Werner Heisenberg Bezug genommen wurde.<ref>Gerd Simon unter Mitwirkung von Ulrich Schermaul und Matthias Veil: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20160401205413
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}} (PDF; 546 kB)</ref> Am 15. Juni 1944 fertigte Hagemeyer einen Bericht an. Aus diesem geht hervor, dass er ein „Gästehaus für Judengegner“ in einem kleinen Hotel in Eppenhain im Taunus eingerichtet habe und der „Internationale Antjüdische Kongreß“ in Krakau für den Sommer geplant sei. Aufgrund der Kriegsereignisse wurde Hagemeyers Projekt indessen nicht mehr realisiert.<ref>Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 123. (Quellen: Bericht Hegemeyers, 15. Juni 1944, IMG 28, S. 51 ff., 1752-PS; Max Weinreich: Hitlers Professor. New York 1946, S. 219–235.)</ref>
Anfang April 1944 nahm „Dienstleiter“ Hagemeyer als „Gast“ an der wichtigen Tagung der „Antijüdischen Aktionsstelle“ in Krummhübel unter Horst Wagner teil und hielt ein Referat, mit dem er den geplanten Kongress in Krakau vorstellte: Hagemeyer spricht über den internationalen antijüdischen Kongreß und seine Aufgaben. Er verfolge das Ziel, die europäischen Kräfte, die sich mit der Judenfrage befaßt haben, zu sammeln. Der Kongreß müsse politisch aufgezogen werden.<ref>Manfred Steinkühler, „Antijüdische Auslandsaktion“. Die Arbeitstagung der Judenreferenten der deutschen Missionen am 3. und 4. April 1944. in: Karsten Linne & Thomas Wohlleben (Hrsg.), Patient Geschichte. Für Karl Heinz Roth. 2001-Verlag, Frankfurt 1993, ISBN 3-86150-015-9; S. 256–279, hier 271 (aus Dokument: Protokoll der Tagung.) Online-Version des Protokolls siehe Art. Krummhübel. Einige weitere Teilnehmer siehe im Art. Horst Wagner (Diplomat)</ref>
Am 18. August 1944 äußerte Helmut Stellrecht, seit 1941 Leiter der Hauptstelle „Lehrplanung“ im Amt Rosenberg, dass Rosenberg nach zwei Jahren ergebnislosen Experimentierens „in einer ungewöhnlich entschiedenen Form“ konkrete Arbeitsergebnisse von Hagemeyer verlangt habe.<ref>Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 123, vgl. S. 136. (Quelle: Stellungnahme von Stellrecht zu einem Schreiben von Hagemeyer vom 4. Juli 1944, 18. August 1944, National Archives Washington EAP 99/126; Hagemeyer an Rosenberg, 4. Juli 1944, National Archives Washington EAP 99/125.)</ref> Noch am selben Tag, 18. August 1944, vermerkte die Parteikanzlei, dass Rosenberg mit Martin Bormann Kontakt bezüglich „einer eventuellen anderweitigen Verwendung“ von Hagemeyer aufgenommen habe.<ref>Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Teil 1. München u. a. 1992, S. 1047. (Vermerkt wurde auch, dass Hagemeyer einst der Leiter der „Hauptamts Schrifttum“ und „in den letzten Jahren Bearbeiter des Gebiets ‚Überstaatliche Mächte‘“ war.)</ref>
Im September 1944 wurde Hagemeyers ehemaliges „Hauptamt Schrifttumspflege“ auf der Grundlage einer Verfügung von Bormann geschlossen, während seine „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ noch bis 1945 fortbestand.<ref>Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 285 f.</ref> Im November 1944 beendete Hagemeyer seine Arbeit als Leiter des Hauptamts „Überstaatliche Mächte“.<ref name="Barbian280" /> Die letzten Kriegswochen wurde das Hauptamt „Überstaatliche Mächte“ unter der Leitung von Heinrich Härtle vom Hauptamt Wissenschaft zusammen mit vier Referenten weitergeführt.<ref>Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 145 und 301 (Anmerkung 183).</ref>
Nachkriegszeit
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden sämtliche Schriften Hagemeyers in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.<ref>Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur 1946</ref>
Ab 1976 lebte Hagemeyer in Bremen als Rentner.<ref name="Klee218" />
Literatur
- primär
- Ernst Kienast (Hrsg.): Der Großdeutsche Reichstag 1938, 4. Wahlperiode. R. v. Decker’s Verlag, G. Schenck, Ausgabe Juni 1943, Berlin
- Hans Hagemeyer (Hrsg.): Europas Schicksal im Osten. Zwölf Vorträge der 4. Reichsarbeitstagung der „Dienststelle für Schrifttumspflege“ bei dem „Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP“, und der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. Ferdinand Hirt, Breslau 1938<ref>208 Seiten</ref>
- Bernhard Payr: Europa und der Osten. Schriftenreihe der „Bücherkunde“, 7. Hoheneichen, München 1939. Mit Abb. und Karten. Hrsg. vom Reichsamtleiter Hans Hagemeyer und Reichsamtleiter Georg Leibbrandt<ref>Illustrationen Otto Schneider; Karten Oskar Ritter von Niedermayer. 2. Auflage 1943. 275 Seiten</ref>
- Bernhard Payr: Das „Amt Schrifttumspflege“. Seine Entwicklungsgeschichte und seine Organisation. Reihe: Schriften zum Staatsaufbau, 54. Vorwort Reichsamtsleiter H. Hagemeyer. Junker und Dünnhaupt, Berlin 1941
- Vierhundert Bücher für nationalsozialistische Büchereien. Zusammengestellt vom „Amt Schrifttumspflege“ beim Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP. Franz-Eher-Verlag, Zentralverlag der NSDAP, München o. J. 2. Aufl. [1938?]
- Verzeichnis jüdischer Autoren. Vorläufige Zusammenstellung des Amtes Schrifttumspflege bei dem Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP. 7 Bände, alphabetisch. Ohne Ort, ohne Jahr [Berlin, 1938/1939]. Vermerke: „Streng vertraulich“ und/oder „Nur für den Dienstgebrauch!“. Verfasser Joachim Menzel
- Joachim Menzel: Schrifttum zur Judenfrage. Eine Auswahl. Reihe: Schrifttumsbeiträge zur weltanschaulichen Schulungsarbeit, 4. Hrsg. von der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei, NSDAP, Hauptamt Schrifttumspflege. Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachfolger, München [1941]
- Hans Hagemeyer, Hrsg.: Zeitschrift Bücherkunde [der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums].<ref>Hagemeyer bis Jg. 10, 1943, H. 2; dann als Hrsg. abgelöst von Bernhard Payr</ref> Redakteure: Elisabeth Waldmann, verheiratete Gerner-Waldmann (dieser Ehename ab H. 2/1935); Günther Stöve; Payr; Wilhelm Stölting. Gauverlag Bayerische Ostmark<ref>ab 1942: „Gauverlag Bayreuth“. Quelle: Thomas Dietzel; Hans-Otto Hügel: Deutsche literarische Zeitschriften 1880–1945. Ein Repertorium. Band 1 (von 4 und Registerband). Hrsg.: Deutsches Literaturarchiv. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 9783110976717, S. 215, Nr. 480. Online lesbar</ref>
- sekundär
- Dietmar Dürr: Das Amt Rosenberg in der nationalsozialistischen Literaturpolitik. Magisterarbeit, Bonn 1994 online PDF
- Dietrich Aigner: Die Indizierung „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ im Dritten Reich. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 11, 1971, S. 933–1034
- Herbert P. Rothfelder: „Amt Schrifttumspflege“. A study in literary control. In: German Studies Review 4, 1981, S. 63–78
- Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. München, dtv 1995 (aktualisierte, überarbeitete und ergänzte Fassung: Literaturpolitik im NS-Staat. Von der „Gleichschaltung“ bis zum Ruin, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2010)
- Christine Koch: Das Bibliothekswesen im Nationalsozialismus. Eine Forschungsstandsanalyse. Marburg 2003
Einzelnachweise
<references />
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- NSDAP-Mitglied
- KfdK-Mitglied
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- Mitarbeiter im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg
- Literatur im Nationalsozialismus
- Kaufmann
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