Gruppenpolarisierung
Gruppenpolarisierung (engl. group polarization) ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie und beschreibt die Beobachtung, dass die Ansichten von Individuen nach einer Diskussion oft extremer sind als vorher. Hatte eine Gruppenmehrheit vor der Diskussion bereits eine gemeinsame Tendenz, so wird diese durch die Diskussion verstärkt.<ref name=":0">S. Moscovici, M. Zavalloni: The group as a polarizer of attitudes. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 12, Nr. 2, 1969, S. 125–135.</ref>
Der Begriff geht auf die Risk Shift-Forschung der 1960er zurück und wurde später auf verschiedene Bereiche der Entscheidungsfindung und Einstellungsbildung ausgeweitet. Erklärungsansätze verweisen unter anderem auf die Bedeutung von Selbstkategorisierung sowie auf die Wirkung persuasiver Argumente, die die bestehende Mehrheitstendenz weiter intensivieren.
Gruppenpolarisierung tritt in Kontexten wie Risikoentscheidungen, politischen Diskussionen und Online-Kommunikation auf. Sie unterscheidet sich von gesellschaftlicher Polarisierung, bei der die zunehmende Distanz zwischen verschiedenen Gruppen im Vordergrund steht.
Begriffsgeschichte
Der Begriff der Gruppenpolarisierung geht auf die sogenannten Risk Shift-Experimente („Risikoschub“) von J.A.F. Stoner (1961, 1968) zurück, die aufzeigten, dass Gruppenentscheidungen oft risikofreudiger ausfallen als Entscheidungen von Einzelpersonen.<ref name=":1">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> In den späten 1960er Jahren erweiterten die Sozialpsychologen S. Moscovici und J. Zavalloni das Phänomen auf alle Diskussionsbereiche, bis C. Fraser und Kollegen schließlich in ihrer Arbeit erstmals den Begriff Gruppenpolarisierung prägten.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Die Definition des Phänomens wurde in den 1980er Jahren von D. J. Isenberg erweitert als die Tendenz von Gruppenmitgliedern, nach einer Diskussion extremere Positionen einzunehmen als vor der Diskussion.<ref name=":2">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Diese Definition beschreibt eine sogenannte unipolare Polarisierung.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Im Gegensatz dazu beschreibt der Begriff Polarisierung im gesellschaftlichen Sinne häufig die zunehmende Spaltung zwischen verschiedenen Gruppen, etwa in Form affektiver oder ideologischer Polarisierung.<ref name=":3">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Es geht dabei also um einen Prozess, bei dem Gruppen gegeneinander polarisieren, während bei der klassischen Gruppenpolarisierung die Radikalisierung innerhalb einer einzigen Gruppe geschieht. Ein einfaches Beispiel für Gruppenpolarisierung wäre eine Gruppe von Studierenden, die ursprünglich mäßig kritisch gegenüber einem politischen Thema war und nach intensiver Diskussion plötzlich eine sehr kritische Haltung vertritt. Während gesellschaftliche Polarisierung oft durch Medien oder politische Ideologien zwischen Gruppen getrieben wird, entsteht Gruppenpolarisierung ausschließlich durch die Interaktion und Dynamik innerhalb einer einzelnen Gruppe.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Theoretische Ansätze
Modell der persuasiven Argumente
Das Modell der persuasiven Argumente erklärt Gruppenpolarisierung durch den Austausch neuer, überzeugender Argumente innerhalb einer Gruppe. Es geht davon aus, dass Gruppenmitglieder vor einer Diskussion bereits eine Grundtendenz in eine bestimmte Richtung haben. Während der Diskussion hören sie vor allem Argumente, die diese Richtung unterstützen, und gewinnen dadurch zusätzliche Gründe, ihre ursprüngliche Position stärker zu vertreten. Je mehr neue, zustimmende Argumente in der Diskussion auftreten und je überzeugender diese wahrgenommen werden, desto stärker verschiebt sich die Gruppenmeinung in Richtung der anfänglichen Tendenz.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Selbstkategorisierung, soziale Identität und sozialer Vergleich
Studien zeigen, dass Selbstkategorisierung, soziale Identität und sozialer Vergleich gemeinsam zur Entstehung von Gruppenpolarisierung beitragen. Wenn sich Personen klar einer Gruppe zuordnen, übernehmen sie typische Einstellungen und Normen dieser Gruppe.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Gleichzeitig orientieren sie sich an den wahrgenommenen Positionen anderer Mitglieder und passen ihre Haltung leicht an, um der vermuteten Gruppennorm zu entsprechen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Je stärker die Identifikation mit der Gruppe, desto stärker fällt diese Anpassung aus. Dadurch können sich gemeinsame Positionen zunehmend verstärken und in eine extremere Richtung verschieben.
Empirische Befunde
Empirische Untersuchungen zeigen, dass Gruppenpolarisierung in unterschiedlichen Kontexten auftritt, sowohl bei Risikoentscheidungen als auch bei Meinungsurteilen in politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich relevanten Situationen.<ref name=":2" /><ref name=":1" /> Experimentelle Studien lieferten Ergebnisse dafür, dass Gruppen nach Diskussionen zu politisch relevanten Themen tendenziell extremere Positionen einnehmen als einzelne Personen.<ref name=":0" /> Replizierte Befunde belegen zudem Polarisierungseffekte bei sozialen Einstellungen, etwa in Studien zu Vorurteilen oder Bewertungen sozialer Gruppen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Eine Meta-Analyse von Isenberg fasste 33 unabhängige Effektgrößen aus 21 Studien zusammen und zeigte, dass Gruppenpolarisierung in vielen verschiedenen Forschungssituationen wiederholt beobachtet wurde, auch wenn die Stärke des Effekts variiert.<ref name=":2" /> Forschung seit den 2010er Jahren weist verstärkt darauf hin, dass Gruppenpolarisierung auch in digitalen Kommunikationsräumen wie sozialen Medien auftritt. Übersichtsanalysen zeigen, dass Online-Plattformen Polarisierung verstärken können, etwa durch Algorithmen, die passende Inhalte bevorzugt anzeigen, oder durch Austausch mit fast ausschließlich Gleichgesinnten.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Experimentelle Befunde zeigen zudem, dass Personen, die ihre eigenen Urteile kritisch hinterfragen und Informationen sorgfältig abwägen, weniger anfällig für Gruppenpolarisierung sind. Dies führt nämlich dazu, dass sie sich nicht automatisch an extremere Gruppenmeinungen anpassen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Darüber hinaus beschäftigen sich Forschungen mit weiteren Einflussfaktoren auf das Phänomen, beispielsweise die Verstärkung der Gruppenpolarisierung durch das wiederholte Äußern der eigenen Meinung.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Anwendungsbereiche
Politik
Im politischen Kontext bezeichnet Gruppenpolarisierung einen innergruppigen Prozess. Nach Diskussionen mit Gleichgesinnten vertreten Mitglieder politischer Lager extremere Positionen als zuvor, insbesondere in ideologisch getriebenen Online-Gemeinschaften zu gesellschaftlichen Konflikten.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Zugleich finden kontroverse politische Gespräche meist zwischen Personen mit ähnlichen Meinungen statt, während Kontakt zu Andersdenkenden aus Sorge vor unangenehmen Debatten vermieden wird, was ideologische Abschottung verstärkt.<ref name=":3" /> Dadurch kann der klassische Polarisationsprozess innerhalb politischer Gruppen weiter beschleunigt werden.
Internet
Untersuchungen erklären, dass Online-Nutzer dazu neigen, Informationen auszuwählen, die ihren bestehenden Überzeugungen entsprechen, gegenteilige Inhalte zu ignorieren und sich in Gruppen mit ähnlichen Ansichten zusammenzuschließen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Dadurch entstehen abgeschottete Gemeinschaften, in denen sich ähnliche Meinungen gegenseitig verstärken und immer einseitiger werden. Sunstein betont, dass solche Online-„Enclaves“ extreme Ansichten fördern, weil widersprechende Argumente kaum noch vorkommen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Wenn Menschen hauptsächlich bestätigende Informationen erhalten, verengt sich ihr Blick auf komplexe Themen. Das erschwert gemeinsames Verständnis, schwächt die Qualität von Diskussionen und verstärkt gesellschaftliche Konflikte, da Ausgleich und Austausch zunehmend verloren gehen.
Siehe auch
Einzelnachweise
<references />
Literatur
- Ch. Stangor: Social Groups in Action and Interaction. Pachology Press, New York / Hove 2004, S. 202–209.
- W. Stroebe, K. Jonas, M. Hewstone: Sozialpsychologie. Eine Einführung. Springer 2002.
- H. Lamm, D. G. Myers: Group-induced polarization of attitudes and behavior. In: L. Berkowitz (Hrsg.): Advances in experimental social psychology. (Academic Press, NY). Vol. 11, 1978, S. 145–195.
- D. M. Mackie: Social identification effects in group polarization. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 50, 1986, S. 720–728.
- D. M. Mackie, J. Cooper: Group polarization: The effects of group membership. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 46, 1984, S. 575–585.