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Gottfried Reiche

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
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Porträt von Elias Gottlob Haußmann
Datei:Reiche Stich 1727 Ausschnitt.jpg
Reiches Name, Herkunft, Geburtsdatum und Titel auf einem Stich von Johann Friedrich Rosbach nach Haußmanns Porträt, 1727
Datei:Gottfried Reiche Notenblatt.JPG
Berichtigte<ref>Arnold Schering: Zu Gottfried Reiches Leben und Kunst. In: Bach-Jahrbuch. 15. Jahrgang, 1918, S. 138, Anmerkung 1: „Im Original wie im Stich stehen im 1. und 4. Viertel des 2. Taktes versehentlich Viertel statt Sechzehntel.“</ref> Abschrift des Notenblattes auf dem Porträt<ref>Noten und zwei Hörproben auf ojtrumpet.no (englisch).</ref>
Datei:BWV215.jpg
Bericht über Reiches Tod in der Chronik der Stadt Leipzig für den 6. Oktober 1734
Datei:Bwv 215 tromba 1.jpg
Bereits die Anfangstakte der von Reiche gespielten 1. Tromba des Eingangschores von BWV 215 verlangen große Höhe, Beweglichkeit auf engstem Raum und langen Atem

Johann Gottfried Reiche (* 5. Februar 1667 in Weißenfels; † 6. Oktober 1734 in Leipzig) war ein bedeutender Trompetenvirtuose des Barocks und ein Komponist zahlreicher, nur teilweise erhalten gebliebener Bläserstücke.

Leben

Als Gottfried Reiche als Sohn des Schusters Hans Reiche in Weißenfels aufwuchs, besaß diese von Handwerk und Handel geprägte Stadt bereits eine lange städtische Tradition des Trompetenspiels (Clarinblasens), in welcher der junge Musiker von etwa 1680 an<ref>1680 war Reiche 13 Jahre alt und galt damit als mündig. Siehe dazu Friedrich Gerhardt: Die Geschichte der Stadt Weißenfels a. S. Weißenfels 1907, S. 202.</ref> vermutlich von einem Mitglied der Stadtpfeiferfamilie Becker ausgebildet wurde.<ref name="biografie">{{#if:Nicole Preuß|Nicole Preuß: }}{{#if:|{{{3}}}|{{#invoke:WLink|getArticleBase}} }}. In: Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (Hrsg.): Sächsische Biografie{{#if:|Vorlage:Abrufdatum|.}}</ref><ref>Vorlage:MGG2. Danach kommt Paul Becker in Frage, der bis 1683 Meister der Weißenfelser Stadtpfeiferei war.</ref><ref>Arno Werner: Städtische und fürstliche Musikpflege in Weißenfels bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Leipzig 1911, S. 39.</ref> In dieser Zeit konnte Reiche neben der städtischen Musik auch die von Johann Philipp Krieger neu eingerichtete Hofmusik des 1680 nach Weißenfels übergesiedelten Herzogs Johann Adolf I. kennenlernen,<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}{{#ifeq: 0 | 0

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}}</ref> zu der manchmal auch städtische Musiker hinzugezogen wurden.<ref>Vorlage:MGG2</ref>

Gegen 1688 ging Reiche nach Leipzig, wo er eine Anstellung als Stadtpfeiffergeselle fand. Bereits 1691 hatte er dort ein so großes Ansehen, dass er ein Extrahonorar erhielt, „so bißhero in beyden Kirchen hiesigen Orthes sich zum Clarin oder Trompetten gebrauchen lassen“. Auch 1694, als während der Landestrauer öffentliches und privates Musizieren verboten war, bekam er gesonderte Zuwendungen, „damit er nicht außer Diensten gehen möge“.<ref>Bernhard Friedrich Richter: Stadtpfeifer und Alumnen der Thomasschule in Leipzig zu Bachs Zeit. In: Bach-Jahrbuch. 4. Jahrgang 1907, S. 32–78, hier S. 35; DOI:10.13141/bjb.v19071082.</ref> Im Jahre 1700 wurde er zum Kunstgeiger und 1706 zum Stadtpfeifer ernannt, was er bis zu seinem Lebensende blieb. Als Stadtpfeifer war er besser gestellt als vorher; denn er hatte nun freie Wohnung, erhielt ein gesondertes Wochengeld von 18 Groschen, hatte höhere Musizierrechte und konnte über die eigentlichen Aufgaben hinaus gemeinsam mit den anderen Stadtpfeifern bei vielen Gelegenheiten wie beispielsweise bei Promotionen, bei der Leipziger Messe, bei Festen in der Stadt, in Gärten und auf dem Lande auftreten und damit umfänglich hinzuverdienen.<ref>Bernhard Friedrich Richter: Stadtpfeifer und Alumnen der Thomasschule in Leipzig zu Bachs Zeit. In: Bach-Jahrbuch. 4. Jahrgang 1907, S. 32–78, hier S. 35 f.; DOI:10.13141/bjb.v19071082.</ref> Dass Reiche bereits 1713 im Beisein von Zeugen ein Testament verfasste und 1732 auf der Richterstube des Leipziger Stadtgerichts hinterlegte, lässt vermuten, dass er zu diesen Zeiten lebensgefährlich erkrankt war.<ref name="Schering">Arnold Schering: Zu Gottfried Reiches Leben und Kunst. In: Bach-Jahrbuch. 15. Jahrgang, 1918, S. 135.</ref> 1719 wurde er zum Senior Stadtmusicus ernannt.<ref name="biografie"/><ref>Beiträge zur Bachforschung. Bände 5–7, Leipzig S. 99.</ref>

Reiche war ein Freund des seit 1723 in Leipzig lebenden Johann Sebastian Bach und wirkte als Solist bei der Aufführung zahlreicher Kompositionen Bachs mit. Dessen Kurtzer; iedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music vom 23. August 1730 führt Gottfried Reiche als den Spieler der führenden 1 Trompette auf. In dieser Eingabe an den Rat der Stadt Leipzig begründete Bach, warum es unabdingbar sei, auch die Stadtpfeiffer und damit ihren Senior Reiche weiterhin für die Kirchenmusik zu verpflichten.<ref>Wortlaut der Eingabe. Abgerufen am 6. März 2015</ref> Zwar bedeutete dies, dass Reiche besonders als Trompetenspieler eingesetzt werden sollte; es bedeutete aber nicht, dass er als Trompeter galt. Dieser Titel war den zunftmäßigen Hof- und Feldtrompetern vorbehalten, die eine genauestens regulierte Ausbildung durchliefen und eine wesentlich privilegiertere Stellung einnahmen.<ref>Heiko Wegener: Trompete und Trompetenspiel zur Bach-Zeit. Oldenburg 2007 (PDF; 9,7 MB). Siehe Kapitel 5: Das gesellschaftliche Ansehen und der Wirkungsbereich der Trompete.</ref>

Datei:Drescher Magazingasse Leipzig.jpg
Die Magazingasse (1885), das frühere Stadtpfeifergässchen, in dem Reiche wohnte und tot zusammenbrach

Am 5. Oktober 1734 wurde in Leipzig im Rahmen einer festlichen Abendmusik im Beisein und zu Ehren des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs August III. unter der Leitung Johann Sebastian Bachs und der Mitwirkung Gottfried Reiches die Kantate Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen (BWV 215) aufgeführt.<ref>Arnold Schering: Zu Gottfried Reiches Leben und Kunst. In: Bach-Jahrbuch. 15. Jahrgang, 1918, S. 136 f.</ref> Reiche starb am darauffolgenden Tag. Über die näheren Umstände berichtete die Leipziger Chronik von Johann Riemer: Reiche sei „im StadtPfeiffer Gäßgen ohnweit seiner Wohnung vom Schlag gerühret [worden], daß er niedergesuncken, und todt in seine Wohnung gebracht worden. Und dieses soll daher kom̅en seÿn, weil er Tages vorhero beÿ der Königl. Musique wegen des Blasens große strapazzen gehabt, und auch der Fãckel Rauch ihm sehr beschwerlich gewesen“.<ref>Gustav Wustmann: Quellen zur Geschichte Leipzigs. Veröffentlichungen aus dem Archiv und der Bibliothek der Stadt Leipzig. Band 1., Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 436.</ref>

Gottfried Reiche starb unverheiratet und ohne Nachkommen.<ref>Philipp Spitta: Johann Sebastian Bach. Zweiter Band, Leipzig 1880, S. 70, Anmerkung 58.</ref> Erben waren seine Schwester Eva Maria, verheiratete Seyffahrt, und die sechs Kinder seines verstorbenen Bruders Johann Paul Reiche.<ref name="Schering"/><ref>Don Smithers: Bach, Reiche and the Leipzig Collegia Musica. In: Historic Brass Society Journal 2, 1990, S. 17.</ref>

Bedeutung

Datei:Leipzig Rathausturm Balkon 1712.jpg
Ein Ort des Abblasens: der Balkon am Rathausturm zu Leipzig, Ausschnitt eines Stichs von 1712

Sowohl aus Berichten von Zeitzeugen als auch aus den in Leipzig entstandenen Werken Johann Sebastian Bachs geht hervor, dass Reiche ein außerordentlich begabter Trompetenvirtuose gewesen sein muss, da die von Bach geschriebenen Trompetenstimmen oftmals höchste Anforderungen stellen. Es darf vermutet werden, dass Bach die anspruchsvollen Partien der zwischen 1723 und 1734 entstandenen Werke nur deshalb aufführen konnte, weil ihm mit Reiche ein Ausnahmemusiker zur Verfügung stand. Reiche konnte seine hohe Kunst des Trompetenspiels an seinen weitaus weniger bekannten Assistenten und Nachfolger als Spieler der 1. Trompete, Ulrich Heinrich Ruhe, weitergeben, der wahrscheinlich bereits im Dezember 1734 für die Aufführung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, das in der ersten Trompetenstimme hohe Anforderungen stellt, zur Verfügung stand.<ref>John Wallace, Alexander McGrattan: The Trumpet. Yale University Press 2011, Kapitel 6: Germany in the seventeenth and eighteenth centuries, and the trumpet writing of Handel, Telemann an Bach.</ref><ref>Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. Aktualisierte Neuausgabe. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 285.</ref>

Gottfried Reiche war über seine Bedeutung als Instrumentalist hinaus auch ein wichtiger Komponist. Seine Werke bilden neben denen von Johann Christoph Pezel (1639–1694) einen Höhepunkt in der deutschen Stadtpfeiferkunst.<ref>Gottfried Reiche in Sächsische Biografie. Abgerufen am 9. März 2015.</ref><ref>Arnold Schering: Zu Gottfried Reiches Leben und Kunst. In: Bach-Jahrbuch. 15. Jahrgang, 1918, S. 133S. 140.</ref>

Werke

Reiche schuf zahlreiche Turmmusiken, darunter nach eigenen Angaben im Jahr 1690 40 Sonaten zu fünf Stimmen. Im Selbstverlag veröffentlichte er 1696 Vier und zwantzig Neue Quatricinia mit einem Cornett und drey Trombonen vornehmlich auff das sogenannte Abblasen auff den Rathäusern und Thürmen mit Fleiß gestellet; dem Höchsten Gott zu Ehren und denen Musicis zu Nutz und Vergnügen an das Licht gegeben von Gottfried Reichen.<ref>Arnold Schering: Zu Gottfried Reiches Leben und Kunst. In: Bach-Jahrbuch. 15. Jahrgang, 1918, S. 133 f.</ref> 5 Choralbücher und 122 Abblasen=Stückgen für verschiedene Instrumente, die 1747 in einem Inventar der im Rathausturm aufbewahrten Noten verzeichnet worden sind, haben sich nicht erhalten.<ref>Gustav Wustmann: Die Leipziger Stadtmusikanten, In: Aus Leipzigs Vergangenheit, Band 1, Verlag von Fr. Wilh. Grunow, Leipzig 1885, S. 318.</ref><ref name="biografie"/><ref>Vorlage:MGG1</ref>

Die Noten, die Reiche auf dem Porträt von Elias Gottlob Haußmann in der Hand hält, könnten ein Reiche’sches Abblasen-Stück darstellen. Anderen Meinungen zufolge handelt es sich bei dieser Fanfare um eine Komposition Bachs, die dieser seinem Freund zum 60. Geburtstag gewidmet habe. Beides ist nicht zu belegen. Diese Fanfare geht hinauf bis zum 16. Naturton, dem für gute 1. Clarinbläser üblicherweise höchsten Ton. Daniel Speer führte 1697 an: [A]uch tractirens manche biß ins f (also eine Quarte höher bis zum 21. Naturton).<ref>Daniel Speer: Grund-richtiger, kurz-leicht und nöthiger, jezt wohl-vermehrter Unterricht der musicalischen Kunst, oder vierfaches musicalisches Kleeblatt: worinnen zu ersehen, wie man füglich und in kurzer Zeit 1. Choral- und Figural-Singen, 2. Das Clavier- und Generalbass tractiren, 3. Allerhand Instrumenta greiffen, und blasen lernen kan, 4. Vocaliter und instrumentaliter componiren soll lernen. Ulm 1697, S. 209; MDZ München, abgerufen am 23. Juli 2023.</ref> Ob dem Gottfried Reiche genügen konnte, ist unbekannt. Die 1. Stimmen seiner erhalten gebliebenen Werke reichen nicht so hoch hinauf.

Reiches Instrument auf Haußmanns Porträt

Das Blechblasinstrument in Reiches rechter Hand auf dem Haußmannschen Porträt könnte eine Tromba da caccia beziehungsweise ein Corno da caccia sein. Das zunächst zylindrisch erscheinende Rohr weitet sich merklich konisch erst zum Trichter hin. Deshalb ist strittig, ob dieses Instrument als Trompete oder als Horn zu gelten hat. Wird es wie von Reiche mit einem Trompetenmundstück geblasen, lässt sich eine große Beweglichkeit und Höhe wie bei einer Clarine erzeugen, so wie es die Noten in Reiches linker Hand und Partien in einigen Werken Johann Sebastian Bachs verlangen.<ref>Ludwig Güttler: Wiedererweckung eines Instruments. Abgerufen am 4. März 2015.</ref><ref>Moderner Nachbau einer Tromba da caccia bei eggerinstruments.ch.</ref><ref>Reine Dahlqvist: Gottfried Reiche's Instrument: a Problem of Classification. In: Historic Brass Society Journal. 1993, S. 174–191 (PDF; 3,57 MB).</ref><ref>Herbert Heyde: Das Instrument Gottfried Reiches. In: Das Musikinstrument, 36. Jg., Heft 11 / November 1987, S. 32–34</ref>

Johann Sebastian Bach setzte bei einigen Leipziger Kantaten bis zu Gottfried Reiches Tod sowohl eine Tromba da tirarsi (Zugtrompete) als auch ein Corno da tirarsi (Zughorn) ein, danach aber nicht mehr. Doch kein derartiges, höchstwahrscheinlich auch von Gottfried Reiche gespieltes Instrument hat die Zeit überdauert, und über das Aussehen solcher von Bach vorgeschriebenen Zug-Instrumente herrscht Unklarheit. Daher wurde mehrfach der Versuch unternommen, das Instrument des Haußmann’schen Porträts beim Nachbau mit einem Zug zu versehen, der es möglich macht, die Naturtonreihe wie bei der Zugposaune diatonisch und chromatisch aufzufüllen. Die Ergebnisse dieser Versuche bleiben allerdings fragwürdig.<ref>Olivier Picon: The Corno da tirarsi. Basel 2010. (PDF; 5,97 MB) Abgefragt am 6. März 2015.</ref><ref>Versuch von Engelbert Schmid auf der Grundlage des Instruments auf dem Porträt Abgerufen am 6. März 2015.</ref>

Literatur

  • Timothy A. Collins: Gottfried Reiche: A More Complete Biography. In: Journal of the International Trumpet Guild 15, 1991, Heft 3, S. 4–28.
  • Arnold Schering: Zu Gottfried Reiches Leben und Kunst. In: Bach-Jahrbuch. 15. Jahrgang, 1918, S. 133–140; DOI:10.13141/bjb.v19181350.
  • Don Smithers: Gottfried Reiches Ansehen und sein Einfluß auf die Musik Johann Sebastian Bachs. In: Bach-Jahrbuch 73. Jg., 1987, S. 113–150; DOI:10.13141/bjb.v19872563.
  • Don Smithers: Bach, Reiche and the Leipzig Collegia Musica. In: Historic Brass Society Journal 2, 1990, S. 1–51 (PDF).
  • Vorlage:MGG2

Weblinks

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Einzelnachweise

<references />

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