Mönchengladbacher Münster
Das Mönchengladbacher Münster St. Vitus ist eine römisch-katholische Kirche in Mönchengladbach. Von 974 bis zum Jahr 1802 war das Münster die Abteikirche der Benediktinerabtei Gladbach. Heute ist sie die Pfarrkirche des Pastoralen Raums Mönchengladbach Mitte-Nordost im Bistum Aachen. 1974 wurde die Kirche von Papst Paul VI. anlässlich des 84. Deutschen Katholikentages in Mönchengladbach und der 1000-Jahr-Feier der Abteigründung zur päpstlichen Basilica minor erhoben.
Geschichte der Abtei
Gründung
Erzbischof Gero von Köln gründete nach seiner Rückkehr aus Konstantinopel, wahrscheinlich um 974, auf dem Gladbacher Hügel eine Abtei. Er stellte sie unter den Schutz des Heiligen Geistes, der Gottesmutter Maria sowie des Märtyrers Vitus. Dies geschah in einer Zeit, in der sich das Mönchtum nach der Teilung des Frankenreiches Kaiser Karls des Großen wieder neu entwickelte und neue Reformbewegungen von den Abteien Gorze bei Metz und Cluny in Burgund ausstrahlten. Zum ersten Abt in Gladbach wurde Sandrad benannt, der als Mönch aus St. Maximin in Trier kam und zuvor schon in zahlreichen Klöstern als Reformator gewirkt hatte. Sandrad war eine bedeutende religiöse Gestalt seiner Zeit, die das besondere Vertrauen des Kaisers Otto I. und seiner Gemahlin Adelheid genoss.<ref name="Bange1957_6">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 6.</ref> Sandrad soll der Beichtvater der Kaiserin gewesen sein.
Die Gründungslegende geht auf eine alte Handschrift zurück, die Fundatio von etwa 1090, die heute aber im Original nicht mehr existiert. Die älteste bekannte Abschrift befindet sich in der Bibliothek der Societé des Bollandistes in Brüssel und entstand in der Abtei um 1120–1130.<ref name="BiblioBrüssel">Sermo in inventione reliquarum sanctorum Viti, Cornelii, Cypriani et aliorum in Gladebach, in: Vitae Sanctorum, Legendar des 12. Jahrhunderts aus der ehemaligen Abteibibliothek, heute Societé des Bollandistes in Brüssel.</ref> Der lateinische Text erzählt vom ersten Gladbacher Kirchenbau durch Balderich in der Zeit Karls des Großen und dessen Zerstörung zur Zeit Ottos I. durch das „ruchlose Volk der Ungarn“.<ref name="ManfredPetry_59">Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 59.</ref> Zuvor konnten jedoch vorhandene Reliquien in einem hohlen Stein versteckt werden.
Der archetypischen Legende zufolge hatte der Kölner Erzbischof Gero eine Offenbarung, die ihm aufgab ein Kloster für den heiligen Vitus auf einem bewaldeten Hügel an einem Bach zu gründen. In Begleitung des Trierer Mönchs Sandrad suchte er zunächst in Sachsen und begann in Leichlingen an der Wupper schon mit Bauvorbereitungen. Ein entweihender Zwischenfall ließ sie jedoch weitersuchen. Linksrheinisch kamen sie schließlich außerhalb des Bistums zu einem „unbewirtschafteten Berg, den dichter, schattiger Wald überzog“ und der mehrere Quellen aufwies. Von Ortsansässigen wurde ihnen von Balderich und der Kirche erzählt, von der nurmehr Ruinen zeugten. Nächtlicher Engelsgesang und der folgende Fund des hohlen Steins mit den Reliquien der Heiligen Vitus, Cornelius, Cyprianus, Chrysantus und Barbara aus der zerstörten Balderichkirche wurde als göttliches Zeichen gedeutet und der Berg für die Klostergründung gewählt.<ref>Gründungsgeschichte der Abtei Gladbach, „Auszug aus dem Brüsseler Manuskript“ auf der Seite der Pfarre St. Vitus (Zitiert nach Die Gründungsgeschichte der Abtei Gladbach, Übersetzung Manfred Petry, herausgegeben vom Stadtarchiv Mönchengladbach, Redaktion Wolfgang Löhr, Mönchengladbach 1974).</ref>
Erzbischof Gero war ein gebürtiger Sachse und St. Vitus war der Stammespatron der Sachsen sowie Patron des ottonischen Königshauses.<ref name="Pfarrestvitus"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Internetseite der Pfarre St. Vitus – Geschichte des Münsters ( vom 3. März 2014 im Internet Archive), abgerufen am 24. August 2014.</ref> Die Reliquien des hl. Vitus wurden im Jahre 836 von dem vornehmen Kloster St. Denis bei Paris, das auch die Grabstätte fränkischer Könige war, nach Corvey an der Weser übertragen. Wenn auch die Übertragung der Vitusreliquien direkt nach Gladbach nicht ausgeschlossen werden kann, so kann doch angenommen werden, dass ab 836 eine Verbindung zum hl. Vitus bestand, die niedergeschriebene Gründungsgeschichte bestätigt werden kann und die Reliquien sich bereits vor der Gründung der Abtei hier befanden.<ref name="ManfredPetry_32">Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 32.</ref>
Der Gründungsort in Gladbach hatte für Gero, der das strategisch-politische Ziel verfolgt haben mag, weiteren Einfluss über die eigenen Bistumsgrenzen hinaus zu gewinnen, auch einen Nachteil: die geistliche Zuständigkeit über das Kölner Eigenkloster lag bei dem Bischof von Lüttich.<ref name="Holtschoppen">Alexandra Holtschoppen: Zur Gründungsgeschichte des Klosters St. Vitus in Mönchengladbach. In: Uwe Ludwig, Thomas Schilp (Hrsg.): Mittelalter an Rhein und Maas. Waxmann, Münster 2004, ISBN 3-8309-1380-X, S. 80–85.</ref> Dem Kölner Erzbischof blieb aber die Schutzverpflichtung über das Kloster, sowie die Oberaufsicht über die weltliche Gerichtsbarkeit. Weiterhin gehörten die daraus fließenden Gefälle, das heißt die Erträge, Einkünfte und Abgaben zu seinem Eigentum.<ref name="ManfredPetry_34">Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 34.</ref>
Die Mönche verpflichteten sich auf die Regel des hl. Benedikt. Bei der Profess gelobten die Mönche Stabilitas loci, das heißt Bindung an ein bestimmtes Kloster, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam.
Entwicklung der Abtei
Während der Amtszeit des Kölner Erzbischofs Everger (985 bis 999), der für seinen herben Charakter berüchtigt war, fand ein Gebietstausch mit Lüttich statt: Das Erzbistum erhielt Gladbach und Rheydt, während Lüttich Tegelen, Lobberich und Venlo übertragen bekam.<ref name="ManfredPetry_37">Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 37.</ref> Everger war zuvor 986 verantwortlich für die zeitweilige Versetzung des Abts Folrad und des gesamten Konvents der Abtei Gladbach in die Abtei Groß St. Martin in Köln.<ref name="Holtschoppen" />
Die Geschichte der Abtei in den Folgejahren entsprach im Wesentlichen der anderer Benediktinerklöster. Die Blütezeit der Abtei lag im zehnten bis zum Ende des dreizehnten Jahrhunderts. Dies spiegeln die Baumaßnahmen und Erweiterungen in dieser Zeit am Münster wider. Spätestens bis 1120 wurde das Kloster Teil der Siegburger Reform.
Zum Ende des 13. Jahrhunderts setzte wie andernorts ein Niedergang des geistigen Lebens sowie ein Verfall der klösterlichen Disziplin ein. Die Gladbacher Abtei schloss sich 1511 unter Abt Ägidius von Bocholtz dem Bursfelder Reformverband an, mit dem die Abtei aus eigener Kraft wieder zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückfand.<ref name="Bange1957_9">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 9f.</ref> Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), der schwere Schäden hinterlassen hatte, war die Abtei von einem gegenreformatorischen Geist angetrieben.<ref name="Bange1957_9" />
Mit dem Frieden von Lunéville ging das Rheinland 1801 an Frankreich. Die Säkularisation in den linksrheinischen Départements 1802 bewirkte eine Verstaatlichung der Kirchengüter und bedeutete die faktische Enteignung der katholischen Kirche. Das Kloster in Gladbach wurde 1802 geschlossen und die Klostergebäude wurden verkauft. Das bewegliche Vermögen geriet in viele Hände.<ref name="Borger1958">Hugo Borger: Das Münster S. Vitus zu Mönchen-Gladbach. Diss. Essen 1958.</ref> 1803 zog eine Baumwollfabrik in die Klostergebäude ein. 1804 wurde das Münster durch Dekret des Bischofs Marcus Antonius Berdolet von Aachen der Pfarre Gladbach als „Hülfs- und Annexkapelle“ zugewiesen.<ref name="Bange1957_13">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 13.</ref>
Seit 1835 beherbergt der barocke Prälaturbau des ehemaligen Benediktinerklosters das Rathaus der Stadt Mönchengladbach.<ref name="KHSchumacher_24">Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. Erschienen in: Rheinische Kunststätten, Heft 544, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, S. 24.</ref> Die Stadt feierte 1974, in Anlehnung an die Gründung der Abtei 974, das 1000-jährige Stadtjubiläum.
Äbte von Gladbach
| Name | von | bis | Bemerkungen<ref name="Classen">Wilhelm Classen: Archidiakonat von Xanten. In: Das Erzbistum Köln, Germania sacra Abt. 3, Die Bistümer der Kirchenprovinz Köln. Berlin 1938, S. 425–429.</ref> |
|---|---|---|---|
| Sandrad | 974 | 985/6 | 981 auch Abt von Weißenburg; nach Weißenburger Tradition war er Bischof; † 24. August 985 oder 986 |
| Meginhard I. | 981 | 984 | Vertreter des Sandrads während dessen Vertreibung aus Gladbach; im Abtskatalog nicht erwähnt |
| Folrad | 985/986 | vor 999 | Nachfolger Sandrads; † 26. April |
| Obert | um 1000 | † 4. Juli vor 1060 (Xantener Nekrolog) | |
| Folbert | 1001 | 1021 | † 14. April 1021; identisch mit Abt Folbert von Deutz |
| Arabo | um 1024 | ||
| Heinrich (Hemerich) | 1052 | 1066 | |
| Meginhard II. | 1066 | nach 1090 | |
| Adalbero | um 1090 | um 1100 | |
| Christian | um 1100 | um 1129 | |
| Walter I. | um 1129 | vor 1144 | |
| Everwin | um 1144 | um 1158 | |
| Rupert | um 1158 | 1183 | |
| Walter II. | 1183 | vor 1197 | |
| Hermann I. | um 1197 | um 1210 | |
| Gerhard | um 1215 | um 1240 | † 29. November vor 1240 |
| Hermann II. | vor 1241 | 1256 | |
| Dietrich (Theodericus) | um 1256 | um 1301 | Zerrüttung der wirtschaftlichen Grundlagen des Klosters; wurde vom Erzbischof Wigbold abgesetzt. |
| Wilhelm von Helpenstein | vor 1304 | 1334 | |
| Wilhelm von Oranien | 1334 | 1366 | Sohn des Ritters Wilhelm von Oranien |
| Giselbert von Welz | 1366 | 1398 | |
| Johann von Troisdorf | 1398 | 1418 | |
| Wilhelm von Jülich (Administrator) | 1418 | 1424 | Ab 1424 Abt von St. Pantaleon Köln |
| Wilhelm Rover von Wevelinghoven I. | 1424 | 1450 | |
| Wilhelm Rover von Wevelinghoven II. | 1450 | 1492 | |
| Johann von Epsendorf | 1492 | 1505 | |
| Aegidius von Bocholtz | 1505 | 1538 | |
| Peter von Bocholtz | 1538 | 1573 | Hatte Ansehen innerhalb der Bursfelder Kongregation |
| Jacob Hecken | 1574 | 1583 | |
| Vitus Ulricus | 1583 | 1587 | |
| Antonius Odendahl | 1587 | 1592 | |
| Theodor Hülsen | 1592 | 1600 | |
| Arnold von Hückelhoven | 1601 | 1619 | |
| Heinrich Gormans | 1619 | 1635 | |
| Petrus Sybenius | 1635 | 1658 | |
| Bruno Karmanns | 1658 | 1680 | |
| Ambrosius Steingens | 1680 | 1703 | 1685–1703 Präsident der Bursfelder Kongregation |
| Petrus Knor | 1703 | 1725 | |
| Servatius van den Berg | 1725 | 1750 | 1728–1750 Präsident der Bursfelder Kongregation |
| Ambrosius Specht | 1750 | 1772 | |
| Lambertus Raves | 1772 | 1799 | |
| Maurus Ahn | 1799 | 1802 |
Baugeschichte der Kirche
Kirchenbau um 800
Die Geburtsstunde des Gladbacher Münsters lag um 800, schon weit vor seiner eigentlichen Gründung. Erste gesicherte Kenntnisse über eine Besiedlung des Abteiberges gibt ein Bericht aus dem späten 11. Jahrhundert wieder. Dieser entstand wahrscheinlich im Skriptorium, dem Schreibraum des späteren Gladbacher Klosters. In einer reich ausgeschmückten Erzählung wird ein „gewisser Balderich, Vornehmer des Reiches“ erwähnt, der bereits lange vor der Gründung der Abtei eine Kirche auf dem Hügel erbaut habe, die von den Ungarn im Jahre 954 zerstört worden sei.<ref name="BiblioBrüssel"/><ref>Clemen 1896, S. 450, gibt als alternatives Datum der Zerstörung neben 954 noch das Jahr 881 an.</ref>
Erste Klosterkirche
Grabungsfunden von 1955<ref name="Borger1958"/> zufolge handelte es sich bei der ersten Klosterkirche von 974 um ein Oratorium, einen saalartigen Raum von 10 × 31 Metern Grundfläche,<ref name=Bauverein-Chronik>Angabe in der Chronik auf der Seite des Münster-Bauvereins Mönchengladbach. Abgerufen am 23. März 2026.</ref> dem sich im Osten vermutlich eine kleine quadratische Apsis und im Westen ein schmaler, dreigeteilter Querbau mit Vorhof anschlossen. Der karolingische Kirchenbau wurde unter dem zweiten Abt Folrad (985/86–998) vollendet und sollte noch bis ins späte 12. Jahrhundert Bestand haben. Abt Heinrich schaffte um 1052 eine Kirchenglocke an, die annehmen lässt, dass zu dieser Zeit bereits ein Westturm vorhanden war.<ref name="KHSchumacher_4">Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. In: Rheinische Kunststätten, Heft 544, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, S. 4.</ref> Der Münster-Bauverein datiert ihn auf das Jahr 1000.<ref name=Bauverein-Chronik/>
Zweite Klosterkirche
Zwischen 1024 und 1067 wurde die erste Abteikirche erweitert, wobei die Lage und die Ausmaße des Baus auf eine völlige Neuplanung im Stil einer romanischen Basilika hinweisen. So gelten die neu entstandene dreischiffige Krypta und das zunächst flach gedeckte Langhaus als Baubeginn der zweiten Klosterkirche.<ref name="Bange1957_7">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 7.</ref> Die Krypta und die Außenmauern des Schiffs sind erhalten geblieben.<ref>Clemen 1896, S. 450.</ref>
Im 12. Jahrhundert entstand ein Westturm, von dem nurmehr das Untergeschoss mit dem mächtigen Portal erhalten ist, die Eingangshalle und die Empore darüber sowie die Kapelle des Abts.<ref name="Bange1957_7" />
Zu spätstaufischer Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wurde das Langhaus gotisch erweitert, der Hochchor und die Sakristei angefügt. Für die Planung und Durchführung konnte höchstwahrscheinlich der Kölner Dombaumeister Gerhard gewonnen werden. Im Gladbacher Totenbuch (Necrologium Gladbacense) heißt es zum 23. April [o. J.]: „Meister Gerhard, Steinmetz des Ganzen, ist verstorben“.<ref>Obiit magister Gerardus lapicida de summo. Clemen 1896, S. 451 (mit Bibliografie).</ref> Vergleiche der Profile und anderer Details mit denen der Kölner Domkapellen bekräftigen die Annahme.<ref>Clemen 1896, S. 451.</ref> Gerhard konnte das Bauwerk des Gladbacher Münsters zu seinen Lebzeiten wohl noch vollenden (im Gegensatz zum Kölner Dom). Albertus Magnus, der bedeutende Gelehrte, Reichsfürst und Bischof von Regensburg, gab der Kirche am 12. April 1275 die Weihe. Sein Siegel wurde im (entfernten) Altar der Sakristei gefunden, was auch dessen Vollendung zu dieser Zeit bezeugt.
Im 14. Jahrhundert sollte das Langhaus des Münsters mit einer Einwölbung seine heutige Gestalt erhalten. Zunächst wurde 1343 der oktogonale Westturm erneuert und das nördliche Treppenhaus gebaut. Beginnend bei den Seitenschiffen, vom Westwerk aus mit zwei Jochen an der Vorhalle und sechs Jochen entlang des Langhauses, schritt der Bau von Westen nach Osten bis zur geplanten Vierung voran. Doch die Einwölbung des Mittelschiffes musste auf später verschoben werden und erfolgte im Verlauf des 15. Jahrhundert. (Erhalten blieb bis zum Zweiten Weltkrieg unter dem Gewölbe ein freskierter Fries, der ursprünglich an der Dachkante entlang lief.<ref>Clemen 1896, S. 451.</ref>) Ebenso wenig konnte der nach Kölner Vorbildern geplante Dreikonchenchor realisiert werden. Auf die vorgesehene Vierung weisen heute noch die mächtigen Bündelpfeiler am Übergang von Schiff und Chorraum hin.
Im 17./18. Jahrhundert erhielt das Münster „zeitgemäß“ eine barocke Ausstattung. Nur einige Kunstwerke des mittelalterlichen Inventars, wie das Gnadenbild der Gottesmutter in der Krypta oder das Taufbecken aus dem 12. Jahrhundert, blieben von der Barockisierung des Münsterinneren ausgenommen. Der Turm erhielt unter Abt Servatius van den Berg 1749 eine geschweifte Haube, die noch bis in das späte 19. Jahrhundert Bestand hatte.
Das Münster wurde 1804 der Pfarre Gladbach zugewiesen. Unter Vincenz Statz wurde die ehemalige Abteikirche 1857–1862 restauriert. 1892 wurde die Barockhaube wieder abgebrochen und der Turm erhöht.
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Grundriss des Münsters (Vincenz Statz, 1896)
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Grundriss der Krypta (Vincenz Statz, 1896)
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Querschnitt durch den Chor (Vincenz Statz, 1896)
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Das Münster mit barock geschweifter Haube (Fotografie, um 1885)
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Münster von Südosten (Zeichnung: Friedrich Pützer, 1896)
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit
Das Münster wurde durch Bombeneinwirkungen 1943/1944 schwer beschädigt. Es brannten nicht nur die Dächer ab – die „Gewölbe der Seitenschiffe, des Chores und des Langhauses stürzten ein.“<ref name="Bange1957_60">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 60.</ref> Die Krypta wurde ebenfalls zerstört. Das Obergeschoss des Münsterturmes wurde weggerissen. Das Münster lief in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit Gefahr, dass auch die verbliebene Bausubstanz durch die Witterung weiter nachhaltig beschädigt würde.
Im Jahr 1947 gründete sich daher der Münster-Bauverein als eine Initiative aus der Mönchengladbacher Bürgerschaft. Er setzte sich zum Ziel, die Kultstätte und eines der beeindruckenden Baudenkmäler der mittelalterlichen Architektur im Rheinland zu erhalten.<ref name="Bange1957_13f">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 13f.</ref> Ab 1947 wurden umfangreiche Erneuerungen durchgeführt. Im Jahre 1950 fand wieder der erste Gottesdienst im Münster statt. Das Gladbacher Druck- und Verlagshaus B. Kühlen spendete zum Wiederaufbau Druckplatten aus Solnhofener Stein, die für die Erneuerung des Fußbodens verwendet wurden; auf manchen der gebrauchten Platten sind Abdrücke der Lithografien zu erkennen.<ref>„Der besondere Fußboden“ in der Ausstattungsbeschreibung auf der Seite der Pfarre St. Vitus.</ref> 1952 wurde der Turm wiederhergestellt. Ende 1954 konnte das Gewölbe der Krypta restauriert werden. Ab 1956 fand ein Wettbewerb zur Neuverglasung der Kirchenfenster statt und wurde in den folgenden zehn Jahren großenteils umgesetzt (s. u.). 1961 wurde eine neue Orgel von J. von Glatter-Götz (Rieger-Orgelbau) installiert. 1965 erhielt das Münster sein neues Geläut, das bis heute aus zehn Glocken besteht.
Innenarchitektur
Drei weit gespannte Joche bilden das Langhaus über je zwei Arkaden. Diese sind spitzbogig, etwas zurückgesetzt ein weiterer fast runder Bogen. Sie stehen auf mächtigen viereckigen Pfeilern dreiseitig mit schlichtem Gesims abgesetzt. Auf den planen Schiffswänden ziehen dreiviertelrunde Pilaster über den zweiten und vierten Pfeiler vom Boden bis zu ihren farbig gefassten Kapitellen hoch und setzen sich in den Gewölbegurten fort. Die ursprünglich je drei Spitzbögen kuppelnde Pfeilerpaare des Emporengeschosses darüber sind zwar frei vor die Wand gesetzt, dahinter befindet sich aber kein umlaufender Gang. Die drei breiten Fensterbahnen in den Bogenfeldern des Gewölbes reichen bis unterhalb des Gewölbebeginns (Kämpfer) in die Arkaden der Blendempore hinein, so dass deren mittlere Bögen niedriger und rund sind. Clemen nimmt aufgrund der fehlenden Beziehung zueinander an, dass die Obergadenfenster älter sind als die Wandöffnungen der Empore.<ref>Clemen 1896, S. 450.</ref> (Die Dachschrägen der Seitenschiffe beginnen außen an der Fensterunterkante.)
Anstelle des letzten, östlichen Pilasters steht ein Pfeilerbündel, welches ursprünglich das Gewölbe einer geplanten Vierung tragen sollte, an den nun gleich der Chorraum anschließt. Aufgrund der nur teilweise unterirdischen Krypta ist der Chor erhöht und wird über eine Treppe erschlossen. Um etwa die gleiche Höhe ragt der Chor auch äußerlich über das Langhaus hinaus. Über einer geschosshohen Sockelzone bestimmen je drei sehr hohe und schmale hochgotische Fensterbahnen die Wände, weitere fünf Bahnen bilden die runde Apsis. Die Fenster sind zweigeteilt mit schlichtem Maßwerk.
Vom Chor aus zugänglich sind nach Norden die kleine Martinskapelle sowie nach Süden die von Meister Gerhard entworfene Sakristei. Der quadratische Raum wird von vier Kreuzrippengewölben überfangen, die in der Mitte des Raums von einem Rundpfeiler getragen werden. Sein Kapitell ist die herausragendste Steinmetzarbeit des Münsters, das aus virtuos aus dem Block gearbeiteten Eichenlaubranken besteht.<ref>Alte Sakristei, Beschreibung auf der Webseite der St.-Vitus-Pfarre.</ref> Nach Osten ist der Raum durch zwei Fenster geöffnet.
Ausstattung
Kirchenraum
Der Kirchenraum wird geprägt von dem frühgotischen Mittelschiff und der hochgotischen Chorhalle, die mit schlanken und edlen Formen<ref name="Bange1957_8f">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 8f.</ref> den architektonischen Höhepunkt des Inneren darstellt. Die reich geschmückten Säulen und Blendarkaden der Abtskapelle im Turmobergeschoss sind mit ihrer Entstehung in der Stauferzeit von größter Bedeutung im Rheinland. Für die mächtigen Hauptpfeiler des Langhauses wurden Trachytquader vom Drachenfels verwendet.<ref name="KHSchumacher_15">Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. Erschienen in: Rheinische Kunststätten, Heft 544, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, S. 15.</ref>
Die beiden Seitenschiffe wirken als eigene Räume und folgen dem Mittelschiff. Der Stephanuschor schließt das rechte Seitenschiff nach Osten ab. Seine Ausstattung und der Altar stammen aus der Zeit vor 1275.<ref name="KHSchumacher_16f">Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. Erschienen in: Rheinische Kunststätten, Heft 544, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, S. 16f.</ref> Außerhalb dieses Südschiffes entstand eine zweijochige Apostelkapelle, die auch capella baptisterii oder capella fontis (Taufkapelle) genannt wird. In dieser Kapelle steht der nach maasländischem Typus aus Blaustein geschaffene Taufstein aus dem 12. Jahrhundert.<ref name="KHSchumacher_16f" /> Ihn zieren löwenähnliche Fabelwesen und plastische Männerköpfe. 1975 schuf Franz Gutmann einen Bronzeeinsatz, der Szenen aus der Taufwasserweihe in der Osterzeit darstellt.<ref name="KHSchumacher_16f" /> Seit den 1950er Jahren befinden sich hier in einer Gruft drei Grablegen von Äbten des Klosters, welche von einer alten Grabplatte aus Namurer Blaustein abgedeckt werden.
Im Nordseitenschiff sind an den Wänden Grabplatten von Gräbern weiterer Äbte angebracht. Nördlich der Chorhalle befindet sich der 1275–1300 geschaffene Martinus-Chor, in dem eine im späten 15. Jahrhundert entstandene niederrheinische Skulptur der Anna selbdritt steht.
Der frühgotische Kreuzaltar bildet an seinem Platz vor der Chorhalle das Zentrum des Altarraums. Der Altar ist aus Weiberner Tuff gearbeitet und mit Spitzbogenblenden verziert.
Anlässlich der Jahrtausendfeier der Abteigründung erhielt das Münster 1975 als Geschenk der Stadt ein bronzenes Triumphkreuz von Elmar Hillebrand. Es zielt in figuralen Darstellungen und mit bildnerischen Verbindungen von alttestamentlichen, antiken und neutestamentlichen Motiven und Zitaten auf den Gekreuzigten Jesus Christus.<ref name="KHSchumacher_19">Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. Erschienen in: Rheinische Kunststätten, Heft 544, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, S. 19.</ref>
Der ebenfalls von Hillebrand 1991 geschaffene Ambo stellt in den oberen Ecken die Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes dar, die an den aufgeschlagenen Büchern zu erkennen sind. Die Regel des hl. Benedikt per ducatum evangelii – gehen wir unter der Führung des Evangeliums seine Wege – ziert den Ambo von vorne. Die Propheten Abraham, Jesaja, Moses und Jeremia verkörpern in weiteren Reliefs das Alte Testament. Die Buchauflage des Pultes stellt die Kreuzigungsszene mit Jesus Christus, Maria und Johannes dar.<ref name="KHSchumacher_19" />
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Romanisches Kapitell
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Frühgotischer Kreuzaltar
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Taufbecken, 12. Jahrhundert
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Anna selbdritt im Martinus-Chor (15. Jh.)
Krypta
Die Krypta ist der älteste Raum im Münster (und der gesamten Stadt).<ref name=Pfarre-Krypta>Beschreibung der Krypta auf den Seiten der Pfarrei St. Vitus.</ref> Die Architektur und die innere Gestaltung gehen auf das Ende des elften Jahrhunderts – dem Bau der zweiten Klosterkirche zurück. Die Krypta ist zu Ehren der Muttergottes geweiht – dies entspricht den ur-menschlichen Vorstellungen und dem antiken Brauch, Mutterheiligtümer in den Schoß der Erde zu verlegen.<ref name="Bange1957_22">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 22.</ref> Architektonisch besteht die Krypta aus einer Halle mit drei Schiffen, fünf quadratisch angelegten Jochen in der Tiefe und Querarmen, deren vier Joche jeweils nahezu ein Quadrat ergeben.<ref name="KHSchumacher_22f">Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. Erschienen in: Rheinische Kunststätten, Heft 544, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, S. 22f.</ref><ref name=Pfarre-Krypta/> Das Gewölbe wird von Rundpfeilern mit schmucklosen Würfelkapitellen getragen.
Den Abschluss im Osten bildet die äußerlich nicht ganz halbrunde Apsis, die aus dem letzten Joch und in Reihe anschließend drei tiefen Altarnischen besteht. In der mittleren Nische steht der steinerne Marienaltaraufsatz mit drei niederrheinischen Eichenholzskulpturen von um 1480. Die spätgotische, sogenannte Madonna in der Kluft hält mit der Linken das mit einem Papagei spielende Kind. Flankiert wird sie von den Heiligen Katharina und Barbara.<ref name="Bange1957_24">Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 24.</ref> Im rechten Querarm befinden sich die Sarkophage vermutlich des Abtes Christian und des in Gladbach als heilig verehrten Inkluse Adalbertus († um 1140), dessen Grabinschrift lautet: „Als Ritter in der Welt – geblendet – sehend im Herrn als Mönch. Adalbertus, schenke uns Licht“.<ref name=Pfarre-Krypta/> In der Krypta sollen einer Legende zufolge im Dreißigjährigen Krieg Soldaten ihr Lager aufgeschlagen und auf Adalbertus Sarg mit dem Teufel gewürfelt haben.<ref>Die Die Legende vom Teufel in der Krypta von Edmund Erlemann erzählt (2006), zitiert auf der Webseite der Pfarre St. Vitus.</ref>
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Krypta
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Altar und Gnadenbild
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Sarkophage
Fenster
Die Kirche, aber auch die Krypta und Sakristei sind reich mit in Blei gefasster Glasmalerei ausgestattet.<ref name="Jansenwinkeln">Annette Jansen-Winkeln: Glasmalerei im Münster St. Vitus. Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jh. e. V., Mönchengladbach. Link: http://www.glasmalerei-ev.net/pages/b31/b31.shtml</ref> Allerdings mussten nach dem Zweiten Weltkrieg fast alle Fenster vollständig neu geschaffen werden. Das einzig erhaltene, noch aus der Frühgeschichte des Münsters stammende sogenannte „Bibelfenster“ ist von 1260 und steht mittig in der Apsiswand. In dem 16-zeiligen Fenster mit abschließendem Vierpass sind typologisch aufgebaut Szenen des Alten Testaments links entsprechenden Szenen aus dem Neuen Testament gegenübergestellt und bilden so ein Gesamtprogramm der Bibel. Im Vierpass sitzt Jesus segnend zwischen Maria und Johannes dem Täufer über dem Erzengel Michael, der flankiert wird von Erwählten und Verdammten des letzten Gerichts.
Die übrigen Fenster des Chores wurden nach einem Wettbewerb 1956 von Wilhelm Geyer gestaltet. In der Apsis stellen sie die Geschichten von Abraham, Jakob, Moses und David in Szenen und Gleichnissen dar, in den sechs Chorwandfenstern die Schöpfungsgeschichte. Auch die Fenster im seitlichen Martinschor (Leben des hl. Martin von Tours, 1960) und im nördlichen Seitenschiff (Benediktussegen, 1965) stammen von Geyer. Daan Wildschut entwarf 1957 die Obergadenfenster, in denen je zwei Apostel von alttestamentarischen Propheten getragen werden. Die unbunten, geometrischen Muster im südlichen Seitenschiff gestaltete Wilhelm Buschulte 1975.
Weitere Fenster:
- Im Kreuzgang Probescheiben des Wettbewerbs von 1956:
- von Daan Wildschut eine „Verkündigung an Maria“ und „Christi Geburt“
- eine „Kreuztragung“ von Heinrich Dieckmann
- eine „Kreuzigung“ von Walther (Hugo) Benner
- Abtskapelle: Erzengel von Daan Wildschut (1961)
- Zwei Fenster in der Sakristei von Hans Lünenborg (1981) mit der Darstellung von Passionsmotiven unter Verwendung von Resten der Verglasung aus dem 16. Jahrhundert
- Sieben Fenster in der Krypta von Georg Meistermann (1984) mit Motiven aus der Lauretanischen Litanei und Mariensymbolen
- Die „Geometrische Komposition“ im Fenster über dem Seiteneingang von Wilhelm Buschulte (2007)
Orgel
Die Orgel wurde 1961 von der Orgelbaufirma Rieger aus dem österreichischen Vorarlberg gebaut. Das Instrument hat 44 Register auf 3 Manualen und Pedal. Die Spieltraktur ist mechanisch, die Registertraktur elektrisch. Das 2008 generalüberholte Instrument hat folgende Disposition:<ref>Zur Rieger-Orgel auf Orgel-information.de.</ref><ref name=Paulsen>Paulsen 2021, S. 28.</ref>
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- Koppeln: I/II, III/II, I/P, II/P, III/P
- Spielhilfen: 6-fache mechanische Setzeranlage + Pleno
- Nebenregister: Cymbelstern, Nachtigall
Das Pedalregister Götz 4′ wurde 1980 nachträglich anstelle eines Regal 2′ eingebaut;<ref name=Paulsen/> es handelt sich um eine leise Flöte mit einem nur hier vorkommenden Registernamen. Josef von Glatter-Götz, der damalige Inhaber der Firma Rieger, konzipierte das Register und nannte es aus einer Laune heraus „Götz“.<ref>Roland Eberlein: Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte. Siebenquart, Köln 2016, S. 302.</ref>
Glocken
Die älteste nachweisbare Kirchenglocke des Münsters war die Vitus-Glocke, die 1150 (auch 1170) gegossen wurde und aufgrund ihres bellenden Klangs De Honk („der Hund“) genannt wurde (fis').<ref name=Bauverein-Chronik/> Sie war mit einem Meter Durchmesser knapp 800 Kilo schwer und galt laut Münster-Bauverein einmal als älteste Glocke Deutschlands. Eine zweite, größere Glocke entstand 1415 (d 1,60 m, 2500 kg, c'). Beide wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.<ref>Norbert Jachtmann: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Glockengeläut in der Region Mönchengladbach (PDF) ( vom 9. Januar 2016 im Internet Archive), o. J. (nach 2010), S. 77.</ref>
Die einzige aus abteilicher Zeit erhaltene Laurentiusglocke von 1693 kehrte aus Euskirchen zurück.<ref name="KHSchumacher_24"/>
Die zehn neuen Glocken wurden 1965 von Wolfgang Hausen-Mabilon, Fa. Mabilon & Co., Saarburg gegossen.<ref name="Jachtmann">Norbert Jachtmann: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Glockengeläut in der Region Mönchengladbach (PDF) ( vom 9. Januar 2016 im Internet Archive), S. 69–76.</ref> Unter Probst Josef Kauff und Hans Neuenhofer, Leiter des eigens gegründeten Glockenausschusses, wurden die finanziellen Mittel über großzügige Spenden von Gönnern und Förderern aus der Region erbracht.
Eine klangliche Beurteilung des großen Geläuts bescheinigt, dass es „bei bester musikalischer Übersichtlichkeit, vitalem Fluss der Klangentfaltung eine außergewöhnlich prächtige, feierliche und dabei im Ganzen doch frohe Wirkung erzielt“.<ref name="Schaeben">Norbert Jachtmann, nach Jakob Schaeben († 1980): Klangliche Beurteilung des Geläutes. In: Norbert Jachtmann: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Glockengeläut in der Region Mönchengladbach (PDF) ( vom 9. Januar 2016 im Internet Archive), o. J. (nach 2010), S. 76f.</ref>
Technische Daten
Quelle:<ref name="Jachtmann" />
| Glocke | Name | Durchmesser | Gewicht | Schlagton |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Vitusglocke | 1860 mm | 4100 kg | a0 |
| 2 | Heiliggeistglocke | 1656 mm | 2800 kg | h0 |
| 3 | Marienglocke | 1478 mm | 2000 kg | cis1 |
| 4 | Michaelglocke | 1246 mm | 1150 kg | e1 |
| 5 | Johannesglocke | 1109 mm | 800 kg | fis1 |
| 6 | Petrusglocke | 1932 mm | 450 kg | a1 |
| 7 | Paulusglocke | 800 mm | 350 kg | h1 |
| 8 | Benediktusglocke | 713 mm | 220 kg | cis2 |
| 9 | Stephanusglocke | 599 mm | 120 kg | e2 |
| 10 | Martinusglocke | 533 mm | 90 kg | fis2 |
Glockenmotiv
Lateinischer Hymnus: Veni creator spiritus<ref name="Jachtmann" />, deutsch „Komm, Heilger Geist, der Leben schafft“ oder „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“ (Gotteslob Nr. 341, 342 und 351). Vorlage:Klappleiste/Anfang
- <score> { \clef "petrucci-g" \override Staff.TimeSignature #'stencil = ##f \set Score.timing = ##f \override Voice.NoteHead #'style = #'harmonic-black b1 cis'1 b1 (a1) b1 cis'1 (b1) e'1 fis'1 e'1 } \addlyrics { Ve -- ni cre -- a -- tor spi -- ri -- tus } </score>
Schatzkammer
Der reiche Goldschmiedeschatz der Abtei ging im Zuge der Säkularisation verloren. Die französischen Revolutionsheere ließen ihn 1794 einschmelzen. Heute besitzt die Schatzkammer nur noch einen Bruchteil ihrer früheren Schätze.<ref>C. J. Lelotte: Das Heiligthum der Münsterkirche zu M.Gladbach: zum Andenken an die vom 9. bis zum 18. August 1874 stattfindende öffentliche Verehrung der hh. Reliquien. 1874 Digitalisat der ULB Düsseldorf.</ref>
Die Schatzkammer befindet sich im Ostflügel der ehemaligen Klosteranlage und ist durch einen Verbindungsgang „trocken Fußes“ vom Münster erreichbar. Neben einigen bedeutenden Goldschmiedearbeiten der Barockzeit und des 19. Jahrhunderts, die die Reliquien des Klosters neu gefasst haben, ragt besonders ein romanischer Tragaltar (um 1160) heraus, der ein bedeutendes Werk der Kölner Goldschmiede-, Ziselier- und Grubenemailkunst im Rheinland darstellt. Er enthält Reliquien des hl. Gereon und seiner Genossen, diente aber früher dem Abt primär als Zelebrationsaltar auf Reisen oder in Krankenzimmern. Daneben ist ein Elfenbeinkästchen des 13. Jahrhunderts erhalten, das möglicherweise aus dem Orient zur Zeit der Kreuzzüge stammt und zur Aufbewahrung von Reliquien gedient haben könnte. Erhalten sind weiter verschiedene Handschriften, darunter ein Missale des 12. Jahrhunderts, das Totenbuch des Klosters, das „Necrologium Gladbacense“, sowie eine neumierte Choralschrift („Gladbacher Choral“).
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Necrologium Gladbacense, Handschrift (1140–1155)
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Tragaltar von 1160
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Reliquienkasten, Holz und Elfenbein (12./13. Jh.)
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Chorbrevier, Handschrift (15. Jh.)
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Reliquienbüste der hl. Ursula (um 1350/60)
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Gotisches Büstenreliquiar des hl. Vitus
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Büstenreliquiar des hl. Vitus von 1895
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Abendmahlsschrein (1895)
In dem vergoldeten Abendmahlsschrein wird das Abendmahlstuch aufbewahrt, welches nach der Überlieferung zu Christus letzten Abendmahl mit seinen Jüngern auf dem Tisch gelegen haben soll. In einem siebenjährlichen Rhythmus wird es während der Heiligtumsfahrt den Gläubigen gezeigt. 2021 fand die letzte Heiligtumsfahrt statt.
Weiterhin sind von Bedeutung eine germanische Steintafel mit Runenzeichen, eine byzantinische Kasel aus dem Grab Sandrads im Mittelschiff des Münsters, sowie das Siegel des Albertus Magnus anlässlich der Konsekration des Hochaltars im Jahr 1275 durch ihn. Ferner sind zwei große Holz-Kerzenleuchter des 15. Jahrhunderts erhalten.
Denkmalschutzbeschreibung
- Die Kirche zum hl. Vitus erhebt sich in beherrschender Höhenlage und bildet mit dem Rathaus, an dessen nördlicher Rückseite sie mit der Fassade anstößt, und der etwas höher liegenden Hauptpfarrkirche Mariä Himmelfahrt das herausragende Ensemble der Altstadt.
- Bei dem Objekt handelt es sich um eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit Westbau und 2-jochigem gotischen Ost-Chor (7/12-Abschluss), nördlich gerade geschlossenem Nebenchor und Sakristei an der Chorseite. An der Südseite des Langhauses kapellenartiger Anbau von 2 Jochen. Die Seitenschiffe sind über dem Turm hinweg bis zu den Treppentürmen vorgezogen.
- Im Zusammenspiel mit Pfarrkirche und den ehemaligen Klostergebäuden macht auch und gerade das Münster deutlich, wie das Nebeneinander verschiedener Baustile den Reiz einer Gesamtanlage ausmacht. Trotz der starken Eigenständigkeit der einzelnen Baukörper des Abteiberges hat die Stadt hier ein gelungenes Beispiel gewachsener Zusammengehörigkeit verschiedener Epochen ihrer Vergangenheit. Diese Zeichen von Geschichtlichkeit machen das Ensemble trotz der schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges schützenswert.<ref>http://www.limburg-bernd.de/Moenchenglb/Mgl.htm</ref>
Politische Verwendung der Münsteransicht
Für sein Kommunalwahlprogramm 2025 wählte der Kreisverband Mönchengladbach der AfD ein Photo des Mönchengladbacher Münsters als Titelbild, das mehr als die Hälfte des Titelblattes einnahm. Die katholische Innenstadtpfarrei St. Vitus reagierte scharf auf die Verwendung des Motivs und distanzierte sich von der Instrumentalisierung der Münster-Basilika für diese parteipolitischen Zwecke. Am 1. August 2025 erklärte sie, die Verwendung des Bildes sei „nicht mit uns abgesprochen, geschweige denn in unserem Sinne. … Die AfD vertritt aus unserer Sicht politische Positionen, die in zentralen Punkten dem christlichen Menschenbild widersprechen. Ihre Haltung zur Migration, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zum Umgang mit Schwachen und Minderheiten ist mit den Grundwerten unseres christlichen Glaubens nicht vereinbar.“<ref>Christoph Rütten: AfD verwendet Bild der Münster-Basilika für ihr Kommunalwahlprogramm. In: pfarre-sankt-vitus.de. 1. August 2025, abgerufen am 1. August 2025.</ref>
Literatur
- Hans Bange: Das Gladbacher Münster: Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957.
- Bayer, Meiering, Seidler, Struck: Schatzkunst in rheinischen Kirchen und Museen, Verlag Schnell & Steiner, 2013, ISBN 978-3-7954-2827-3.
- Hugo Borger: Das Münster S. Vitus zu Mönchen-Gladbach. In: Die Kunstdenkmäler des Rheinlandes, Bd. 6. Fredebeul & Koenen, Essen 1958.
- Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler der Städte und Kreise Gladbach und Krefeld. In: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz im Auftrag des Provinzialverbandes, Dritter Band. Schwann, Düsseldorf 1896.
- Adalbert Damblon: Die Geschichte des hl. Adelbertus dargestellt im Adelbertusfenster des Gladbacher Münsters. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach, ISBN 978-3-87448-450-3.
- Gottfried Eckertz: Die Quellen zur Geschichte der Abtei Gladbach und die Fahne’sche Chronik. In: Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein, insbesondere die alte Erzdiöcese Köln, 1. Jahrgang, Heft 2, Köln 1855, S. 266–275.
- Gottfried Eckertz: Das Verbrüderungs- und Todtenbuch der Abtei Gladbach. Mit Registern und einem Facsimile der Handschrift. Palm, Aachen 1881, Digitalisat.
- Edmund Erlemann, Hans Bange, Barbara Maiburg: Das Gladbacher Münster: Rundgang, Geschichte, Wandel. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 2006, ISBN 3-87448-278-2.
- Natalie Alexandra Holtschoppen: St. Vitus zu Gladbach. Hrsg. von der Stadt Mönchengladbach – Stadtarchiv und dem Münsterbauverein e. V. Mönchengladbach. Klartext-Verlag, Essen 2008, ISBN 978-3-89861-979-0.
- Helmut Jansen: Der brennende Dornbusch – Darstellungen des Alten und Neuen Testaments in der Münsterkirche zu Mönchengladbach. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 2014, ISBN 978-3-87448-387-2.
- Annette Jansen-Winkeln: Glasmalerei im Münster St. Vitus. Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jh. e. V., Mönchengladbach. (online).
- Wolfgang Löhr [Red.]: Das Münster lebt! Stadt Mönchengladbach, Die Oberbürgermeisterin (Hrsg.). Stadtgespräche Mönchengladbach Bd. 4, Mönchengladbach 2006.
- Christoph Nohn: Auftakt zur Gladbacher Geschichte. Die Gründungsgeschichte der Abtei Gladbach und das politische Spannungsfeld Lotharingiens im 9. und 10. Jahrhundert. Klartext Verlag, Essen 2011, ISBN 978-3-8375-0510-8.
- Klaus Paulsen: Mönchengladbach, Münsterbasilika St. Vitus, in: Heinz-Josef Clemens, Udo Witt: Lebendige Orgellandschaft am linken Niederrhein. 300 Jahre bewegte Orgelgeschichte in den katholischen und evangelischen Kirchen in und um Mönchengladbach. Herausgegeben von der Regionalstelle Mönchengladbach im Bistum Aachen und dem Evangelischen Kirchenkreis Gladbach-Neuss. Mönchengladbach 2021, S. 24–29.
- Manfred Petry: Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. In: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Abtei Mönchengladbach, Bd. 5. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974.
- Peter Ropertz: Quellen und Beiträge zur Geschichte der Benediktiner-Abtei des hl. Vitus in M.-Gladbach. Oberger, M. Gladbach 1877 (Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf).
- Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. In: Rheinische Kunststätten, Heft 544. Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, ISBN 978-3-86526-089-5.
Weblinks
- Website des Münster-Bauvereins e. V., Mönchengladbach
- Münster St. Vitus auf der Website der Pfarre St. Vitus Mönchengladbach
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Navigationsleiste Basilicae minores in Deutschland
Koordinaten: 51° 11′ 32,8″ N, 6° 25′ 53,6″ O
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