Gestützte Kommunikation
Gestützte Kommunikation (englisch Facilitated Communication, kurz FC) ist eine pseudowissenschaftliche Methode<ref>Paul Probst: “Communication unbound–or unfound”? Ein integratives Literatur-Review zur Wirksamkeit der ‘Gestützten Kommunikation’(‘Facilitated Communication/FC’) bei nichtsprechenden autistischen und intelligenzgeminderten Personen. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Band 53, Nr. 2, 2005, S. 93–128. (uni-hamburg.de [PDF]).</ref><ref name=":0">Scott O. Lilienfeld, Julia Marshall, James T. Todd, Howard C. Shane: The persistence of fad interventions in the face of negative scientific evidence: Facilitated communication for autism as a case example. In: Evidence-Based Communication Assessment and Intervention. Band 8, Nr. 2, 3. April 2014, ISSN 1748-9539, S. 62–101, doi:10.1080/17489539.2014.976332 (tandfonline.com [abgerufen am 21. April 2026]).</ref><ref>„FC is widely acknowledged to be a pseudoscientific, unsafe, and unethical treatment for people with autism.“Amy Tostanoski, Russell Lang, Tracy Raulston, Amarie Carnett, Tonya Davis: Voices from the past: Comparing the rapid prompting method and facilitated communication. In: Developmental Neurorehabilitation. Band 17, Nr. 4, August 2014, ISSN 1751-8423, S. 219–223, doi:10.3109/17518423.2012.749952 (tandfonline.com [abgerufen am 25. April 2026]).</ref>, die darauf abzielt, Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen, etwa bei nicht-verbalem Autismus, bei der Benutzung von Kommunikationshilfen wie Buchstabentafeln oder Tastaturen physisch zu unterstützen, in der Annahme, dass diese über verborgene Sprachkompetenzen verfügten, die sie aber aufgrund motorischer Defizite (Apraxie) nicht zeigen könnten.
Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit dieser Methode. Die S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie rät deshalb von ihrem Einsatz ab.<ref>Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V.: Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter: Teil 2: Therapie. Interdisziplinäre S3-Leitlinie der DGKJP und der DGPPN sowie der beteiligten Fachgesellschaften, Berufsverbände und Patientenorganisationen. 2020 (dgkjp.de).</ref> Auch amerikanische Fachgesellschaften warnen einhellig vor dem Einsatz von FC, auch da die die Gefahr bestehe, dass die tatsächlichen Bedürfnisse der betroffenen Personen durch die Projektionen der Begleiter überlagert werden.<ref name=":1">Facilitated Communication and Rapid Prompting Method. Position Statement of the AAIDD Board of Directors. 9. Januar 2019, abgerufen am 20. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref name=":8">ISAAC Position Statement on Facilitated Communication: International Society for Augmentative and Alternative Communication. In: Augmentative and Alternative Communication. Band 30, Nr. 4, Dezember 2014, ISSN 0743-4618, S. 357–358, doi:10.3109/07434618.2014.971492 (tandfonline.com [abgerufen am 22. April 2026]).</ref><ref name=":3">Facilitated Communication (FC). Position statement. American Speech-Language-Hearing Association, 2018, abgerufen am 20. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Klinische Studien und kontrollierte Doppelblindtests belegen übereinstimmend, dass die erzeugten Botschaften nicht vom „Nutzer“ selbst, sondern unbewusst von der stützenden Person (Facilitator) stammen.<ref name=":4">Ralf W. Schlosser, Susan Balandin, Bronwyn Hemsley, Teresa Iacono, Paul Probst, Stephen von Tetzchner: Facilitated Communication and Authorship: A Systematic Review. In: Augmentative and Alternative Communication. Band 30, Nr. 4, Dezember 2014, ISSN 0743-4618, S. 359–368, doi:10.3109/07434618.2014.971490 (tandfonline.com [abgerufen am 23. April 2026]).</ref><ref name=":5">Bronwyn Hemsley, Lucy Bryant, Ralf W Schlosser, Howard C Shane, Russell Lang, Diane Paul, Meher Banajee, Marie Ireland: Systematic review of facilitated communication 2014–2018 finds no new evidence that messages delivered using facilitated communication are authored by the person with disability. In: Autism & Developmental Language Impairments. Band 3, Januar 2018, ISSN 2396-9415, doi:10.1177/2396941518821570 (sagepub.com [abgerufen am 22. April 2026]).</ref>
Die Gestützte Kommunikation ist nicht zu verwechseln mit der Unterstützten Kommunikation (Augmentative and Alternative Communication, AAC), die ein evidenzbasiertes anerkanntes Fachgebiet ist.
Grundannahmen und behauptete Funktionsweise
Die Gestützte Kommunikation geht davon aus, dass die „Nutzer“ verborgene kommunikative und insbesondere schriftsprachliche Kompetenzen besäßen. Dass sie Kommunikationshilfsmittel nicht eigenständig nutzen können, liege nicht an kognitiven Defiziten, sondern an motorischen Störungen (Apraxie).<ref name=":10" /> Für das gehäufte Auftreten solcher motorischen Defizite bei nonverbalen Autisten gibt es jedoch keine Evidenz.<ref name=":9" /> Anderen Autoren zufolge kompensiert die Methode keine motorischen oder neuromotorischen Defizite, sondern solche der Aufmerksamkeitssteuerung und der sozialen Orientierung.<ref>Vgl. Klauß, Janz & Hör 2009.</ref>
Da viele „Nutzer“ aufgrund ihrer Defizite nicht formal beschult wurden, wird implizit vorausgesetzt, dass sie sich die Beherrschung der Schriftsprache durch reines Beobachten angeeignet hätten. Die Existenz dieses in der Literatur als unexpected literacy bezeichneten Phänomens konnte jedoch nicht experimentell gezeigt werden.<ref>Michael Eberlin, Gene McConnachie, Stuart Ibel, Lisa Volpe: Facilitated communication: A failure to replicate the phenomenon. In: Journal of Autism and Developmental Disorders. Band 23, Nr. 3, September 1993, ISSN 0162-3257, S. 507–530, doi:10.1007/BF01046053 (springer.com [abgerufen am 25. April 2026]).</ref> Schriftspracherwerb wird in der Fachliteratur als komplexe mehrstufige kognitive Leistung beschrieben.<ref>Klaus B. Günther: Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In: H. Balhorn, H. Brügelmann (Hrsg.): Rätsel des Schriftspracherwerbs. Lengwil 1995, S. 98–121.</ref> Ein spontaner Schriftspracherwerb ohne Interaktion, wie er hier angenommen wird, ist nicht dokumentiert.
FC-Anhänger schreiben die Autorenschaft an den entstandenen Mitteilungen dem Nutzer zu. Der Stützer sei lediglich Katalysator bei der Umsetzung von Gedanken des Schreibers in Tippbewegungen; die Stütze sei „krankengymnastische Hilfestellung“<ref>Vgl. Bundschuh 1998.</ref>, eine Interpretation, die allerdings von der Fachliteratur praktisch einhellig zurückgewiesen wird.<ref name=":0" /><ref name=":4" /><ref name=":5" /><ref name=":6" /> In dieser wird Gestützte Kommunikation als Ausprägung des Carpenter-Effekts beurteilt, das heißt, wie bei Ouija-Boards, Wünschelruten und Tischrücken seien unbewusste Bewegungen, Blicke und Gesten der „Stützer“ der eigentliche Ursprung der vermeintlichen Botschaften, eine eigenständige Kommunikation durch die „Nutzer“ wurde in Tests und Studien nicht festgestellt.<ref>Cheryl A. Burgess, Irving Kirsch, Howard Shane, Kristen L. Niederauer, Steven M. Graham, Alyson Bacon: Facilitated Communication as an Ideomotor Response. In: Psychological Science. Band 9, Nr. 1, Januar 1998, ISSN 0956-7976, S. 71–74, doi:10.1111/1467-9280.00013 (sagepub.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref name=":6">Timo Saloviita, Marjatta Leppänen, Ulla Ojalammi: Authorship in Facilitated Communication: An Analysis of 11 Cases. In: Augmentative and Alternative Communication. Band 30, Nr. 3, September 2014, ISSN 0743-4618, S. 213–225, doi:10.3109/07434618.2014.927529 (tandfonline.com [abgerufen am 22. April 2026]).</ref><ref>Scott Lilienfeld: Why debunked autism treatment fads persist. In: Science Daily. 27. Februar 2015 (sciencedaily.com).</ref><ref>Jennifer B. Ganz, Antonis Katsiyannis, Kristi L. Morin: Facilitated Communication: The Resurgence of a Disproven Treatment for Individuals With Autism. In: Intervention in School and Clinic. Band 54, Nr. 1, September 2018, ISSN 1053-4512, S. 52–56, doi:10.1177/1053451217692564 (sagepub.com [abgerufen am 21. April 2026]).</ref><ref>Katharine Beals: A recent eye-tracking study fails to reveal agency in assisted autistic communication. In: Evidence-Based Communication Assessment and Intervention. Band 15, Nr. 1, 2. Januar 2021, ISSN 1748-9539, S. 46–51, doi:10.1080/17489539.2021.1918890 (tandfonline.com [abgerufen am 21. April 2026]).</ref>
Ethische Probleme
- Gestützte Kommunikation untergräbt aus der Sicht der American Speech-Language-Hearing Association (ASHA) die Menschenrechte der betroffenen nonverbalen Person, insbesondere die Rechte auf persönliche Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit, da die entstandenen Botschaften mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Gedanken der nonverbalen Person, sondern die des Stützers wiedergeben.<ref name=":3" /> Die Erklärung der ASHA verweist hier auch auf die Bestimmungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Auch die International Society for Augmentative and Alternative Communication sieht mögliche Verletzungen der Konvention, insbesondere der Artikel 12 (Gleichheit vor dem Recht), 16 (Schutz vor Ausbeutung), 17 (Unversehrtheit der Person) und 21 (Meinungs- und Redefreiheit).<ref name=":8" />
- Opportunitätskosten: Zeit und Ressourcen die für Gestützte Kommunikation aufgewandt werden, fehlen für evidenzbasierte Förderung, deren belegter Nutzen für die Klienten selbst wesentlich größer ist.<ref name=":7">Janyce Boynton: Facilitated Communication—what harm it can do: Confessions of a former facilitator. In: Evidence-Based Communication Assessment and Intervention. Band 6, Nr. 1, März 2012, ISSN 1748-9539, S. 3–13, doi:10.1080/17489539.2012.674680 (tandfonline.com [abgerufen am 25. April 2026]).</ref><ref name=":8" />
- In den USA ist die gestützte Kommunikation unter anderem deshalb besonders in Misskredit geraten, weil durch die FC Familienangehörige oder Betreuer fälschlich des sexuellen Missbrauchs an FC-Nutzern beschuldigt wurden.<ref name=":7" /><ref>James T. Todd: The moral obligation to be empirical: Comments on Boynton's “Facilitated Communication—what harm it can do: Confessions of a former facilitator”. In: Evidence-Based Communication Assessment and Intervention. Band 6, Nr. 1, März 2012, ISSN 1748-9539, S. 36–57, doi:10.1080/17489539.2012.704738 (tandfonline.com [abgerufen am 25. April 2026]).</ref> Folgen reichten bis zu Freiheitsentzug der zu Unrecht Beschuldigten.<ref>Dark shadows loom over ‘facilitated’ talk. 2. Dezember 2009, abgerufen am 26. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Scott Lilienfeld nennt die Zahl von mindestens fünf Dutzend dokumentierter Fälle.<ref>Scott O. Lilienfeld: Psychological Treatments That Cause Harm. In: Perspectives on Psychological Science. Band 2, Nr. 1, März 2007, ISSN 1745-6916, S. 53–70, doi:10.1111/j.1745-6916.2007.00029.x (sagepub.com [abgerufen am 21. April 2026]).</ref>
Geschichte
In ihrer heutigen Form wurde die gestützte Kommunikation Ende der 1970er Jahre von der Australierin Rosemary Crossley entwickelt, die einen Weg zur Kommunikation mit einer jungen cerebralparetischen Frau suchte. Später wurde die Methode auch bei Menschen mit Autismus und Down-Syndrom angewandt, heutzutage geschieht dies unabhängig von der medizinischen Diagnose allgemein bei Personen mit einer schweren Kommunikationsbeeinträchtigung.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Sozialministerium Bayern: Gestützte Kommunikation (PDF) ( vom 15. März 2007 im Internet Archive)</ref>
Technik
Bei der gestützten Kommunikation ist die alternative Kommunikationsform fast immer die Schriftsprache. In Einzelfällen werden auch alternative Symbolsysteme benutzt, beispielsweise Piktogramme. Die jeweiligen Symbole werden dabei entweder auf einer Kommunikationstafel bereitgestellt oder auf einer Schreibmaschine, einem Computer oder einem Sprachausgabegerät.
Das Besondere bei der gestützten Kommunikation ist, dass die Symbole von der kommunikationsbeeinträchtigten Person (Schreiber oder Nutzer genannt) unter Hilfestellung einer zweiten Person, des sogenannten Stützers, angesteuert werden. Der Stützer soll dem Schreiber das Zeigen auf die Buchstaben bzw. das Tippen auf der Tastatur erleichtern, indem er die Hand oder einen anderen Körperteil des Schreibers berührt, leichten Gegendruck ausübt, die Auswahl offensichtlich falscher Tasten verhindert und ähnliche körperliche Hilfestellungen gibt. Damit wird die „Kommunikation“ des „Nutzers“ so erheblich gefiltert, dass wahrscheinlich nicht die „Nutzer“ die Urheber der Botschaften sind, sondern die „Stützer“. Befürworter betonen das Prinzip der Minimalstützung: Um eine unabhängige Kommunikation zu ermöglichen, sei die physische Stütze von Hand bis Schulter immer weiter zurückzunehmen.<ref name=":10">Melanie Heyworth, Timothy Chan, Wenn Lawson: Perspective: Presuming Autistic Communication Competence and Reframing Facilitated Communication. In: Frontiers in Psychology. Band 13, 10. März 2022, ISSN 1664-1078, doi:10.3389/fpsyg.2022.864991, PMID 35360599, PMC 8960292 (freier Volltext) – (frontiersin.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Allerdings zeigen wissenschaftliche Studien übereinstimmend, dass die „Stützer“ durch ihre Anwesenheit weiterhin unbewusst Einfluss ausüben und so die eigentlichen Autoren der Botschaften sind.<ref name=":9">Katharine P. Beals: Why we should not presume competence and reframe facilitated communication: a critique of Heyworth, Chan & Lawson. In: Evidence-Based Communication Assessment and Intervention. Band 16, Nr. 2, 3. April 2022, ISSN 1748-9539, S. 66–76, doi:10.1080/17489539.2022.2097872 (tandfonline.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref>Timo Saloviita: Does Linguistic Analysis Confirm the Validity of Facilitated Communication? In: Focus on Autism and Other Developmental Disabilities. Band 33, Nr. 2, Juni 2018, ISSN 1088-3576, S. 91–99, doi:10.1177/1088357616646075 (sagepub.com [abgerufen am 23. April 2026]).</ref><ref>Bronwyn Hemsley, Lucy Bryant, Ralf W Schlosser, Howard C Shane, Russell Lang, Diane Paul, Meher Banajee, Marie Ireland: Systematic review of facilitated communication 2014–2018 finds no new evidence that messages delivered using facilitated communication are authored by the person with disability. In: Autism & Developmental Language Impairments. Band 3, Januar 2018, ISSN 2396-9415, doi:10.1177/2396941518821570 (sagepub.com [abgerufen am 22. April 2026]).</ref> Weiterhin beeinflusst nicht nur der Körperkontakt das Verhalten der Nutzer, auch Blickkontakt wie auch das Bewegen der Buchstabentafel bei der neueren berührungslosen „Rapid prompting method“ und die Auswahl der „gültigen“ und das Verwerfen der „ungültigen“ Buchstabenauswahl durch den Stützer haben erheblichen Einfluss. Weitere Komponenten der Methode sind die begleitende emotionale und verbale Unterstützung.
Wissenschaftlicher Status
Trotz häufigen Einsatzes der Methode in der Praxis wird die Gestützte Kommunikation in Wissenschaft und Fachkreisen als unwirksam und in manchen Fällen sogar als schädlich abgelehnt.<ref name=":2">International Society for Augmentative and Alternative Communication: ISAAC Position Statement on Facilitated
Communication. In: Augmentative and Alternative Communication. 7. November 2014, doi:10.3109/07434618.2014.971492 (org.il [PDF]).</ref><ref name=":3" /><ref name=":1" /> Mark Mostert konstatiert einen zunehmenden Widerspruch zwischen empirisch gezeigter Wirkungslosigkeit und breitem Einsatz in der Praxis:
I suggest that FC is one of the best exemplars of how practice can become absolutely dissociated from empirical research.<ref>Mark P. Mostert: Facilitated Communication and Its Legitimacy—Twenty-First Century Developments. In: Exceptionality. Band 18, Nr. 1, 19. Januar 2010, ISSN 0936-2835, S. 31–41, doi:10.1080/09362830903462524 (tandfonline.com [abgerufen am 22. April 2026]).</ref>
Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Hilfsperson dem FC-Nutzer – unbewusst und unbeabsichtigt – zeigt, welche Tasten gedrückt werden müssen, womit die Hilfsperson selbst Urheber des entstehenden Textes ist.<ref>Übersicht in: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />D. M. Wegner, V. A. Fuller und B. Sparrow (2003). Clever hands: Uncontrolled intelligence in facilitated communication. Journal of Personality and Social Psychology, 85, S. 5–19 (PDF; 135 kB) ( vom 11. April 2014 im Internet Archive)</ref> Im Experiment von Wheeler und Kollegen (1993) wurden den Stützern und den Gestützten unterschiedliche Bilder von Gegenständen gezeigt, die die Gestützten benennen sollten. Die gestützten Probanden tippten jedoch nie den Namen des Gegenstandes ein, den sie selbst gesehen hatten, sondern entweder andere Wörter oder den Namen des Gegenstands, den nur der Stützer gesehen hatte.<ref>D. L. Wheeler, J. W. Jacobson, R. A. Paglieri und A. A. Schwartz (1993). An experimental assessment of facilitated communication. Mental Retardation, 31, S. 49–59</ref> In einem anderen experimentellen Paradigma wurde den FC-Klienten in Abwesenheit des Unterstützers eine Information gegeben. Sie waren unfähig, diese Information per gestützter Kommunikation weiterzugeben.<ref>z. B. Cabay, M. (1994). A controlled evaluation of facilitated communication using open-ended and fill-in questions. Journal of Autism & Developmental Disorders, 24, S. 517–527</ref>
Gestützte Kommunikation kann als Ausprägung des Kluger-Hans-Effekts bzw. des Carpenter-Effekts gesehen werden, auf dem das spiritistische Ouija beruht.<ref>s. Dillon 1993; Spitz 1997</ref> Vertreter der gestützten Kommunikation räumten zwar ein, dass ein Teil der entstandenen schriftlichen Ergebnisse möglicherweise auf einem „Ouija-Effekt“ beruhe, behaupteten jedoch, dies könne durch verbessertes Training der Stützer verhindert werden.<ref>s. Donnellan/Leary 1997; Biklen 1993</ref>
Ab den 1990er Jahren wurde die Frage nach der Autorenschaft der mit der Gestützten Kommunikation produzierten Texte von verschiedenen Forschungsgruppen untersucht. Nach einer Vergleichsuntersuchung von Biermann (1999) über sämtliche 44 bis dahin publizierten Studien konnten ca. 80 % der untersuchten FC-Schreiber keinerlei authentische Kommunikation produzieren, hingegen war bei 77 % der untersuchten Schreiber Stützereinfluss nachweisbar.<ref>Adrienne Biermann: Gestützte Kommunikation im Widerstreit: Empirische Aufarbeitung eines umstrittenen Ansatzes. Berlin 1999, ISBN 3-89166-988-7.</ref>
Bei den 20 % der FC-Schreiber, die zumindest eine authentische Kommunikation produzierten, entsprach allerdings das Niveau der FC-Kommunikation in der Regel dem der Kommunikation ohne Stütze. In manchen Fällen war das Niveau auch niedriger, sodass also mit gestützter Kommunikation zwar Informationen übertragen werden konnten, wobei diese auch ohne Hilfe genauso gut oder gar besser hätten übertragen werden können. Die einzige Studie, die unter kontrollierten Bedingungen der gestützten Kommunikation eine Verbesserung der Kommunikation bestätigte,<ref>M. J. Weiss, S. H. Wagner, M. L. Bauman: A validated case study of facilitated communication. In: Mental retardation. Band 34, Nummer 4, August 1996, S. 220–230. PMID 8828341.</ref> ist wie Mark P. Mostert feststellt, aufgrund methodischer Mängel nicht repräsentativ:
- Es wurde nur ein einziger Fall untersucht;
- Nur Versuch 2 war durch Einsatz eines „naiven“ (unwissenden) Facilitators vollständig verblindet. Hier gab es keine einzige korrekte Antwort. Die Autoren der Studie versuchten dies mit „Stress“ zu erklären, aber Mostert führt dies als klares Indiz für die Abhängigkeit vom Wissensstand des Facilitators an.
- Instrumentation Bias: Mostert weist darauf hin, dass die Fragen in den „erfolgreichen“ Durchgängen suggestiv waren. Der Versuchsleiter gab den Rahmen so eng vor, dass die Antworten fast zwangsläufig in das Schema passen mussten.<ref>Mark P. Mostert: Facilitated communication since 1995: A review of published studies. In: Journal of autism and developmental disorders. Band 31, Nr. 3, 2001, S. 287–313.</ref>
Roane und Kollegen (2019) entwickelten einen neuartigen Ansatz zur Überprüfung von FC: In einer Einzelfallstudie konnten sie zeigen, dass eine Probandin die 25 häufigsten Wörter, die sie angeblich durch FC produziert hatte, nicht wiedererkennen konnte, während sie bei nicht-sprachlichen Matching-Aufgaben korrekt antwortete.<ref>Henry S. Roane, Heather J. Kadey, William E. Sullivan: Evaluation of word recognition following typing produced through facilitated communication. In: Journal of Applied Behavior Analysis. Band 52, Nr. 4, Oktober 2019, ISSN 0021-8855, S. 1107–1112, doi:10.1002/jaba.587 (wiley.com [abgerufen am 26. April 2026]).</ref>
Öffentlicher Diskurs
Während FC in der Fachwelt nahezu einhellig abgelehnt wird, findet sich im öffentlichen Raum immer wieder auch positive Aufmerksamkeit. Im deutschsprachigen Raum am bekanntesten war der Fall von Birger Sellin unter dessen Namen zwischen 1993 und 1995 zwei Gedichtbände erschienen. Bald darauf verschwand er allerdings völlig aus dem Licht der Öffentlichkeit und keine neueren Werke erschienen in seinem Namen. In den USA erschien 2026 der Roman „Upward bound“, als dessen Verfasser der minimal sprechende Autist Woody Brown genannt wird und der Bestseller-Status erreichte. Allerdings gibt es auch in Browns Fall starke Zweifel an seiner Urheberschaft, u. a. weil dessen sprachlich geäußerte Interessen zu der ihm zugeschriebenen Textproduktion in krassem Gegensatz stehen wie auch weil er in Videoaufnahmen zu sehen ist, in denen er auf die Buchstabentafel tippt, ohne diese anzusehen.<ref>Daniel Engber: The Publishing Mystery That No One Wants to Talk About. 15. April 2026, abgerufen am 26. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Das US-amerikanische Autistic Self-Advocacy Network (ASAN) hat das Positionspapier mit dem sich die American Speech-Language-Hearing Association gegen FC positioniert, scharf kritisiert, u. a. wegen mangelnden Einbezugs der Betroffenen,<ref>ASAN Response To ASHA Position Statements - Autistic Self Advocacy Network. In: https://autisticadvocacy.org/. 27. August 2018, abgerufen am 26. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> was wiederum scharfe Kritik des Podcasts Christianity on the Spectrum am Zustand der Neurodivergenz-Bewegung nach sich zog.<ref>PodBean Development: Please Stop Falling for Facilitated Communication (With Etana) | Christianity On The Spectrum. Abgerufen am 26. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Dokumentationen
- Meine Denksprache. Menschen, die nicht reden können, finden Worte. Dokumentarfilm zur gestützten Kommunikation von Pascale Gmür und Otmar Schmid, Schweiz 2005 (57 Min.).<ref>Lucius Flury: Filmrezension: «Meine Denksprache» – Dokumentarfilm von Pascale Gmür und Otmar Schmid. Menschen, die nicht reden können, finden Worte. In: Curaviva. Nr. 10/2005, S. 13. Abgerufen am 20. Dezember 2023.</ref>
Siehe auch
Literatur
- Biermann, Adrienne: Gestützte Kommunikation im Widerstreit. Berlin: Edition Marhold 1999.
- Dillon, Kathleen M.: Facilitated Communication, Autism, and Ouija, in: Skeptical Inquirer 17 (3) 1993, S. 281–287; dt.: Ouija, in: Randow, Gero von (Hrsg.): Der Fremdling im Glas und weitere Anlässe zur Skepsis, entdeckt im „Skeptical Inquirer“, Reinbek: Rowohlt 1996, S. 107–121.
- Lang, Monika: Gestützte Kommunikation – Versuch einer Standortbestimmung. In: Geistige Behinderung 2/2003, S. 139–147.
- Klauß, Theo, Janz, F. & Hör, Christiane (2009): Was geschieht bei der ‚Facilitated Communication’? Untersuchung eines umstrittenen Interaktionsprozesses in Sonderpädagogische Förderung 54, S. 72–95.
- Nußbeck, Susanne: Gestützte Kommunikation: Ein Ausdrucksmittel für Menschen mit geistiger Behinderung? Göttingen: Hogrefe 2000.
- Probst, Paul: Gestützte Kommunikation: Eine unerfüllbare Verheißung in Autismus Nr. 56/2003 (PDF; 72 kB).
- Probst, Paul: "Communication unbound – or unfound"? – Ein integratives Literatur-Review zur Wirksamkeit der "Gestützten Kommunikation"("Facilitated Communication") bei nichtsprechenden autistischen und intelligenzgeminderten Personen. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie 53, 2005, S. 93–128 (PDF; 3,6 MB).
- Spitz, Herman H.: Nonconscious Movements. From Mystical Messages To Facilitated Communication. Mahwah (NJ): Lawrence Erlbaum Associates 1997, ISBN 0-8058-2563-0.
- Zöller, Dietmar: Gestützte Kommunikation (FC): Pro und Contra. Berlin: Weidler 2002.
Weblinks
- Facilitated Communication: a thoroughly discredited but persistent technique
- Risiken beim Einsatz von Gestützter Kommunikation (PDF-Datei; 89 kB)
Einzelnachweise
<references>[1]</references>