Günter Thiele (Künstler)
Günter Thiele (* 12. August 1930 in Leipzig; † 20. Januar 2026 in Leipzig<ref>Sächsische Zeitung: Mit 95 Jahren gestorben: Leipziger Maler Günter Thiele ist tot. 23. Januar 2026, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref>) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker. Er lebte und arbeitete in Leipzig.
Leben und Werk
Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Günter Thiele ab 1945 eine Lehre als Rundfunkmechaniker und arbeitete bis 1949 als Geselle in seinem Beruf. Schon in dieser Zeit gab es erste Berührungspunkte mit der von den Nationalsozialisten verfemten modernen Kunst sowie erste zeichnerische und malerische Versuche. Eine Zwangsverpflichtung zur Arbeit im Uranbergbau der Wismut zwang Günter Thiele 1949 zur Flucht in die Bundesrepublik, aus der er jedoch noch im selben Jahr zurückkehrte. Durch den Beistand von Max Schwimmer gelang die Freistellung von der Arbeitsverpflichtung im Bergbau und er studierte von 1949 bis 1950 bei Schwimmer und Walter Münze an der Kunstgewerbeschule der Stadt Leipzig. Dann veranlassten Thiele die zunehmenden politischen Zwänge und die Verfestigung dogmatischer Kunstauffassungen („Formalismus-Diskussion“) zum Abbruch des Studiums. Er arbeitete in Leipzig freischaffend als Grafiker und war vor allem in der Messegestaltung tätig. In Eigeninitiative arbeitete er in der Lithografie-Werkstatt der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Es entstanden erste gültige Arbeiten.
Thiele entschied sich für ein erneutes Studium und wurde 1954 an der Hochschule für Bildende Künste Berlin-Charlottenburg zugelassen. Es folgte von 1956 bis 1960 das Grundstudium bei Hans Jaenisch und das Studium in der Malereiklasse von Ernst Schumacher. Eine ausgedehnte Studienreise nach Italien 1959 wirkte schließlich maßgeblich auf seine künstlerische Entwicklung und leitete den Übergang vom Früh- zum Hauptwerk ein. Nach Abschluss des Studiums kehrte Thiele nach Leipzig zurück und arbeitete freischaffend als Maler und Grafiker. 1975 erhielt Thiele einen Lehrauftrag an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und wurde dort 1980 Assistent in der Abteilung Grundstudium Malerei/Grafik. Von 1986 bis 1992 folgte eine Stelle als Oberassistent (einer seiner Schüler war Neo Rauch). Ab 1993 arbeitete er freischaffend in Leipzig.<ref>Biografie, In: Rainer Behrends (Hg.): „Günter Thiele. Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik“, Leipzig 1996, S. 5.</ref>
Günter Thieles malerisches Œuvre umfasst etwa 215 Gemälde. In den ersten eigenständigen Bildern, die ab 1950 entstanden, ist der suchende Charakter noch deutlich zu spüren, der von der Auseinandersetzung des Malers mit verschiedenen künstlerischen Stilrichtungen (Impressionismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit) sowie der Orientierung an Lehrern und Vorbildern zeugt. Bereits die frühen Arbeiten zeigen Motive aus der Umgebung des Künstlers – Ausblicke über die Dächer der Heimatstadt Leipzig und später Berlin, arrangierte Stillleben in der eigenen Wohnung und Selbstporträts. Anfang der 1960er Jahre verfestigte sich Thieles künstlerischer Stil und die ersten Mehrfigurenbilder entstanden.
„Nach radikaler Vereinfachung der Bildelemente durch streng flächige Gliederung und unkörperlichem, nicht differenzierten Einsatz von Farben, führte seine Entwicklung ab etwa 1960/61 zu einer Harmonisierung der Bildelemente.“<ref>Rainer Behrends: Impulsiver Zeichner, aber zögerlicher Maler In: Rainer Behrend (Hg.): „Günter Thiele. Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik“, Leipzig 1996, S. 9.</ref>
Den zentralen Themenkomplex seines Werks bilden die Leipziger Stadtbilder. In ihnen skizzierte Thiele das tägliche Leben und setzte schemenhaft wirkende Figuren in Kulissen bestehend aus Straßenfluchten, Häuserzeilen, Garten- und Parkanlagen. Der narrative Moment tritt zurück; Aktionen und Blickachsen werden vermieden. Dem Künstler geht es um das Erfassen eines Augenblicks, seine Bilder sind urbane Momentaufnahmen. Die strenge Perspektive der Architekturszenerien, die Vermeidung eines dramatischen Licht-Schatten-Spiels, die Unaufdringlichkeit und Transparenz der eingesetzten, tonigen Farben und die reduzierte Malweise bewirken beim Betrachter einen Zustand der Entschleunigung und Stille, aber auch der Melancholie.
Günter Thiele gehörte zur Leipziger Schule, die sich Mitte der 1960er Jahre als Gegenbewegung zum Sozialistischen Realismus in der DDR entwickelte. Ihre Gründungsväter waren Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig. Thiele teilte mit den Künstlern der Leipziger Schule eine gegenständliche Malerei und handwerkliches Können. Die Symbolhaftigkeit oder die Rezeption von antiken Mythen waren Thiele jedoch fremd. Seine Stadtlandschaften sind nüchtern komponiert und in sachlicher Malweise ausgeführt. Bis auf wenige Jahre verbrachte Thiele sein ganzes Leben in Leipzig. In seinen Bildern lässt sich die Entwicklung der Stadt – beispielhaft für andere deutsche Städte – zwischen „…Krieg, Nachkrieg, Wiederaufbau, Veränderung und Verfall, schließlich auch Erneuerung […]“<ref>Rainer Behrends: „Charakter und Poesie figurenbelebter Stadträume“ In: Rainer Behrends (Hg.): „Günter Thiele. Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik“, Leipzig 1996, S. 10.</ref> nachvollziehen.
In der DDR war Thiele auf einer bedeutenden Anzahl wichtiger Ausstellungen vertreten, u. a. 1972 bis 1988 auf der VII. bis X: Kunstausstellung der DDR
Mitgliedschaften
- 1951 bis 1990: Verband Bildender Künstler der DDR
- ab 1990: Künstlersonderbund in Deutschland
Museen und Sammlungen mit Werken Eichhorns (Auswahl)
- Lindenau-Museum Altenburg
- Museum der bildenden Künste Leipzig
- Kunstmuseum Walter Augsburg
- Sammlung Fritz P. Mayer – Leipziger Schule, Leipzig
- Kustodie Universität Leipzig
- Kunsthalle der Sparkasse Leipzig<ref>Straße am Bahndamm, Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, abgerufen am 16. März 2026</ref>
- Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst Frankfurt/Oder (vormals Museum Junge Kunst)
Werkbeispiele
Tafelbilder
- Selbstbildnis (Öl, 1952)<ref>Günter Thiele, Selbstbildnis. deutschefotothek.de, abgerufen am 25. Februar 2025.</ref>
- Stillleben (Öl, 1952)<ref>Stilleben. deutschefotothek.de, abgerufen am 25. Februar 2025.</ref>
- Brücke in Plagwitz (Mischtechnik, 1969)<ref>Brücke in Plagwitz. deutschefotothek.de, abgerufen am 25. Februar 2025.</ref>
- Regenbild (Mischtechnik, 1986)<ref>Regenbild. deutschefotothek.de, abgerufen am 25. Februar 2025.</ref>
Druckgrafik
- Landschaft mit Lärche (um 1954, Lithografie)<ref>Abbildung in: Bildende Kunst, Berlin, Heft 5+6/1954, S. 82</ref>
Entwurf für Architekturbezogenes Werk
- Ballspiel (1967, künstlerische Gestaltung eines Gebäudegiebels; Stahlband, 4,50 × 3,50 m; technische Ausführung: Schlosserei Heilemann; Leipzig-Sellerhausen, Turnhalle der damaligen Oberschule)<ref>Erika Neumann (Bearbeitung): Bildende Kunst + Architektur. Katalog Teil 2 Halle/Leipzig. Deutsche Bauakademie, Berlin, 1969, S. 185</ref>
Ausstellungen seit der deutschen Wiedervereinigung
- Günter Thiele. Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik. Universität Leipzig, Kustodie, Ausstellungszentrum Kroch-Haus, 24. Juni – 27. Juli 1996
- Günter Thiele. Malerei, Zeichnungen. Neuer Leipziger Kunstverein e.V. im Museum der bildenden Künste Leipzig, 15. Januar – 12. März 2006
- Günter Thiele. Stadtleben. Galerie Schwind, Leipzig, 2. Juni – 28. Juli 2012
- Günter Thiele. Galerie Schwind, Berlin, 14. Februar – 26. April 2014
- Leipziger Jahresausstellung 6. – 29. Juni 2014
- Künstlersonderbund in Deutschland („Krieg und Frieden“), Uferhallen Berlin, 7. – 28. September 2014
- Ansichtssache – Leipziger Maler und ihre Stadt, Galerie des Neuen Augusteums Leipzig, 5. Juni – 29. August 2015
Literatur
- Hans F. Schweers: Gemälde in Museen. Deutschland, Österreich, Schweiz. Teil I. Band 3. Künstler und ihre Werke. K. G. Saur, München 2008, S. 1512
- Thiele, Günter. In: Dietmar Eisold (Hrsg.): Lexikon Künstler der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin 2010, ISBN 978-3-355-01761-9, S. 949/950
- Ausstellungskatalog „Günter Thiele – Stadtleben“, Galerie Schwind Leipzig 2012 (Mit einem Beitrag von Meinhard Michael und dem Werkverzeichnis der Gemälde). ISBN 978-3-932830-68-6.
- Ausstellungskatalog „Günter Thiele. Malerei • Zeichnungen“, Neuer Leipziger Kunstverein e.V. und Museum der bildenden Künste Leipzig, Leipzig 2006 (Mit einem Beitrag von Rainer Behrends). ISBN 3-9810366-1-1.
- Ausstellungskatalog „Günter Thiele – Bilder“, Galerie Schwind | Leipzig. ISBN 3-932830-54-7.
- Ausstellungskatalog „Günter Thiele. Gemälde • Zeichnungen • Druckgrafik“, Kustodie der Universität Leipzig, 1996 (Mit einem Beitrag von Rainer Behrends).
- Dissertation "Leipziger Stadtlandschaft in der Malerei von Kurt Dornis und Günter Thiele" Frauke Hinneburg, August 1989, Karl-Marx-Universität Leipzig (unpubl.)
- Artikel „Günter Thiele“, von Klaus Märtens. In: Galerie. Forum der Mitglieder und Freunde des Künstlersonderbundes, Heft 12, 2008, S. 40–42.
- Artikel „Günter Thiele. Ein stiller großer Maler in Leipzig“, von Rainer Behrends. In: kunststoff – das Kulturmagazin für Mitteldeutschland, 2006, S. 56–58.
- Artikel „Mikrodramen hier und jetzt“, Rezension zur Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig von Meinhard Michael. In: LVZ, 20. Februar 2006.
- Artikel „Leipzig hat ihn geprägt. Zum 75. Geburtstag des Malers Günter Thiele“, von Walter Hertzsch. In: Leipziger Blätter Nr. 47, 2005, S. 34/35.
- Günter Thiele - Malerei 2011 bis heute, Passageverlag 2025, ISBN 978-3-95415-162-2
Weblinks
- Rezension zur Ausstellung im Museum der bildenden Künste 2006
- Biografie und ausgewählte Arbeiten des Künstlers in der Galerie Schwind Leipzig | Frankfurt am Main
- [1], Günter_ThieleBildindex der Kunst & Architektur
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Thiele, Günter |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Maler, Zeichner und Grafiker |
| GEBURTSDATUM | 12. August 1930 |
| GEBURTSORT | Leipzig |
| STERBEDATUM | 20. Januar 2026 |
| STERBEORT | Leipzig |